Herausforderung Neue Technologien
Der Mythos vom "Zeichenbrett" der Ingenieure:
Blinde Flecken der (libertären) Technikkritik und die Folgen am Beispiel des AutomobilsKurzfassung:
In diesem Block der AG "Herausforderung neue Technologien" geht es - etwas anachronistisch - um eine Technologie, die einmal zu den "Neuen" gehört hat, heute aber sicher nicht mehr dazu zu zählen ist: das Automobil. Anhand einer Rekonstruktion der Durchsetzung des Autos möchte ich versuchen zu erläutern, wie Technik in die Gesellschaft vordringt und wie es dazu kommt, daß wir in vielen Bereichen unseres Lebens offensichtlich ausweglos auf Technik angewiesen sind. Am Beispiel des Autos kann dann auch diskutiert werden, wie mit einer Technologie umzugehen ist, die schon "da" ist (denn das gilt für so ziemlich alle Technik).
Wenige Themen haben in den letzten Jahrzehnten mehr Resonanz in den sozialen Bewegungen gefunden als das Automobil, zumindest soweit sie sich mit Ökologie befassen. Meist steht dabei jedoch eine wie auch immer unzerbrechliche "Beziehungskiste" von Fahrer und Fahrzeug im Blickpunkt des Interesses. Außertechnische Qualitäten des Automobils bündeln demgemäß häufig die Aufmerksamkeit, scheinen für die Kritik instruktiver.
Aus dieser Konzentration auf expressive Gesichtspunkte der Autonutzung erklären sich die Zuschreibungen auf Irrationalität, die durch ein scheinbar kollabierendes Verkehrssystem noch zusätzlich gestützt werden. Der technische Charakter des Automobils bleibt dabei verdeckt, die sozialstrukturelle Bedeutung des Automobilismus als großtechnischem System weitgehend ausgeblendet. Im Gegensatz dazu wird hier ein Perspektivenwechsel vorgeschlagen: Die leitende These ist die, daß mit jeder einzelnen Autofahrt Schritt für Schritt eine automobilzentrierte Realität produziert wird, die sich zu einem eigendynamischen sozialen Prozeß verselbständigt. Das heißt dann u.a. auch, daß sich die Folgen der Automobilisierung zunehmend zu Bestandteilen seiner eigenen Verursachungsstruktur entwickeln.
Folgt man diesem Perspektivenwechsel, erweist es sich als sinnvoll, die Beobachtung von der Krise des Automobilsystems auf Stabilität, von Konflikt in der Automobilnutzung auf Konfliktarmut umzustellen. Dreierlei ist zu erkennen:
- Auto-Mobilität bezeichnet einen in sich paradoxen Prozeß
aus Frei- und Festsetzung mobilgemachter Individuen. Einerseits
ermöglicht die Verbreitung des Automobils ein erweitertes
Spektrum an Handlungsoptionen. Individuelle Verfügbarkeit,
Selbststeuerung und Willkürlichkeit in der Nutzung machen
das Automobil für eine wachsende Zahl von zunehmend komplexeren
Aktivitäten interessant. Jede einzelne Fahrt trägt
dazu bei, während parallel die Formenvielfalt der Fahrzeuge
gesteigert wird, so daß wiederum neue Handlungsspielräume
"anwachsen". Doch gleichzeitig bringt dieses Vordringen des
Automobils auch Festlegungen mit sich. Diese reichen von der
Raumwahrnehmung über die formalisierte Interaktion im Verkehr
bis dahin, daß Automobilnutzung selbst zum bindenden Bezugspunkt
für Differenzierung des Alltagshandelns wird. Nicht nur
das Auto, sondern auch sein/e Fahrer/in wird "wie am Fließband”
produziert.
- Selbstverständlich ist die Nutzung des Automobils auf
hochintegrierte organisatorische Bezüge und auf weitreichende
räumliche Vernetzung angewiesen. Ohne Straßenverkehrsordnung,
Fernstraßennetz, Tankstellenketten, Verkehrsleittechnik
und Unfallchirurgie könnten die Automobile nicht in Fahrt
kommen. Dieses - hier höchst unvollständig beschriebene
- großtechnische System wächst in weitem Maße
unkontrolliert von übergreifender Planung. Vielmehr erfolgt
die Ausbreitung des Automobilismus entlang der Probleme, die
sich aus der Intensivierung der Automobilnutzung selbst ergeben.
Dies läßt sich am Beispiel der Unfallgefahr zeigen,
wobei deutlich wird, daß vor allem die Auslagerung eines
großen Teils von Problemen in die Bereiche des Rechts,
der Ökonomie und der Pädagogik für Stabilität
sorgt.
- Die aus der technischen Fundierung des Automobilismus resultierende
Wachstumsdynamik wird freilich durch ihre Verflechtung mit den
gesellschaftlichen Funktionssystemen in einer Weise verstärkt,
für die es historisch gar keine Alternative gibt. Zwangsläufig
führt dieser Zusammenhang auf die Frage nach der Funktion
des (Automobil)-Verkehrs für den Prozeß gesellschaftlicher
Ordnungsbildung. Komplexe moderne Gesellschaften wären
ohne die durch Ausbreitung des Automobils bewirkte Steigerung
funktionaler Interdependenz und sozialer Vernetzung nicht denkbar.
Das Automobil ragt sozusagen physisch in gesellschaftliche "Abläufe"
hinein. Dies gilt in positiver wie in negativer Hinsicht, aber
es gilt vor allen Dingen in hinsicht darauf, daß eingefahrene
Bahnen nicht einfach verlassen werden können.
Daß die Technik/das Auto ihre/seine eigene Realität produziert, wurde natürlich von der libertären Technikkritik schon früh gesehen und ist insofern gar nichts Neues. Nur was folgt daraus? Nicht unbedingt, wie oft von interessierter Seite vorgebracht, daß die Geschichte der Technikkritik als Geschichte der Niederlagen sozialer Bewegungen geschrieben werden müßte. Eher schon trifft die Diagnose zu, daß den Bewegungen oft ein umfassendes und leistungsfähiges Alternativkonzept fehlte, nach dem man sich ein Leben beispielsweise ohne Auto vorstellen könnte. Es stellt sich die Frage, wie sich hinsichtlich problematischer Technologien eine Abwärtssprirale in Gang setzen läßt, die die Verwendung dieser Technik zurückdrängt. In vielem habe ich hier keine Antworten. Sicher scheint mir nur eines: nämlich, daß es auch den libertären Versuchen der Planung oder Steuerung - das hieße dann selbstverständlich der "koordinierten Aneignung" - nicht besser ergehen wird als seinen heutigen, von Technokraten verwalteten Vorgängern.
Klaus Kuhm, Bremen
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