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nr. 0 (1972)
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stern / zerbrochenes gewehr
seite 4
>> nr. 0 (1972)

Ferien in Spanien

Genossen sollten bei einem eventuellen Spanienurlaub das Angenehme mit dem nützlichen verbinden. Sie könnten für ihnen bekannte (!) spanische Linke dringend benötigtes Material mitnehmen, das in Spanien selbst nicht oder nur sehr schwer zu beschaffen ist. Natürlich spricht man sich vorher ab (Merke: Post und Telefon werden überwacht. Über unverdächtige Kontaktpersonen korrespondieren). Bücher und Schriften lassen sich ohne Schwierigkeiten besorgen. In allen größeren Städten Frankreichs - besonders in Grenznähe - gibt es spanische Büchereien oder Geschäfte, in denen Literatur in spanischer Sprache erhältlich sind. Deutsche Wagen werden an der Grenze weniger durchsucht, als französische und spanische. Das Risiko ist dennoch groß: mehrere Wochen im Gefängnis, Geldstrafen, Prügel von der Polizei, usw. Eine Informierung der zurückbleibenden Genossen über den Transport darf nicht vergessen werden, damit diese im Fall einer Verhaftung sofort notwendige Maßnahmen zur Befreiung unternehmen können.... Verständigung eines Anwalts, des deutschen Konsulats, Informationen über die Verhaftung an die lokale Presse usw.

Eine weitere Möglichkeit, um in Kontakt mit Spaniern zu kommen, ist bei der alljährlichen Weinernte in Südfrankreich (bes. Perpignan) gegeben. Im Herbst - September/Oktober - kommen sehr viele span. Arbeiter über die Grenze nach Frankreich, weil dort der Verdienst besser ist.

Im Herbst 1971 organisierte in Frankreich das dortige Sekretariat der KDV (S.O.C.) eine Kampagne zur Agitation span. Arbeiter während der Weinernte. KDV wurden in Arbeitsplätze eingeschleust - was relativ leicht war, angesichts des großen Bedarfs an Arbeitskräften in dieser Zeit - um am Arbeitsplatz die Spanier auf das Problem der KDV aufmerksam zu machen. Das Material erhielten sie von den örtlichen Gruppen des S.O.C. Viele meldeten sich, da der Tageslohn für französische Verhältnisse recht gut war, und sich zudem die Möglichkeit bot, direkt zu agitieren. Demonstrationen mit reger Beteiligung bildeten den Abschluß.

Dieses Jahr bietet sich erneut diese Möglichkeit (neben dem Zusammentreffen mit französischen Aktivisten, der Erlernung der franz. Sprache, einem Tagesverdienst von ca. 28 Francs bei freier Verpflegung und Übernachtung. Interessenten können sich an die örtlichen Arbeitsämter wenden, oder direkt an das Arbeitsamt für Beschäftigungen im Ausland in Frankfurt. Erfahrungsgemäß werden nur Personen angenommen, die sich für sechs-acht Wochen verpflichten.

In diesem Sommer sollen die Demonstrationen für die KDV in Spanien erneut und in verstärkten Ausmaß aufgenommen werden. Diese Aktion ist gewaltlos und gerade dadurch so wirkungsvoll. Der Bevölkerung werden Möglichkeiten gezeigt, trotz der erdrückenden Repression durch die Staatsgewalt, sich gerade gegen sie, d.h. hier: gegen die Armee als Eckpfeiler des Systems, zu wenden. In Spanien wird es besonders deutlich, daß gewaltlose Aktionen die Möglichkeit einer Ausweitung des Kampfes auf breite Bevölkerungsteile in sich bergen. Das zeigen nicht nur diese Aktionen, sondern auch die Kämpfe der baskischen oder asturischen Arbeiter (Vrgl. Schütze: Rekonstruktion der Freiheit; ed. Suhrkamp 298)

Schon 1971 wanderten die "encartelados" (Plakatträger - bekannt durch das gleichnamige Buch von Gonzalo Arías, das in From einer Novelle zu dieser Aktionsform aufruft) durch die Straßen von Madrid, Valencia und Barcelona und erweckten großes Aufsehen. Dabei zeigte es sich, daß die nationale Presse das Problem der KDV nicht mehr totschweigen konnte, weil ausländische Tageszeitungen über die daran beteiligten Ausländer ihres Landes berichteten.

Die Polizei Spaniens ist bisher durch diese Art von Demonstrationen verunsichert und hat noch keine Strategie gegenüber diesen Sandwichmännern/frauen gefunden. Beispiel: 1971 ging eine Holländerin an 4 aufeinanderfolgenden Sonntagen jeweils ca. 2-3 Std. durch die Straßen Madrids und demonstrierte mit umgehängten Plakaten in Arbeitervierteln für die span. KDV, ohne daß die Polizei eingriff. Am 5. Sonntag ging sie mit einem Plakat durch die Madrider Straßen; auf ihren Plakaten stand: "Ich freue mich über die Meinungsfreiheit, die mir in Spanien zugebilligt wird." ... und wurde festgenommen.

Heuer werden freilich weniger Spanier auf diese Demonstrationen mitgehen, als im Vorjahr, weil für sie das Risiko bedeutend höher ist als für Ausländer (Hohe Geld- und Gefängnisstrafen usw.).

Ausländische Demonstranten kommen relativ glimpflich davon. So allgemein und für deutsche Verhältnisse beinahe nichtssagend die Texte der Plakate sind, so große Wirkung haben sie in Spanien. (Man beachte den katholischen Glauben, das weitverbreitete Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Staat und seinen Organen usw.). Einige Beispiele:

  • "Für den Frieden gibt es keine Grenzen" - No hay fronteras per la paz -
  • "Die europ. Jugend unterstützt die span. KDV" - La juventud d’Europa sutiene los objetores espanoles -
  • "Wir fordern ein Gesetz für KDV" - Queremos un estatuto de objección de consciencia -

Am 18. Juni 72 bei einer encartelados-Aktion Yves Georges Charfe und Marie Ille May aus Paris in Santander und am 11. Juni 72 Eliase und Mireille Royer in Madrid, ebenfalls aus Paris, wurden zu einer Geldstrafe von 580 £ oder 1 Monat Gefängnis verurteilt (aus Le Monde und Peace News)

Diese Demonstranten riskieren: 1 Monat Gefängnis oder 580 £ (ca. 4600 DM), wobei keine Mißhandlungen durch die Polizei zu befürchten sind.

Die War Resisters’ International ist bereit, in den verschiedenen Fällen das "Lösegeld" zu bezahlen.

Wahrscheinlich ist auch eine Ausweisung aus Spanien für 1-5 Jahre.

Jeder sollte sich überlegen, diesen Beitrag zu praktischer Solidarität zu leisten. Jedenfalls ist es gut, sich mit dem Koordinator für diese internationale Aktion in Verbindung zu setzen, und zwar mit:

Dan DUE
War Resisters’ International
3, Caledonian Road
London N.1
England

Schreibt an diese Adresse, wenn Ihr Euch an der Kampagne beteiligen wollt und vergeßt nicht Pappe, Strick und Farbe mitzunehmen, wenn Ihr nach Spanien fahrt.

In einer der nächsten Nummern können die Beteiligten, je nach Lust und Laune, über ihre Erfahrungen berichten.

Ansonsten wünschen wir einen angenehmen Spanienurlaub.


Mitte Juni wurde Jorge Agulló Guerra wegen KDV zu drei Jahen Gefängnis verurteilt. Wenn in der Zwischenzeit kein Gesetz geschaffen wird, wird er freigelassen, wieder einberufen, und muß nach erneuter Verweigerung wieder in den Bau.

Für die Spanier, die am internationalen Marsch für span. KDV (Deutschland war wie so oft nicht vertreten!) im Februar/März 71 teilnahmen, hat der Staatsanwalt des Gerichts für Öffentl. Ordnung folgende Strafen gefordert:

Gonzalo Arías, der als rückfällig gilt: elf Jahre Knast, 8 Jahre Entzug der bürgerl. Ehrenrechte, und 200 000 pts. Geldstrafe.

Die anderen 6: Mara Gonzales, María Angeles Recasens, Lluis Fenollosa, Santiago del Riego, Miguel Gil und José Gabriel Diez - sieben Jahre Bau, 8 Jahre Entzug der bürgerl. Ehrenrechte und 10 000 pts Geldstrafe.

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