graswurzelrevolution
258 april 2001
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
aktuelles
>> 258 april 2001

Thomas Patscheider singt Erich Mühsam

Die GWR vernimmt aus Österreichs konservativen Alpengegenden anarchistische Verse

Der Anarchisterich

War 'mal ein Anarchisterich,
der hatt' den Attentatterich.
Er schmiß mit Bomben um sich 'rum,
es knallte nur so: bum bum bum!

Einst kam der Anarchisterich
an einen Schloßhof fürstelich,
und unterm Rock verborgen fein,
trug er ein Bom-Bom-Bombelein.

Nach haus kam Serenissimus,
sprach: Omnia nos wissimus!-
Und sprach viel weise Worte noch,
daß alles rings nach Weisheit roch.

Jedoch der Anarchisterich
mit siner Bombe seitwärts schlich,
und schmiß sie Serenissimo
unter den Rockokopopo.

Und rings war alles baß entsetzt,
Durchlaucht hat sich vor Schreck gesetzt,
indes der Anarchisterich
durch eine Seitentür entwich.

Doch einer sprang beherzt herbei,
zu helfen, was zu helfen sei -
Doch sprach enttäuscht er: Höre nur,
's war ein Bonb-onnière nur.

Rings aber lag man auf dem Knie
und heulte, jammerte und schrie,
und betete: Du lieber Gott
schlag doch den Anarchisten tot!

Drum merk dir, Anarchisterich!
heil dich vom Attentatterich!
Kommst du zum Hofe fürstelich,
geht's fürder dir für-fürchterlich!

Erich Mühsam

Erich Mühsam war in seinem viel zu kurzen Leben immer unverwechselbar der eine geblieben, und doch zeigte sich der Charakter und das praktische Wirken dieses einen, im KZ Oranienburg in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1934 von Nazis ermordeten Anarchisten, in mannigfaltigsten Formen: als Arbeiterrat, Volkskommissar, Verleger und Herausgeber, leidenschaftlicher Agitator, Syndikalist, marxistischer Bakuninist bzw. Anarchokommunist, als vielbeschäftigter Autor, Bürgerschreck, Bohemien, Querkopf, Extremindividualist und Kollektivist. Kenner und Kennerinnen seiner Schriften jedoch wissen, daß wer das Essentielle, Primäre, gewissermaßen Mühsams Seele sucht, besagte(s) zweifelsohne in seiner Lyrik findet. Ebenda drückte sich seine kreative, zuweilen musikalisch und tänzerisch verspielt wirkende Vielseitigkeit aus, die in ihrer Palette vom einfallsreich schlagfertigen Schüttelreim bis hin zur gesellschaftlich anklagenden Elegie reicht.

Es nimmt daher kaum Wunder, daß bereits mehrmals, sowohl im deutschsprachigen Raum (Gregor Hause: "Das Herz in der Hand. Lieder nach Texten von Erich Mühsam u.a.", Bestelladresse: FAU, Thomas Beckmann, Dorfstr. 13, D-16775 Wolfsruh; Dieter Süverkrüp, Walter Andreas Schwarz: "Erich Mühsam: Ich lade Euch zum Requiem", Verlag pläne, Dortmund 1986) wie weltweit, es für viele Liedermacher eine besondere Herausforderung darstellt(e) Mühsams Poeme zu vertonen. Nachdem auch GWR-Mitarbeiter Jan Dörner in der Januarausgabe dieses Jahres der Gruppe "Die Schnitter" empfahl, ein Mühsam Gedicht zu Musik zu machen - offenbar also jederzeit Nachfrage nach gesungenem und gespielten Mühsam besteht - ist es wohl höchste Zeit, die bislang wenig bis gar nicht ins libertäre Blickfeld gerückte 35-minütige CD des Österreichers Thomas Patscheider und seines Umfeldes detaillierter vorzustellen.

Patscheider (Jg. 1961) stammt aus Tirols Hauptstadt Innsbruck. Zusammen mit dem in der Jazzszene verwurzelten Ausnahmebassisten Christian Smekal (Jg. 1948) sowie dem Drummer und Keyboarder Thomas Partl (Jg. 1979), hat sich der Sänger insgesamt 11 Texten von Mühsam angenommen.

Das Werk bezieht seine Energie aus Patscheiders starker und variabel eingesetzter Stimme. Die Musik dient eher einer - obgleich gekonnt gespielten - subtilen akustischen Ausfüllung des Backgrounds, denn der Erzeugung gänzlich unpassender lauter, rockiger Hardcore-Klänge. Die Absicht ist klar und eindeutig: Im Vordergrund stehen sollen die genialen Poeme und nicht ein alles dominierender Sound, vergnüglich servierte radikale Aufklärung, nicht Kunst um der reinen Kunst willen. Den Machern der CD gelingt das in jeglicher Hinsicht: Es geht nichts vom Charme und Zauber der Mühsam Texte verloren. Ein allgemeines Problem: Häufig sind ebenfalls nach literarischen Vorlagen arbeitende Songwriter und Barden nicht - wie in diesem Fall Thomas Patscheider - dazu imstande, ebenda Zurückhaltung walten zu lassen, mithin dem eigenen künstlerischen Beitrag die weniger gewichtige Rolle beizumessen als dem Original, dem die Hommage ja eigentlich gilt.

Die CD wird - absolutely NO-Budget - von FREEWHEELER RECORDS produziert. Wer sich dieses Kleinod musikalternativer Kunst nicht entgehen lassen möchte, überweise im voraus ÖS 210,- (DM 30,-) auf das PSK-Konto #77188144, BLZ 60000 (lautend auf Th. Patscheider). Den Vertrieb besorgt die "STATTzeitung - Zeitung für Politik, Kultur und Europa", eine Publikation, die sich sowohl dem heutigen Trend eines Layouts, das sich gemeinhin auf vordergründige Effekte reduzierten läßt, mit textlichen Bleiwüsten standhaft verweigert, als auch Autorinnen und Autoren unterschiedlichster linker Bereiche und Ideologien unzensiert zu Worte kommen lässt. Womit sich der Kreis aufs Vorzüglichste mit Mühsams pluralistischen Denkweisen (s.o.) schließt.

Das österreichische Bundesland Tirol, speziell die Hauptstadt Innsbruck, hat in den letzten Jahren, allem rechtsklerikalen und haiderfreiheitlichen Alpenstadtmief zum Trotz, kleine, jedoch feine, engagiert im Hintergrund arbeitende Nischen des politisch wie kulturell praktizierten Widerstandes ertragen müssen. Und: Es wird nicht abbrechen, sondern intensiviert werden. Für Thomas Patscheider heißt das konkret: die musikalische Aufbereitung expressionistischer Texte Ernst Tollers. Wir sind gespannt!

Günther Hotter
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Nachruf auf Nils Koppruch
373 november 2012

Auf Wiedersehen, Weinpinkler!
371 september 2012

Anders geblieben
370 sommer 2012

Wem gehört Thomas Paine?
357 märz 2011

Ein Meisterwerk
351 september 2010

Schlaflied und Weckruf
349 mai 2010

"Wir arbeiten alle auf gleicher Augenhöhe"
337 märz 2009

"Wir sind alle so winzig, aber wir haben so viel Potenzial!"
335 januar 2009

Bakunistischer Sound

"Ich bin vielleicht die Symbiose aus HipHop und Anarchismus"

The pen is mightier than the sword

Pastete im Himmel
330 sommer 2008

"Ich war immer komplett, doch niemals fertig"
324 dezember 2007

"Der Zaun muss weg!"
318 april 2007

Patridioten-Sound
303 november 2005

Flüchtlingsschutz ist hip
298 april 2005

Einstiegsdroge in den Ungehorsam
290 juni 2004

"Lust auch auf die Anarchie"
281 sommer 2003

"Wirklich filmreif, die Geschichte"

Letztn Somma warn wa schwimmn

Diskographie Pit Budde/Cochise
278 april 2003

Ein Blick über den Rand des Plattentellers
272 oktober 2002

"Georges Brassens. Anarchiste."
271 september 2002

Die letzte Seite von "Mein Kampf"
260 sommer 2001

Henry Rollins - Das ist die Härte!
259 mai 2001

Globale ökonomische Umstrukturierungen und Pop
243 november 1999

Der Traum ist aus! Zum Tod von Rio Reiser
212 oktober 1996

concert for anarchy

Cochise: "Das Anarchistenschwein" live

Dritte Wahl: Bad K.

Neil Young: Living With War

Grenzgänger: Knüppel aus dem Sack

Khaled & Noa: Imagine

Petrograd: Dear log

Mal den Teufel an die Wand (Baxi)

Thomas Patscheider singt Erich Mühsam

Boris Vian: Der Deserteur

Ton Steine Scherben: Land in Sicht

Chumbawamba: Smart Bomb

Bob Marley: Revolution

T.Rex: Children of the revolution

Freundeskreis: Sternstunde / Die Revolution der Bärte

Little Steven: Revolution

Daddy Longleg: "middle toe"

Erich Mühsam: Der Revoluzzer

Un Drame Musical Instantané: ¡Vivan las utopías!

Malvina Reynolds: It isn't nice





Anmerkungen

CD: Patscheider singt Mühsam, Freewheeler Records Innsbruck 1999, Preis ÖS 210,- (DM 30).

Bezug über:
STATTzeitung
Höhenstraße 141 / 16B
A-6020 Innsbruck.


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net