graswurzelrevolution
251 september 2000
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
transnationales
>> 251 september 2000

Globalisierung der Solidarität gegen das Kapital

Grundposition der Initiative gegen Ökonomische Globalisierung Prag 2000 erstellt anläßlich des Gipfels von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Prag

Ungefähr 20.000 der Banker der Welt, Ökonomen und Investoren werden vom 26.-28. September in Prag ankommen, um am 55. Jahrestreffen der Weltbank Gruppe (WB) und des Exekutivorgans des Internationalen Währungsfonds teilzunehmen.

Dieses prestigereiche Ereignis der globalen ökonomischen Eliten, das erste seiner Art in Zentral-/ Osteuropa, ist von besonderer Wichtigkeit. Die Delegierten werden sich versammeln, um einen Plan für die vollständige Liberalisierung der Weltwirtschaft vorzuschlagen, welche sie als einziges Instrument zur Lösung der Probleme der Welt darstellen.

Wir stimmen dieser Meinung nicht zu. Wir betrachten im Gegenteil die ökonomische Globalisierung und die Politik von IWF und Weltbank als einen der wichtigsten Gründe für die schwerwiegenden Probleme der heutigen Welt und nicht als Chance für die Mehrheit der Menschheit, die im Elend lebt, oder als eine Möglichkeit zur Ablenkung von der globalen ökologischen Krise. Dieser Gipfel ist eine Herausforderung für all diejenigen, die sich um das Schicksal der heutigen Welt sorgen. Denn IWF und Weltbank haben es über fünfzig Jahre lang negativ beeinflußt. In diesem Zusammenhang möchten wir daran erinnern, daß der Gipfel mindestens 935 Millionen Tschechische Kronen (mehr als 50 Millionen Mark) öffentlichen Geldes kosten wird, welches dringend für soziale Programme, Gesundheitsversorgung, Bildung und Umweltschutz gebraucht wird.

Im Prozeß der ökonomischen Globalisierung, der die fortschreitende Kürzung des staatlichen Einflusses auf die Zirkulation des transnationalen Kapitals beinhaltet, spielen beide Institutionen entscheidende Rollen. Durch ihre ökonomische Politik öffnen der IWF und die Weltbankgruppe die Entwicklungsländer (zu denen sie gemessen am Bruttosozialprodukt auch die tschechische Republik zählen) für ausländische Investoren und ihre spekulativen Interessen. IWF und Weltbank geben offen zu, daß sie nur von ökonomischen Leitlinien geleitet werden und unterstützen daher willentlich verschiedene autoritäre und diktatorische Regime. Kein Wunder, daß diese Institutionen selber ebenso nicht demokratisch sind - die Mitbestimmungsrechte der einzelnen Mitglieder sind von der Summe der Geldinvestitionen abhängig, frei nach dem Prinzip "mehr Dollar - mehr Stimmen". Im Rahmen der sogenannten Strukturanpassungsprogramme (SAPs) bestimmen IWF und Weltbank strenge Auflagen für Kredite an die Entwicklungsländer einschließlich Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung. Diese Maßnahmen stärken die Position des transnationalen Kapitals, während sie die Position der Mehrheit der sich entwickelnden Welt schwächen. Das Entfernen von Sozial- und Umweltschutzauflagen (welche die Investoren "entmutigen" könnten) und Kürzungen im öffentlichen Sektor resultieren im Nichtzugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, extreme Steigerung der Lebenshaltungskosten, Stellenkürzungen, Arbeitslosigkeit und Beschneidung der gewerkschaftlichen Rechte. Die Auswirkungen auf den Agrarsektor sind besonders verheerend, da Produktionen, die auf lokale Subsistenz abgestimmt sind, gezwungen werden, Monokulturen für den Export anzubauen, was zu Unterversorgung mit Lebensmitteln und in einigen Ländern gar zu Hungerkatastrophen führt. Die Auswirkungen von IWF und Weltbank Aktivitäten auf die Umwelt sind ebenso tragisch - die gigantomanischen Projekte der Weltbank resultieren in der Zerstörung lokaler Ökosysteme und in der erzwungenen Umsiedlung von Millionen von Menschen. Das Prinzip dieser Programme ist es, den Zufluß von ausländischen Spekulativkapital zu ermöglichen, welches nicht zur Schaffung irgendwelcher Werte beiträgt. Es benutzt lediglich die Abwesenheit von Sozial - und Umweltstandards, übernimmt die Kontrolle über die Märkte und zerstört häufig ganze Industriebranchen. Die Empfehlungen von IWF und Weltbank führen demnach häufig nicht zum versprochenen ökonomischen Wachstum. Das einzige, was von ihnen übrig bleibt, ist ein Riesenberg von Schulden. Um für sein weiteres Wachstum zu sorgen, müssen die einzelnen Länder beträchtliche Summen für die Tilgung der Zinsen bezahlen. Argumente, die auf den Zufluß von ausländischen Investitionen verweisen, wirken unaufrichtig und nicht überzeugend. Heute kontrollieren rund 40.000 Mitglieder der globalen Finanzoligarchie 80 % des Welthandels. Der Besitz der 200 reichsten Menschen ist größer als das Einkommen von 41% der Weltbevölkerung. Mehr als 250 Millionen Kinder müssen unter den unmenschlichsten Bedingungen arbeiten, um ihr nacktes Überleben zu sichern. Ungefähr 17 Millionen Kinder sterben jedes Jahr an leicht heilbaren Krankheiten.

Der Zustand der heutigen Welt ist nicht natürlich - er ist lediglich die logische Konsequenz eines Systems, in dem die Profitmaximierung der Reichsten der einzige respektierte Wert ist. Wir denken nicht, daß wir diese Entwicklung nur durch Lobbying bei Institutionen wie dem IWF und der Weltbank verändern können. Wir verlassen uns eher auf die Bewegungen von unten, die aus diversen Gruppen wie Gewerkschaften, Arbeitslosen, kleinen oder landlosen BäuerInnen, Umweltinitiativen radikalen, demokratischen, politischen Organisationen usw. besteht.

Eine Alternative zum derzeitigen Sozialmodell zu finden, ist in unserer Auffassung eine grundlegende Notwendigkeit. Wie auch immer, wir denken nicht, daß Widerstand gegen die Globalisierung durch die Politik der Nationalstaaten erfolgen könnte, die schon bewiesen haben, wie willentlich sie sich den transnationalen Konzernen beugen. Wir glauben, daß die Alternative eine Gesellschaft ist, die nicht auf dem Profit weniger, sondern auf den grundlegenden Bedürfnissen vieler, auf den Prinzipien der Solidarität, gegenseitigen Hilfe und nachhaltigen Entwicklung basiert. Obwohl sich unsere Ansichten über die Ursachen und Lösungen der Probleme der heutigen Welt unterscheiden, sehen wir den Gipfel von IWF und Weltbank im September als so wichtige Herausforderung an, daß wir eine gemeinsame Plattform "Initiative gegen die ökonomische Globalisierung- Prag 2000" gegründet haben. Es ist keine neue Organisation mit einem unabhängigen Programm, sondern ein demokratisches Instrument gegenseitiger Kommunikation und Koordination zwischen diversen Gruppen, die vorhaben, auf den IWF/Weltbank Gipfel zu reagieren. Sie soll zur größeren Öffentlichkeit der Aktionen, die von diesen Gruppen organisiert werden, beitragen. Gemeinsam wollen wir Proteste, Vorträge, weiterbildende und kulturelle Events organisieren. Das Hauptereignis soll ein Gegengipfel sein, während dem spezifische schädliche Aspekte der ökonomischen Globalisierung und die Suche nach möglichen Alternativen diskutiert werden sollen. Die Initiative gegen die ökonomische Globalisierung ist für alle aufgeschlossen denkenden Individuen und Gruppen offen, die ihre Meinungen zu IWF und Weltbank ausdrücken möchten. Wir schlagen diese Initiative als gemeinsame Plattform vor, die ihre Stimme stärkt, während die programmatische Autonomie der einzelnen Gruppen bestehen bleibt. Ähnliche Treffen der Institutionen der ökonomischen Globalisierung stoßen auf einen wachsenden öffentlichen Widerstand.

Laßt uns die Stimme des Protestes auch in Prag ein Echo hinterlassen. Laßt uns der Globalisierung des Kapitals mit der Globalisierung der Solidarität begegnen.

Prag, 1.März 2000
Initiative gegen die ökonomische Globalisierung - Prag 2000
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Lizenz zum Plündern
403 november 2015

Polizei vs. Blockupy
380 sommer 2013

"Occupy war eine Generalprobe"

Peter Grottian: "Soziale Bewegungen praktizieren zu wenig zivilen Ungehorsam"
378 april 2013

Kapitalismus - sonst nichts?
374 dezember 2012

This is not a love song
370 sommer 2012

Markt und Politik
369 mai 2012

Von der Demokratisierung der Städte zur Sozialen Ökologie
368 april 2012

Demonstrationsverbot zum G8-Gipfel

Jetzt erst recht! Schluss mit der Repression gegen die Anti-G8-Bewegung!
news & infos 21.5.2007

Die Gewalt der Globalisierung

Die Globalisierung der Gewalt

"Hilflose Helfer", "Überflüssige", Hunger!

Der Kampf um Rohstoffe

Den Nationalstaat unterminieren und überschreiten!

Grenzen, die wir nicht anerkennen!
sturmwarnung - no war! no g8! (319 mai 2007)

Die Gewalt der Globalisierung

Mit Hammer und Pinsel
319 mai 2007

Aufruf zu Massenblockaden gegen den G8-Gipfel 2007
news & infos 10.1.2007

Der Heilige der Prekarisierten
299 mai 2005

Bergwandern in Schottland
298 april 2005

Das Weltsozialforum und die (Gegen-)Macht
297 märz 2005

Sisterhood is not something easy to find

Who the fuck needs the ESF?
293 november 2004

Ham Dekhenge, Ham Dekhenge
287 märz 2004

Zug um Zug in eine bessere Welt
281 sommer 2003

Der Wind der Veränderung
274 dezember 2002

"Breitere Bewegung - durch Bier auf Demo"
272 oktober 2002

Globalisierung, Soziale Bewegung und Emanzipation...
270 sommer 2002

Vielfältig gegen das Europa des Kapitals
268 april 2002

Attac! Attac?
267 märz 2002

Diskussion über die transnationale Revolution

Sich den Herausforderungen des Kampfes gegen Globalisierung stellen
262 oktober 2001

Gipfel der Staatsgewalt

Neue Strategien
261 september 2001

Die Revolution stirbt nicht am Erfrierungstod
255 januar 2001

Vom möglichen Ende der Vorgeschichte als Anfang neuer Wege
verlag graswurzelrevolution

Globalisierung der Solidarität gegen das Kapital

WiderSTAND ORT: Prag
251 september 2000

Ein wahres Fest des Widerstands: Blockade der WTO in Seattle
245 januar 2000

G7: Kein Gipfelsturm
241 september 1999

People's Summit
227 märz 1998

Tigersprung in den Abgrund!
226 februar 1998





Anmerkungen

Unterstützung oder Zustimmung mit der Position der Initiative gegen die ökonomische Globalisierung - Prag 2000 kann über e-mail antimmf@hotmail.com kommuniziert werden. Wir freuen uns ebenso über Information über die Art von Kooperation oder Hilfe, die Ihr anbieten könnt. Dies betrifft auch die Weiterverbreitung dieses Statements. Weiterer Information kann im Internet auf der Seite http://inpeg.ecn.cz abgefragt werden.

 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net