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207 april 1996
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Frauen und ökonomische Unterdrückung

Rede von Saswati Roy (SWADHINA) auf der WRI-Dreijahreskonferenz in Brasilien, Dezember 1994

Im Juni und Juli diesen Jahres wird Saswati Roy von der indischen Frauenorganisation SWADHINA (zu deutsch: Unabhängigkeit) über ihre Arbeit und die Situation von Frauen informieren. Im Rahmen der Rundreise, die von der WRI-AG der Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA) organisiert wird, werden außerdem zwei Wochenendseminare stattfinden, davon eines nur für Frauen. Als Einstieg in die Diskussion bringen wir in dieser GWR die Rede von Saswati auf der WRI-Dreijahreskonferenz in Brasilien. (Red.)

Aspekte ökonomischer Unterdrückung

Ökonomische Unterdrückung und Frauen sind in unserem Zusammenhang synonym. Auf den verschiedensten Ebenen ökonomischer Beziehungen und Tätigkeiten sind Frauen immer die ersten Opfer. Ich möchte kurz diese Aspekte der sich daraus ergebenden Unterdrückung und Benachteiligung beschreiben und gleich am Anfang betonen, daß ich dies als gesellschaftliche Gewalt sehe, die sich auf Frauen auswirkt, und deshalb alle von uns angehen sollte, die nach einer gewaltfreien Gesellschaftsordnung streben.

Auf dem Land

Indien ist in erster Linie eine Agrargesellschaft, in der Frauen eine wichtige Rolle beim Ackerbau spielen. Sie leisten nicht nur den Hauptteil der Arbeit während und nach der Ernte, sondern sie sind auch traditionell die Hüterinnen des ökologischen Gleichgewichts der Natur und damit verbundener lebensunterstützender Systeme. Bis zum vehementen Eindringen selbstzerstörerischer chemischer Pestizide und anderer hochtechnologischer Eingriffe versorgten die Frauen die Felder, das Vieh und das Geflügel, kümmerten sich um die Gesundheitsversorgung und waren für den gesamten Alltagsablauf verantwortlich.

Landwirtschaft ist eine Hauptverbraucherin von Land, Wasser und lebenden Ressourcen, und in den meisten Fällen wird sie im kleinen betrieben, oft sind es kleine Bauern und Bäuerinnen, die diese Ressourcen nutzen. Deshalb ist Armut ein Hauptfaktor zum Verständnis der Entscheidungen, die Menschen im Hinblick auf die Nutzung natürlicher Ressourcen treffen.

Die Einführung der Politik der "Grünen Revolution", die hohen Technikeinsatz, die Kommerzialisierung der Anbauprodukte, biotechnische Innovationen und andere Strategien beinhaltet, hat unterschiedlichen, aber immer tiefgreifenden Einfluß auf die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und ökologischen Beziehungen in diesen ländlichen Gebieten und damit auf die Situation der Frauen. Die Einführung von auf den Verkauf ausgerichteten Anbauprodukten und die Anbindung an den Weltmarkt hat zu einer absichtlichen Verlagerung von der Subsistenzproduktion auf der Basis natürlicher und frei zugänglicher Ressourcen hin zu einer geldorientierten Wirtschaftsweise geführt. Die ökologischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen des Wandels in der Landwirtschaft sind schwerwiegender als die wirtschaftlichen Vorteile, die für die Mehrheit entstanden sein mögen.

Die Landwirtschaft macht 37 % des indischen Bruttosozialprodukts aus und beschäftigt 70 % der arbeitenden Bevölkerung und etwa 84 % aller wirtschaftlich aktiven Frauen. So sind sie diejenigen, die die schlimmsten Auswirkungen der immer mehr darniedergehenden Landwirtschaft zu tragen haben.

Gesellschaftliche Zugänglichkeit

Analphabetismus hindert Frauen nicht nur am gesellschaftlichen Aufstieg, sondern versperrt ihnen auch den Zugang zu stärkerer Beteiligung auf wirtschaftlicher Ebene. Es genügt nicht festzustellen, daß das Land über adäquate Grund- und Sekundarschulen für Frauen verfügt. Das bloße Vorhandensein von Bildungseinrichtungen für Frauen ohne eine soziale Atmosphäre oder eine gesellschaftliche Einstellung, die für diesen Prozeß förderlich sind, führt zu nichts. 71 % der indischen Frauen sind Analphabetinnen. Der Mangel an Schulbildung verhindert, einen Arbeitsplatz zu finden, Kredite zu erhalten, sich politisch zu beteiligen und den eigenen und gesellschaftlichen Status zu verbessern. Nicht lesen und schreiben zu können und das Fehlen anderer Grundkenntnisse schließt einen großen Teil der Frauen von lukrativen Arbeitsmöglichkeiten aus.

Ebenso sind Banken und Finanzinstitute im ländlichen Sektor sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, Frauen Kredite zu gewähren, und dem Antrag einer Frau wird nur in Bezug auf ihren Mann oder Vater stattgegeben. Außerdem benachteiligen die meisten Bankkreditprogramme Frauen aufgrund ihrer ungenügenden Schulbildung, welche in gewisser Weise eine paradoxe Situation der doppelten Benachteiligung darstellt: zum einen lernt eine große Zahl von Frauen aus ökonomischen Gründen nicht Lesen und Schreiben, zum anderen sind sie genau deshalb nicht in der Lage, einen Kredit zu erhalten.

Diskriminierende Löhne, weniger Arbeitsplatzsicherheit im organisierten Sektor

Starke Überausbeutung weiblicher Arbeitskräfte in den unorganisierten Sektoren fordert von diesen nicht nur extreme Arbeitsleistungen, sondern zahlt dafür auch noch diskriminierende Löhne. In den Städten nimmt solch eine wirtschaftliche Unterdrückung eine andere Form an. Nicht nur dort warten viele registrierte arbeitslose Frauen auf eine Beschäftigung; schlimmer ist, daß die Beschäftigungsmöglichkeiten, die Frauen offenstehen, alarmierend knapp sind. Natürlich ist auch in den für Frauen zugänglichen Bereichen die Bezahlung extrem diskriminierend. Nach einer kürzlich erschienen Studie des Arbeitsministeriums sind von den 29,94 Millionen Menschen, die im formellen Sektor arbeiten, 3,89 Millionen Frauen. 94 % der weiblichen Arbeitskräfte wiederum sind im unorganisierten Sektor beschäftigt, wo keine Unterstützungssysteme existieren. Industriezweige, die Löhne nach Stückzahl z.B. für Beedis, Zigarren, Kleidungsstücke oder Kunsthandwerk bezahlen, bedienen sich unorganisierter Arbeitskräfte, und davon sind 90 % Frauen.

Die Stärkung von Frauen im Hinblick auf die Verbesserung sowohl ihrer sozialen als auch ihrer wirtschaftlichen Lage ist eine wesentliche Voraussetzung für die gesamte menschliche Entwicklung. Jedoch verhindert die gegenwärtige gesellschaftliche Situation das Vorwärtskommen von Frauen und enthält somit dem größeren Teil der Bevölkerung das Grundrecht vor, mit gleichen Chancen und in Würde, gegründet auf wirtschaftlicher Beteiligung, zu leben.

Aufbau von Alternativen

Angebot ökonomischer Möglichkeiten für Frauen

Was am dringendsten benötigt wird, ist die Schaffung von mehr Ausbildungseinrichtungen für alternative Berufsrichtungen und die Erzeugung von Einkommen, welches nicht nur die wirtschaftliche Stellung der Frau verbessern, sondern auch die gesellschaftliche Wertebasis ändern helfen würde; weg vom "individuellen Profit" hin zum "Teilen in der Gruppe". Die Förderung von Fertigkeiten, die im Dorf dringend gebraucht werden, anstelle einer Orientierung auf Konsumartikel, würde im indischen Kontext letztlich mehr dazu beitragen, daß Armut beseitigt werden kann.

Organisation von ländlichen Frauen-Selbsthilfe-Gruppen

Ein wichtiger Schritt gegen wirtschaftliche Ausbeutung ist die Steigerung der organisierten Stärke von Frauen, indem Bewußtsein über die ökonomischen Faktoren geschaffen wird, die einen negativen Einfluß auf ihr Leben haben. Mit der Idee der Stärkung von Frauen im Mittelpunkt können die so gebildeten Gruppen dazu angeregt werden, mit einkommenserzeugenden Tätigkeiten zu beginnen. Diese unternehmerischen Frauenkooperativen können die Ausbeutung durch Zwischenhändler und dörfliche Geldverleiher verhindern, die ansonsten riesige Gewinne aus der harten Arbeit armer Landfrauen ziehen. Die Schaffung geeigneter Vermarktungswege auf kooperativer Grundlage unter Frauen kann in eine solche Initiative integriert werden, die im Besitz von Frauen ist und von diesen verwaltet wird. Sie sparen einen gewissen Betrag für die eigene Verwendung als auch für die Gruppe. Dies dient einem doppelten Zweck. Einerseits wird ein ländliches Kreditsystem geschaffen. Andererseits versetzt ein auf diese Weise geschaffener Fonds die Gruppe in die Lage, für ihre eigenen organisatorischen Kosten aufzukommen.

Veränderung im Wertedenken führt zum Entstehen einer friedlichen sozialen Atmosphäre, die eine freie und umfassende Beteiligung am Leben durch alle ermöglicht. Dazu gehört, das in der Gesellschaft vorhandene traditionelle Bild der Frau zu verändern, das Frauen abwertet und ihnen eine schwache, unterwürfige und passive Rolle zuschreibt. Solange solche Meinungen in der Gesellschaft bestehen, wird die Ausbildung von Frauen nie gefördert.

Zusammenfassend muß ich sagen, daß man/frau zu bestimmten Zeiten der menschlichen Geschichte einen entscheidenden Schritt tun muß. Wir müssen jetzt einen entscheidenden Schritt für die Sache der Frauen tun, denn "es gibt größere Kriege zu führen, größere Schlachten zu gewinnen" - natürlich alle für eine gerechte Gesellschaft ohne Benachteiligung aufgrund des Geschlechts.

Saswati Roy (Übersetzung: dost)
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Termine

21.-23. Juni: Wochenendseminar zu Frauen und Entwicklung von unten in Indien (für Frauen und Männer) in Huntlosen bei Oldenburg. Information und Anmeldung: WRI-AG der FöGA, Brahmweg 178, 26135 Oldenburg, Tel.: 0441/203864 oder 8859735, Fax: 81077

Rundreise von Saswati Roy vom 20. Juni bis 16. Juli: bei Interesse an einer Veranstaltung vor Ort bitte melden bei: WRI-AG der FöGA, s.o.

28.-30. Juni: Wochenendseminar Frauen und "Entwicklung" bei Wetzlar (nur für Frauen!). Information und Anmeldung: Susanne Rosbach und Lilith König, Zülpicher Straße 234, 50937 Köln, Tel.: 0221/427779


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