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nr. 0 (1972)
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stern / zerbrochenes gewehr
seite 5
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Schulfach Massenmord

Das Gleichziehen der Sowjetunion in der Rüstung seit Mitte der 60er Jahre war die Voraussetzung der Entspannungspolitik, die nicht auf Friedensliebe und menschlicher Einsicht beruhte, sondern auf der Erkenntnis, daß eine weitere Aufrüstung keiner Seite mehr eine Vormachtstellung bringen kann. Infolge dieser Politik verlor antikommunistische Ideologie und das äußere Feindbild an Glaubwürdigkeit. Die Auflösungserscheinungen, die vorher durch die äußeren Spannungen zurückgehalten worden waren, brachten in den westlichen Formaldemokratien die innenpolitischen Kämpfe.

In der BRD kam dadurch die Existenzberechtigung der Bundeswehr ins Wanken. Der antimilitaristische Denkprozeß, der vor allem bei der Jugend seit Mitte der 60er Jahre einsetzte, ließ sich an den schnell steigenden Kriegsdienstverweigererzahlen feststellen. Da die Buwe von Anfang an nur als notwendiges Übel betrachtet wurde, suchten Politiker und Militärs nach Möglichkeiten für eine Eingliederung der Buwe in die Gesellschaft. Dieser Integrationsversuch geschah durch die Militarisierung der Gesellschaft.

Im Bericht der Wehrstrukturkommission heißt es dazu: "Es dürfte sich wohl empfehlen, nach Mitteln und Wegen zu suchen, jungen Menschen - aber nicht nur ihnen, sondern auch der Gesamtheit der Gesellschaft - Sinn, Zweck und Notwendigkeit der Verteidigung und der Erhaltung von Streitkräften deutlich zu machen." Schulen und Bildungseinrichtungen - als staatseigene "Unternehmen" - bieten hier die Gelegenheit, die Wehrbereitschaft der Jugend durch militärische Indoktrinationen zu stärken.

Dabei werden zwei Wege begangen. Einmal soll die Bundeswehr selbst als Träger politischer Bildung stärker im Bildungswesen auftreten, andererseits sollen Lehrer und Dozenten selber verstärkt zur ideologischen Propaganda herangezogen werden. 47 Jugendoffiziere (und weitre 700 als Hilfe bei der Verbreitung militärischer Propaganda) stehen für Vorträge in Schulen zur Verfügung. Umgekehrt werden Schüler klassenweise in Kasernen eingeladen, wo alles aufgeboten wird, das wahre Gesicht der Armee zu vertuschen. Die "Gesellschaft für Wehrkunde e.V." - sie wurde schon 1952 von alten und neuen Militaristen gegründet - hat auf pädagogischen Seminaren die Indoktrination der Lehrer übernommen.

Die Indoktrination der Schüler verfolgt zwei Ziele. Erstens soll die Buwe - vor allem für Längerdienende - attraktiv gemacht werden durch finanzielle Lockmittel und die Möglichkeit von Berufsweiterbildung und Hochschulstudium. Zweitens muß die überholte Feindbildideologie ersetzt werden durch eine neue Wehrideologie.

Kernpunkt dieser neuen Ideologie ist die These, daß Friede, Freiheit und Entspannung nur bei verstärkter Wehrbereitschaft möglich seien. Die zweite These ist alt und behauptet, daß eine stärkere Armee mehr Sicherheit biete und eher einen Krieg verhindern könne. Daneben wird bei Vorträgen, in denen sich die Offziere sachlich und liberal (in ihrem Sinne) geben, vor allem das technische Interesse Jugendlicher ausgenützt. Das Problem, daß mit Waffen Menschen vernichtet werden sollen, wird vom Vortragenden nicht aufgeworfen. Ebenso wird das Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung verschwiegen oder wenn überhaupt in negativer Weise erwähnt - als Ausnahmerecht, das nichtreligiös motivierte Verweigerer nur als Mittel zur Drückebergerei verwendeten. Da Vertreter der Kriegsdienstverweigerer nicht in Schulen gelassen werden, wird mit Absicht eine kritische Einstellung der Schüler, die die Gegenargumente nicht kennen, verhindert. Um die politische Notwendigkeit der Buwe nicht in Frage stellen zu müssen, gewöhnt man militärisches Denken.

Denn der Begriff der freiheitlich demokratischen Grundordnung wird von den Urhebern der neuen Sozialistenverfolgung in ein Bekenntnis zum kapitalistischen Wirtschaftssystem verfälscht, das die Bundeswehr als eigenen Beschützer hervorbringt.

Die organisierte antimilitaristische Aufklärung außerhalb des Bildungsbereichs bleibt dabei die einzige Möglichkeit der militaristischen Indoktrination zu begegnen.

(Strategiemodelle und Versuche werden in einer der nächsten Nummern folgen.)

Informationen gegen Militarismus sind zu beziehen bei:

Evangelische Studentengemeinde in der BRD und Berlin (West)
7 Stuttgart 50
Mercedesstraße 5-7
Tel.: (0711) 562303 /04

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