Anarchismus und städtische Tradition
'Zerstörung der Zivilisation' oder Rückgriff auf demokratische
Traditionen als anarchistische Perspektive?
Läßt sich eine dezentrale, anarchistische
Gesellschaft überhaupt in den modernen urbanen Agglomerationen
verwirklichen? Oder heißt die Alternative 'Raus auf's Land'?
Mit diesem Beitrag aus der traditionsreichen englischen anarchistischen
Zeitung Freedom beginnen wir in loser Folge die Diskussion aktueller
anarchistischer Ansätze, die wir auf unserer Tagung im Herbst
fortsetzen wollen. (Red.)
Anarchistische Blaupausen und Utopien sollten mit einer
gedruckten Warnung versehen werden: nämlich daß die
beschriebene utopische Version nur die des/der AutorIn bzw. AutorInnen
ist und es sich dabei nur um eine Beschreibung der eigenen Ansichten
handelt. Alles andere wäre eine Ignorierung der anarchistischen
Tradition von persönlicher Freiheit und Spontanität.
Primitivistische AnarchistInnen, in Großbritannien z.B.
durch die Zeitschrift Green Anarchist repräsentiert,
haben einige verwirrende Erklärungen veröffentlicht,
wie z.B. der Ruf von Green Anarchist nach der 'Zerstörung
der Zivilisation' und die Behauptung, daß Anarchismus in
Städten nicht funktionieren kann.
Die meisten von uns akzeptieren, daß die derzeitigen unermeßlichen
urbanen Stadtlandschaften und Metropolen keine Beispiele für
dezentralisierte anarchistische Gemeinschaften darstellen. Dennoch:
die meisten von der primitivistischen Position ausgehenden Argumente
zentrieren sich um die Definitionen dessen, was 'Zivilisation'
oder 'Stadt' ausmacht. Diese Konzepte können auch heute noch
eine Vision einer menschlichen, dezentralisierten, im wesentlichen
anarchistischen Gesellschaft transportieren, trotz der modernen
Probleme, die aus der Größe, Umweltverschmutzung usw.
resultieren. Sie sind zu nützlich, um sie so einfach über
Bord zu werfen.
Stadttradition in Griechenland
In den griechischen Stadtstaaten der klassischen hellenistischen
Periode waren die Städte wesentlich kleiner als heutzutage.
Aristoteles schrieb in 'Über Politik':
Das beinhaltet eine sehr geringe Stadtbevölkerung. Eine andere
Tradition der hellenistischen Zeit sagte, daß eine Stadt nicht
größer sein sollte, als das man einen Mann, der im Stadtzentrum
um Hilfe schreit, an den äußeren Grenzen der Stadt hören
könne. Auch das bedeutet eine im Vergleich zu den modernen
Städten geringe Größe und EinwohnerInnenzahl. Auch
wenn diese Beispiele von kleinen Städten von Sklaverei, ungleichen
sexuellen, sozialen und politischen Rechten beeinträchtigt
waren, so wurden Aspekte der athenäischen direkten Demokratie
von bekannten anarchistischen AutorInnen wie Murray Bookchin zur
Unterstützung der anarchistischen politischen Theorie zitiert:
Insbesondere das vorstehende Zitat von Bookchin stellt die griechische
Tradition der Suche nach der Schaffung einer runden menschlichen
Persönlichkeit heraus. Bookchin stellte außerdem heraus,
daß die Beteiligung an der zivilen Tradition der Selbstregierung
dieser städtischen Gesellschaften als Teil des persönlichen
Entwicklungsprozesses angesehen wurde.
Die Schaffung individuell selbstbewußter, sozial und in
der Verwaltung ihrer Angelegenheiten aktiver BürgerInnen
in einer gemischten und offenen Gesellschaft ist mit Sicherheit
Teil des heutigen anarchistischen Projektes. Wir sind keine moderne
anarchistische Version von Pol Pot, die versucht, die Städte
der entwickelten Welt in autoritären Verwirklichung unserer
utopischen Blaupause zu leeren. Um David Bouchier in 'Social Anarchism'
zu zitieren:
Trotz der Begrenztheiten müssen wir uns der positiven Aspekte
der griechischen Tradition der Stadtstaaten mit menschlicher Größe
erinnern. Solche Städte hatten sowohl philosophische Schulen
als auch Marktplätze, sie hatten Büchereien und Theater
genauso wie Tempel, sie hatten, in den demokratischeren Fällen,
öffentliche Versammlungen, wo sich die Bürger getroffen
haben, um Gesetze zu erlassen und über Staatsangelegenheiten
selbst zu entscheiden. Selbst in einer Zeit der modernen Kommunikations-
und Informationstechnologien ist in einer urbanen Umgebung und auf
persönlicher Ebene eine solche face-to-face Kommunikation mit
unseren nächsten Mitmenschen die effektivste Form.
Kleinstädte heute als Ausgangspunkt für Anarchie?
In einem Buch über das moderne Aberystwyth vergleicht
J. Lionel Madden, Bibliothekar der National Library of Wales, Aberystwyth
mit einem altertümlichen griechischen Stadtstaat. In gewisser
Hinsicht stimmt das. Aberystwyth, eine Stadt an der Küste Mittel-Wales'
mit 12 000 EinwohnerInnen, rühmt sich eines Universitätsinstituts,
zweier Theater, einer Nationalbibliothek, eines Kinos, einer öffentlichen
Bücherei, fünf Buchläden und, unter anderem, eines
Kunsthauses. Es hat derzeit nicht die politische Unabhängigkeit
und Selbstverwaltung, die die griechischen Stadtstaaten genossen,
und es kann seinen Bedarf an Energie, Lebensmittel und Gütern
nicht aus den lokalen Ressourcen decken, doch es weist in die Richtung
der Art von Gemeinschaft, die wir entwickeln könnten, so daß
sie nicht nur ein reicheres, freieres, gleichwertigeres sozialen
und Gemeinschaftsleben hätte, sondern auch, in der modernen
ökologischen Sprache, 'nachhaltiger' wäre. AnarchistInnen
und ökologische AktivistInnen würden natürlich gerne
wesentlich mehr Veränderungen und soziale Neuerungen an einem
solchen Ort sehen, bevor sie zufriedengestellt sind, doch Aberystwyth
und andere Städte ähnlicher Größe sind reale
Gemeinschaften, die heute existieren. Sie sind kein utopischer Traum.
Anstatt unsere Städte zu zerstören oder in unserer
Eitelkeit auf die unwahrscheinliche Apokalypse zu warten, die
Staat und Kapitalismus auf einen Schlag zum Verschwinden bringt,
ist es ein positiveres Projekt die sozialen und kommunitären
Neuerungen aufzubauen, die jetzt zu einer libertäreren Gesellschaft
führen können.
In seinem Buch 'Welcome Thinner City' betrachtet Colin Ward
die Dezentralisierung und Ökologisierung der Städte
als einen Weg nach vorne. Als regelmäßiger Autor anarchistischer
Zeitschriften seit 1940 schreibt Ward in der Tradition von Kropotkin,
William Morris und des Stadtplaners Patrick Geddes. Ward betrachtet
direkt-demokratische Traditionen in verschiedenen sozialen Erscheinungsformen
und Bewegungen wie den mittelalterlichen Gilden, der Gartenstadtbewegung
des viktorianischen und edwardianischen Englands, der Bewegung
des Gildensozialismus u.a., um mögliche Lösungen für
die modernen Probleme der Stadt und des ländlichen Raumes
zu finden. Wards bekanntes Buch 'Anarchy in Action' stellt Möglichkeiten
für anarchistische Neuerungen und Herangehensweisen für
ein weites Feld moderner Probleme heraus: Wohnen, Arbeit und Beschäftigung,
Gemeinschaftsleben, Verkehr, Föderalismus, Wohlfahrt, Dezentralisierung
etc.
AnarchistInnen bietet sich ein weites Feld von Möglichkeiten,
die helfen können, eine offene, direkt- demoktatische und
pluralistische Gesellschaft zu schaffen. Solche Initiativen sind
z.B. ArbeiterInnen- und Wohnungs- Kooperativen, selbstverwaltete
Betriebe, Betriebs- und Nachbarschaftsversammlungen, Kreditgenossenschaften,
Tauschringe, lokale Lebensmittelproduktion, lokale Betriebe, die
Förderung von öffentlichen Verkehrsalternativen zum
Auto. Eine solche Gesellschaft würde sowohl ländliche
als auch städtische Siedlungen umfassen. Die Liste ist endlos
und nur durch unsere Vorstellungskraft begrenzt. Der grundlegende
Punkt ist, daß wir, um für Anarchie zu arbeiten, weder
unserer Städte noch unsere Zivilisation zerstören müssen,
sondern jetzt damit beginnen können, um sie zu erreichen.
Die anarchistische Revolution ist ein Prozeß, nicht ein
geschichtliches Ereignis.
Jonathan Simcock
Übersetzung: Andreas Speck
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