Antimilitarismus, Kritischer Konsum, Umweltschutz, Sozialismus, Dritte Welt
Ist dies wirklich ein Sammelsurium von Begriffen, die nichts miteinander zu tun haben? Nun, einerseits beschäftigen sich überall in der Welt Gewaltfreie Aktionsgruppen mit diesen Themen und andererseits drückt sich inhaltlich in diesen Problemen der Kampf gegen personelle und strukturelle Gewalt aus, die nach Johan Galtung als der Abstand zwischen dem Tatsächlichen und dem Möglichen definiert wird. Wir wollen uns in dieser Zeitung vor allem mit diesen Themen beschäftigen und da in letzter Zeit nicht so viel geschah, läßt sich dies nicht in einer vollständigen Dokumentation tun, sondern nur an einzelnen Beispielen.Die Verbindung zwischen Antimilitarismus und Umweltschutz läßt sich ganz gut an den Kampagnen unserer französischen Genossen verdeutlichen. Bugey-Cobayes Ol und Fessenheim (Elsaß) sind zwei Atomzentralen, die sowohl zivilen als auch militärischen Charakter haben (Frankreich produziert fleißig Atombomben, siehe weiter unten: Mururoa). Sie werden von Umweltschützern bekämpft, weil die Gefahr der radioaktiven Verseuchung groß ist, die der Aufheizung der Flüsse gleichfalls, und von niemand bestritten wird. Die KDV wendet sich dagegen, weil dort für die Herstellung von Nuklearwaffen gearbeitet wird. Besonders die satirische Zeitschrift "Charlie Hebdo" (besser und engagierter als "Pardon") verausgabte sich bis zur körperlichen Erschöpfung der Redakteure. (Charlie Hebdo, 35 rue de Montholon, F 75 Paris 9e). Ein einmonatelanges sit-in von mehren hundert Unermüdlichen wurde an den Wochenende immer durch mehrere tausend "Umweltschutzrevolutionäre" verstärkt. Man feierte nächtelang Feste, denn "wenn die Revolution keinen Spaß macht, wozu machen wir sie dann?" An einem Protestmarsch von Lyon nach Cobaye beteiligten sich 15000 mecs (Typen). In einer spektakulären Aktion drangen Mitglieder der GARM (Groupe d’actiet de Résistance à la Militarisation) aus Lyon in die 2. Atomzentrale von Mont-Verdun ein, von der aus im Kriegsfall Frankreichs Atomraketen ferngesteuert werden. In der innersten Top-Secret Befehlszentrale rollten sie ein riesiges Spruchband auf und sprühten Parolen an die Bunkerwände, um unter anderem die "Sicherheitsvorkehrungen" ad absurdum zu führen und gegen Atomwaffen und Waffenhandel zu protestieren.
Ein Bündnis von Bauern und Antimilitaristen wurde zur Verteidigung der Hocheben von Larzac (Südfrankreich) geschlossen.
Das dortige Panzerübungsgelände, auf dem sich sowohl
holländische Soldaten als auch englische Soldaten für
ihre Einsätze in Nordirland üben, soll auf Kosten der
durchaus rentablen Bauernhöfe ausgeweitet werden. Lanza del
Vasto, der große alte Mann der französischen gewaltfreien
Bewegung (er war persönlicher Freund von Gandhi und organisierte
u.a. den Widerstand gegen den Algerienkrieg), brachte zwei Bischöfe
dazu, zusammen mit den Bauern einen dreitägigen Hungerstreik
zu veranstalten. Seine Communautè de l’Arche, die seit dem 2.
Weltkrieg besteht und deren 70 Mitglieder ein verlassenes Bergdorf
aufgebaut haben (wo sie alles Lebensnotwendige selbst produzieren)
mobilisierte die Bauern zur gewaltfreien Verteidigung ihres Landes.
Der Kampf ist noch nicht beendet, zu Ostern kamen Zehntausende
aus ganz Frankreich zum Tag der offenen Bauernhöfe, um sich
davon zu überzeugen, daß es sich nicht um eine Wüste
handelt, wie es das Verteidigungsministerium behauptete. Es ist
vorauszusehen, daß noch viel mehr Menschen kommen werden,
die im Ernstfall mit ihren unbewaffneten Leibern die rollenden
Panzer aufhalten werden.
Vom 19-24. Juni organisierten die französischen KDV eine
Aktionswoche. Ziel ist es, "sich mit François Janin und Jean-Michael
Fayard zu solidarisieren, die sich seit dem 4. April in Lyon im
Bau befinden; und den Kampf gegen die militärische Repression,
die Erweiterung des Militärlagers von Larzac und die Wiederaufnahme
der französischen Atomversuche zu entwickeln." (Le Monde
20/6/72)
Am Sonntag, den 14/5 wurden die Festlichkeiten für die Feier
von Jeanne d’Arc unterbrochen durch eine Demonstration gegen die
Ausweitung des Militärlagers von Larzac. Bei der Messe ertönten
Schreie von den Türmen der Kathedrale herab, und ein Spruchband
"Rettet das Gebiet von Larzac!" wurde an der Fassade entfaltet.
Am Eingang verteilten Mitglieder der Gewaltfreien Aktion Flugblätter.
Etwa 20 wurden festgenommen. (Aus Le Monde 16/5/72)
Modellaktion: Bomben entschärft
Am 26. März erklärte die ‘Citizen’s Commission to Demilitarize
Industry’ (Bürgerkommission zur Demilitarisierung der Industrie),
daß sie im März mehrere hundert Bomben sabotiert habe.
‘From the other Side of the World’ berichtete am 12. April, die
Genossen Saboteure hätten diese direkte Aktion gegen die
"American Machinery and Foundry Co." unternommen, die einen Millionenvertrag
mit der US-Navy abgeschlossen hat. Sie hätten die Plastikköpfe
der Umschalungen abmontiert und unbrauchbare Zünder eingesetzt
und so ‘die Bomben unschädlich gemacht’. Die in dieser Fabrik
hergestellten Bomben werden zum größten Teil in Indochina
verwendet.
Zur Stockholmer Umweltkonferenz ist soviel geschrieben worden, daß es genügt zu sagen: In der Weltpresse fand die Gegenkonferenz der Umweltschutzbasisgruppen mehr Beachtung als die UNO-Konferenz selber. Wichtige Adresse für Deutschland: Dai Dong, 28 Bremen, Mathildenstr. 86. Ähnlich ist es mit der weltweiten Protestaktion gegen die skandalösen französischen Atombombenversuche auf dem Mururoaatoll. Die wichtigste Intervention von der Basis her waren die GREENPEACE III, die ihre Tradition von dem unglücklichen japanischen Fischkutter "Glückliche Drachen" herleiten, der in eine amerikanische Atombombenexplosion geriet. Letztes Jahr waren (wie vorher bei anderen Atomversuchen die Boote Golden Rule, Everyman I, II und III) Greenpeace I und II in das Testgebiet von Amchitka ausgelaufen. Obwohl australische und neuseeländische Abgeordnete ihren Auslauf bzw. ihren Fallschirmabsprung angekündigt hatten, war tatsächlich nur das Boot Greenpeace III im Testgebiet. Die letzte Nachricht war, daß die Teilnehmer dieser gewaltfreien Aktion in das Hospital von Papeetee eingeliefert wurden. Ob sie Verbrennungen haben oder radioaktiv verseucht sind oder überhaupt noch leben, weiß nich niemand. Greenpeace (international und gewaltfrei, wie Operation Omega, über die eigens berichtet werden wird) ist für Europa über
PEACE NEWS for nonviolent revolution
5, Caledonian Road
London N1
England
zu erreichen.
Umweltschutz hat auf den ersten Blick nichts revolutionäres an sich, französische Pazifisten mußten erkennen, daß mit dem Aufschwung der Umweltschutzbewegung eine Stärkung ihrer Bewegung kam, denn der Militarismus ist der größte Umweltzerstörer überhaupt, der krasseste Ausdruck einer perversen Konsumgesellschaft (in Ost und West), der offensichtlichste Ausdruck der Gewaltmaschinerie. Andererseits kann in Umweltaktionen, wie beim Kritischen Konsum oder in Dritte-Welt-Aktionen die subtilere Gewalt aufgezeigt und bekämpft werden kann, die sich nur mühsam hinter dem hohen Lebensstandard verbergen kann.
