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252 oktober 2000
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Ein Buch für Schatzsuchende

Gewaltfreier Anarchismus

Graswurzelrevolution (Hg.): Gewaltfreier Anarchismus. Herausforderungen und Perspektiven zur Jahrhundertwende, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 1999, ISBN 3-9806353-1-7, 203 S., 29,80 DM.

Die in 'Gewaltfreier Anarchismus' versammelten Beiträge sind im Zusammenhang mit der Kölner Tagung 'Anarchistischer Herbst' im Oktober 1997 entstanden. Eingeladen hatte damals die Redaktion der 'Graswurzelrevolution', um das 25jährige Bestehen ihrer Zeitung zu feiern und über Perspektiven des gewaltfreien Anarchismus zu diskutieren.

Die Frustration über den Staat und die herrschende Politik hat dem Anarchismus bisher keinen Aufschwung beschert. Die vielfältigen und unterschiedlichen Aufsätze des Buches kreisen um die Frage, wie anarchistische Analysen und Lösungskonzepte auf die aktuellen Probleme bezogen werden können. So groß das Thema, so vielfältig die Themen, bei denen die AutorInnen versuchen den Anarchismus zu aktualisieren und zu erneuern: über den NATO-Krieg gegen Jugoslawien, über die Frauenbewegung und den Staat, über libertären Kommunalismus und die Agenda 21, über Bürokratie und Globalisierung, bis hin zur Beziehung von moderner Kunst und Anarchismus.

Leider gefällt mir das Buch insgesamt nicht. Beeindruckend ist schon das umfangreiche Wissen um Theorien und Geschichte und das intellektuelle Niveau, was sich in manchen der Beiträge findet. Aber schwer theoriebelastet stellt sich ein Vergnügen am Lesen selten ein. Das liegt nun allerdings nicht nur an der literarischen Qualität der Texte. Uns gewaltfreien AnarchistInnen fehlen Ideen und Entwürfe, mit denen wir unsere Isolation und Erstarrung im guten Gewissen (Rudolf de Jong, S. 179) durchbrechen und NachbarInnen und KollegInnen neugierig auf uns machen könnten. Ich nehme mich von dieser Kritik nicht aus, bin ich doch von den HerausgeberInnen vergeblich um einen Artikel für dieses Buch gebeten worden und hätte es nicht besser gekonnt.

Ärgerlich wird es allerdings, wenn theoretisch geleitetes Schreiben uns noch weiter von "Naivität und Realismus" (de Jong) wegbringt. Beispielhaft veranschaulichen will ich dies an dem einleitenden Beitrag des Buches, der der Frage nachgeht, warum der Widerstand gegen den NATO-Kriegseinsatz im Kosovo so klein war. Der Autor leitet aus einer Analyse der 'postmodernen Bedingungen westlicher Kriegsführung'(S. 10) ab, dass Aufrufe zur Desertion ins Leere gingen. Die einfache Wahrheit, wie wertvoll in dieser bedrückenden Situation jedes 'Nein' gegen den Krieg war und wie wichtig die öffentliche Auseinandersetzung um die Legitimation von Kriegsverweigerung ist, ist dem Verfasser in seinen Analysen verloren gegangen.

Im Zusammenhang mit der wichtigen Frage, wie wir durch die Medien in unserer Empörung über Menschenrechtsverletzungen manipuliert werden, stolperte ich über den verunglückten Satz, dass "mittels Greueln und Massakern wie 'Sarajevo', 'Srebrenica' usw. Betroffenheit erzeugt (und) gesteuert ... werden." (S. 13). Mir scheint der Verfasser verbaut sich hier durch ein Denken in strategischen Kategorien sein eigenes Mitfühlen und -leiden mit den Opfern der Gewalt.

Lohnt sich das Buch trotzdem?

Ja, empfehlen möchte ich die Lektüre von 'Gewaltfreier Anarchismus' für SchatzsucherInnen. Denn wer die Mühe der Lesearbeit nicht scheut, wird manche versteckte Schätze anarchistischen Denkens heben können. Meine ganz persönlichen Fingerzeige weisen etwa auf a) die Kritik der kollektiven Identität, mit der unterdrückte Gruppen sich selbst behaupten, die aber dem Ziel einer befreiten Individualität entgegensteht. (S. 42ff); b) das Nachdenken darüber, was wir vom 'freien Menschen' noch erwarten können, wenn wir anerkennen, dass es Menschen mit freiem Willen waren, die sich dafür entschieden haben, die Greuel des Holocaust zu begehen. (S. 83ff); c) die kritische Nachfrage, ob Gesetze, Geldbußen und Freiheitsstrafen gegenüber der in staatenlosen Gesellschaften praktizierten Ächtung oder gar Vertreibung vielleicht die menschlichere Alternative sind, um vereinbarte Regeln durchzusetzen. (S. 165); d) die schöne Aufforderung: "Kümmern wir uns um die alten Menschen, die wir lieben, nicht nur um AnarchistInnen, sondern auch um NachbarInnen, Omas und Opas." (S. 161)

J. St.
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