Im Familienalbum gibt es ein Foto von meinem Vater, wie er als
Jungingenieur bei Krupp Reza Pahlewi, den Schah von Persien, durch
den Betrieb führt. Vermutlich um ihm das Aktienpaket schmackhaft
zu machen, das der iranische Staat auch heute noch an Krupp hält.
Als der Schah einige Jahre später, Ende Mai/Anfang Juni
1967 die BRD besucht, tritt der Prozeß offen zu Tage, den
Agnoli/ Brückner als die "Transformation der Demokratie"
beschrieben haben. Bekanntlich wird auf der Gegendemonstration
vor der Berliner Oper der Student Benno Ohnesorg erschossen.
Es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die pünktlich
zum Jahrestag der Revolte von 1968 solche historischen Einschnitte
mit jenen persönlichen Ausschnitten aus den Fotoalben und
Tagebüchern kombinieren und zur Nostalgieproduktion anbieten.
Zwei davon, die zumindest dem Anspruch der Autoren nach auch noch
zu anderem taugen sollen, seien hier vorgestellt. Was insbesondere
die bei Edition Nautilus erschienene Sammlung von Berichten und
Dokumenten zum Jubiläumsdatum und das Buch des mexikanischen
Autors Paco Ignacio Taibo II meines Erachtens lesenswert macht,
ist zweierlei: Zum einen die fröhliche Unverbesserlichkeit,
mit denen die beiden Herausgeber die Aktualität von 68 behaupten
und mit der sie das - nennen wir es ein weiteres mal - "Gespenst
der Freiheit" lebendig halten wollen. Um sich ein Bild machen
zu können, wie an den verschiedensten Orten der Welt der
große Spuk des Aufbruchs beflügelt wurde, bieten -
zweitens - beide einige schöne und tiefere Ansichten.
"Rebellion ist gerechtfertigt"
Daß Rebellion gerechtfertigt sei, ist die Botschaft,
die Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg bei seiner Zusammenstellung
in erster Linie rüberbringen will. Aus den vier Jahren von
1966 bis 1969 hat er Texte zusammengestellt, die zusammen einen
Werkzeugkasten für eine "revolutionäre Perspektive" bestücken
sollen. Auch wenn Pamphlete, Flugblätter und Analysen von allen
möglichen Orten der weltweiten Revolte hier versammelt sind,
am zugänglichsten sind doch die, mit denen mensch vorher schon
etwas verbindet. Daran zeigt sich gleich zu Beginn der Leseerfahrung
eine schwäche der Kompilation, die als Stärke ausgegeben
wird: Um sich einer Bewertung der verschiedenen Strömungen
zu enthalten, verzichtet Schulenburg vollständig auf die Kommentierung
der ausgesuchten Texte. Das macht die Einordnung nicht gerade leichter,
und nimmt dem Abgedruckten sogar teils die Sprengkraft. Ohne einen
Einblick in die politische Praxis der Black Panther Party beispielsweise,
wirkt die feierliche Erklärung zu deren Frühstücksprogramm
schon fast lächerlich. Oder warum streiken französische
Fußballer und italienische FIAT-Arbeiter und was haben sie
gemeinsam und was nicht? Gefüllt mit Dingen, die sicherlich
irgendwie nützlich sind, ist das Buch in dieser Beziehung zu
sehr Werkzeugkasten: Gezieltes, lösungsorientiertes Drin-Rumkramen
ist so gut wie aussichtslos. Eine wahre Fundgrube allerdings ist
die Sammlung für Wiedererkennungen. Aufschlußreich und
wirklich lustig zu lesen sind zum Beispiel die hier dokumentierten
"Angaben zur Person". Was von Rainer Langhans/ Fritz Teufel einerseits
und Hans Jürgen Krahl auf der anderen Seite da zu Gerichtsprotokoll
gegeben wurde, ist so symptomatisch für die zwei Stränge
der Revolte in Deutschland. Idealtypisch vertreten durch Kommune
1 bzw. SDS, bleibt die "rebellische Subjektivität" (Marcuse)
auf der einen Seite ebenso historische Position wie die Rede von
der "antiautoritären Phase" auf der anderen. Sie beide gehören
dem großen Scheitern an, dem sie mit dieser Veröffentlichung
noch einmal abgetrotzt werden sollen. Was wir nun aber damit anfangen,
ist die große Frage. Denn nichts wird klarer bei der Lektüre,
als daß wir heute in einer völlig anderen Zeit leben.
Und ob Geschichtsbücher als Schlüssel für heutige
Kämpfe und intellektuelle Abwehrschlachten von Nutzen sein
können, wird sich wie immer zeigen. Als Pool von Möglichkeiten
eines antikapitalistisch veränderten Lebens taugt das symbolische
1968 allemal, und das auch ganz handfest: Ohne 68 kein Neoanarchismus,
keine neue feministische Bewegung, keine Gegen- oder autonomen Medien,
keine graswurzelrevolution (und nichts von dem, was daran hing und
hängt).
"Bulldozerschaufelweise Sehnsucht" häuft Mythen an
Vor dem großen Scheitern war natürlich diese
großartige Zeit, kulturrevolutionär bis in die letzten
Artikulationsformen, von dem beide Bücher einen Eindruck vermitteln
wollen. Oder war '68 doch nur einer dieser krisenausbügelnden
Modernisierungsschübe?
Aus dem Dilemma der Entscheidungsfähigkeit eine Tugend
zu machen, geht zum Beispiel ganz gut damit, die Grenze zwischen
Realität und Fiktion zu einer "künstlichen" zu erklären.
Um sich dann in wagemutigen Überschreitungen zu üben,
und einfach drauf los zu erzählen. Von dem Entschluß
beispielsweise, nie wieder Hesse zu lesen, von Schreibmaschinenfarbbändern,
die, weil sie schwarz-rot waren, um Institutsmauern gewickelt
wurden. Und von tausend liebenswerten Kleinigkeiten, die Notizbücher
und Erinnerungen der historischen Niederlage abgeluchst haben.
Paco Ignacio Taibos Buch besteht aus zwei Teilen, einem Erfahrungsbericht
und einem Roman.
Man muß schon, wie Paco Ignacio Taibo II, MexikanerIn
sein (oder französisch, keinesfalls deutsch), um bei all
dem zu resümieren, die StudentInnenbewegung bedeutete vor
allem "das Zurückgeworfensein einer Studentengeneration in
ihre eigene Gesellschaft". In Mexiko hatte es auch keinen Holocaust
gegeben, der die sogenannte Rückeroberung einer nationalen
Geschichte von vornherein zu dem Antirevolutionären schlechthin
hätte machen können. Der Völkermord an den UreinwohnerInnen
zählt nicht zur Geschichte der mexikanischen Nation. Er gehört
zumindest nominell als mahnender, kollektiver Schmerz zur Kolonialgeschichte.
Die These von 1968 als einem globalen Generationenkonflikt zerfällt
hier an den Tatsachen: Der Abgrenzung von der Generation der Väter
in Deutschland steht krass die Aneignung des Vaterlandes in Mexiko
entgegen.
Als das mexikanische Militär im Vorfeld der Olympischen
Spiele über 400 StudentInnen nach 123 bewegten Tagen auf
dem 'Platz der drei Kulturen´ massakriert, endet auch Taibos spannender
Erfahrungsbericht. Was dann kommt, ist die blutige Rache und doch
nur ein kurzer Roman mit dem Untertitel "Handbuch zur Eroberung
der Macht": Zum Glück kehrten die kenyanischen Mau-Mau-Krieger
früh genug von ihrem Touri-Trip aus Teotihuacan zurück.
So konnte Nestor doch noch den Umsturz mit den anderen gerufenen
Helden organisieren. Mit von der Partie sind allerlei jugendgeliebte
Mannsbilder, von Sandokan bis Winnetou, Sherlock Holmes an der
Seite von Wyatt Earp und Doc Holliday. Wir werden ZeugInnen ihrer
Anreise nach Mexiko-Stadt, und bekommen währenddessen anhand
von Briefen dokumentiert, wie es zu Nestors Hilferuf kam. Das
mexikanische 1968 ist auch und, je weiter fortgeschritten die
Jahreszeit, vor allem eine Repressionsgeschichte. Für so
ein Handbuch läßt sich natürlich auch die Macht
nicht ohne den König denken, wie Foucault anriet. Daß
der Hund von Baskerville (oder einer seiner Nachfahren) dem Präsidenten
gezielt an den Hals fällt, nützt insofern also gar nichts.
Schafft aber den Geschlagenen außer Genugtuung auch den
Freiraum, zurückzukehren. In die verlorene Geschichte, die
Geschichte als den von der regierenden "Partei der institutionalisierten
Revolution" besetzten Ort. Was die Texte vom "Aktionsrat zur Befreiung
der Frau" aus Schulenburgs Lesebuch und Taibos Mythologisierungen
gemeinsam vermitteln können, ist jedenfalls der Ansatz einer
emanzipatorischen Kritik, die aus der Veränderung des Lebens
entwickelt wird.
Johannes von Hösel
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