Anarchismus und individuelle Verantwortung
Wir wollen uns zunächst einen Überblick darüber verschaffen, wie im klassischen Anarchismus Individualität und individuelle Verantwortung gesehen wurden. Dazu ein paar Thesen:
- Gemeinsam ist allen Vorstellungen von Individualität
im klassischen Anarchismus ein positives oder zumindest neutrales
Menschenbild. Gegen die SozialdarwinistInnen und StaatstheoretikerInnen
hat Kropotkin durch wissenschaftliche Untersuchungen beweisen
wollen, daß Verantwortung für andere - gegenseitige
Hilfe - eine natürliche Veranlagung des Menschen ist, daß
der Mensch ein soziales Wesen ist/hat. In der herrschenden staatskapitalistischen
Gesellschaft sind es demnach gesellschaftliche Mechanismen,
Herrschaftsmechanismen, die gegenseitige Hilfe abtöten
oder nicht zum Zuge kommen lassen. Zusammenfassend: der Mensch
ist von Natur aus sozial, nur die Umstände machen ihn/sie
verantwortungslos.
- Ebenfalls im klassischen Anarchismus verankert ist die radikalisierte
Vorstellung eines politischen Liberalismus, nach welcher das
Individuum eine unveräußerliche Autonomie und Fähigkeit
zur Selbstbestimmung besitzt, woraus sich gegenüber dem
Staat die Forderung nach individuellen Rechten und sogar nach
Ablehnung jeder staatlichen Einmischung in die Sphäre des
Individuums ableitet. Demgegenüber gehen Vorstellungen
der Demokratie (Rousseau’scher Gesellschaftsvertrag) und des
Staatssozialismus von einer unterschiedslosen, unpersönlichen
(im Sinne von unindividuellen) Masse von Menschen aus, die dem
Staat gegenüber zuallererst Pflichten haben und von diesem
"zur Freiheit gezwungen" werden können.
- Der Individualanarchismus von und nach Stirner hat die Vorstellung
individueller Rechte dahingehend radikalisiert, daß das
Individuum nur sich selbst gegenüber verantwortlich ist
und jede vermeintliche Verantwortung anderen gegenüber
Herrschaftsideologie ist, die die menschliche Individualität
beschränkt. Der daraus resultierende Slogan "Tu was du
willst" geht davon aus, daß es dem eigenen Ich nichts
bringt (oder auch nicht gut tut), zum Beispiel gegen andere
Individuen gewalttätig zu werden bzw. ihren Freiheitsraum
zu beschränken usw. Trotz Stirners Radikalität ergeben
sich gerade hier Übergänge zur bürgerlichen Vorstellung
individueller Freiheit, denn "Tu was du willst" im Sinne konkurrenzhaften
Durchsetzungswillens führt zu einer Gesellschaft, in der
einigen wenigen die Ausübung individueller Freiheit auf
Kosten der Masse anderer erlaubt ist (Survival of the fittest,
BürgerInnen-ProletarierInnen, heute eher: "Erste Welt"-"Dritte
Welt")
- Gegen dieses bürgerliche Ideal individualistischer Egozentrik
haben alle sozialen, kollektivistischen und kommunistischen/anarchosyndikalistischen
Varianten des Anarchismus individuelle Verantwortlichkeit eingefordert,
vor allem im Begriff der Solidarität oder der gegenseitigen
Entsprechung der Begriffe Gleichheit und Freiheit. Wichtig war
dabei trotzdem die Vorstellung, daß individuelle Freiheit
jeder Form von Gemeinschaft vorausgeht. Nur selbständige
und selbstbewußte Individuen sind zu freiheitlichen Gemeinschaftsformen
fähig. Gleichzeitig ist ein Individuum nicht vollständig
frei, solange andere Menschen unterdrückt werden. Daraus
resultiert der soziale Freiheitsbegriff des Anarchismus Bakunins:
"Ich bin nicht frei, solange auch nur ein Mensch unfrei ist!"
Ein klares Bekenntnis zur individuellen Verantwortung. In einigen
Formen des Sozial-Anarchismus und besonders des Anarchosyndikalismus
wurde jedoch Solidaritäts- und Verantwortungsgefühl
so betont und altruistisches Verhalten so stark verlangt, daß
zum Teil subalterne Charaktere entstanden, d.h. Menschen mit
Ich-Schwäche und konformistischen Verhaltensweisen, die
die Übernahme von Herrschaftsideologien zuließen
(Nation, Arbeiterführerkult usw.)
- Typisch für den klassischen Anarchismus war ein revolutionärer
Voluntarismus. Gegenüber historischen, sozialen und ökonomischen
Zwängen sollte das subjektive Moment in den Vordergrund
gerückt werden. Revolution ist immer möglich, unter
allen gesellschaftlichen Bedingungen, wenn die Individuen sie
nur wollen. Seit Etienne de la Boeties These von der freiwilligen
Knechtschaft ("Wollt, daß ihr keine Knechte mehr seid,
und ihr seid frei!") wird dabei davon ausgegangen, daß
das über dem Individuum liegende Gehäuse der Herrschaft
durch individuelle Willenskraft und radikale Subjektivität
aufgesprengt werden kann und das darunter liegende freie Individuum
der Aufkündigung von Knechtschaft quasi unbeschadet entsteigt.
- Dagegen wird heute vor allem im Anschluß an Foucault
eingewandt, daß keine Form der Knechtschaft das Individuum
unbeschädigt läßt und Mikrostrukturen der Macht
gerade heute Formen der Freiwilligkeit von Knechtschaft verewigen.
Knechtschaft wirkt heute nicht mehr von außen auf das
Individuum ein, sondern das Individuum verinnerlicht die Knechtschaft,
als Internalisierung von Herrschaft, als Konformismus, als individuelle
Karriereplanung, als unmerkliche Anpassung an die Norm, als
Disziplin.
- Schon die Kritische Theorie hatte vor dem Untergang des bürgerlichen
Subjekts gewarnt. Individuelle Freiheit werde im Kapitalismus
als konsumistische Freiheit der Auswahl kapitalistischer Waren
mißverstanden. Im Zuge verschiedenster Formen der Massenkultur
kommt es zu hedonistischen Formen des Individualismus, die in
Wirklichkeit das atomisierte Individuum hervorbringen, dem es
an Verantwortlichkeit fehlt, dessen Verhalten von Konkurrenzförmigkeit
geprägt ist und dessen Zustand der Vereinsamung anfällig
für Herrschaftsideologien macht (etwas anders sieht es
bei individualisierten Frauen aus, für die individualistische
Unabhängigkeit und Selbständigkeit oft Voraussetzung
für Emanzipation ist)
- Bei Gustav Landauer ist eine - anders verstandene - Einsamkeit
ein Zwischenstadium auf dem Weg zu individueller Verantwortlichkeit:
durch Absonderung zur Gemeinschaft. Für Landauer sind die
sich nach herrschenden Normen - auch herrschenden Normen der
Egozentrik - verhaltenden Menschen keine Individuen, sondern
eine geistlose Masse. Von ihr sind die wenigen geistvollen Menschen,
wirkliche Individuen, abgestoßen. Sie sondern sich von
ihr ab und erkennen in dieser Absonderung erst die anderen,
denen es ähnlich geht wie ihnen. Mit ihnen zusammen beginnen
sie den Aufbau menschlicher Gemeinschaften, die von individueller
Verantwortung geprägt sind. In diesem Prozeß sind
die Individuen erst dann subjektiv glücklich, wenn auch
die anderen Individuen glücklich sind. Pierre Ramus hat
für die Beschreibung dieses Ideals den Begriff "sozialer
Egoismus" benutzt.
- Daniel Jonah Goldhagen geht in seinem umstrittenen Buch von
der These aus, daß der in den Individuen internalisierte
Antisemitismus gegenüber staatlich-bürokratischen
Ursachenanalysen aufgewertet werden muß. Wenn es um Judenvernichtung
ging, mißachteten deutsche Individuen sogar Befehle (Beispiel
Todesmärsche) oder meldeten sich gar freiwillig (Beispiel
Massenerschießungen).
- Zygmunt Bauman geht im Gegensatz zu Goldhagen von einer vorhandenen
Tötungshemmung und einem "animalischen Mitleid" (im Anschluß
an Hannah Arendt) in den deutschen Individuen aus. Zentraler
Bestandteil der Shoah sei es gewesen, jüdische Menschen
zuerst abzusondern, dadurch das Gefühl sozialer Nähe
zu zerstören und individuelle Gleichgültigkeit gegenüber
den Opfern erst herzustellen.
- Die Feministin Susanne Kappeler kritisiert in ihrem Buch "Wille
zur Gewalt" alle Versuche der Ursachenanalyse individueller
Gewalttaten als die Täter entlastend und entschuldigend.
Sie meint, jeder Gewalttat gehe eine bewußte Entscheidung
dafür voraus. Diese bewußte Entscheidung, die jedes
Individuum für sich treffe, müsse zum Hauptansatzpunkt
einer Forderung nach individueller Verantwortung gemacht werden.
- Der französische libertäre Schriftsteller und Philosoph
Albert Camus geht ebenfalls von der Erfahrung Nationalsozialismus,
Vernichtung und Zweiter Weltkrieg aus. Im Nazi sieht Camus den
Menschen ohne überindividuellen moralischen Maßstab,
der zu allem fähig ist. Camus begründete sein Konzept
individueller Verantwortung daher aus einem skeptischen Menschenbild
(im Gegensatz zum klassischen Anarchismus). Nur im individuellen
Widerstand gegen die objektiven Lebensbedingungen wie auch gegen
die Ungerechtigkeit könne zu moralischen Maßstäben
und zu individueller Verantwortlichkeit gefunden werden: "Ich
revoltiere, also sind wir!"
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