graswurzelrevolution
219 mai 1997
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
anarchismus
>> 219 mai 1997

Anarchismus und städtische Tradition

'Zerstörung der Zivilisation' oder Rückgriff auf demokratische Traditionen als anarchistische Perspektive?

Läßt sich eine dezentrale, anarchistische Gesellschaft überhaupt in den modernen urbanen Agglomerationen verwirklichen? Oder heißt die Alternative 'Raus auf's Land'? Mit diesem Beitrag aus der traditionsreichen englischen anarchistischen Zeitung Freedom beginnen wir in loser Folge die Diskussion aktueller anarchistischer Ansätze, die wir auf unserer Tagung im Herbst fortsetzen wollen. (Red.)

Anarchistische Blaupausen und Utopien sollten mit einer gedruckten Warnung versehen werden: nämlich daß die beschriebene utopische Version nur die des/der AutorIn bzw. AutorInnen ist und es sich dabei nur um eine Beschreibung der eigenen Ansichten handelt. Alles andere wäre eine Ignorierung der anarchistischen Tradition von persönlicher Freiheit und Spontanität.

Primitivistische AnarchistInnen, in Großbritannien z.B. durch die Zeitschrift Green Anarchist repräsentiert, haben einige verwirrende Erklärungen veröffentlicht, wie z.B. der Ruf von Green Anarchist nach der 'Zerstörung der Zivilisation' und die Behauptung, daß Anarchismus in Städten nicht funktionieren kann.

Die meisten von uns akzeptieren, daß die derzeitigen unermeßlichen urbanen Stadtlandschaften und Metropolen keine Beispiele für dezentralisierte anarchistische Gemeinschaften darstellen. Dennoch: die meisten von der primitivistischen Position ausgehenden Argumente zentrieren sich um die Definitionen dessen, was 'Zivilisation' oder 'Stadt' ausmacht. Diese Konzepte können auch heute noch eine Vision einer menschlichen, dezentralisierten, im wesentlichen anarchistischen Gesellschaft transportieren, trotz der modernen Probleme, die aus der Größe, Umweltverschmutzung usw. resultieren. Sie sind zu nützlich, um sie so einfach über Bord zu werfen.

Stadttradition in Griechenland

In den griechischen Stadtstaaten der klassischen hellenistischen Periode waren die Städte wesentlich kleiner als heutzutage. Aristoteles schrieb in 'Über Politik':
"Um Entscheidungen in Fragen des Rechtes oder für die Verteilung von Ämtern ... zu treffen ist es notwendig, daß sich die Bürger gegenseitig kennen und wissen, um was für einen Menschen es sich handelt." (Aristoteles, Übersetzung aus dem englischen).

Das beinhaltet eine sehr geringe Stadtbevölkerung. Eine andere Tradition der hellenistischen Zeit sagte, daß eine Stadt nicht größer sein sollte, als das man einen Mann, der im Stadtzentrum um Hilfe schreit, an den äußeren Grenzen der Stadt hören könne. Auch das bedeutet eine im Vergleich zu den modernen Städten geringe Größe und EinwohnerInnenzahl. Auch wenn diese Beispiele von kleinen Städten von Sklaverei, ungleichen sexuellen, sozialen und politischen Rechten beeinträchtigt waren, so wurden Aspekte der athenäischen direkten Demokratie von bekannten anarchistischen AutorInnen wie Murray Bookchin zur Unterstützung der anarchistischen politischen Theorie zitiert:

"Die Rotation ziviler, berufsbezogener und fachlicher Verantwortlichkeiten würde im Sein des Indiviuums die Sinne stimulieren, neue Dimensionen der Selbstverwirklichung schaffen und abrunden. In einer vollkommenen Gesellschaft könnten wir hoffen vollkommene Menschen zu schaffen; in einer runden Gesellschaft, runde Menschen. In der westlichen Welt haben die Athener, trotz all ihrer Mängel und Grenzen, die ersten, die uns eine Vorstellung von dieser Vollkommenheit gegeben haben." (Murray Bookchin, Post-Scarcity Anarchism)

Insbesondere das vorstehende Zitat von Bookchin stellt die griechische Tradition der Suche nach der Schaffung einer runden menschlichen Persönlichkeit heraus. Bookchin stellte außerdem heraus, daß die Beteiligung an der zivilen Tradition der Selbstregierung dieser städtischen Gesellschaften als Teil des persönlichen Entwicklungsprozesses angesehen wurde.

Die Schaffung individuell selbstbewußter, sozial und in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten aktiver BürgerInnen in einer gemischten und offenen Gesellschaft ist mit Sicherheit Teil des heutigen anarchistischen Projektes. Wir sind keine moderne anarchistische Version von Pol Pot, die versucht, die Städte der entwickelten Welt in autoritären Verwirklichung unserer utopischen Blaupause zu leeren. Um David Bouchier in 'Social Anarchism' zu zitieren:

"Die moderne Welt wird nicht verschwinden, und kann nicht dadurch umgangen werden, daß man Solarkocher aus alten Ölfässern herstellt. Radikale müssen die Kontrolle über die moderne Gesellschaft übernehmen, und nicht in eine nostalgische Lyrik für eine Welt verfallen, die wir verloren haben." (David Bouchier: Hard Questions for Citizen Radicals, in Social Anarchism Nr. 15, 1990)

Trotz der Begrenztheiten müssen wir uns der positiven Aspekte der griechischen Tradition der Stadtstaaten mit menschlicher Größe erinnern. Solche Städte hatten sowohl philosophische Schulen als auch Marktplätze, sie hatten Büchereien und Theater genauso wie Tempel, sie hatten, in den demokratischeren Fällen, öffentliche Versammlungen, wo sich die Bürger getroffen haben, um Gesetze zu erlassen und über Staatsangelegenheiten selbst zu entscheiden. Selbst in einer Zeit der modernen Kommunikations- und Informationstechnologien ist in einer urbanen Umgebung und auf persönlicher Ebene eine solche face-to-face Kommunikation mit unseren nächsten Mitmenschen die effektivste Form.

Kleinstädte heute als Ausgangspunkt für Anarchie?

In einem Buch über das moderne Aberystwyth vergleicht J. Lionel Madden, Bibliothekar der National Library of Wales, Aberystwyth mit einem altertümlichen griechischen Stadtstaat. In gewisser Hinsicht stimmt das. Aberystwyth, eine Stadt an der Küste Mittel-Wales' mit 12 000 EinwohnerInnen, rühmt sich eines Universitätsinstituts, zweier Theater, einer Nationalbibliothek, eines Kinos, einer öffentlichen Bücherei, fünf Buchläden und, unter anderem, eines Kunsthauses. Es hat derzeit nicht die politische Unabhängigkeit und Selbstverwaltung, die die griechischen Stadtstaaten genossen, und es kann seinen Bedarf an Energie, Lebensmittel und Gütern nicht aus den lokalen Ressourcen decken, doch es weist in die Richtung der Art von Gemeinschaft, die wir entwickeln könnten, so daß sie nicht nur ein reicheres, freieres, gleichwertigeres sozialen und Gemeinschaftsleben hätte, sondern auch, in der modernen ökologischen Sprache, 'nachhaltiger' wäre. AnarchistInnen und ökologische AktivistInnen würden natürlich gerne wesentlich mehr Veränderungen und soziale Neuerungen an einem solchen Ort sehen, bevor sie zufriedengestellt sind, doch Aberystwyth und andere Städte ähnlicher Größe sind reale Gemeinschaften, die heute existieren. Sie sind kein utopischer Traum.

Anstatt unsere Städte zu zerstören oder in unserer Eitelkeit auf die unwahrscheinliche Apokalypse zu warten, die Staat und Kapitalismus auf einen Schlag zum Verschwinden bringt, ist es ein positiveres Projekt die sozialen und kommunitären Neuerungen aufzubauen, die jetzt zu einer libertäreren Gesellschaft führen können.

In seinem Buch 'Welcome Thinner City' betrachtet Colin Ward die Dezentralisierung und Ökologisierung der Städte als einen Weg nach vorne. Als regelmäßiger Autor anarchistischer Zeitschriften seit 1940 schreibt Ward in der Tradition von Kropotkin, William Morris und des Stadtplaners Patrick Geddes. Ward betrachtet direkt-demokratische Traditionen in verschiedenen sozialen Erscheinungsformen und Bewegungen wie den mittelalterlichen Gilden, der Gartenstadtbewegung des viktorianischen und edwardianischen Englands, der Bewegung des Gildensozialismus u.a., um mögliche Lösungen für die modernen Probleme der Stadt und des ländlichen Raumes zu finden. Wards bekanntes Buch 'Anarchy in Action' stellt Möglichkeiten für anarchistische Neuerungen und Herangehensweisen für ein weites Feld moderner Probleme heraus: Wohnen, Arbeit und Beschäftigung, Gemeinschaftsleben, Verkehr, Föderalismus, Wohlfahrt, Dezentralisierung etc.

AnarchistInnen bietet sich ein weites Feld von Möglichkeiten, die helfen können, eine offene, direkt- demoktatische und pluralistische Gesellschaft zu schaffen. Solche Initiativen sind z.B. ArbeiterInnen- und Wohnungs- Kooperativen, selbstverwaltete Betriebe, Betriebs- und Nachbarschaftsversammlungen, Kreditgenossenschaften, Tauschringe, lokale Lebensmittelproduktion, lokale Betriebe, die Förderung von öffentlichen Verkehrsalternativen zum Auto. Eine solche Gesellschaft würde sowohl ländliche als auch städtische Siedlungen umfassen. Die Liste ist endlos und nur durch unsere Vorstellungskraft begrenzt. Der grundlegende Punkt ist, daß wir, um für Anarchie zu arbeiten, weder unserer Städte noch unsere Zivilisation zerstören müssen, sondern jetzt damit beginnen können, um sie zu erreichen. Die anarchistische Revolution ist ein Prozeß, nicht ein geschichtliches Ereignis.

Jonathan Simcock
Übersetzung: Andreas Speck
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben




aus: Freedom, 22. März 1997


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net