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239 mai 1999
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stern / zerbrochenes gewehr
stoppt den krieg!
>> 239 mai 1999

Alternativen zum Krieg - wie soll das Morden enden?

Diese Frage wird Gewaltfreien und AntimilitaristInnen oft zuerst gestellt. Sie ist angesichts der gegenwärtigen Dimension der Vertreibungspolitik legitim, wenngleich zuerst daran erinnert werden muß, daß auch die Bundeswehr- und NATO-Bomben morden.

Antimilitaristische Solidaritätsarbeit mit nichtnationalistischen Oppositionsgruppen wie den "Frauen in Schwarz" und für DeserteurInnen im innerjugoslawischen Bürgerkrieg war noch nie interessegeleitet oder identisch mit Regierungspolitiken der BRD an einer unterwürfigen Politik Belgrads. Deswegen wird in den BRD-Medien über die Antikriegsbewegung in Jugoslawien auch nicht berichtet.

Dies vorausgeschickt, soll daran erinnert werden, wie denn der Bosnien-Krieg 1995 endete und zur Vereinbarung von Dayton führte. Auch damals gab es zunächst "ethnische Säuberungen" durch serbische Milizen. Durch massive Aufrüstung Bosniens und die Unterstützung der kroatischen Militäroffensive in der Krajina (Knin) durch NATO-Flugzeuge allerdings wendete sich das Blatt. Ergebnis war die "ethnische Säuberung" von ca. 200.000 SerbInnen aus der Krajina durch KroatInnen, wofür diese allerdings von der NATO keineswegs bombardiert wurden. Dayton galt dann in den westlichen Medien als Sieg des militärischen Eingreifens.

Aber genau diese Darstellung ist falsch. Am Ende des Bosnien-Krieges gab es nämlich eine Kriegsmüdigkeit in der jugoslawischen Bevölkerung. Die Anzahl der Deserteure und Kriegsdienstverweigerer auf Seiten der jugoslawischen Armee war seit Kriegsbeginn auf 300.000 angewachsen. Deshalb beteiligte sich die jugoslawische Armee offiziell nicht mehr an den Kämpfen. Schließlich bekamen auch die inoffiziellen serbischen Milizen in der serbischen Republik Bosniens und in Knin massive Rekrutierungsprobleme. Ab dem 11. Juni 1995 fanden in Belgrad, im sonstigen Serbien und in der Vojvodina Zwangsrekrutierungen statt. Cafés wurden umstellt, Straßen abgeriegelt, um alle wehrfähigen Männer zu überprüfen. Serbische Flüchtlinge aus Bosnien wurden für den Krieg in der Krajina abgegriffen. Zwangsrekrutierungen fanden in Flüchtlingslagern, Bussen, Restaurants, StudentInnenunterkünften statt. In Dörfern wurden Razzien nach Rekruten durchgeführt, währenddessen wurde Strom und Wasser abgestellt. Alles wurde von jugoslawischer Polizei in Uniform oder Zivil durchgeführt, Militärpolizei aus der serbischen Republik Knin nahm in ihren Uniformen teil.

Desertion und Kriegsmüdigkeit waren die wirklichen Ursachen für den Waffenstillstand in Bosnien. Aber sie wurden durch die kroatische Vertreibung und die militärischen Siege der NATO in ihrer Intention hintergangen und publizistisch in den Hintergrund gedrängt. Dayton belohnte dann die Vertreiber und die militärischen Sieger - eine Ursache für die Gründung der UÇK und den kosovo-albanischen Nationalismus, der heute meint, nur bewaffnete Politik werde belohnt.

Über kurz oder lang könnte in Serbien und bei Bodeneinsätzen oder anhaltendem Guerillakrieg auch im Lager der UÇK eine ähnliche Situation der Kriegsmüdigkeit entstehen. Bereits nach wenigen Wochen Krieg gab das jugoslawische Fernsehen offiziell bekannt, daß die Todesstrafe für Deserteure erweitert angewandt wird. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, "herrenlos" herumliegende Waffen bei der nächsten Polizeidienststelle abzugeben. Sind das erste Anzeichen? Können solche Mechanismen der brutalen Vertreibungspolitik in den Rücken fallen? Wenn ja, dann ist es unsere Aufgabe, das Militär auch auf westlicher Seite zu bekämpfen, damit nicht die Militärs wieder von Massenverweigerungen profitieren.

Harold the Barrel
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Artikel zu Zwangsrekrutierungen 1995 in GWR Nr. 200, S.9 (Bestellung: GWR, Schillerstr. 28, 69115 Heidelberg)

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