graswurzelrevolution
249 mai 2000
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
kommentar
>> 249 mai 2000

Sofortige Stillegung aller Atomanlagen - sonst niX

Auf ihrer Frühjahrskonferenz in Mülheim, vom 31. 3. - 2.4. 2000 hat die Anti-Atom-Bewegung deutlich gemacht, daß die Ausstiegsversprechungen der rotgrünen Bundesregierung keinen Pfifferling wert sind. Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist, daß es sich bei dem sogenannten Ausstieg in Wirklichkeit um eine Modernisierung der Atomindustrie handelt.

Einige Fakten sprechen hier eine deutliche Sprache: Wichtige Anlagen mit einer Schlüsselfunktion für die Atomindustrie, wie der Forschungsreaktor in Garching, die Brennelementefabrik in Lingen oder die Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau sind definitiv nicht Bestandteil der Konsensgespräche. Eine erneute Kapazitätserweiterung der Anlage in Gronau ist geplant. Die Pilotkonditionierungsanlage in Gorleben nennt sich jetzt im rotgrünen Jargon "Castorservicecenter" und soll in Betrieb genommen werden. Das Thema Restlaufzeiten kann eh nur noch als schlechter Witz bezeichnet werden. Weltweit lief noch nie ein AKW 30 Jahre lang! Rotgrün macht's möglich.

Bei dem von Rotgrün angestrebten Konzept geht es nicht um einen allzu zögerlichen Atomausstieg, sondern darum, eines der zentralen gesellschaftlichen Konfliktfelder der Bundesrepublik in den letzten 30 Jahren, die Auseinandersetzung um die Atomenergie, zu befrieden. Inzwischen haben viele Menschen erkannt, daß Umweltminister Trittin für die Atommafia eine wichtigere Aufgabe erfüllen kann als seine Vorgängerin. Mit der Idee von Zwischenlagern an den AKW-Standorten hat er der Bewegung eines ihrer wichtigsten Instrumente in der jüngeren Vergangenheit, der Mobilisierung zu den Castortransporten, scheinbar aus der Hand genommen. Die Verstopfungsstrategie (s. GWR 237) greift nicht mehr. Die Idee die Atomkraftwerke einzeln vom Netz zu blockieren droht ins Leere zu laufen. Der grüne Umweltminister kennt die Strategien seiner ehemaligen MitkämpferInnen in der Bewegung eben besser als Angela Merkel, und genau das macht ihm zum bestmöglichen Handlanger der Atomwirtschaft. Wenn die Abklingbecken drohen überzulaufen, wird mal schnell ein Castortransport beantragt. Die Brennelemente dürfen nun in den Castorbehältern außerhalb des Reaktors, aber auf dem AKW-Gelände lagern. Kommt kein Castortransport, weil politisch schwer durchsetzbar, bleibt der ganze Dreck solange stehen, bis dann eine der bereits an vielen Standorten beantragten Zwischenlagerhallen drum herum gebaut werden. Geschickter hätte das die alte Regierung nicht hingekriegt.

Es wurden auf der Konferenz in Mülheim wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Die UAA in Gronau, ein Herzstück der Brennstoffspirale der Atomwirtschaft, soll zunehmend in den Blickpunkt der Bewegung rücken. Der Widerstand vor Ort ist zwar schon über 20 Jahre alt, aber doch immer noch sehr klein und zu wenig in der Bevölkerung verankert. Dieses Problem darf bei der Mobilisierung nicht übersehen werden. Daß es dennoch möglich ist, hier effektiv den atomaren Normalzustand zu behindern ist in der Vergangenheit durch verschiedene Störaktionen an der UAA oder durch die Blockierung von Uranhexafluoridtransporten gezeigt worden. Nun muß versucht werden verstärkt zu mobilisieren. Die Sonntagsspaziergänge an der UAA finden an jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr statt. Am 15. April fand in Münster eine Urankonferenz statt und an der UAA gab es am gleichen Tag einen Aktionstag. Ein Anfang ist gemacht!

Für diejenigen, denen der Bruch mit den Grünen noch nicht deutlich genug aufgezeigt worden ist, gibt es die Möglichkeit, dies Mitte Juni auf dem grünen Parteitag in Münster zu zeigen. Allerdings sollte die Bewegung langsam doch etwas weniger emotional mit dieser Partei umzugehen lernen. Die ständige Abarbeitung an dieser stinknormalen Partei kann auch lähmen.

Es bleibt zu hoffen, daß die Anti-Atom-Bewegung in ihrer Gesamtheit weiterhin auf ihre außerparlamentarische Kraft setzt, mit all ihren unterschiedlichen Aktionsformen und sich ein für alle mal von dem Glauben verabschiedet über Parteien den Atomausstieg zu erreichen.

Markus Beinhauer
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Anti-Atom-Herbstkonferenz in Hamburg
news & infos 13.10.2013

Internationales Anti-Atom-Sommercamp & Netzwerktreffen
news & infos 1.7.2012

Chorprobe statt Probebohrung
369 mai 2012

"Ein Ausstieg betrifft nicht nur die Atomkraftwerke"
368 april 2012

Atomtransporte quer durch die Welt
367 märz 2012

"Auf der Straße, auf der Schiene"

"Von Atomausstieg kann keine Rede sein"
365 januar 2012

Castor-Proteste ab dem 24. November 2011
news & infos 3.11.2011

"Ein Hasardeurspiel mit der Zukunft der Menschheit"
361 september 2011

Etappensieg

Neues von Kapital und Demokratie

"Wichtig ist der Druck der Straße"
360 sommer 2011

"verrückt und unrealistisch"

"Wunderreaktoren" sollen die Atomindustrie retten
359 mai 2011

Abschalten! Sofort!
news & infos 23.4.2011

Die Castoren bleiben länger zu Besuch
358 april 2011

Nachrichten-Dienste für die Atomindustrie
356 februar 2011

Ziviler Ungehorsam kennt keine Staatsgrenzen

Atomausstieg durch "Brückentechnologie"
354 dezember 2010

Anti-Atom-BEWEGUNG!
352 oktober 2010

Anti-Atom-Bewegung - wie hältst du's mit Parteien?
350 sommer 2010

"Wir brauchen eine Anti-Atom-Revolution"
349 mai 2010

Bisher schwerster Störfall in der Gronauer Urananreicherungsanlage

"Coole" Anti-Atom-Demo in Ahaus

"Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch"
346 februar 2010

>> alle verwandten artikel





 


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net