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Anarchismus und Popkultur/Kunst

DIE KUNST DER ZUKUNFT WIRD DER UMSTURZ VON SITUATIONEN SEIN
ODER
SIE WIRD NICHTS SEIN

Zum Verhältnis von Anarchie und Kunst heute in 20 Thesen

Nach Gott ist nun auch die Kunst gestorben. Auf daß ihre Pfaffen die Klappe nicht wieder aufmachen.
GEGEN jedes Überleben der Kunst,
GEGEN die Herrschaft der Trennung,
DIREKTER DIALOG
DIREKTE AKTION
SELBSTVERWALTUNG DES ALLTÄGLICHEN LEBENS
Komitee Wütende-Situationistische Internationale

1. Gegenwärtig gibt es in der BRD eine nur unzureichend entwickelte anarchistische Kunst - im Gegensatz zu Frankreich, Italien und den USA, wo die anarchistische Kultur weitaus vielfältiger ist.

"Zugleich hoffe ich auf die Bereitstellung eines universalen Sozialhaushaltes, so daß jeder Mensch über die Mittel verfügt, die er benötigt, um so zu leben, wie er möchte. In diesem Verlangen nach Utopia bin ich Anarchist. Die einzige Herrschaft, der ich traue, ist meine eigene Selbstbeherrschung."
John Cage

"Anarchie ist der einzige ... Hoffnungsschimmer."
Mick Jagger

4. Das Verhältnis der revolutionären Bewegungen zur Kunst war nie ein besonders glückliches. Belastet durch Vorschriften und Vorurteile wurde es gelegentlich sogar vollständig aufgekündigt. In ihren wechselnden Einschätzungen formulierten die politisch Aktiven nur die Nuancen einer grundsätzlich gleichbleibenden Abwehr. Demnach entziehen sich KünstlerInnen der organisatorischen und moralischen Verantwortung, sie nutzen den ihnen zugestandenen Freiraum nur zugunsten individualistischer Karrieren; sie verraten oder diskreditieren ihr soziales Feld und den Stoff, mit dem sie arbeiten. Ein ähnlich gelagertes Problem bestand und besteht zwischen Theorie und Kunst. Auch hier ist ein hierarchisches Verhältnis zur Gewohnheit geworden. Die Produkte der künstlerischen Arbeit an der Erkenntnis und Gestaltung des Lebens werden darauf reduziert, als Reservoir von Phänomenen zu dienen, in dem man Beispiele zur Anregung sucht; ansonsten hat es keine Bedeutung. Auch wenn die Theoretiker für Kuriositäten und Eskapaden ein gemessenes Verständnis aufbringen, wollen sie die Kunst doch von ihrer Verwicklung in die Sinnlichkeit reinigen, bevor sie einen Rest ihres Wirkens in die höheren Regionen des Denkens und Sehens aufsteigen lassen. In der Politik und in der Theorie besteht also ein gleichermaßen großes Defizit an Wissen über die Praxis der KünstlerInnen, ein geringes Interesse für ihre Strategien und Möglichkeiten. Aber auf der Seite der Kunst hat sich diese Entfremdung nicht weniger unproduktiv ausgewirkt. Die KünstlerInnen meiden den politischen und theoretischen Bereich nicht immer wegen der dort herrschenden Inkompetenz oder weil sie mit ihren eigenen Anliegen schlechte Erfahrungen machen mußten und ihnen nur schlechte Vorbilder als Wegweiser angeboten wurden. Sie meiden ihn auch, weil sie sich bestimmten Realitäten verschließen, sei es aus Furcht vor der eigenen Inkompetenz oder weil sie die Definition ihrer Rolle in der Gesellschaft hinnehmen.

"Nur die Phantasielosen
flüchten in die Realität;
und zerschellen dann, wie
billich, dran."
Arno Schmidt

"Um heute Künstler zu sein, muß man auch Philosoph sein, nicht in dem Sinne, daß man Platon oder Aristoteles gelesen haben muß, sondern insofern, als man sich die Frage nach dem Einsatz zu stellen hat: Was macht man da eigentlich?
Lyotard

"Aufgabe von Kunst ist es heute, Chaos in die Ordnung zu treiben."
Theodor W. Adorno

8. Die 68er-Revolte war - auch was deren anarchistischen 'Flügel' anbelangt - eindeutig marxismuslastig. Kunst war und ist im Marxismus stets Teil des sog. 'Überbaus' und damit zweitrangig bzw. unwichtig. Dieses distanzierte Verhältnis zur Kunst läßt sich in der bundesrepublikanischen Anarcho-Bewegung (z.B. FAU) bis heute nachweisen.

"Dadaismus ist eine Strategie, wie der Künstler dem Bürger etwas von seiner inneren Unruhe, die ihn nie in Gewohnheit einschlafen läßt, mitteilen, wie er den Erstarrten durch äußere Beunruhigung zu neuem Leben aufrütteln will, um ihm den Mangel an innerer Not und Bewegung zu ersetzen."
Udo Rukser, Dada Almanach (1920)

"Ich sehe meine Lebensaufgabe im wesentlichen darin, eine Art Reizmittel zu sein - nicht etwas wirklich Destruktives, sondern einer der beunruhigt, der desorientiert. Einer, der den Alltagstrott gerade insoweit unterbricht, daß das Opfer auf den Gedanken kommt, es könnte vielleicht mehr geben, als die bloße Langeweile des Daseins."
Elvis Costello

"Wir wollen nichts anderes, als die Leute auf Touren bringen, auf eine Fahrt mitnehmen... rücksichtlos."
Keith Richard

12. In der anarchistischen Bewegung (das gilt aber sicherlich fast für den gesamten Linksradikalismus) ist Kunst nach wie vor etwas separiertes, der sog. 'politischen' Sphäre untergeordnet. Kultur und Theorie sind voneinander getrennt. Kultur ist Beigeschmack. Hegemonial ist der Bereich der Politik. Die ästhetische Komponente fällt weitgehend aus dieser Rezeption heraus. Die Kulturseiten der meisten anarchistischen Zeitschriften laufen unter 'ferner liefen'. Die politischen AnarchistInnen und die anarchistischen KünstlerInnen bewegen sich fast ausschließlich in ihren jeweiligen Szenen und halten sich voneinander fern.

"Ich halte meine Sehnsüchte für Realität, weil ich an die Realität meiner Sehnsüchte glaube."
Mai-68-Slogan

REVOLUTION HÖRT IN DEM AUGENBLICK AUF ZU EXISTIEREN WO ES NOTWENDIG WIRD SICH FÜR SIE OPFERN ZU LASSEN ES IST VERBOTEN ZU VERBIETEN WEDER GÖTTER NOCH HERREN NIEDER MIT DEM ABSTRAKTEN LANG LEBE DAS FLÜCHTIGE DURCH DIE KUNST STARB GOTT NIEDER MIT EINER WELT WO DIE GARANTIE DASS WIR NICHT HUNGERS STERBEN MIT DER GARANTIE ERKAUFT WURDE DASS WIR AN LANGEWEILE STERBEN CLUB MED EIN BILLIGER URLAUB IM ELEND ANDERER LEUTE WECHSELT NICHT DIE ARBEITGEBER WECHSELT DIE TÄTIGKEIT DES LEBENS ARBEITET NIE DER ZUFALL MUSS SYSTEMATISCH ERFORSCHT WERDEN LAUF GENOSSIN DIE ALTE WELT IST DIR AUF DEN FERSEN JE MEHR MAN KONSUMIERT DESTO WENIGER LEBT MAN LEBE OHNE TOTE ZEIT GENIESSE UNGEHINDERTE LEIDENSCHAFT WER ÜBER REVOLUTION UND ANARCHIE REDET OHNE SICH AUSDRÜCKLICH AUF DAS TÄGLICHE LEBEN ZU BEZIEHEN OHNE ZU BEGREIFEN WAS AN DER LIEBE SUBVERSIV UND WAS AN DER ABLEHNUNG VON ZWÄNGEN POSITIV IST HAT LEICHEN IM MUND UNTER DEM PFLASTER LIEGT DER STRAND
Situationistisches

15. Dem 'Punk' Ende der siebziger Jahre ist es gelungen, die Trennung von 'Kunst' und 'Politik' für einen Moment aufzuheben. 'Punk' ist antipolitisch und gegen jegliche Professionalisierung. Punk als direkte Lebensäußerungen von Menschen ist Teil einer anarchistischen Kunst, die in ihrer 'Verrücktheit' die Phantasie belebt.

"Revolution ist die Bewegung zwischen zwei Zuständlichkeiten. Hierbei stelle man sich nicht das Bild einer sich langsam drehenden Rolle vor, sondern eines ausbrechenden Vulkans...
Alle Revolution ist aktiv, singulär, plötzlich und ihre Ursachen entwurzelnd.
Revolution entsteht, wenn ein Zustand unhaltbar geworden ist: mag dieser Zustand in den politischen oder sozialen Verhältnissen eines Landes, in einer geistigen oder religiösen Kultur oder in den Eigenschaften eines Individuums stabilisiert sein.
Die treibenden Kräfte der Revolution sind Überdruß und Sehnsucht, ihr Ausdruck ist Zerstörung und Aufrichtung.
Zerstörung und Aufrichtung sind in der Revolution identisch. Alle zerstörende Lust ist eine schöpferische Lust (Bakunin).
Einige Formen der Revolution: Tyrannenmord, Absetzung einer Herrschergewalt, Etablierung einer Religion, Zerbrechen alter Tafeln (in Konvention und Kunst), Schaffen eines Kunstwerks; der Geschlechtsakt.
Einige Synonyma für Revolution: Gott, Leben, Brunst, Rausch, Chaos.
Laßt uns chaotisch sein!"
Erich Mühsam

17. Ziel einer anarchistischen Kultur sollte es sein, die Risse innerhalb der bestehenden hierarchischen, patriarchalen Industriegesellschaft zu vertiefen, auf keinen Fall zu ihrer Harmonisierung beizutragen, sondern sozialer und kultureller Unruheherd sein und Gedanken praktischer Verweigerung beinhalten.

"Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.
...
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"
Günther Eich

KATZEN und PFAUEN
baubo sbugi ninga gloffa

siwi faffa
sbugi faffa
olofa fafamo
faufo halja finj

sirgi ninga banja sbugi
halja hanja golja biddim

ma ma
piaupa
mjama

pawapa baungo sbugi
ninga
gloffalor
Hugo Ball

20. Umherschweifen, Vagabondage, Rausch, individuelle Provokation, Provokation des marginalen Konsenses, Interaktion zwischen den revolutionären Bewegungen und der Kunst, soziale Individualität, Förderation, Kommune, Vernetzung. Frage: Wenn Kunst stets etwas separiertes ist, kann es Kunst dann noch in der Anarchie geben?

"In Zukunft wird die Verwirklichung des reinen Gestaltungsausdrucks in der greifbaren Realität unserer Umwelt das Kunstwerk ersetzen. Aber um das zu erreichen, ist eine Orientierung zu universeller Vorstellung und Lösung vom Druck der Natur notwendig. Dann werden wir keine Bilder und Skulpturen mehr nötig haben, weil wir in der verwirklichten Kunst leben. Kunst wird verschwinden in dem Maße, als das Leben selbst an Gleichheit gewinnt. Zur Zeit ist Kunst noch von größter Wichtigkeit, weil sie gestalterisch auf direktem Wege, frei von individuellen Vorstellungen die Gesetze des Gleichgewichts demonstriert."
Piet Mondrian

FORUM 'COME TOGETHER' (ANTI-)POLITIK UND (ANTI-)KUNST
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