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Gemeinsam den Frieden wählen!

Die 22. WRI-Dreijahreskonferenz findet im September in Kroatien statt / Internationale Diskussionen um Gewaltfreiheit und Antimilitarismus

Choosing Peace Together - Gemeinsam den Frieden wählen - ist die 22. WRI-Dreijahreskonferenz überschrieben. Die Vorbereitungen für dieses internationale Treffen von etwa 300 AntimilitaristInnen und gewaltfreien AktivistInnen laufen derzeit auf Hochtouren. Im Laufe des Jahres werden wir verstärkt über die vorbereitenden Diskussionen zur Dreijahreskonferenz berichten. (Red.)

Das Konferenzmotto "Choosing Peace Together" ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen in Ex-Jugoslawien durchaus programmatisch gemeint - gleichzeitig auch doppeldeutig, was im deutschen leider untergeht. "Choosing" - wählen, sich für etwas entscheiden; der Frieden des Dayton-Abkommens ist genau das Gegenteil eines Friedens, der gewählt wurde. Es ist ein militärisch aufgezwungener Frieden, der zum einen immer wieder brüchig ist, zum anderen letztendlich die blutigen Machtspiele der NationalistInnen aller Seiten belohnt hat (vgl. GWR 204).

Ob das, was da durch Dayton vereinbart wurde, wirklich im positiven Sinne als "Frieden" bezeichnet werden kann, ist ebenfalls zweifelhaft, wenn unter Frieden mehr verstanden wird, als die bloße Abwesenheit von Krieg. Als Minimaldefinition könnte man darunter einen Zustand verstehen, in dem Menschen ihr Leben so führen können, wie sie es wollen, und mit der Sicherheit, daß ihre Rechte respektiert werden. Ein so verstandener Frieden ist in Ex-Jugoslawien wohl kaum zu sehen und läßt sich auch militärisch nicht schaffen.

Und ein "gemeinsamer" Friede? Die Situation auf dem Balkan ist gekennzeichnet durch die Trennung nach ethnischen Ideologien. Ein gemeinsamer Friede ist das nicht, weder gibt es Gemeinsamkeit quer zu den ethnisch-ideologischen Denkmustern, noch wurde dieser Friede gemeinsam gewählt.

Das Konferenzmotto "Choosing Peace Together" umreißt sehr passend viele der Fragen, die die Situation (nicht nur) auf dem Balkan kennzeichnen und Thema des Treffens sein werden. Doch es geht natürlich nicht nur um den Balkan, sondern um allgemeinere Fragestellungen, die aber häufig z.B. an der Situation auf dem Balkan veranschaulicht werden können.

Nicht nur die WRI, sondern vor allem auch die Antikriegskampagne Kroation (ARK), die vor Ort die Konferenz organisiert, erhoffen sich viel von dieser Tagung. Kroatien ist ein Land, daß schwer unter den Folgen des Krieges zu leiden hat - nicht nur ökonomisch, sondern vor allem gesellschaftlich. Das Klima ist extrem nationalistisch und militaristisch, Behinderungen und Benachteiligungen der im Land verbliebenen serbischen Minderheit sind an der Tagesordnung. Dazu kommen die Probleme durch zurückkehrende bzw. zwangsrückgeführte Flüchtlinge.

Hat die Erfahrung des Krieges schon allgemein das Gewaltniveau in der Gesellschaft erhöht, so gilt das mehr noch für Gewalt gegen Frauen. Damit verbunden ist ebenfalls eine Stärkung patriarchaler Denkmuster und Rollenzuschreibungen (vgl. z.B. zur Situation von Lesben in GWR 220), gerade unter dem Einfluß von Staat und Kirche.

In einem solchen gesellschaftlichen Klima zu agieren, war und ist für die KriegsgegnerInnen nicht einfach, aber umso dringender notwendig. Durch die WRI-Triennale erhofft sich die Antikriegskampagne Kroatien auch eine Stärkung der eigenen Arbeit im Land, und eine bessere öffentliche Wahrnehmung dieser Arbeit in Zeiten abnehmenden internationalen Interesses am Balkan.

Themen:

Das Konferenzprogramm ist gegliedert in Plena (abends), Themengruppen (täglich vormittags) und Workshops (nachmittags). Nachfolgend ein kurzer Überblick über Plena und Themengruppen:

  • Choosing Peace Together: Die öffentliche Eröffnung der Konferenz wird das Podium freigeben für Vesna Terselic, Koordinatorin der Antikriegskampagne Zagreb. Greg Payton, ein US- Vietnamkriegsveteran, wurde aufgrund der Kriegserfahrung zum Alkoholiker und Medikamentensüchtigen: mit so vielen Veteranen in der Region wird es viele Menschen geben, die ebenfalls durch den Krieg traumatisiert wurden, und die wie Greg Payton durch Antikriegsarbeit ihr Gleichgewicht wiederfinden könnten. Maulana Faried Esack aus Südafrika ist ein muslimischer Imam, dessen Rolle in den 80er Jahren es war, kontinuierlich zu versuchen, den Horizont des Kampfes gegen die Apartheid zu erweitern und darauf zu bestehen, daß das Nach-Apartheids- Südafrika nicht nur nicht-rassistisch und demokratisch, sondern auch nicht-sexistisch und atomwaffenfrei sein sollte. Kaum vorstellbar, daß ein Imam für die Rechte von Schwulen und Lesben Kampagnen durchführt und Salman Rushdie's Satanische Verse verteidigt! Im Hinblick auf die Erfahrungen des Nach-Apartheid-Südafrikas (vgl. z.B. GWR 200), im Hinblick auf die kroatische Feindlichkeit gegenüber MuslimInnen, und unter Berücksichtung seiner Positionen, ist Maulana Faried Esack ideal für die Eröffnungssitzung.

  • Gerechtigkeit nach Krieg und Diktatur: Roberta Bacic aus Chile und zukünftige Mitarbeiterin im WRI-Büro in London organisiert dieses Plenum, das die Frage thematisiert, wie mit Verbrechen, die von Diktaturen verbrochen werden oder in einem Krieg verübt werden, umgegangen werden soll. In den 80er Jahren war Roberta Bacic eine der Anti-Folter-Aktivistinnen in Chile, die an Blitzdemonstrationen teilgenommen haben. Sie führte Workshops durch, bei denen es um die Kontrolle der eigenen Ängste ging. Dachte sie ursprünglich, sie könne sich einer Einladung zur Mitarbeit in der Regierungskomission für Versöhnung und Wiedergutmachung nicht verweigern, so hat sie jetzt eine ausführliche Kritik dieses Prozesses in Chile geschrieben und angefangen, Konferenzen zu organisieren, um Alternativen zu entwickeln.

  • Der Tod der Konfliktlösung: Ausgehend von einer Kritik der "Konflikt- Management-Industrie" und professioneller Nichtregierungsorganisationen, die in Kriegsgebieten vom Horn von Afrika bis zum Transkaukasus arbeiten, wird dieses Plenum einen alternativen Ansatz der Konflikttransformation, der auf allgemeiner Stärkung der Menschen basiert, fördern.

  • Männer-Themen, Frauen-Themen: Der gesamte Dienstag ist "gender day" ("Tag des sozialen Geschlechtes"), und jedes Thema wird unter dem Blickwinkel der Geschlechterverhältnisse diskutiert. Das Podium besteht aus einer Gruppe von KonferenzteilnehmerInnen aus der ganzen Welt, die die Diskussionen des Tages reflektieren und in den Zusammenhang mit der Diskussion um Geschlechterverhältnisse stellen werden.

  • Zivile Aktionen für Frieden: Die Abschlußsitzung: einige KonferenzteilnehmerInnen werden spezielle Bereiche ihrer eigenen Arbeit herausstellen. Bisher geplant sind Beiträge von den Frauen in Schwarz, Belgrad, Izmir Savas Karsitlari Dernegi, Türkei, Tschetschenien, ein/e VertreterIn der lateinamerikanischer Kriegsdienstverweigerungsbewegung, und eine gewaltfreie Gruppe aus dem Libanon.

Themengruppen: Jeden Vormittag werden sich die TeilnehmerInnen der Konferenz in Themengruppen aufteilen, die sich über den gesamten Konferenzzeitraum treffen, um an einem Thema zu arbeiten. Das gibt die Möglichkeit, das Thema ausführlich zu entwickeln, und über fünf Sitzungen Erfahrungen auszutauschen und Strategien zu entwickeln:

  • Gewaltfreiheit und 'Social Empowerment' geleitet von Howard Clark, Madrid, und Vesna Teršelic, Kroatien: Gewaltfreie Aktion ist eine Übung zu handeln, "für die Macht, etwas zu tun" (im Gegensatz von "Macht über..."), auf der persönlichen Ebene, auf der Ebene der Gruppe und der Gesellschaft als ganzes - nicht durch einen Wechsel des Herrschenden, sondern durch eine Veränderung des sozialen Beziehungen.

  • Rekonstruktion und Demokratisierung, geleitet von Jørgen Johansen, Schweden/Norwegen, und Vanja Nikolic, Kroatien: Internationale Vereinbarungen decken einen Konflikt nur zu. Diese Gruppe wird die Basisarbeit für Wiederaufbau untersuchen, die oft etwas schafft, was es vorher nie gegeben hat. Darin eingeschlossen sind Fragen wie Straffreiheit, das an die Öffentlichkeit bringen der Verbrechen eines Krieges oder eines Regimes, und der Suche nach einer gerechten Basis für einen zukünftigen Frieden.

  • Identität und Konflikt; geleitet von Maggie Helwig, Kanada, und Biljana Kasic, Kroatien: 'Identität' beinhaltet viele Aspekte - Ethnizität, Geschlecht, soziale Schicht, Religion, usw. - und darin sind Aspekte eingeschlossen, die miteinander in Konflikt liegen können. Diese Gruppe wird der Frage nachgehen, wie verschiedene Aspekte von Identität einen Konflikt befördern können, und im weiteren Verlauf versuchen, Strategien gegen das Anwachsen des Fundamentalismus und für die Erhaltung von Differenz zu entwickeln.

  • Friedensaktion und die Modernisierung des Militärs; geleitet von Rafa Ajangiz, Baskenland, und Stasha Zajovic, Serbien: Die NATO hat eine neue Aufgabe gefunden, die Armeen machen sich fit für schnelles Eingreifen und Interventionen, und auch die Staaten, die an der Wehrpflicht festhalten, stärken den professionellen Kern der Armee. Wie agieren verschiedene Friedensgruppen hinsichtlich dieser Entwicklungen?

  • Basisökonomie in Zeiten der Globalisierung; geleitet von Marko Hren, Slowenien, und einer weiteren Person, über die noch nicht entschieden ist: diese Themengruppe wird verschiedene Ansätze einer alternativen Ökonomie - selbstverwaltete Betriebe, Subsistenzwirtschaft, Tauschringe, usw. - in verschiedenen Teilen der Welt beleuchten und der Frage nachgehen, welchen Beitrag diese Ansätze zum Aufbau einer friedlicheren Welt leisten können.

  • Ziviler Ungehorsam und Aktionen für die Umwelt; LeiterInnen noch nicht entschieden: In zahlreichen Bewegungen für Umweltschutz spielen gewaltfreie Aktionen und Ziviler Ungehorsam eine wichtige Rolle (vgl. den Artikel zu Norwegen in dieser GWR). Diese Gruppe wird Erfahrungen zusammentragen und die Rolle des Zivilen Ungehorsams in Umweltbewegungen beleuchten.

  • Basisbewegungen und Friedensprozesse; geleitet von Rafa Sainz de Rozas, Baskenland, und einer weiteren Person, über die noch nicht entschieden ist: Friedensprozesse in verschiedenen Regionen - Baskenland, Nordirland, der Mittlere Osten - sollen miteinander verglichen werden und die Arbeit von Basisgruppen in diesen Konflikten, ihre Perspektiven und Dilemmata, untersucht werden.

Gender Day

Der sogenannte "Gender Day" ist ein absolutes Novum für eine gemischtgeschlechtliche Konferenz. Hinter dem gender day verbirgt sich, daß an diesem Tag alle Themen unter dem Blickwinkel der Geschlechterverhältnisse behandelt werden. Was sind die unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen und Männer? Wie spiegelt sich männliche Dominanz darin wieder? - mit diesen Leitfragen werden die unterschiedlichen Themengruppen "ihr" Thema - z.B. Gewaltfreiheit und 'social empowerment' oder 'Identität und Konflikt' - diskutieren.

Durch diese Herangehensweise soll das Thema Geschlechterverhältnisse aus dem 'Ghetto' der speziell an diesem Thema interessierten Kreise herausgeholt und in den Zusammenhang der allgemeinen Diskussion gestellt werden. Damit wird - hoffentlich - deutlich, daß patriarchale Strukturen kein 'Nischenthema' sind, sondern daß diese allgegenwärtig spürbar und daher auch zu thematisieren sind - selbst dann, wenn das Thema auf den ersten Blick nichts damit zu tun haben mag.

Der Weg zur Dreijahreskonferenz

Noch sind es neun Monate bis zur Triennale, die vom 19.-24. September in kroatischen Porec an der Adriaküste stattfinden wird. Damit die Konferenz ein Erfolg werden kann, ist die WRI aber auf tatkräftige Unterstützung angewiesen:

  • Der Termin im September ist leider etwas ungünstig, ein anderer Termin war aber aus Kostengründen nicht möglich. Daher ist es notwendig, die Teilnahme frühzeitig zu planen (wahrscheinlich wird die Konferenz als Bildungsurlaub anerkannt), und sich ebenso frühzeitig bei der WRI dafür anzumelden.

  • Werbung! - Es ist bitter notwendig, daß die Dreijahreskonferenz möglichst breit bekannt gemacht wird, und das gerade nicht nur bei Menschen, die zu Ex-Jugoslawien arbeiten oder bereits in der WRI aktiv sind. Gerade eine Dreijahreskonferenz ist keine interne WRI-Veranstaltung, sondern ein offenes Forum für alle an Gewaltfreiheit und Antimilitarismus Interessierten. Die Themenliste macht deutlich, daß die Diskussionen innerhalb der WRI weit über klassischen Antimilitarismus hinausreichen, und auch das hat in der WRI nicht erst seit der Diskussion über gewaltfreie Revolution in den 70er Jahren Tradition. Faltblätter (deutsch) und Plakate (englisch/kroatisch) sind ab Anfang 98 erhältlich.

  • Geld! Der schnöde Mammon ist leider auch die Schwachstelle der Dreijahreskonferenz. Geld ist dringend erforderlich, um die Konferenz zu organisieren, um Menschen aus ärmeren Ländern die Teilnahme zu ermöglichen, und und und. Größere und kleinere Geldbeträge sind daher gerne gesehen (steuerabzugsfähig!).

Andreas Speck
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