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Anarchismus und Sozialstaat
Libertäre Auswege aus der falschen Alternative Markt oder
Staat
Muß der Anarchismus den Widerstand
gegen den "Sozialabbau" unterstützen und ist er überhaupt
noch Anarchismus, wenn er das tut? Oder ist diese Frage schon
falsch gestellt? Mit dem komplexen Beziehungsgeflecht von libertären
Positionen zum Sozialstaat vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen
um eine Entkoppelung von Staat und Markt befassen wir uns in dieser
Ausgabe. (Red.)
Daimler-Benz hat gegenüber dem
ersten Vierteljahr 1996 in den ersten drei Monaten 1997 seinen
Umsatz von 23"6 Milliarden DM auf 25 Milliarden erhöhen können
und erwartet nun eine beträchtliche Erhöhung des Vorjahresbetriebsgewinns
von 2,4 Milliarden DM. Ein Ausgabenwachstum hat das Kassendefizit
des Bundes nach dem Bericht der Bundesbank von 20,5 Milliarden
DM im ersten Quartal 1996 auf nun 39 Milliarden DM im gleichen
Zeitraum 1997 wachsen lassen. (1)
Die Konzerne steigern die Profite und der Schuldenberg der Staaten
wächst - auch weltweit. Die Gesamtverschuldung aller Staaten
beläuft sich heute auf die unvorstellbare Summe von 33 100
Milliarden Dollar, 130 % des Bruttoinlandprodukts aller Länder
der Erde. Überall sinken die Reallöhne, trotzdem nimmt
die Massenarbeitslosigkeit zu, werden weiter Arbeitsplätze
abgebaut, Betriebe geschlossen, Branchen verlagert.
Nur den großen transnationalen Konzernen geht es prima:
"Die Gewinne der 500 größten Unternehmen sind um 15
Prozent gestiegen, ihre Umsätze nur um 11 Prozent". (2)
Aggressive Konzernzusammenschlüsse nach dem bei der Krupp-Thyssen-Vereinigung
bekanntgewordenen Muster werden von Banken und Investmentbanken
gefördert und durch Verschuldung vorfinanziert. Märkte
werden neu aufgeteilt, Einflußsphären von immer weniger
Großkonzernen gesichert - die Konzentration des Kapitals
schreitet voran, während der Sozialstaat abgebaut wird.
Sozialstaat gegen Marktradikalismus
Daß die kapitalistische Marktwirtschaft eine Kapitalkonzentration
mit sich bringt, wurde auch schon in den ökonomischen Theorien
des letzten Jahrhunderts analysiert. Doch es war der Staat, der
die nationalen Kapitale vor ausländischer Konkurrenz schützte,
koloniale Einflußsphären, neue Absatzgebiete und den
billigen Rohstofftransfer militärisch absicherte und sich dafür
ausbezahlen ließ. Die Unterdrückung und Befriedung der
innenpolitischen Opposition und freiheitlicher oder sozialistischer
Bewegungen sollte sich das Kapital zumindest in den industriekapitalistischen
Ländern etwas kosten lassen: in ihrem eigenen Interesse wurden
Unternehmen besteuert, ArbeiterInnen gegen Krankheit und Alter geschützt
und das Los der Arbeitslosen durch Versicherungsgelder und schließlich
Sozialhilfe gerade so erträglich gemacht, daß Revolten
vermieden werden sollten. Es war der Sozialstaat, durch den sich
staatliche Organisation im 20. Jahrhundert grundlegend von der stärker
repressiven Qualität des Staates im 19. Jahrhundert unterschied.
Und selbst als der Konzentrationsprozeß
des nationalen Kapitals und seine Expansion jäh gestoppt wurden
dadurch, daß der deutsche Staat in diesem Jahrhundert zwei
Kriege verlor, reorganisierte sich mit dem Kapitalismus auch wieder
der Sozialstaat: die Weimarer Reichsverfassung kannte sogar soziale
Grundrechte, während das Sozialstaatsprinzip in der Bundesverfassung
von 1949 lediglich ein Postulat ohne nähere Bestimmungen ist,
aber sich die BRD immerhin nach Art. 20 und 28 GG als "sozialer
Rechtsstaat" definiert. (3)
Manche rechtsstaatlichen IdealistInnen meinen in der gegenwärtigen
Sozialstaatsdiskussion gar, der Sozialstaat könne gar nicht
abgebaut werden, weil es einen Rechtsanspruch eines jeden Individuums
auf Schutz vor Hunger und Obdachlosigkeit, auf unentgeldliche Krankenbehandlung
und gar auf Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben
gebe. (4) Sozialdemokratische und bürgerliche
SozialwissenschaftlerInnen wie JournalistInnen haben den Sozialstaat
wie übrigens auch den autoritären "Real-Sozialismus" als
einen Mechanismus beschrieben, der gegen die reine Willkür
des kapitalistischen Profitstrebens erfolgreich in Stellung gebracht
werden konnte:
"Wohlfahrtsstaat und Sozialismus
haben dieselben Ahnen, im Prinzip dieselbe Ethik und schlagen
denselben Staatsinterventionismus zur Lösung wirtschaftlicher
Probleme vor. (...) Beide gehen von einem 'Recht auf Arbeit',
'Recht auf Wohnung', 'Recht auf Bildung', ja sogar möglichst
einem 'Recht auf gewohnte Lebenshaltung' durch öffentliche
Bereitstellung von Gütern, Dienstleistungen oder monetären
Zuwendungen aus. Beide leben vom Widerspruch gegen den Markt,
gegen das, was sie 'Egoismus' und 'Ellenbogengesellschaft' nennen."
(5)
Seit geraumer Zeit ist nun die Rede davon, daß der staatsinterventionistische
Eingriff in die kapitalistische Wirtschaft zum Zwecke der sozialen
Abfederung ihrer Folgen nicht mehr greife. Der Staatssozialismus
ist 1989 quasi implodiert, doch auch der klassisch sozialdemokratische
Sozialstaat in den westlichen Industriestaaten steckt spätestens
seit der ersten Ölkrise 1973 in immer wiederkehrenden Krisen.
Noch zu Zeiten der sozialdemokratisch geführten Regierung in
Bonn begann die finanzielle Beschneidung jener sozialstaatlichen
Leistungen, auf die gerade die SPD so stolz war. Gleichzeitig waren
damit Steuererleichterungen für die Kapitalunternehmen zur
Erhöhung von deren "Investitionsbereitschaft" und Forschungssubventionierungen
verbunden. Kapitalistische Lobbyarbeit bis hin zu Korruptions- und
Bestechnungsskandalen wie der Flick-Affäre sorgten dafür,
daß der Staat die Gelder für seine Sozialleistungen von
ArbeiterInnen und SteuerzahlerInnen beiholte - oder sie eben kürzte.
Das Gerede vom "Sozialabbau" ist also nicht neu, sondern begleitet
uns seit langen 25 Jahren - und ebenso lange währt der anpasserische,
weitgehend erfolglose gewerkschaftliche Widerstand gegen die "Sparpolitik".
Zynisch formuliert: gemessen an dem, wie lange schon Widerstand
gegen den "Sozialabbau" geleistet wird, dürfte vom Sozialstaat
schon längst nichts mehr übrig sein. Wo also liegt die
spezifische Dramaturgie der Gegenwart? Warum werden auch AnarchistInnen
immer mehr dazu gedrängt, nun auch den Sozialstaat zu verteidigen?
Chomskys Verteidigung des Staates gegen die entfesselte Willkür
des Kapitals
Der bekannte US-amerikanische Anarchist Noam Chomsky sieht
die neue Qualität des Kapitalismus in dessen transnationaler
Ausdehnung seit 1989 und vor allem in der Entkoppelung von Markt
und Staat. Wie im 19. Jahrhundert ist das Kapital heute entfesselt
und es gelingt dem Sozialstaat immer weniger, ihm Almosen abzutrotzen.
Daher die ständig steigenden Gewinne der transnationalen Konzerne
und die dagegen wie eine Schere aufklappende zunehmende Verschuldung
der Staatshaushalte. Sozialstaatliche Politik rücke heute nicht
mehr der Willkür des Kapitals zuleibe, sondern setze das kapitalistische
Rollback von oben nach unten bis hinein in die Kommunalpolitik um.
Als Beispiel nennt Chomsky u.a. die Politik des Bürgermeisters
von New York, Rudolph Giuliani:
"Reduktion der Besteuerung der Reichen ('sämtliche
Steuersenkungen des Bürgermeisters nützen der Wirtschaft',
bemerkte die New York Times im kleingedruckten Teil) und Erhöhung
der Besteuerung der Armen (verborgen als Anstieg in den Tarifen
für den öffentlichen Verkehr für Schulkinder und
Werktätige, höhere Schulgelder an öffentlichen
Schulen usw.). Verbunden mit tiefgreifenden Einschnitten bei öffentlichen
Mitteln, die den allgemeinen Bedürfnissen der Bevölkerung
dienen, sollte diese Politik den Armen helfen, anderswohin zu
gehen, erklärte der Bürgermeister." (6)
Wir brauchen gar nicht so weit zu blicken, um Vergleichbares bei
den Sozialstaatsdiskussionen der BRD zu finden. Anfang April wurde
etwa die weitere Senkung der Sozialhilfe vorgeschlagen, um das "Lohnabstandsgebot",
den erklärten Unterschied zwischen Lohnniveau und Sozialhilfe,
aufrechtzuerhalten. Wenn die Reallöhne sinken, werden nicht
etwa von den riesenhaften Gewinnen der Unternehmen sozialstaatliche
Abgaben eingefordert, sondern es wird an der sozialstaatlichen Absicherung
der Bedürftigsten gekürzt. Das geht heute sogar soweit,
daß angefangen wird, die Vermögensverhältnisse von
SozialhilfeempfängerInnen festzustellen, weil deren Vermögen
2 500 DM nicht überschreiten darf. In England gibt es bereits
Möglichkeiten, NachbarInnen anonym zu denunzieren, wenn sie
als SozialhilfeempfängerInnen erkennbar über ihre Verhältnisse
leben.
Der Staat, so nicht nur Chomskys These,
sondern etwa auch diejenige des sozialistischen Theoretikers Joachim
Hirsch (7), sei zu wirtschaftlicher Steuerung
gar nicht mehr in der Lage, er handle nur noch nach weltmarktabhängigen
"Sachzwängen". Ein "nationaler Wettbewerbsstaat" entwickle
sich im Zuge der bekannten "Standortdebatten", der sich dadurch
auszeichne, daß er möglichst kapitalfreundliche Rahmenbedingungen
biete - Sozialstaatsstandards zählen dazu nicht.
Chomsky provozierte einen grundsätzlichen Streit mit dem
Ökoanarchisten Murray Bookchin, weil er zwar langfristig
an den libertären Visionen festhalten wolle, aber kurzfristig
nahezu das Gegenteil für nötig halte:
"Meine kurzfristigen Ziele liegen in der Verteidigung
und sogar Stärkung von Elementen der Staatsautorität,
die, obwohl in grundlegender Weise illegitim, gerade jetzt von
kritischer Notwendigkeit sind, um den heftigen Anstrengungen,
den bei der Ausdehnung von Demokratie und Menschenrechten erreichten
Fortschritt 'zurückzurollen', zu begegnen. (...) Ich denke,
daß in der heutigen Welt die Ziele eines engagierten Anarchisten
darauf gerichtet sein sollten, einige der Staatsinstitutionen
gegen den Angriff auf sie zu verteidigen und dabei gleichzeitig
zu versuchen, sie für mehr tatsächlich relevante Teilnahme
der Öffentlichkeit zu öffnen." (8)
Chomsky will durch das Erlernen demokratischer Kontrolle unter öffentlichem
Schutz letztlich dazu vordringen, demokratische Kontrolle dereinst
auch wieder auf den wirtschaftlichen Bereich auszudehnen.
AnarchistInnen und Sozialstaat
An Chomskys Argumentation sind meines Erachtens mehrere
Widersprüche ganz offensichtlich. Wenn es tatsächlich
eine Entkoppelung von willkürlich agierendem Marktradikalismus
und Staat gibt, der Staat also sowieso wirtschaftlich keine Eingriffsmöglichkeiten
mehr hat, warum dann den Sozialstaat überhaupt verteidigen?
Gerät libertäre Politik auf diese Weise nicht in sozialdemokratisches
Fahrwasser und droht, darin unterzugehen? Heraus kommt bei solchen
kurzfristigen Taktiken letztlich doch nur die Renaissance der Staatlichkeit
im Bewußtsein der Beherrschten:
"Letztlich geht es um eine Theorie des Verhältnisses
von Markt und Staat unter den Bedingungen kapitalistischer
Globalisierung. In einer eigentümlichen Schlichtheit der
Analyse wird der Kollaps der politischen Regulation konstatiert
und Staatlichkeit lediglich neu eingefordert. Auf diesem Weg wird
die Idee einer allein durch Staatlichkeit konstituierbaren Gesellschaft
transportiert." (9)
Ein zunächst noch als undemokratisch beschriebener Staat soll
unter dem Schutz zu verteidigender sozialstaatlicher Institutionen
gerade demokratisiert werden und diese Demokratie dann auf den wirtschaftlichen
Bereich ausgedehnt werden. Einmal davon abgesehen, daß das
Militär und die patriarchale Familie ebenso ihrer Demokratisierung
harren wie die Wirtschaft: hier wird das Bewußtsein auf die
potentiell soziale und freiheitenschützende Funktion des Staates
gerade hingelenkt und dort verankert. Doch das ist keineswegs neu,
sondern war bereits Bestandteil libertärer Kritik des Sozialstaats.
Der Anarchismus des 20. Jahrhunderts hatte es im Gegensatz zu
seiner ersten Phase als Massenbewegung im 19. Jahrhundert nicht
mehr nur mit primär unterdrückenden Funktionen des Staates
zu tun, die den Haß auf den Staat leicht erzeugten. Nun,
im 20. Jahrhundert, war der Anarchismus gerade mit der Sozialstaatsfunktion
konfrontiert. Bereits manche Diskussionsbeiträge
innerhalb der FAUD, der anarchosynidkalistischen Gewerkschaft
der 20er Jahre, etwa Rudolf Rockers "Der Kampf ums tägliche
Brot" von 1935 (10) versuchten, sich dem
Problem zu stellen. In den 50er Jahren befaßten sich u.a.
Helmut Rüdiger und die ihn beeinflussenden Diskussionen der
schwedischen libertären Gewerkschaft SAC mit dem "Freiheitliche(n)
Sozialismus im Wohlfahrtsstaat", so der Titel einer ins Deutsche
übersetzten Broschüre von Evert Arvidsson. Überhaupt
zu berücksichtigen, daß der Staat im 20. Jahrhundert
von den meisten Menschen in den Industrienationen nicht mehr als
Bedrohung wahrgenommen wird, wurde schließlich auch Ausgangspunkt
graswurzelrevolutionärer Analysen, etwa zu
"Staatlichkeit und Anarchie heute":
"Da der Staat mehr und mehr gesellschaftliche Schutzfunktionen
übernommen hat, erscheint er als einziger Garant von Schranken
gegen eine schrankenlose Willkür privater und partikularer
Gewalten, als Schützer der Schwachen, der Natur ... - gerade
gegen den ökonomischen Expansionismus und die autoritäre
Politik, die er tatsächlich verkörpert." (11)
Die Frage war aber weniger, ob der Anarchismus dieses Problem thematisierte,
sondern wie er darauf reagierte, reformistisch (Chomsky, aber auch
schon Rüdiger) oder doch auf eine neue Weise revolutionär?
Denn immerhin gab es ja auf dem Höhepunkt funktionierender
Sozialstaatsmechanismen den Pariser Mai von 1968 und die neuen sozialen
Bewegungen, die in den frühen 70er Jahren mit Frauen- und Anti-AKW-Bewegung
begannen und viele neue, gewandelte, trotzdem anarchistische Elemente,
kulturelle Formen (von Hippie bis Punk), Gruppen und Aktions- bzw.
Organisationsformen entwickelten. Warum konnte sich der Anarchismus
durch und während der Hochzeit des Sozialstaates, die - wie
wir wissen - immer kurz vor dem Fall kommt, so vergleichsweise frisch
und rundumerneuert präsentieren? Nicht weil soziale Absicherung
etwa vom Anarchismus bekämpft worden wäre - das traf keineswegs
auch nur den Ansatz eines gesellschaftlichen Bedürfnisses in
den Industrienationen. Sondern weil sich zeigte, daß im Sozialstaat
nicht tatsächliche Demokratie, Basisdemokratie oder ähnliches
verwirklichbar war, sondern daß der Sozialstaat im Kern bürokratisch
war, zu einer Enteignung von Subsistenz- und Selbstorganisationsfähigkeiten
führte und vor allem: weil finanzielle Zuwendung immer und
unmittelbar mit sozialer Kontrolle verknüpft war. Die Bürokratisierung
des Sozialstaats basierte auf kontrollpolitischen Erfassungen wie
Volkszählung, Rasterfahndung, Registrierung, Verrechtlichung
aller Lebensbereiche. Je differenzierter die gesellschaftliche Organisation,
je bürokratischer der Apparat, der die Chose am laufen hielt,
desto hysterischer die Reaktion auf oppositionelles Verhalten, das
irgendwo einen Keil in die verzahnten Abhängigkeiten treiben
konnte. Atomstaat, Polizeistaat, "Sicherheitsstaat" (Joachim Hirsch
in den 70er Jahren) waren die unabwendbaren Begleiter des Sozialstaats
selbst auf dem Höhepunkt seiner Ausformung.
Renaissance der Nationalstaatlichkeit und kurzfristige Aufgaben
des Anarchismus
Nun ist es allerdings so, daß die Funktionen der Staatlichkeit
gegenwärtig keineswegs gegen Null tendieren, nicht mal auf
dem Sektor des wirtschaftlichen Staatsinterventionismus: daß
etwa die USA seit 1992 eine wirtschaftliche Blockadepolitik gegen
Kuba fährt, wo Kuba doch gerade Handel treiben und seinen Markt
wie China öffnen will, daß jüngst Gesetze gegen
Investitionen im Iran und in Libyen verabschiedet wurden oder auch
politische Manöver gegen China den Wirtschaftsinteressen der
US-Konzerne ungelegen kommen, weist zwar auf eine intakte ideologische
Funktionsfähigkeit des US-Staates hin. Auch in der BRD wird
zukünftig die militärische Absicherung nationaler und
wirtschaftlicher Interessen durch die Bundeswehr die Funktionen
des Staates eher ausweiten als reduzieren. Schließlich zeigt
die Renaissance des Nationalismus im Krieg von Ex- Jugoslawien,
daß staatliche Rahmenbedingungen heute wichtiger denn je sind,
um etwa einen relativen Wohlstand von EU-Randgebieten wie Slowenien
und Kroatien mit sicherem, deutschfreundlichem Investitionsklima
von wirtschaftlich und sozial "wertlosen" Gebieten wie Albanien
abzugrenzen.
Bei der gegenwärtigen Diskussion um eine anarchistische
Unterstützung des Kampfes gegen "Sozialabbau" geht es also
nicht um obsolet gewordene staatliche Funktionen, und auch nicht
um die Sinnhaftigkeit sozialer Absicherungen. Solange die Selbstverwaltungs-
und Selbstorganisationsfähigkeiten des Großteils der
Bevölkerung so verkümmert und gering sind wie in der
BRD heute, ist die finanzielle Absicherung durch sozialstaatliche
Restbestände einer rechtsnationalistischen Organisierung
der Opfer in Rackets selbstverständlich vorzuziehen.
Und auch für die USA ist die anarcholiberalistische Kritik
des Sozialstaats der "Libertarians" meines Erachtens mit Chomsky
durchaus als zynisch gegenüber den Opfern zu bezeichnen.
(12) Die Alternative Sozialstaat oder anarchistische
Selbstorganisation ist falsch, aber auch der von Chomsky ausgemachte
Widerspruch kurzfristiger Ziele versus langfristiger Visionen
ist falsch - und er war es schon immer: als die US- ArbeiterInnen
im 19. Jahrhundert für den 8-Stunden-Tag agitierten, sorgten
die Libertären dafür, daß durch die direkte Aktion
und die Formen der dabei sich entwickelnden Selbstorganisation
das kurzfristige Ziel nicht als Widerspruch, sondern als Teil,
als Zugeständnis, als Vorbereitung auf die Vision "freiheitlicher
Sozialismus" verstanden wurde. Die libertäre Differenz zur
sozialdemokratischen Verteidigung des Sozialstaats liegt in der
strategischen Perspektive, die sich aus unterschiedlichen Kampf-
und Organisationsformen ergibt. Dazu gehört es allerdings,
mit anarchistischem Selbstbewußtsein gerade an denjenigen
Punkten aufwarten zu können, an denen die Gewerkschaften
gemeinhin kapitulieren, etwa wenn Betriebe nicht mehr auf dem
Weltmarkt konkurrenzfähig sein können oder Unternehmensverbände
mit Kapitalabwanderung drohen. Ein libertäres Selbstbewußtsein
unter ArbeiterInnen und Arbeitslosen würde auf solche Drohungen
hin nicht kleinbeigeben oder in nationalistische oder rassistische
Regression verfallen, sondern Vertrauen in die bei sozialen Kämpfen
entdeckten und entwickelten Selbstverwaltungsfähigkeiten
fassen: soll das Kapital doch abwandern, wir bleiben hier!
Davon sind wir durch die bürokratisch-entmündigende
Form gewerkschaftlichen Protestes gegen "Sozialabbau" heute weit
entfernt. Dabei ist es durchaus möglich, daß sich die
auseinanderklaffende Schere zwischen Kapitalprofiten und staatlicher
Verschuldung weiter öffnet, vielleicht sogar in einen Crash
oder einen Krieg - etwa mit islamistischen Ländern - mündet.
Das bewußtlose Publikum kann mit den uns AnarchistInnen
so skandalös ungerecht erscheinenden Tendenzen der Kapitalkonzentration
nichts anfangen: die Mystifikationen milliardenschwerer Gewinne
transnationaler Konzerne werden solange nicht durchschaut wie
ein gewisses Niveau individuellen Lebensstandards gesichert bleibt,
wenn es sein muß auf Kosten der Natur, der Frauen, der ImmigrantInnen,
der Menschen in der "Dritten Welt". Wenn es allerdings zu plötzlichen
Staatspleiten wie in Albanien kommt oder anderweitig Privilegien
durch plötzliche Schläge weggefegt werden, kann die
trügerische Ruhe sehr schnell kippen. Strategisch geht es
um die Frage, wohin sich das Bewußtsein der Opfer des laufenden
Prozesses orientiert: hinein in die Staatlichkeit, in die entmündigte
Abhängigkeit, die, wenn der Sozialstaat tatsächlich
zusammenbricht, nur den Ausweg zu Willkür, Rackets, individualistisch-bornierter
wie nationalistischer Überlebenssicherung, notfalls durch
bewaffnete Gruppen oder mafiose Strukturen wie etwa in Rußland,
zuläßt. Oder: hinaus aus der Staatlichkeit durch die
anarchistische Vorbereitung dafür, den Sturz aus dem Sozialstaat
aufzufangen, zu mildern und den Widerstand gegen die wirklich
Schuldigen zu organisieren. Nicht unter staatlichem Schutz - wie
Chomsky meint - kann das Einüben basisdemokratischer Fähigkeiten
gedeihen, sondern gerade außerhalb und dagegen. Wenn Chomsky
meint, das gegenwärtige Rollback versetze die Menschen in
die Lage, in der sie im 19. Jahrhundert schon einmal waren, dann
kann anarchistische Politik gerade nicht in der "Stärkung
von Elementen der Staatlichkeit" bestehen, sondern in dem Beginnen
von Bewußtseinsarbeit für die radikale Alternative
zum Sozialstaat. Wir brauchen eine neue Strategie der anarchistischen
"Eroberung des Brotes", wie Kropotkin sie genannt hatte. Anarchistische
Selbstverständlichkeiten des 19. Jahrhunderts müssen
zwar nicht platt auf heute übertragen, aber doch in ihrer
Gerechtigkeit und ihrer damaligen Selbstverständlichkeit
überhaupt wieder ins Gedächtnis und Denken der Menschen
geholt werden. Im Mittelpunkt steht die Propaganda für die
Idee der Expropriation, die sozialistische Enteignung - im Gegensatz
zur autoritär-kommunistischen Verstaatlichung. Es ist m.E.
Aufgabe der AnarchistInnen, die Expropriation überhaupt erst
wieder denkmöglich zu machen. Nehmen wir zum Beispiel die
Unentgeldlichkeit der Wohnung. Kropotkin hat das Bewußtsein
dafür auf folgende Weise geschärft:
"Das Haus ist nicht vom Eigentümer erbaut worden;
es ist aufgerichtet, geputzt, tapeziert worden von Hunderten von
Arbeitern... (...) Der Wert eines Hauses in bestimmten Vierteln
von Paris beträgt eine Million, nicht weil es für eine
Million Arbeit enthält, sondern weil es in Paris liegt; weil
seit Jahrhunderten Arbeiter, Künstler, Denker, Gelehrte und
Schriftsteller ihre Mühen vereinigt haben, um Paris zu dem
zu machen, was es heute ist... (...) Wer hat da das Recht, den
kleinsten Teil dieses Terrains oder das letzte der Häuser
sein Eigen zu nennen, ohne eine schreiende Ungerechtigkeit zu
begehen? Wer hat da ein Recht, das kleinste Teilchen des gemeinsamen
Erbteils zu verkaufen, an wen es auch sei?" (13)
Dasselbe wäre über Bekleidung, Nahrungsmittel, medizinische
Versorgung und schließlich Besitzverhältnisse von Produktionsmitteln
allgemein zu sagen. Dies gilt es, zunächst einmal wieder als
Idee unter die Bevölkerung zu bringen. Warum sollten durch
"Sozialabbau" Betroffene, die sich kein Haus und keine teure Mietwohnung
mehr leisten können, nicht zum Mittel der Hausbesetzung greifen,
wenn die Zeit reif ist? Es kommt darauf an, diese Ideen jetzt zu
verbreiten, sonst treffen kommende Brüche alle so unvorbereitet
wie 1989, als die massenhafte Umbruchssituation schneller kam als
alle vermuteten, aber die Inhalte der Ökologie- und Oppositionsgruppen
so wenig verbreitet und Basisdemokratie so wenig eingeübte
Praxis war, daß westliche Ideologien leichtes Spiel hatten
- nur daß es jetzt wahrscheinlich regressive, chauvinistische
und militaristische Ideologien (wie etwa in Albanien, wo sich militaristische,
mafiose und emanzipative Elemente auf noch unübersehbare Weise
vermengen) sein werden. Das heißt nicht, daß gewerkschaftlicher
Widerstand gegen "Sozialabbau" von AnarchistInnen bekämpft
werden soll, er kann sogar Zeit für die jetzt notwendige libertäre
Bewußtseinsarbeit bringen. Aber gerade für die kurzfristige
anarchistische Taktik ist keine Zeit mit Staatlichkeitshirngespinsten
mehr zu verlieren. Kropotkin, um nochmal beim
Beispiel der Wohnung zu bleiben, meinte, das Opfer der Eigentumsverhältnisse
sollte "wissen, daß eine Mietsfreiheit nicht allein die Folge
einer zufälligen Desorganisation der exekutiven Macht sein
darf (wie etwa 1989, als es zu zeitweiligen Massenhausbesetzungen
in Berlin und anderen ostdeutschen Städten kam, d.A.). (Es)
muß wissen, daß die Unentgeldlichkeit der Wohnung im
Prinzip anerkannt und ... gewissermaßen sanktioniert ist..."
Die RevolutionärInnen müßten "darauf hinarbeiten,
daß die Expropriation der Häuser eine vollendete Tatsache
wird. Sie sollten darauf hinarbeiten, daß der allgemeine Ideengang
eine derartige Richtung annimmt..." (14)
Und selbst wenn dereinst aus solchen Ideen erwachsende Bewegungen
Niederlagen gegen die militärische Macht erleiden sollten,
dann könnte daraus als Zugeständnis immer noch eine
Renaissance des Sozialstaats entstehen. Der Sozialstaat war nämlich
von Anfang an Zugeständnis an besiegte und unterdrückte
soziale, sozialistische oder libertäre Bewegungen: die Bismarck'sche
Sozialgesetzgebung wäre undenkbar ohne die Sozialistengesetze.
Und ohne die entmachtete Résistance gäbe es heute
in Frankreich keine umlageorientierte Sécu mit gewerkschaftlicher
Verwaltung der Kranken- und Rentenkassen und Pensionspflicht der
Unternehmer für ihre entlassenen ArbeiterInnen - die ganzen
sozialen Kämpfe in Frankreich gehen um staatliche Pläne
zur Destruktion dieser stärker staatsentkoppelten Sozialversicherung.
Wer wirklich kämpft, kann verlieren, wer wie die Gewerkschaften
in der BRD im Interesse nationaler Standortsicherung nicht kämpfen
will, hat schon verloren.
Lou Marin
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