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224 dezember 1997
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>> 224 dezember 1997

Krümmel: Mal richtig abschalten...

Camp, Demonstrationen und Aktionen in Krümmel und Geesthacht

Obwohl die Atomlobby scheinbar den kältesten Novemberanfang seit anno da zumal bestellt hatte, war das Castorwiderstandscamp in Krümmel gut besucht. Am Freitag, drei Tage vor dem Transporttermin, wurden sechs Hundertschaften der Polizei, mit zugehörigem Gerät, im Landkreis Lauenburg zusammengezogen um diesen Atommülltransport notfalls mit allen Mitteln durchzusetzen. Ebenfalls ab Freitag begann sich im Widerstandscamp von Geesthacht, organisiert von Mal richtig abschalten, eine Hundertschaft unterschiedlichster RebellInnen im Camp zu sammeln, um Grüppchen zu bilden und zu planen, wie das strahlende Übel zurückzuhalten sei.

Tags darauf, am Samstagvormittag, wurde bekannt, daß der Polizei durch ein Versammlungsverbot repressive Handlungsspielräume ermöglicht wurden. Ähnlich wie zu den Castortransporten ins Zwischenlager Gorleben wurde von dem Kreisordnungsamt Lauenburg über mehrere Tage ein Versammlungsverbot an den Schienen zwischen dem AKW und der Stadtgrenze Hamburgs ausgesprochen. Dadurch konnte die Polizei jede Gruppe von mehr als drei Personen kontrollieren und unter Umständen sogar langfristig in Gewahrsam nehmen. Dies ist auch mehrfach am Wochenende passiert. Beispielsweise wurde ein Mitglied der örtlichen BI Montag mittag unter dem Scheinargument der Gefahrenabwehr über mehrere Stunden der Freiheit beraubt.

Der Versuch, sofort gegen diesen Bescheid Widerspruch einzulegen, scheiterte daran, daß der zuständige Vertreter der Kreisordnungsbehörde nur "zu Geschäftszeiten" bereit war, einen Widerspruch entgegenzunehmen. Per Eilantrag wurde dann beim Verwaltungsgericht in Schleswig die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs gefordert, was jedoch abgelehnt wurde. Mal richtig abschalten prüft die rechtlichen Möglichkeiten, gegen diesen Bescheid vorzugehen. In Gorleben wurden derartige Versammlungsverbote vom Gericht als rechtswidrig erklärt.

Das Versammlungsverbot konnte den Anti-Atom-Widerstand jedoch nicht einschüchtern,. Dies zeigte sich bei einem Schienenspaziergang am Samstag, bei dem vereinzelt mit Abrißarbeiten, die der Stilllegung des Castorgleises dienen sollten, begonnen wurde. Schon hier wurden die ersten Platzverweise ausgesprochen. Auch die geplante Aktion für den Sonntag, einen Prellbock in der Innenstadt von Geesthacht zu bauen und diesen auf dem Castorgleis abzustellen, wurde durch das Versammlungsverbot ungeplanterweise zu einer Aktion Zivilen Ungehorsams. Neben den geschilderten Aktionen diente das Wochenende auch der Vorbereitung der geplanten Castor-Blockade: ein gewaltfreies Aktionstraining wurde durchgeführt.

Gegen 5 Uhr Dienstag Morgen war es dann soweit: kurz vor Sonnenaufgang wurde im AKW mit Verladearbeiten begonnen. Ein Beobachtungsposten bestätigte die Vermutung, daß es mit dem Transport losgehen sollte, und der größte Teil des Camps machte sich enschlossen auf den Weg in Richtung Castorgleis. Ungefähr 60 Personen besetzten die Schienen. Zwei gingen los, um die Lok zu warnen und die hektisch gewordene Polizei wurde beruhigt. So langsam trafen auch die ersten Kamerateams ein und die Lok fuhr zu guter letzt auch noch vor die Sitzblockade heran. In den nächsten 10 bis 20 Minuten zeigte sich die personelle und technische Übermacht der Polizei. Einige Stichpunkte, die die Situation deutlich machen sollen: 57 Sitzblockierende, 3 Kamerateams, 6 Pressephotographen, ungefähr 200 PolizistInnen in den unterschiedlichsten Kampfanzügen, ein 20 Meter Teleskopbeleuchtungsmast der Polizei, 2 Wasserwerfer und ein Räumpanzer im Hintergrund, ein Gefängnisbus, unzählige Polizeibullis, .... . Nach ungefähr einer Stunde wurden die BlockiererInnen recht brutal vom Eutiner Einsatzkommando von den Schienen auf die Straße geschleift. Auf der Straße wurden alle eingekesselt. Trotzdem schaffte es Rampenplan tatsächlich, heißen Kaffee und Tee bis in den Kessel zu bringen. Ab dann begann die Zeit des Wartens und der Schikanen. Alle wurden durchsucht, in Gefängniswagen und Bullis verfrachtet. Schließlich eine Fahrt in die 40 km entfernte BGS Kaserne in Ratzeburg. Stundenlang war unklar, wie es weitergeht. Das Prozedere dauerte bis in den späten Nachmittag, bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Castortransport die Landesgrenze von Schleswig Holstein überquert hatte und dadurch der Grund des "Sicherheitsgewahrsams" seine Berechtigung verloren hatte.

Dieser Castortransport von Krümmel nach Sellafield konnte nur unter massivem Einsatz von Polizei und BGS durchgesetzt werden. Der Preis für diesen Transport war nicht nur finanziell, sondern auch politisch für die Betreiberfirma und die staatlichen Institutionen sehr hoch.

Graswurzelgruppe Kiel
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