 |
 |
Die Abschaffung des Staates ist die Arbeitslosigkeit des Anarchismus
Zwei neue Publikationen über Max Stirner und Paul Feyerabend
Jochen Knoblauch, Peter Peterson (Hrsg.):
Ich hab' Mein Sach' auf Nichts gestellt. Texte zur Aktualität
von Max Stirner. Karin Kramer Verlag, Berlin 1996, 144 S., 24
DM.
Thorsten Hinz (Hrsg.): Paul Feyerabend.
Thesen zum Anarchismus. Artikel aus der Reihe "Unter dem Pflaster
liegt der Strand", Karin Kramer Verlag, Berlin 1996, 240 S., 29,80
DM.
Die Zurkenntnisnahme,
Rekonstruktion und (Wieder-)Aneignung libertärer Theorie
und Geschichte ist notwendiger denn je. Dennoch scheint dieses
Angebot trotz einer im deutschsprachigen Anarchismus nach 1945
noch nie dagewesenen 'Flut' libertärer Publikationen an der
Mehrheit der anarchistischen AktivistInnen - von Ausnahmen abgesehen
- nahezu unbeachtet vorbeizugehen. Ein Bewußtsein mangelhafter
Kenntnisse der anarchistischen Theorie und Geschichte besteht
anscheinend nur bei wenigen Libertären. Die weitgehende Unfähigkeit
eines Großteils der AnarchistInnen, sich die durchaus zahlreichen
libertären Theorien anzueignen und die reichhaltigen Erfahrungsschätze
libertärer Praxisansätze zumindest zu berücksichtigen
(wenngleich bestimmte aktuelle Erfahrungen natürlich immer
auch selber gemacht werden müssen), hat zur Folge, daß
in den aktuellen sozialen Auseinandersetzungen anarchistische
Inhalte weniger denn je vertreten sind.
Immerhin sind in den letzten Jahren Werke von und über
Emma Goldman, Michael Bakunin, Peter Kropotkin, Max Nettlau, Erich
Mühsam, Gustav Landauer, Murray Bookchin und Noam Chomsky
erschienen. Jüngst zeichnet sich nun eine Renaissance Johann
Caspar Schmidts alias Max Stirners (1806-1856) ab. Besonders an
seinem Hauptwerk ,Der Einzige und sein Eigentum" (1844) scheiden
sich die libertären Geister. Gilt er den einen aufgrund seiner
Betonung von Individualität und Egoismus als der radikalste
Philosoph schlechthin, so lehnen es andere ebenso vehement ab,
ihn für den Anarchismus zu reklamieren. Ähnliches gilt
für den Philosophen und Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend
(1924-1994).
Stirner
Um es vorweg zu sagen: Auch wenn sich beide, Stirner und
Feyerabend, selbst nicht als Anarchisten bezeichneten, so gehören
sie doch zweifelsohne in die libertäre Tradition. Gustav Landauer
und Max Nettlau etwa schätzten Stirners "radikale Rückbesinnung
auf das Ich und seine Bedürfnisse" (Stephan Krall, S.113).
Keineswegs vergeblich bemühen sich die Autoren des vorliegenden
Stirner-Bandes (Markus Henning, Werner Petschko, Alfred Schaefer,
George Woodcock, Gerhard Senft, Herbert Scheit, Stephan Krall, Halil
Ibrahim Türkdogan und Uwe Timm) darum, die hartnäckigen
Mißverständnisse und Fehldeutungen von Stirners Philosophie
aufzubrechen. Herausgekommen ist ein Buch, das dem Werk Stirners
Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Auch wenn die Sympathien für Stirners Philosophie überwiegen,
erfolgt deren Rezeption keineswegs unkritisch. Während Markus
Henning die durch den Marxismus entstellte Rezeptionsgeschichte
entflechtet, Werner Petschko dessen Sprach- und Herrschaftskritik
nachzeichnet, Gerhard Senft Stirners wissenschaftskritische Ansätze
beleuchtet, George Woodcock einen komprimierten Überblick
über Leben und Wirken Stirners bietet, Uwe Timm anhand der
libertären Rezeption dessen nachhaltige Wirkung beschreibt,
Ibrahim Türkdogan Parallelen zwischen dem Existentialismus
Jean-Paul Sartres und Stirners Denken entdeckt, bemüht sich
Stephan Krall um eine Aktualisierung der Stirnerschen Philosophie.
Anhand seiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesem
Philosophen gelingt es ihm, die bei Stirner sozialdarwinistisch
mißverstandenen Zentralbegriffe "Individualität" und
"Egoismus" vom Kopf zurück auf die Füße zu stellen
und sie von einer rücksichtslosen Durchsetzung partikularer
Interessen abzugrenzen:
"Was ist das Besondere, das seine Ideen noch heute
als Lebensphilosophie interessant macht? Es ist das Freimachen
von allen inneren Zwängen und, darauf aufbauend, von allen
äußeren, soweit das in dieser Gesellschaft möglich
ist. In allererster Linie ist es die Erkenntnis, ich lebe für
mich und nur mit, aber nicht für die anderen." (S.114)
Stirners Philosophie vermittle, so Krall, eine Einstellung zum Leben
und die Erkenntnis, daß Veränderungen nur bei sich selbst
beginnen können. Zugleich rät Stephan Krall zu einem behutsamen
Umgang mit Stirners ichbezogener, keineswegs narzistischer Philosophie,
"will man nicht alles und jedes rechtfertigen und gutheißen,
wenn es nur freiwillig zustande kommt" (S.115; etwa jüngst
bei der Debatte Sadomasochismus und Anarchie) - und vergißt
nicht, auf die patriarchale Ausrichtung von Stirners Philsophie
hinzuweisen.
Feyerabend
Deutlicher als Max Stirner grenzte sich der "denkende Vagabund"
und Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend (Th. Hinz, S.8) vom politischen
Anarchismus ab. So schreibt Thorsten Hinz im Vorwort zu Feyerabends
Thesen zum Anarchismus:
"Feyerabends Anarchismus speist sich nicht
aus einem gesellschaftskritischen Empfinden oder Denken, sondern
aus einer eher salonradikalen Ablehnung starrer Ordnungen und
Regeln und einem Wohlwollen für Rebellentum, für Andersartigkeit,
für suchendes Selbstbewußtsein." (S.14)
An alltäglichen sozialen Auseinandersetzungen teilzunehmen,
lehnte Feyerabend ab - Massenbewegungen waren ihm stets ein Greuel.
Wie gefährlich sein Denken ohne gesellschaftsanalytische Grundlage
allerdings sein kann, zeigt sein salopper Vorschlag, auch dem Faschismus
"eine Lebensmöglichkeit zu geben" (zit. aus dem Vorwort von
Thorsten Hinz, S. 14) - ein zwar konsequent aus seinem Wissenschaftsverständnis
abgeleiteter, gleichwohl fataler Fallstrick liberaler Toleranz.
In der vom Kramer Verlag in den 70er Jahren herausgegebenen Heftreihe
"Unter dem Pflaster liegt der Strand" blieb dies auch nicht unwidersprochen
- die Gegenposition vertrat damals Hans-Peter Dürr. Feyerabends
falschverstandener Anarchiebegriff als Chaos und Ordnungslosigkeit
und eines "anything goes" steht einem libertären Verständnis
von Ordnung ohne Herrschaft entgegen. Und dennoch zielt sein Plädoyer
für direkte, allumfassende Demokratie, die lokal ihren Anfang
nehmen soll, um schrittweise auch die Herrschaft der neuzeitlichen,
europäischen Wissenschaft zu untergraben, letztlich auf eine
Art spiritueller Anarchie und Subversion. Damit verband sich seine
Aufforderung, 'gegen den Strom' zu denken und zu leben. Eine 'freie
Gesellschaft' sollte, so Feyerabend, in BürgerInneninitiativen
und diversen Interessenvereinigungen - lokal und dezentral - organisiert
sein.
Paul Feyerabends letztlich liberalistisches Menschenbild gründet
sich auf den Überlegungen des englischen Philosophen und
Nationalökonomen John Stuart Mill (1806-1873) und dessen
Schrift "Über die Freiheit". Ausgehend von Mills Maxime,
daß nur diejenigen Handlungen angemessen erscheinen, die
das umfassende Glück der höchsten Anzahl von Menschen
befördern, spricht Feyerabend dem Individuum ein weitreichendes
Recht auf Selbstbestimmung zu. Der Wert freier Individualität
wird so zum höchsten Gut. Staatliches Eingreifen sei allein
dann gerechtfertigt, wenn Individuen die berechtigten Interessen
anderer gefährden. Seine ersehnte freie Gesellschaft soll
- und dies gehört sicherlich zu den Schwachpunkten seines
ansonsten originellen Modells - vor allem durch eine neutrale
Schutzmacht gewahrt werden, nämlich durch die Polizei. Deren
Aufgabe besteht darin, den Plural gegen das Monopol einer einzigen
Tradition sicherzustellen und allen Menschen gleichen Zugang zu
den Zentren der Erziehung und anderen Knotenpunkten gesellschaftlichen
Lebens zu ermöglichen. Die staatliche Polizeiexekutive soll
durchaus parteiisch agieren und die schwächere Tradition
jeweils vor der stärkeren schützen.
Spätestens hier beginnt das eigentliche Dilemma von Feyerabends
Erkenntnissen für freie Menschen. Abgesehen davon, daß
er die ökonomischen Zwänge vernachlässigt, die
auch für sein Gesellschaftsmodell Voraussetzung sind, kann
er das Problem der unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen
nicht lösen. Hier erweist sich Paul Feyerabend als klassischer
Liberaler. So problematisiert er nicht, daß ein freier Zugang
zu den Machtzentren für alle Traditionen sowie ein ungehinderter
Austausch von Ideen und Waren letztendlich allein unter der Voraussetzung
ökonomischer Unabhängigkeit möglich ist. Doch diese
Überlegungen bleiben in Feyerabends Gesellschaftsverständnis
weitgehend ausgespart.
Als gleichermaßen problematisch erweist sich seine durchaus
sympathische Fürsprache zugunsten eines gesellschaftlichen
Pluralismus aller erkenntnistheoretischen Überlieferungen.
Unerwähnt bleibt bei ihm die Tatsache, daß die verschiedenen
Traditionen die Welt nicht nur erkenntnistheoretisch unterschiedlich
bewerten, sondern daß zu diesen Tradierungen auch Lebenspraktiken
gehören, die unterschiedliche Macht- und Gewaltstrategien
miteinschließen.
Warum sollten sich Libertäre eigentlich mit dem Querdenker
Paul Feyerabend auseinandersetzen? Hierzu noch einmal der Herausgeber
Thorsten Hinz:
"Die Beschäftigung mit seinem Denken bedeutet
eine Herausforderung und einen Gewinn für jeden, der den
kapitalistischen Vernebelungstaktiken unserer Tage die Stirn bieten
will. Sein Mut, seine Vielschichtigkeit und vor allem seine Offenheit
laden zu einer der besten Aufforderungen des abendländischen
Philosophierens ein - zum denke selbst!" (S.18)
Nur gegen die in ihrer Zeit jeweils verbindlichen Regeln und Konzepte
lassen sich, so Feyerabend, epochemachende Gedanken formulieren.
Wissenschaftliches Denken sollte pluralistisch sein, sich nicht
allein auf die bestehenden wissenschaftlichen Methoden beschränken,
sondern alle Wissenschaftstraditionen, zu denen er etwa auch die
Hexenkünste, Voodoo-Praktiken, Astrologie, die Mythen der Hopi-Indianer
usw. zählte, gleichberechtigt nebeneinander stehen:
"Anything goes - mach, was du willst: Es gibt keine
Garantie, daß die gekannten Lebensformen uns das geben,
was wir wollen, und daß die bekannten Formen des Irrationalen
daran scheitern werden." (Paul Feyerabend, S.12)
|
 |
|
|