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>> 219 mai 1997

Durch Castor-Widerstand zur Plutoniumwirtschaft?

Zu der von Michael Sailer (Öko-Institut) losgetretenen Debatte um Sinn und Unsinn des Gorleben- Widerstandes

Pünktlich zum Castor-Transport im März griffen die Medien Michael Sailers ketzerische Argumentation zum Gorleben-Widerstand auf. Bereits Ende 1996 hatte er in einem taz-Interview gefordert, die Anti-AKW-Bewegung müsse ihre Weigerung, über die Entsorgung zu diskutieren, aufgeben. Damit löste er innerhalb der Bewegung einen Aufschrei aus, und es ist sicherlich kein Zufall, daß gerade zum Castor-Transport seine Kritik wieder hervorgekramt wurde. (Red.)

"Die Anti-Atom-Bewegung muß endlich ihre Weigerung aufgeben, über die Lagerung von Atommüll zu diskutieren!" verkündet Michael Sailer in der Woche vom 28. Februar 1997 und hält der Anti-AKW- Bewegung vor: "Euer Widerstand gegen die Castor-Transporte sponsert die Plutoniumwirtschaft." (Der Spiegel Nr. 9/97) Sailers Hauptargument dabei ist, daß der Widerstand gegen das Zwischenlager Gorleben die Atomkraftbetreiber - trotz höherer Kosten - dazu drängt, die Entsorgung über die Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague in Frankreich und Sellafield sowie Dounreay in Großbritannien zu wählen. Damit würde der Weg in die Plutoniumwirtschaft zementiert und letztendlich ein Atomausstieg in weitere Ferne gerückt.

Auf den ersten Blick klingt die Argumentation plausibel - und sie spricht ja durchaus Punkte an, die von der Bewegung vernachlässigt werden -, und das macht sie auch so gefährlich. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, daß hier der Wissenschaftler sich auf ein Feld begibt - das der sozialen Bewegungen - mit deren Dynamiken er nicht vertraut ist. Was zunächst wissenschaftlich plausibel klingt, muß es bewegungspolitisch noch lange nicht sein. Doch der Reihe nach:

Keine Diskussion über Entsorgung

Sailer verabschiedet sich von einem alten Konsens der Anti-AKW-Bewegung: Über die Entsorgung der bestehenden Atomkraftwerke wird erst diskutiert, wenn sie abgeschaltet sind. Diese Position stellt Sailer nun mit seiner Forderung in Frage.

Er ist dabei sicherlich nicht der Erste, denn auch Greenpeace hat sich mit Stellungnahmen, der Atommüll solle doch in den Atomkraftwerken in den vorhanden Abklingbecken kompakter gelagert werden, schon in diese Richtung bewegt, die von der Ex-Greenpeacerin und niedersächsischen Umweltministerin Monika Griefahn dann begierig aufgenommen wurde. Aus seiner Kritik an dieser Alternative - die aus seiner Sicht gefährlicher ist als die Lagerung in Castor- Behältern in einem Lager a la Gorleben - kommt Michael Sailer zu der Forderung, die Lagerung in Gorleben doch zu ermöglichen, um so anderes zu verhindern.

Die Diskussion um die Entsorgung ist jedoch eine Diskussion um Pest oder Cholera. Es kann für die Anti-AKW- Bewegung nicht darum gehen, die eine Art der Entsorgung der anderen vorzuziehen, sondern mit guten Gründen wird jede Art der Entsorgung abgelehnt - eine sichere Entsorgung gibt es derzeit nirgends, weder in La Hague oder Sellafield, noch in Gorleben oder Morsleben oder sonstwo.

Beiden Seiten - den Atomkraftbetreibern und der Anti-AKW-Bewegung - ist klar, daß die Entsorgung der kritischste Punkt im gesamten Atomprogramm ist. Das soll nicht heißen, daß Atomkraftwerke ja harmlos wären, wenn nur die Entsorgungsfrage gelöst ist (das sind sie mit Sicherheit nicht!), sondern an der Unmöglichkeit einer sicheren Entsorgung zeigt sich die ganze Absurdität und Verantwortungslosigkeit der Atompolitik. Die Änderung des Atomgesetzes, um eine direkte Endlagerung neben der Wiederaufarbeitung zu ermöglichen, erfolgte sicherlich auch aus ökonomischen Gründen - die Wiederaufarbeitung war und ist schlicht zu teuer -, ein wichtiger Punkt war aber bei dieser Änderung eben auch, die Zwischenlagerung als Entsorgungsnachweis zu ermöglichen, da ein Endlager derzeit und in absehbarer Zeit auch in Gorleben eben nicht zur Verfügung steht. Und ein Endlager wird auch dann gebraucht, wenn die abgebrannten Brennelemente wiederaufgearbeitet werden. (Drei der jetzt acht Castor-Behälter im Gorlebener Zwischenlager enthalten Wiederaufarbeitungsmüll aus La Hague, der bis zur Endlagerung zwischengelagert werden soll.)

Der Widerstand gegen die Castor-Transporte nach Gorleben verfolgt nun das Ziel, genau diese Alternative zunächst einmal zu verbauen - bisher mit Aussicht auf Erfolg. Die Reaktionen nach dem letzten Castor-Transport Anfang März, die Ankündigung aus Neckarwestheim, jetzt im Herbst einen Castor-Transport ins Zwischenlager im westfälischen Ahaus bringen zu wollen und so dieses als Alternative zu Gorleben zu etablieren - in Ahaus lagern derzeit "nur" die Brennelemente aus dem stillgelegten Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop - zeigen, daß diese Strategie der Bewegung richtig war.

In die gleiche Richtung weist die Diskussion während der derzeitigen "Konsens"-Gespräche über den Bau eines dritten, süddeutschen Zwischenlagers. Diese Diskussionen machen aber auch deutlich, daß jede Diskussion um Entsorgung letztendlich nur dem Zweck dient, den Weiterbetrieb der bestehenden Atomkraftwerke zu ermöglichen.

Wiederaufarbeitung: zu teuer

Der Ausstieg der bundesdeutschen Atomstromer aus der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf war zwar sicherlich auch eine Folge des Widerstandes, hatte aber vor allem ökonomische Gründe. Die Wiederaufarbeitung und der Einsatz von plutoniumhaltigen MOX- (Mischoxid-) Brennelementen in den Atomkraftwerken ist schlicht teurer als die direkte Endlagerung. Selbst das wohl kaum als atomkritisch zu bezeichnende 'Deutsche Atomforum' beziffert die Mehrkosten der Wiederaufarbeitung auf sechs Milliarden DM - nicht gerade wenig.

1994 kündigten dann auch die PreussenElektra und die HEW (Hamburgischen Electricitäts-Werke) ihre Verträge mit der WAA Sellafield. Über Dumping-Preise bemühen sich La Hague und Sellafield mittlerweile um eine Auslastung ihrer Kapazitäten - bisher allerdings mit mäßigem Erfolg.

Sponsoring der Plutoniumwirtschaft?

Das führt Sailer zu der Argumentation, daß die Blockade der inländischen Entsorgung in den bestehenden Zwischenlagern die Entsorgung über die ausländischen Wiederaufarbeitungsanlagen - obwohl sie teurer ist, auch wenn durch die Dumping-Preise der Kostenunterschied geringer wird - zementieren würde. Er übersieht dabei zweierlei:

  1. Von der Anti-AKW-Bewegung wurde immer wieder klar gemacht, daß Atomtransporte nach La Hague und Sellafield ebenfalls abzulehnen sind. Versuche, auch diese zu behindern oder gar zu blockieren, hat es immer wieder gegeben (vgl. z.B. GWR 215), auch wenn sie bisher nicht den Mobilisierungseffekt des Gorlebenwiderstandes erreicht haben. Aber gerade
  2. die Mobilisierung gegen die Castor-Transporte nach Gorleben schafft die Basis und die Strukturen, die notwendig sind, auch andere Atomtransporte verstärkt in den Widerstand einzubeziehen. Die Anti-Castor-Gruppen, die sich landauf und landab gebildet haben, beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit den Gorleben-Transporten, sondern nehmen zunehmend auch die Transporte aus "ihren" umliegenden Atomkraftwerken oder entlang ihrer Strecke aufs Korn.

Während also Michael Sailer eine Gefahr richtig benennt - nämlich daß die Entsorgung im Ausland unbeachtet bleibt (was sie noch nicht einmal ist) - fehlt ihm der Einblick in die Funktionsweise sozialer Bewegungen. Die Alternative lautet nicht "Gorleben verhindern" oder "Wiederaufarbeitung im Ausland verhindern", sondern schlicht "über die Verhinderung von Gorleben die Voraussetzungen für die Verhinderung der Wiederaufarbeitung schaffen!"

Von Gorleben nach Sellafield

Daß nur so eine erfolgversprechende Strategie aussehen kann, zeigen die aktuellen Entwicklungen um das Zwischenlager Ahaus. Dort existiert eine Lagerhalle für abgebrannte Brennelemente für insgesamt 1 500 Tonnen radioaktives Schwermetall. Und dort wurden ebenfalls - gegen nur geringen Widerstand - bisher 305 Behälter mit abgebrannten Brennelementen aus Hamm-Uentrop eingelagert. Die Lagerung von weiteren abgebrannten Brennelementen aus anderen Reaktoren in Castor-Behältern ist ebenfalls genehmigt, für weitere Behältertypen und eine Erhöhung der Lagerkapazität auf 4 200 Tonnen ist die Genehmigung beantragt.

Seit den 70er Jahren wurden in der gesamten "Euregio", der Region um Ahaus, Gronau, Lingen und Almelo (Niederlande) eine ganze Reihe von Atomanlagen hochgezogen: die Urananreicherungsanlage in Gronau, ein Atomkraftwerk und eine Brennelementefabrik in Lingen, ebenfalls eine Urananreicherungsanlage in Almelo, und eben das Zwischenlager in Ahaus. Bisher gelang es nicht, einen starken Widerstand in der Region zu entwickeln, große Demonstrationen, geschweige denn massive Aktionen zivilen Ungehorsams oder gewaltfreie direkte Aktionen, fanden so gut wie nicht statt.

Erst im Rückenwind der Castor-Transporte nach Gorleben stießen die Gruppen in der Euregio in den letzten Jahren auf größere Resonanz. Gegen den für Herbst angekündigten Castor-Transport aus Neckarwestheim wird daher derzeit - mit Unterstützung aus dem Wendland - für einen "Tag X" in Ahaus mobilisiert, mit der begründeten Hoffnung, einen erheblichen Teil des durch Gorleben mobilisierten Potentials auch für Ahaus nutzbar zu machen.

Und nicht nur das Kölner Anti-Atom-Bündnis bemüht sich schon seit Jahren, ebenfalls motiviert durch die Castor-Auseinandersetzungen, Atomtransporte aus den norddeutschen Atomkraftwerken Brunsbüttel, Brokdorf, Krümmel, Stade und Esenshamm über die Rheinstrecke nach Frankreich und Großbritannien öffentlich zu machen und die Transporte zunächst zu beobachten oder aber auch zu behindern. Und auch das AKW Esenshamm an der Unterweser ist erst durch die Gorleben-Auseinandersetzungen wieder stärker ins Blickfeld der regionalen Gruppen um Oldenburg und Bremen geraten.

Diese Entwicklungen machen deutlich: die von Michael Sailer an die Wand gemalte Alternative existiert so nicht. Eine soziale Bewegung wie die Anti-AKW-Bewegung entzündet sich nun einmal nicht an der wissenschaftlichen Analyse - so bedauerlich das manchmal auch sein mag -, sondern entlang von Betroffenheit und Symbolen. Gorleben ist ein solches Symbol des Widerstandes, und dieses Symbol hat es möglich gemacht, daß sich um die Castor-Transporte eine Bewegung entwickelt hat, die erstmals seit Tschernobyl ernsthaft wieder das gesamte Atomprogramm in der BRD in Frage stellen kann.

Der Stärke dieser Bewegung ist es zu verdanken, daß überhaupt über massiven Widerstand gegen einen Castor-Transport nach Ahaus nachgedacht werden kann, ohne gleich als größenwahnsinnig verlacht zu werden. Und nur die Stärke dieser Bewegung wird es ermöglichen, auch das wirtschaftlich unattraktive Schlupfloch Plutoniumwirtschaft über direkten Widerstand gegen Transporte in die Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague, Sellafield und Dounreay zu stopfen.

Andreas Speck
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