Thesenpapier zur AG Feminismus und Staat
A) Staat und Geschlechterverhältnisse
- Frauenbewegung und soziale Bewegungen in der BRD haben den
Staat anfänglich als repressiven, entfremdeten (bösen)
Herrschaftsapparat einer unterdrückten und/oder emanzipationswilligen
(guten) Gesellschaft gegenübergestellt, als sei er von
dieser losgelöst. Inzwischen haben sich große Teile
der Bewegungen dem Staat besonders auf Kommuneebene angenähert
(Institutionalisierung). Eine angemessene reflektierte Bestandsaufnahme
aktueller Staatlichkeit im sozialen und ökonomischen Wandel
hat bis heute kaum stattgefunden bzw. wurde ExpertInnen überlassen.
- Seit den achtziger Jahren haben sich besonders angelsächsische
und skandinavische Forscherinnen angesichts wachsender Frauenarmut
(ca. 70% aller Armen sind weiblich) in den westlichen Industrieländern
mit 'dem Staat' auseinandergesetzt: Er privilegiere die männlich
dominierte Erwerbsarbeit und benachteilige die meistens von
Frauen verrichtete lohnlose Hausarbeit bzw. minderbezahlte Teilzeittätigkeit.
Die feministischen Debatten um den 'patriarchalen Wohlfahrtsstaat'
oder 'männerbündischen Sozialstaatskompromiß'
zwischen 'Arbeit' und 'Kapital' werden inzwischen auch von hiesigen
Feministinnen geführt.
- Das Resümee feministischer Staatsforschung: Der Staat
ist von privilegierten und konkurrierenden Männergruppierungen
(Männerbünden) konzipiert, organisiert, strukturiert,
verändert oder auch bekämpft worden. Frauen waren
nicht vorgesehen und wurden über Männer (Ehemänner,
Familienväter) definiert, nicht als eigenständige
Staatssubjekte. Der Staat ist eine dezidiert 'männliche'
Interessenorganisation und spiegelt zugleich ein hierarchisches
Geschlechterverhältnis wider. Andererseits bleibt zu reflektieren,
daß auch in erklärt nicht- oder antistaatlichen Strukturen
hierarchische Geschlechterbeziehungen aufzuspüren bleiben.
Geschlechterhierarchie ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen,
der hieraus erwachsene Staat ein wesentlicher Teil davon.
- Feministische Staatsforschung bedarf grundlegender Reflexionen
über 'Geschlechtlichkeit'. Was ist biologisch, was sozial
konstruiert? Was heißt weiblich, was heißt männlich?
Frauenforschung, Männerforschung und Geschlechterforschung
bieten dafür wichtige Grundlagen. Hinsichtlich Staat, Männlichkeit
und Gewalt/Krieg haben feministische Friedensforscherinnen den
Begriff 'militarisierte Männlichkeit' in die Diskussion
gebracht: Der Mann als Krieger, die Frau als Schutz- und Beuteobjekt?
Oder in Zeiten der 'Angleichung': die 'militarisierte Frau'
("Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall
hin..."?).
- Feministische Staatsforschung sollte verschiedene frauenpolitische
Konzepte (z.B. liberale, sozialistische, autonome/radikale,
postmoderne 'Feminismen') differenzieren - entsprechend unterschiedlich
könnten (Anti-) Staatsentwürfe von Frauen ausfallen.
In unserer AG wäre auch nach einem 'libertären' oder
'Graswurzel'-Feminismus zu fragen, der in der BRD kaum vertreten
ist. Überhaupt: Wo verorten wir uns selbst zwischen Staat,
Markt und autonomer Selbstorganisation? Bleibt noch, politische
Frauen- oder Geschlechterutopien neu zu stricken...
B) Bewegung nach vorn statt 'Backlash'
- Die beiden Pole feministischer Bewegung in Deutschland sind
die sich als antistaatlich/autonom verstehenden Frauen/Lesben-
und die auf politische Einflußnahme innerhalb staatlicher
Institutionen ausgerichteten Gruppen, wie innerhalb der Grünen
oder der neuen feministischen Partei. Dazwischen liegt eine
sich zunehmend institutionalisierende oder auch finanziell mittlerweile
abgesägte feministische Projektkultur, die mit dem Überleben
beschäftigt ist. Gemeinsam ist allen: Zunehmende Isoliertheit
in den eigenen Ecken/auf den eigenen Posten. Über das politische,
gesamtgesellschaftliche Projekt verschiedener feministischer
Standpunkte wird keine Klarheit hergestellt, geschweige denn
gestritten. Im Namen politischer Vielfalt läßt frau
sich in Ruhe. Vorherrschend ist die Einschätzung, daß
Frauen/Lesben zwar von verschiedenen Seiten, aber letztendlich
doch an einem Strick ziehen. Das hieße: autonome Bewegung
und Parteiarbeit ergänzten sich.
- Obwohl Sexismus und Rassismus auf diffuse Art als Staatsideologien
und -strukturprinzipien erkannt sind, fehlt es doch auf allen
Seiten an der Konsequenz, die eigenen Ansätze in Richtung
gesellschaftlicher Emanzipation zu Ende zu denken:
Welche Art von 'Befreiung' ist unter Beibehaltung staatlicher Strukturen überhaupt möglich bzw. welche politische Organisation und sozialen Beziehungen brauchen wir, um staatliche Strukturen/institutionalisierte Herrschaft abbauen und ersetzen zu können?
- Vor der "Übermacht des Faktischen" - Globalisierung des
neoliberalen Kapitalismus, Einbau der Nationalstaaten in größere
Zentralsysteme, die scheinbare Unabdingbarkeit staatlicher Politik,
Verwaltung und Repression, Zunahme sozialer Ausgrenzung und
Entrechtung - beschränkt sich feministische Bewegung auf
vereinzelten Widerstand oder die Reform im Kleinen - ohne
gesamtgesellschaftliche Vision.
- Frau muß sehen, wie sie irgendwie durchkommt. Die Ideologie
des "backlash" zieht neue Saiten auf; strengere Leistungsmaßstäbe
werden an das Individuum angelegt. Emanzipation ist Privatsache.
Entweder du schaffst es oder nicht. Wer sich an irgendeine Gemeinschaft
klammert und auf veraltete Identitäten setzt, hat schon
verloren. Bewegungen und Ismen sind out. Solidarität ist
Schnee von gestern. Das Kaninchen starrt auf die Schlange. Wir
nicht?
>> zurück zum inhaltsverzeichnis
