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stern / zerbrochenes gewehr
seite 5
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Die Friedenspiraten von Philadelphia

Am 24. April sollte das Munitionsschiff USS Nitro von Philadelphia in Richtung Vietnam starten. Dies wurde von einer "Peace Navy", die sich aus Kanus und Motorbooten von der "Movement for a new society" der Philadelphia Resistance vom gewaltfreien "Life Center" und Vietnamveteranen zusammensetzte, gestört. Die antimilitaristische US-Zeitschrift WIN berichtet über diese gewaltfreie direkte Aktion:

"Als das Schiff am Mittwoch den Hafen anlief gelang es unseren 6 Kanus und einem Motorboot 1 ½ Stunden lang das Schiff vom Anlegen abzuhalten, bis wir von der Küstenwache und der New Jersey Marine Police abgedrängt wurden. Auf Deck standen Matrosen und ermutigten uns mit erhobenen Fäusten und dem Peacezeichen. Abends versuchten wir in den Bars möglichst viele Besatzungsmitglieder anzusprechen. Einer von ihnen berichtete: "Ich war völlig down, weil ich glaubte, daß sich niemand auch nur einen Dreck um uns kümmern würde. Als ich Euch aber da draußen sah, war das wie die Antwort auf einen Traum."

Unsere Gruppe beriet mit 15 Matrosen und einem Rechtsanwalt darüber, wie wir das Schiff aufhalten konnten. Wir erfuhren, daß die Sicherheitsvorrichtungen katastrophal wären, da die ganze Operation überei

(hier fehlt auch im Original ein Stück Text)

on liege auf Holzpaletten, die Hälfte der Feuerlöschanlage sei unbenutzbar. Die Trinkwasseraufbereitungsanlage würde voraussichtlich nur 7 Tage während der 45 Tagereise funktionieren. Wir sandten eine Beschwerdeschrift an die Mitglieder des Senats. Am Freitagabend luden wir Matrosen zu einem Agitations- und Diskussionstreff in das Dritte-Welt-Zentrum nach Princeton ein, wo wir sie über die Möglichkeiten von Kriegsdienstverweigerung und Beschwerden und über den automatisierten Luftkrieg in Vietnam informierten. An der Diskussion nahm auch Schwester McAllister (die mit den Brüdern Berrigan Einberufungsbefehle und Wehrkarten mit Blut und Napalm übergossen hatte) und vietnamesische Studenten teil.

An den beiden nächsten Tagen halfen uns die Matrosen, die trotz der Ausgangssperre an Land geblieben waren, unsere Kanus flottzumachen, immer gefolgt von der Küstenwache, die, wie sie sagte, uns beschützen wollte. Wie nötig dies war, zeigten uns die roten und Vietkongfahnen, die uns immer wieder vom Schiff aus grüßten.

Montagmorgens um 3 Uhr 30 waren wir bereits 18 Kanus, gegrüßt von einem riesigen Peacezeichen, das Matrosen an der Ankerkette aufgehängt hatten. Mit einigen Marinepolizisten bekamen wir so guten Kontakt, daß sie uns mit den neuesten Informationen und Zigaretten versorgten und als es Ernst wurde, verweigerten sie sogar den direkten Befehl, uns aus der Fahrrinne abzutreiben. Als die USS Nitro eine Viertelstunde später als geplant langsam losfuhr, war das Wasser um uns wie im Innern einer Waschmaschine. Mit den Händen und mit Enterhaken versuchte man aus den 12 Polizeibooten heraus unsere Kanus zu erwischen, aber wir konnten mit unseren Paddeln gut ausweichen. Zwei Kanus kenterten aber, mitten im allgemeinen Durcheinander konnten wir sehen, wie zuerst ein Matrose, dann 4 weitre über Bord sprangen. Dies war wegen der Fahrtströmung sehr gefährlich und wir paddelten mit den Polizeibooten um die Wette, um sie aufzufischen. Die waren natürlich schneller und bald sahen wir unsere ölverschmierten Brüder, die ohne Schwimmwesten und ohne schwimmen zu können alles riskiert hatten, auf den Küstenwachbooten stehen und uns aufmunternd Victory-Zeichen machten. Noch zwei weitre sprangen in das eiskalte Wasser und als sie alle auf das Schiff zurückgebracht wurden, zogen sie noch ihre Uniform aus, um lieber nackt zu sein als mit dieser obszönen Maskerade bekleidet.

Wir wissen nicht, was weiter an Bord der USS Nitro geschah, aber wir sind beeindruckt von diesen Männern, die diese Todesfracht an Bomben und Munition nicht transportieren wollten. Das Schiff fuhr aus, aber die Frage unserer Verwicklung mit dem Krieg wurde durch diese dramatische gewaltfreie Aktion wieder angesprochen. Die Kontakte zu den Matrosen der USS Nitro werden weitergehen und ihr Mut wird hoffentlich auf andere in den Streitkräften weitergehen. Die Aktion hat eine neue Sicht der Macht der gewaltfreien Intervention gegen den Militarismus gegeben."

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