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Anarchismus und individuelle Verantwortung

Wir wollen uns zunächst einen Überblick darüber verschaffen, wie im klassischen Anarchismus Individualität und individuelle Verantwortung gesehen wurden. Dazu ein paar Thesen:

  1. Gemeinsam ist allen Vorstellungen von Individualität im klassischen Anarchismus ein positives oder zumindest neutrales Menschenbild. Gegen die SozialdarwinistInnen und StaatstheoretikerInnen hat Kropotkin durch wissenschaftliche Untersuchungen beweisen wollen, daß Verantwortung für andere - gegenseitige Hilfe - eine natürliche Veranlagung des Menschen ist, daß der Mensch ein soziales Wesen ist/hat. In der herrschenden staatskapitalistischen Gesellschaft sind es demnach gesellschaftliche Mechanismen, Herrschaftsmechanismen, die gegenseitige Hilfe abtöten oder nicht zum Zuge kommen lassen. Zusammenfassend: der Mensch ist von Natur aus sozial, nur die Umstände machen ihn/sie verantwortungslos.

  2. Ebenfalls im klassischen Anarchismus verankert ist die radikalisierte Vorstellung eines politischen Liberalismus, nach welcher das Individuum eine unveräußerliche Autonomie und Fähigkeit zur Selbstbestimmung besitzt, woraus sich gegenüber dem Staat die Forderung nach individuellen Rechten und sogar nach Ablehnung jeder staatlichen Einmischung in die Sphäre des Individuums ableitet. Demgegenüber gehen Vorstellungen der Demokratie (Rousseau’scher Gesellschaftsvertrag) und des Staatssozialismus von einer unterschiedslosen, unpersönlichen (im Sinne von unindividuellen) Masse von Menschen aus, die dem Staat gegenüber zuallererst Pflichten haben und von diesem "zur Freiheit gezwungen" werden können.

  3. Der Individualanarchismus von und nach Stirner hat die Vorstellung individueller Rechte dahingehend radikalisiert, daß das Individuum nur sich selbst gegenüber verantwortlich ist und jede vermeintliche Verantwortung anderen gegenüber Herrschaftsideologie ist, die die menschliche Individualität beschränkt. Der daraus resultierende Slogan "Tu was du willst" geht davon aus, daß es dem eigenen Ich nichts bringt (oder auch nicht gut tut), zum Beispiel gegen andere Individuen gewalttätig zu werden bzw. ihren Freiheitsraum zu beschränken usw. Trotz Stirners Radikalität ergeben sich gerade hier Übergänge zur bürgerlichen Vorstellung individueller Freiheit, denn "Tu was du willst" im Sinne konkurrenzhaften Durchsetzungswillens führt zu einer Gesellschaft, in der einigen wenigen die Ausübung individueller Freiheit auf Kosten der Masse anderer erlaubt ist (Survival of the fittest, BürgerInnen-ProletarierInnen, heute eher: "Erste Welt"-"Dritte Welt")

  4. Gegen dieses bürgerliche Ideal individualistischer Egozentrik haben alle sozialen, kollektivistischen und kommunistischen/anarchosyndikalistischen Varianten des Anarchismus individuelle Verantwortlichkeit eingefordert, vor allem im Begriff der Solidarität oder der gegenseitigen Entsprechung der Begriffe Gleichheit und Freiheit. Wichtig war dabei trotzdem die Vorstellung, daß individuelle Freiheit jeder Form von Gemeinschaft vorausgeht. Nur selbständige und selbstbewußte Individuen sind zu freiheitlichen Gemeinschaftsformen fähig. Gleichzeitig ist ein Individuum nicht vollständig frei, solange andere Menschen unterdrückt werden. Daraus resultiert der soziale Freiheitsbegriff des Anarchismus Bakunins: "Ich bin nicht frei, solange auch nur ein Mensch unfrei ist!" Ein klares Bekenntnis zur individuellen Verantwortung. In einigen Formen des Sozial-Anarchismus und besonders des Anarchosyndikalismus wurde jedoch Solidaritäts- und Verantwortungsgefühl so betont und altruistisches Verhalten so stark verlangt, daß zum Teil subalterne Charaktere entstanden, d.h. Menschen mit Ich-Schwäche und konformistischen Verhaltensweisen, die die Übernahme von Herrschaftsideologien zuließen (Nation, Arbeiterführerkult usw.)

  5. Typisch für den klassischen Anarchismus war ein revolutionärer Voluntarismus. Gegenüber historischen, sozialen und ökonomischen Zwängen sollte das subjektive Moment in den Vordergrund gerückt werden. Revolution ist immer möglich, unter allen gesellschaftlichen Bedingungen, wenn die Individuen sie nur wollen. Seit Etienne de la Boeties These von der freiwilligen Knechtschaft ("Wollt, daß ihr keine Knechte mehr seid, und ihr seid frei!") wird dabei davon ausgegangen, daß das über dem Individuum liegende Gehäuse der Herrschaft durch individuelle Willenskraft und radikale Subjektivität aufgesprengt werden kann und das darunter liegende freie Individuum der Aufkündigung von Knechtschaft quasi unbeschadet entsteigt.

  6. Dagegen wird heute vor allem im Anschluß an Foucault eingewandt, daß keine Form der Knechtschaft das Individuum unbeschädigt läßt und Mikrostrukturen der Macht gerade heute Formen der Freiwilligkeit von Knechtschaft verewigen. Knechtschaft wirkt heute nicht mehr von außen auf das Individuum ein, sondern das Individuum verinnerlicht die Knechtschaft, als Internalisierung von Herrschaft, als Konformismus, als individuelle Karriereplanung, als unmerkliche Anpassung an die Norm, als Disziplin.

  7. Schon die Kritische Theorie hatte vor dem Untergang des bürgerlichen Subjekts gewarnt. Individuelle Freiheit werde im Kapitalismus als konsumistische Freiheit der Auswahl kapitalistischer Waren mißverstanden. Im Zuge verschiedenster Formen der Massenkultur kommt es zu hedonistischen Formen des Individualismus, die in Wirklichkeit das atomisierte Individuum hervorbringen, dem es an Verantwortlichkeit fehlt, dessen Verhalten von Konkurrenzförmigkeit geprägt ist und dessen Zustand der Vereinsamung anfällig für Herrschaftsideologien macht (etwas anders sieht es bei individualisierten Frauen aus, für die individualistische Unabhängigkeit und Selbständigkeit oft Voraussetzung für Emanzipation ist)

  8. Bei Gustav Landauer ist eine - anders verstandene - Einsamkeit ein Zwischenstadium auf dem Weg zu individueller Verantwortlichkeit: durch Absonderung zur Gemeinschaft. Für Landauer sind die sich nach herrschenden Normen - auch herrschenden Normen der Egozentrik - verhaltenden Menschen keine Individuen, sondern eine geistlose Masse. Von ihr sind die wenigen geistvollen Menschen, wirkliche Individuen, abgestoßen. Sie sondern sich von ihr ab und erkennen in dieser Absonderung erst die anderen, denen es ähnlich geht wie ihnen. Mit ihnen zusammen beginnen sie den Aufbau menschlicher Gemeinschaften, die von individueller Verantwortung geprägt sind. In diesem Prozeß sind die Individuen erst dann subjektiv glücklich, wenn auch die anderen Individuen glücklich sind. Pierre Ramus hat für die Beschreibung dieses Ideals den Begriff "sozialer Egoismus" benutzt.

Die Verständigung und Vergegenwärtigung der Positionen des klassischen Anarchismus zu Individuum/individueller Verantwortung soll nur Ausgangspunkt der AG sein. Im weiteren Verlauf der AG wollen wir diese Vorstellungen des klassischen Anarchismus konfrontieren mit neuen Ansätzen zu individueller Verantwortlichkeit. Gemeinsam ist diesen neueren Ansätzen, die wir zu Beginn und im Verlauf der Arbeitsgruppe ausführlicher vorstellen wollen, daß sie alle individuelle Verantwortung vor dem Hintergrund des einschneidenden Erlebnisses des Holocaust, der Shoah, reflektieren, was der klassische Anarchismus - natürlich - nicht machen konnte. Was bedeutet das für den heutigen Anarchismus und seine Einstellung zum Individuum?

  1. Daniel Jonah Goldhagen geht in seinem umstrittenen Buch von der These aus, daß der in den Individuen internalisierte Antisemitismus gegenüber staatlich-bürokratischen Ursachenanalysen aufgewertet werden muß. Wenn es um Judenvernichtung ging, mißachteten deutsche Individuen sogar Befehle (Beispiel Todesmärsche) oder meldeten sich gar freiwillig (Beispiel Massenerschießungen).

  2. Zygmunt Bauman geht im Gegensatz zu Goldhagen von einer vorhandenen Tötungshemmung und einem "animalischen Mitleid" (im Anschluß an Hannah Arendt) in den deutschen Individuen aus. Zentraler Bestandteil der Shoah sei es gewesen, jüdische Menschen zuerst abzusondern, dadurch das Gefühl sozialer Nähe zu zerstören und individuelle Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern erst herzustellen.

  3. Die Feministin Susanne Kappeler kritisiert in ihrem Buch "Wille zur Gewalt" alle Versuche der Ursachenanalyse individueller Gewalttaten als die Täter entlastend und entschuldigend. Sie meint, jeder Gewalttat gehe eine bewußte Entscheidung dafür voraus. Diese bewußte Entscheidung, die jedes Individuum für sich treffe, müsse zum Hauptansatzpunkt einer Forderung nach individueller Verantwortung gemacht werden.

  4. Der französische libertäre Schriftsteller und Philosoph Albert Camus geht ebenfalls von der Erfahrung Nationalsozialismus, Vernichtung und Zweiter Weltkrieg aus. Im Nazi sieht Camus den Menschen ohne überindividuellen moralischen Maßstab, der zu allem fähig ist. Camus begründete sein Konzept individueller Verantwortung daher aus einem skeptischen Menschenbild (im Gegensatz zum klassischen Anarchismus). Nur im individuellen Widerstand gegen die objektiven Lebensbedingungen wie auch gegen die Ungerechtigkeit könne zu moralischen Maßstäben und zu individueller Verantwortlichkeit gefunden werden: "Ich revoltiere, also sind wir!"

Alexandra, Reinhard
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