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Die Schlampagne - Widerständig l(i)ebende Lesben kommen raus!

Bericht vom 1. Koordinierungstreffen für Lesben zur Gleichstellung aller Lebensweisen

Ausgerufen als ein erstes Treffen aller Lesben, die Interesse haben, aktive Öffentlichkeitsarbeit gegen die Homoehe und für eine Gleichstellung aller Lebensweisen zu machen, entwickelte sich das von zwei engagierten Lesben privat organisierte "Erste Koordinierungstreffen für Lesben" vom 10.-12. September 99 im Frauenzentrum Regensburg zur Geburtsstunde der Schlampagne - und damit eines neuen Selbstbewußtseins widerständig l(i)ebender Lesben.

Einladung war an alle Lesben ergangen, die "von der Debatte um die Homoehe angenervt sind, die mit ihrer eigenen, anderen Lebensweise sichtbar werden wollen und Lust haben, ein deutliches politisches Gegengewicht zu setzen". Die Frage ist: wie sehen sie eigentlich genau aus, diese "anderen" Lebensweisen, die bei der Ausdehnung einiger Eheprivilegien auf die begrenzte Gruppe heiratswilliger und -fähiger Schwuler und Lesben leer ausgehen werden? Was sind das für Menschen, die - aus Not, aus guten Gründen oder aus bewußtem politischen Widerstand - in sozialen Beziehungsnetzen jenseits von Ehe und Zweierkiste leben und lieben?

Beim Versuch, diese Lebensweisen zu benennen, tut sich ein Abgrund an Sprachlosigkeit, Totschweigen, Verfemung und Tabuisierung auf. Ohne Sprache keine Sichtbarkeit, keine Öffentlichkeit, keine Einflußmöglichkeit. So wurde die Namens- und Sprachfindung zum ersten und vordringlichsten Arbeitsschwerpunkt des Treffens. Unter Anspielung auf die gesellschaftliche Ächtung selbstbestimmter Lebensweisen von Frauen und auf das Widerstandspotential von Beziehungsformen, die der herrschenden Ordnung entgegengesetzt sind, entschieden sich die Teilnehmerinnen des Treffens für die Schlampe als passendste Bezeichnung. Ähnlich wie die Lesbenbewegung in ihren Anfängen ein Schimpfwort übernahm und es für sich selbst neu und positiv besetzte, soll mit der Selbstbezeichnung Schlampe die Abwertung vielfältiger Beziehungsnetze karikiert und letztlich aufgelöst werden.

Die Schlampagne als "Schlamping-Out"-Kampagne für Lesben ruht auf drei Beinen: der Selbsthilfe (Vernetzung und Kontakt untereinander, Treffen, Erfahrungsaustausch, Unterstützung, Identitätsfindung); der Öffentlichkeitsarbeit nach außen, und zwar sowohl in Lesbenzusammenhängen als auch in der gesamten Gesellschaft; und der politischen Einflußnahme in Gestalt von Lobbyarbeit und Vernetzung mit solidarischen Organisationen.

Um eine solide Basis für weitergehende Aktionen aufzubauen, wird sich die Schlampagne zunächst auf die Öffentlichkeitsarbeit in der Lesbenszene und auf die Vernetzung vereinzelter Schlampen konzentrieren, ohne daß deswegen eine längerfristige Ausweitung auf "undefinierte" Singles, Heteras, bi-, trans-, inter- oder a-sexuelle Frauen und ihre Zusammenhänge ausgeschlossen wäre. In (monogamen) Zweierbeziehungen lebende Lesben, die aus politischen Gründen gegen die Eingetragene PartnerInnenschaft und für eine Abschaffung der Eheprivilegien sind, gehören ebenfalls zu den potentiellen Verbündeten der Schlampagne. Auch gibt es eine lange Tradition von ähnlichen Vorstellungen zu widerständigen Lebensweisen in der linken Kommunenszene, bei HausbesetzerInnen, Bauwagenleuten und anderen gemischten Zusammenhängen, die als BündnispartnerInnen mit ähnlichem gesellschaftspolitischem Interesse ebenfalls willkommen sind. Gleiches gilt für die emanzipatorischen Forderungen bestimmter Schwulengruppen (z.B. whk Berlin oder Rosa Lüste Wiesbaden).

Als unterstützende BündnispartnerInnen beteiligen sich bereits jetzt der Lesbenring e.V. (der bundesweite Zusammenschluß feministischer Lesben), Furien und Companjeras e.V. (Verein von Lesben, die mit Kindern leben) und die FrauenLesbenredaktion der anarchistischen Zeitung Graswurzelrevolution (GWR) an der Schlampagne. An einer Zusammenarbeit interessierte Organisationen werden gebeten, sich mit einer der Ansprechschlampen in Verbindung zu setzten. Es ist angestrebt, eine möglichst breite Vernetzung aller Gruppen aufzubauen, die sich aus emanzipatorischen Gründen für eine Abschaffung der Eheprivilegien einsetzen, um im Falle einer Gesetzesvorlage zur Homoehe reagieren zu können.

Das nächste Schlampentreffen für Lesben findet am Wochenende 5./6. Februar 2000 im Frauencafé Heidelberg, Blumenstr. 43 statt und wird von der dortigen Regionalgruppe des Lesbenrings organisiert und finanziert.

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Türklmühle 3
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Fon & fax: 09498 / 3170
(Infos und Vermittlung von Referentinnen zu Schlampenthemen)

LESBENRING:
Jule Blum
Rohrbacherstr. 14
69115 Heidelberg
Fon: 06221/ 23807
(Anmeldung zum nächsten Schlampentreffen für Lesben)

FLRedaktion GWR:
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Gravelottestr. 6 / III
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