Kriminalitäts-Rassismus
Schröder und die Renaissance der Law-and-Order-Wahlkämpfe
Von den Medien wird er hofiert, als kommender Kanzlerkandidat lanciert, von uns kann er nur gefürchtet werden: Gerhard Schröder, Ex-Juso, heutiger SPD-Rechter (sog. "Kanalarbeiter"), rücksichtsloser Standortpolitiker und rassistischer Populist. Insbesondere jüngste Äußerungen Schröders zur sogenannten "Ausländerkriminalität" lassen bereits eines der Hauptthemen kommender Wahlkämpfe erahnen. (Red.)
Wo Feindbilder rar gesät sind, erfinden Law-and-Order-PolitikerInnen neue. Denn zur Staatsräson gehört die Definition des inneren Feinds. Heute: der/die Kriminelle. Zum Auftakt der Landtags- und Bundestagswahlkämpfe wird zunehmende Gewaltkriminalität, besonders Jugendlicher, diagnostiziert. Die Lösung wird von den Law-and-Order-PolitikerInnen gleich mitgeliefert, ob sie nun Kanther oder Rupert Scholz heißen: mehr Polizei, mehr Knast für Jugendliche, Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters von 14 auf 12 Jahre - solch bieder-bürgerliche Law-and-Order-Politik brachte sogar die "Zeit" auf die Palme und sie mußte darauf hinweisen, daß Jugendliche im Knast erst zu VerbrecherInnen "erzogen" werden: "Über neunzig Prozent der vierzehn- und fünfzehnjährigen Strafgefangenen wurden nach ihrer Entlassung rückfällig - mehr als in jeder anderen Altersgruppe." (1)
Doch mit bürgerlich-humanistischem Gestus wird man/frau den Law-and-Order-PolitikerInnen nicht begegnen können, zumal der Schlimmste unter ihnen, Gerhard Schröder, gleichzeitig protegiert wird. Nachdem SPD-Mann Voscherau bereits im Mai ein bezeichnendes Vorspiel lieferte, als er in einem Interview sagte, straffällig gewordene "Ausländer" sollten gleich abgeschoben werden, anstatt hier "die Knäste zu verstopfen", gab Schröder erst so richtig eine Vorstellung davon, was uns im Falle künftiger SPD-Wahlsiege erwartet. Schröder hielt sich denn auch nicht lange bei den Jugendlichen auf, er zielte ins Zentrum des neuen Feindbildes: die sogenannte "Ausländerkriminalität".
Seit Monaten ist er im Gespräch, wird in der "Zeit" oder der "Woche" als zukünftiger SPD-Kanzlerkandidat gehandelt, in den Klatschspalten der Regenbogenpresse ist er aufgrund des "Rosenkrieges" mit Ehefrau Hillu permanent präsent. Und auch an den Stammtischen werden seine populistischen Äußerungen zur sogenannten "Ausländerkriminalität" zufrieden zur Kenntnis genommen. Schon vor geraumer Zeit hatte er in der Werften- und Waffenexportfrage den von ihm verkörperten Vorrang der Standortpolitik vor ökologischen und menschenrechtlichen Erwägungen eindrucksvoll bewiesen. Daraufhin nahm ihn auch VW-Chef Piëch mit zum Wiener Opernball. In den Energiekonsensgesprächen ist er seit Monaten zu einem Entsorgungskonsens mit CDU-Hardlinerin Merkel bereit.
Im beginnenden Wahlkampf bewährt sich die Medienpräsenz Schröders: es kommt nicht darauf an, was über seine Person diskutiert wird, sondern daß sie diskutiert wird. Die Grünen veröffentlichten Presseerklärungen gegen Schröders rassistischen Populismus und versprachen, mit ihnen an der rot-grünen Regierung werde es keinen Law-and-Order-Staat geben. Bis dahin nähren sie die Hoffnung auf den Regierungswechsel per Stimmzettel aus genau der Arbeitsteilung, die sie scheinheilig kritisieren: Schröder schröpft die sogenannte politische "Mitte" und den rechten Rand und sie halten ihr Klientel oder weiten es zur Mitte hin aus. Daß Schröder schon einmal die Grünen nur benutzt hat, um sich selbst die ganze Macht in Niedersachsen zuzuschanzen, ist ihnen keine kritische Aufarbeitung und schon gar keine politische Konsequenz wert.
Schröders Kriminalitätsrassismus
Bereits bei den Bundestagswahlen 1994 und verschiedenen Landtagswahlen war das Schüren unbestimmter Ängste vor sogenannter "Ausländerkriminalität" neben der Arbeitslosigkeit Hauptwahlkampfthema. Auch die SPD, allen voran Spöri und Voscherau, haben sich opportunistisch an den Karren drangehängt. Genutzt hat es der SPD nichts: bei der Bundestagswahl verfehlte sie den Wechsel, bei der baden-württembergischen Landtagswahl begünstigte Spöris Ansinnen, besser sein zu wollen als die rassistischen Originale, gar den freien Fall der SPD. Verschiedene Aussagen Schröders Mitte Juli 97 und in jüngster Zeit kündigen bereits an, daß das Thema trotzdem bei der nächsten Bundestagswahl wieder sozialdemokratisch besetzt sein wird. Ein neuer Rassismus von oben wird propagiert, der Rassismus, Nationalismus und Anschlagsrechtsextremismus von unten nur befördern kann. Schöne Aussichten also für alle antirassistischen und antifaschistischen Initiativen! Immerhin wird mit einem Kanzlerkandidat Schröder der immer wieder müßigen Frage in Vorwahlkampfzeiten, ob ein SPD-Kanzler nicht doch den qualitativen Unterschied zur CDU-geführten Regierung ausmache, von libertärer Seite aus leichter zu begegnen sein.In Sachen "Ausländerkriminalität" hat Schröder jedenfalls diesen Sommer schon mal Innenminister Kanther rechts überholt - und letzterer hat ja nun auch nicht gerade den Ruf des Linksextremen. Mitte Juli hatte Schröder in Bild am Sonntag seine Partei aufgefordert, "Innere Sicherheit" wieder zu einem wichtigen Thema zu machen, zu lange sei über die Ursachen und nicht über die Bekämpfung von Kriminalität diskutiert worden. Daß für Schröder Kriminelle und Menschen ohne deutschen Paß ein und dasselbe sind, bewies er dann unnachahmlich im Gestus des zupackenden Politikers: "Wer unser Gastrecht mißbraucht, für den gibt es nur eins: Raus, und zwar schnell!" Schröder weiter, einmal in Fahrt: "Beim organisierten Autodiebstahl sind Polen nun mal besonders aktiv, das Geschäft mit der Prostitution wird dominiert von der Russenmafia, Drogenkriminelle kommen besonders häufig aus Südosteuropa und Schwarzafrika." Verurteilte Sexualstraftäter seien, so Schröder, "nicht mehr therapierbar, auch wenn Psychiater etwas anderes sagen." Deshalb fordert er, "selbst wenn mich manche für reaktionär halten: im Zweifelsfall in geschlossene Anstalten wegschließen." (2) Man/frau sollte ihn nicht nur für reaktionär halten, er ist reaktionär. Wie wenig bei diesem eindimensionalen Politikertypus die Protestnoten der Grünen bewirken, bewies Schröder dann noch einmal Ende August, als er erklärte, den Druck auf "Entwicklungsländer" erhöhen zu wollen, um eine schnellere Abschiebung "ausländischer Krimineller" zu erleichtern. So sollten Finanzhilfen von deren behördlicher Mitarbeit bei Abschiebungen abhängig gemacht werden. Als wenn die bereits bekannt gewordenen skandalösen Pläne zur Beteiligung algerischer Polizeieinheiten bei der Abschiebung algerischer Flüchtlinge noch nicht reichen würden...
Schröder als Inbegriff des Law-and-Order-Politikers
Am Werdegang Schröders könnte einmal der durchschlagende Erfolg der SPD-Jugendorganisation "Jungsozialisten" - der sogenannten parteiinternen Opposition, in Wirklichkeit der Kaderschmiede des parteiinternen Opportunismus - erforscht werden, was hier aus Platzgründen unterbleiben muß. Ex-Juso-Vorsitzender Schröder ist heute jedenfalls ein eiskalter Macht- und Law-and-Order-Politiker nach dem Typus Helmut Schmidt, wie ihn die SPD im Dutzend hervorbringt.Hervorstechendstes Merkmal dieser üblicherweise arroganten und hochnäsigen Politikaster, die sich beständig für was Besseres als auch nur den Rest der ParteisoldatInnen halten, ist die Verdrängung jedweder gesellschaftlicher Ursachen von Problemen und ihre in der "Macher"pose zur Schau gestellte "Lösung" durch mehr Polizei und Repression. Noch heute räkelt sich Helmut Schmidt behaglich im Sessel, wenn er darüber sinniert, wie er in den 70er Jahren dem "Terrorismusproblem" durch Staatsraison, Kontaktsperregesetz, Isolationshaft, GSG 9 und Kronzeugenregelung "Herr" geworden ist.
Anstelle des Blicks auf eine ungerechte, herrschaftlich strukturierte Gesellschaft, die zum Beispiel das Problem der Kriminalität auf immer neuem Niveau reproduziert, rekurriert der Typus des "Law-and-Order"-Politikers auf eine quasi biologistische menschliche Destruktivität. "Die Gewalttäter sind einfach da und müssen beseitigt werden," schreiben Jünschke/Meertens zum Law-and-Order-Staat in ihrem Buch "Risikofaktor Innere Sicherheit" (3) und vergleichen diesen Politikertypus mit Wild-West-Filmen, in denen ein vom Gesetz beauftragter "Guter" mit den "Bösen", die dort auch einfach da sind, aufräumt. Dabei darf sich der "Gesetzeshüter" wie selbstverständlich auch ungesetzlicher Mittel bedienen. Dieses Verständnis von "Recht" kommt dem ziemlich nahe, was der gewaltlose Anarchist Leo Tolstoi unter Recht verstand und so formulierte:
