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Sozialismus oder Barbarei!

25 Jahre Graswurzelrevolution - und die Entscheidungsfrage stellt sich noch immer!

Vorbereitungstext zum Einleitungsreferat. Ausführliche Fassung des Leitartikels der Oktober-GWR, der dort leicht gekürzt erschienen war.

"Zusammenbruch und Umsturz wurden nicht herbeigeführt durch eine bewaffnete Erhebung, sondern durch Waffenstreik. Was die herrschenden Mächte verhinderte, gegen die empörten Massen Gewaltmittel anzuwenden, das war freilich nicht freundliches Entgegenkommen (...), sondern lediglich das Bewußtsein, daß diese Gewaltmittel versagen würden. Den herrschenden Mächten durch Anwendung aller unserer wirtschaftlichen und geistigen Kampfmittel die Möglichkeit, Gewalt gegen uns anzuwenden, zu entziehen, halte ich für besser, als ihrer militärischen Gewalt die gleiche entgegenzusetzen. Die Gewalt der Gegner zu verhindern ist besser, als sie selbst auszuüben. Ohne gewisse psychologische Voraussetzungen ist jede Revolution aussichtslos und eine soziale erst recht. Je mehr es gelingt, diese Voraussetzungen zu schaffen, desto größer wird die Aussicht, ohne Gewaltmittel die soziale Revolution herbeizuführen."
(Fritz Oerter, 1927)

Unsere Konzeptionen einer antiautoritären, sozialistischen Revolution mit Kampfformen des gewaltlosen, zivilen Widerstands ist wesentlich älter als die Zeitschrift Graswurzelrevolution. Menschen, die die soziale Revolution gerade als Kampf gegen die Waffen statt als Kampf mit der Waffe verstehen, haben viele generationstypische Erfahrungen mit bitteren Niederlagen und mit Pyrrhussiegen hinter sich - und vor sich. Bewegungen, die unsere Überzeugungen und Erwartungen zunächst bestätigen (oder zu bestätigen scheinen) und dann ganz andere Entwicklungen einleiten als von uns erhofft, sind eine besondere Herausforderung, die wir annehmen sollten, statt in Routine weiterzumachen als sei nichts geschehen, wie es in vielen Gruppen und der Gesellschaft insgesamt so oft zu beobachten ist. In den letzten Jahren haben wir tiefe Einschnitte in das Selbstverständnis sozialer Bewegungen erlebt, die m.E. Ausgangspunkte für alle weiteren Schritte geworden sind.

Für die Jüngeren ist es schon Geschichte und vielleicht nicht mehr begreiflich, wie stark meine Generation von verschiedenen Aspekten des Kalten Krieges geprägt wurde. Die Blockkonfrontation erzeugte seit der Kuba-Krise über immer neue Rüstungsschübe die Angst vor einem Dritten Weltkrieg, einer apokalyptischen, exterministischen Vernichtung allen menschlichen Lebens durch verantwortungslose Politik. Sicher ein Antrieb gegen die Staaten und für den Gewaltlosigkeit sich zu entscheiden. Mit der Blockkonfrontation war natürlich die Frontstellung der Ideologien verknüpft: Innere FeindInnen wurden bekämpft und als (vielleicht unbewußte, "dient objektiv" hieß das in der Fachsprache) HelfershelferInnen der "anderen Seite" diffamiert. "Freiheit oder Sozialismus" lauteten die Wahlkampfparolen der CDU/CSU; der "real existierende Sozialismus" wähnte sich "eine ganze historische Epoche" der Menschheitsgeschichte voraus.

Jede soziale und politische Konzeption und individuelle Entscheidung entsteht in der Auseinandersetzung, Abgrenzung zu anderen Bewegungen, Ideologien, Politiken. Für die Position der Graswurzelrevolution sind dabei m.E. die Blockkonfrontation, aber auch etwa die RAF und die neoleninistischen Kaderparteien prägend. Etwas anderes, was uns seit Ende der 60er Jahre, als die NPD ihre Wahlerfolge feierte, begleitet, ist die nationalsozialistische Bedrohung. Wer sich gegen diese verschiedenen Spielarten traditioneller, autoritärer, bewaffneter Politik wandte und den Anarchismus und Gewaltlosigkeit als befreiende Antworten auf die Staatsgewalt "erfand" oder entdeckte, verknüpfte, wenn man/frau sich überhaupt vorstellen konnte, daß diese Nachkriegs- und Vorkriegswelt anders als apokalyptisch enden werde, damit bestimmte unbewußte Annahmen. Diese konnten sich durchaus auf die Praxis von gegenkulturellen und libertären Gruppen und Bewegungen stützen. Wir glaubten unbewußt, behaupte ich, daß diese Bewegungen sich, einigen Niederlagen und dem Stehenbleiben in bloßem Reformismus zum Trotz, zu einer umfassenden Alternative entwickeln könnten und für große Teile der Bevölkerungen der kriegsbereiten Staaten attraktiv werden müßten. Das "Menschenbeben" (Robert Jungk) war ja in der Anti-AKW-Bewegung sichtbar geworden, in der Friedensbewegung, in vielen BürgerInneninitiativen und sozialen Experimenten, in dem Boykott der Volkszählung. Kurz, es gab unbewußt die Vorstellung: nach dieser offiziellen Politik als Krieg kommen wir. Die Revolution als Anti-Krieg, Zerstörung seiner Ursachen, auch psychologisch.

Die Verheißung ist nicht eingetreten...

Der Zusammenbruch des "real existierenden" Sozialismus und des Warschauer Paktes hat nicht etwa einen antiautoritären Sozialismus gestärkt und die transnationale Offensive gewaltloser Bewegungen gegen Rüstung, Militärintervention und Menschenrechtsverletzungen herbeigeführt. Die Renaissance des "Bereichert Euch!" - und sei es mit mafiosen Strategien - und die geringe Abwehr ehemals "sozialistisch" genannter Bevölkerungen dagegen hat uns, bei allem Verständnis für die Situationen, überrascht. Warum wurden die bislang von der Staatsbürokratie okkupierten Betriebe nicht tatsächlich von ArbeiterInnen und Bauern/Bäuerinnen übernommen? Solch eine Fragerichtung gilt heute schon als absurd und illusionär. Aber sind die Antworten auf die Frage ganz überzeugend und zu Ende gedacht? Bewaffneter Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus drücken die antiautoritären, ökologischen, feministischen Gruppen in vielen Ländern in gefährdete Minderheitenpositionen, wenn sie nicht deren Aufkommen schon im Keim ersticken.

Die neuen sozialen Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen haben oft ihren antiinstitutionellen und egalitären Impuls aufgegeben und wurden re-parlamentarisiert, auch bürokratisiert - soweit sie sich überhaupt ernsthaft von der Fixierung auf staatliche Politik entfernt hatten. Besonders durch den Golfkrieg und des Zerfallen des früheren Jugoslawien, wo durch Krieg, Vertreibung, Folter, "ethnische Säuberung" homogene Bevölkerungen für neue Nationalstaaten geschaffen werden sollten, sind viele Menschen, die für zivile Konfliktaustragung, Abrüstung, die emanzipatorischen Ziele von Menschenrechtsgruppen eintraten, in Zweifel oder Resignation getrieben worden. Viele Organisationen sind auf "kritische" Begleitung der offiziellen Politik und Ideologie eingeschwenkt und beziehen sich positiv auf Marktwirtschaft, "Nachhaltigkeit", bewaffnete Interventionspolitik zur angeblichen Durchsetzung humanitärer Ziele.

Die Kritik daran erschöpft sich: Wir haben alles dreimal gesagt und beobachtet, daß der "Zeitgeist" nicht hören will, solche Sicht der Dinge "megaout" ist, kein Thema. Auch die, die gegen den Golfkrieg auf der Straße waren, wollen kaum daran erinnert werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Jugoslawien. Als viele andere Gruppen der "Linken" schwiegen, haben wir sehr viel über die anti-nationalistische Opposition im früheren Jugoslawien berichtet, über die sozialen Ursachen des Zerfalls und gewaltlose Bewegungen gegen die Brutalität. Aber die falschen Alternativen wurden aus allen Massenmedien täglich wiederholt; auch dies marginalisiert die Gruppen, die gegen den Krieg kämpfen. Sollen wir, nur weil Werbestrategen lehren, eine Information würde erst bei siebten Mal aufgenommen, uns in endlosen Wiederholungen ergehen?

Aber die Gefahr besteht, stumm zu werden. Und ich bin nicht sicher, daß die Steine reden, wenn wir schweigen. Zu befürchten ist, daß dann die Nazis grölen. Dabei ist allein deprimierend genug, daß diese professionellen Feinde der Menschheit wieder öffentlich anderen Menschen das Recht zu leben absprechen. Die Probleme verflüchtigen sich nicht, wenn frühere "linke Kritiker" ihren Frieden mit der unversöhnten Wirklichkeit machen und zufrieden sind, wenn die Bourgeoisie ihnen ihre "Jugendsünden" verzeiht und ihnen doch noch eine Stelle mit Pensionsberechtigung anbietet, wo sie sich nach Art der Väter austoben können. Die 68er-LeninistInnen, die einige Jahre uns Antiautoritären drohten, wir wären die ersten, die an die Wand gestellt würden, wenn "das Proletariat die Macht erobert", sind überwiegend ins Milieu ihrer Väter zurückgekehrt und erinnern sich heute gern: "Wir waren Faschisten, linke Faschisten, aber von den Methoden ... gut, daß wir nicht gewonnen haben." (Gespräche, in denen das gesagt und Aufsätze, in denen das geschrieben wurde, kennen wir alle) In der Tat, und es gibt einige, denen diese Lektion immer noch bevorsteht. Daß es für viele dieser "Linken" nur die Alternative gibt, wieder in die bürgerliche Parteipolitik oder private Bereicherung einzusteigen, nicht aber, in der anonymen und auf tatsächliche Emanzipation gerichteten Bewegung des herrschaftslosen Sozialismus mitzuarbeiten, charakterisiert sie hinreichend. Niemand kann sagen, was genau zu tun ist, um die Selbstbewußtseinsentwicklung der Unterdrückten so zu fördern, daß sie befähigt werden, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und ihr Schicksal in die eigenen Händen zu nehmen. Möglichst viele Menschen müssen ihre Erfahrungen, ihre Sicht der Bewegungen, ihre Hoffnungen und Ängste ausdrücken, unzensiert, in gegenseitiger Toleranz und Kritik, damit die Voraussetzungen einer freien Gesellschaft deutlicher werden. So wichtig dabei persönliche Veränderung, Experimente mit alternativen Lebensformen, Utopien sind, es sind letztlich nur Massenbewegungen, die das Außensei- terdasein der sozialrevolutionären Gruppen aufheben und eine Welt mit weniger Hunger, Zwang, Gewalt, Ausgrenzung und Unglück durchsetzen werden. Zur Eröffnung der Diskussion will ich zwei Aspekte aufgreifen, die m.E. besonders wichtig sind und oft im Hintergrund unserer Diskussion bleiben; beide haben mit der Bürokratisierung des Lebens in den modernen Gesellschaften zu tun.

1. Für eine neue Sozialismusdiskussion

"Wir dachten schon, das ist der Sieg", als in den 80er Jahren immer deutlicher wurde, daß der autoritäre Sozialismus in eine Krise geriet. Seit den Tagen der Ersten Internationale, besonders seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Stabilisierung der bolschewistischen Diktatur hatten auf irgendeine Art doch alle AnarchistInnen angenommen, das Scheitern des Etatismus werde ihnen recht geben: eine "dritte Revolution" (Volin), die Beseitigung der bürokratischen Diktatur durch Formen der Selbstorganisation werden den historischen Sieg des föderalistischen, bakunistischen Sozialismus über den zentralistischen und autoritären Parteisozialismus besiegeln. Hatte nicht Bahro in der "Alternative" die prophetischen Warnungen Bakunins zitiert, war nicht in den Schriften Lew Kopelews und Raissa Orlowas der Geist Herzens, Bakunins, Tolstois lebendig?

Im Sommer 1989 sollte es auf dem FöGA-Bundestreffen in Lutter eine Diskussion über Chancen und Probleme des gewaltfreien Anarchismus geben; das Eröffnungsreferat (1) warf schon einige Fragen auf, die sich seitdem eher zugespitzt haben:

"Eine Tendenz, die unsere Konzeption sozialer Kämpfe durch gewaltlose Mittel stärkt, ist ein wachsendes Bewußtsein davon, daß Geschichte nicht mehr auf den Barrikaden gemacht wird; daß der Bürgerkrieg, Avantgardeparteien, kurz: das aus der bürgerlichen Revolution stammende autoritäre Konzept sozialer Veränderung durch bewaffnete Aufstände zur Eroberung der Staatsgewalt historisch abgelöst wird durch eher gewaltlose Massenaktionen. Selbst diejenigen, die keine innere Bindung an Gewaltlosigkeit haben, begreifen, daß gegen intakte Armeen nicht anders zu gewinnen ist. (...) Aber die Ziele vieler gewaltloser Bewegungen stehen oft im Gegensatz zu unseren (...), immerhin verlieren die von uns vertretenen Mittel das Exotische und Konstruierte. Weltweit wachsen die Erfahrungen mit gewaltlosen Aktionen von einzelnen, Minderheiten und Massenorganisationen. Ob wir unsere Ziele plausibel begründen können, wird nun zur wichtigsten Frage."

Daran gemessen sind wir offensichtlich seitdem mehrmals nicht sehr überzeugend gewesen. Sicher werden auch unsere Mittel immer wieder neu in Frage gestellt, mit jeder neuen sozialen Bewegung, jeder neuen politischen Generation. Daß Gewalt nicht ein bloßes Mittel zu unterschiedlichen Zwecken ist, sondern eine soziale Form, die im Keim Herrschaft schon enthält, wird auch der Mehrzahl der SoziologInnen verborgen geblieben sein; kurz: Der Kampf um die Begriffe hört nicht auf.

Aber unter den jetzigen Bedingungen der "Globalisierung", der rücksichtslosen Auflösung des Sozialen, sind es vor allem unsere Utopien einer Gesellschaft ohne kapitalistisches Eigentum und bürokratischer Verwaltung, die unglaubwürdig erscheinen. War das je anders? Die "Sozialisten" der 70er Jahre hatten auch überwiegend Verstaatlichungsträume, und mancher der jetzt rückblickend vom "langen Sommer der Anarchie" schwärmt, träumte damals - von einer Erziehungsdiktatur über die unmündigen Massen. Wieviele Kinder von Professoren, Bauunternehmern und Zahnärzten wollten uns damals nicht belehren, auch in China arbeiteten die Massen nur unter Zwang. Und so war es ja auch. So sollte es aber nicht bleiben!

Die Ereignisse in der DDR 1989 gehen letztlich zurück auf das Scheitern eines autoritären Sozialismus-Modells, das jede Initiative, Kritik, Bewegung von unten zerstörte und damit zuletzt auch ökonomische Produktivität ausschloß. Gorbatschows Perestroika zog daraus Konsequenzen, die der KPdSU schnell außer Kontrolle gerieten. Seine Politik und die dadurch möglich gewordenen Liberalisierungen in den Nachbarländern brachte auch das DDR-Regime zunehmend in eine Krise, die jedoch untergründig blieb. Erst durch die Fluchtbewegungen zeigte sich, daß die Unterdrückten nicht mehr wollten und die Unterdrücker nicht mehr konnten, wie sie wollten. Die Drohung von Krenz mit einer "chinesischen" Repression wurde so gewissermaßen nicht mehr als Verstärkung der Angst erfahren, sondern als der Tropfen, der das Faß schließlich zum šberlaufen brachte, Anstoß zum vertieften Bruch. Gab es eigentlich mehr zu verlieren - oder mehr zu gewinnen? Auch die "Wende" '89 war aber keine Revolution (wie schon 1918/19, vgl. das Eingangszitat von Fritz Oerter), sondern ein Zusammenbruch. (2) Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht. Aber in unserer theoretischen Konzeption wird dabei eine merkwürdige Widersprüchlichkeit sichtbar: Kritische Wahrnehmung der tatsächlichen Bewegung, die gerade vom Kommunismus wegführt - und eine gleichzeitig auch vorhandene Erwartung, nun müsse doch, getragen von der Spontaneität der Massen, der antiautoritäre Sozialismus siegen (in der gleichen GWR 139 vom Dez. 89, in dem der Begriff "Revolution" für die Massenbewegung in der DDR bestritten wird, wird auf 4 Seiten Rockers glänzende und von der GWR-Redaktion als aktuell bezeichnete Rede auf dem FAUD-Gründungskongreß 1919 abgedruckt, in der Ausgabe davor war mit Bakunins Worten begründet worden, daß es keine "Arbeiter- und Bauernstaaten" geben kann und niemals geben wird, in der nächsten GWR wurde für einen "Sozialismus ohne rot zu werden" geworben).

Ich habe schon früher die Ansicht vertreten, daß die weitere Entwicklung neben den ganz offensichtlichen Motiven auch davon geprägt war, daß die Bevölkerung der DDR nicht glaubte, mit der Bürokratie fertig werden zu können - außer wenn eine mächtigere Bürokratie von außen sich gleichsam darüberstülpte. Und dieses Problem ist ein ganz allgemeines und für jede Zukunft wichtiger als der demokratische Aufbruch von Doppelagenten und das schmierige Schauspiel von NVA-Offizieren, die sich bei der NATO bewerben.

Natürlich waren alternative Sozialismus-Konzeptionen nie sehr populär in der früheren DDR und unter dem Zeitdruck nach 1989 schnell zerrieben zwischen der beharrlichen SED-Bürokratie und der Intervention der Alternativbürokratien des Kapitals. Es ist so banal wie richtig, daß das greifbar nahe Konsumniveau in der BRD ein starker "materieller Anreiz" für die Parole der Wiedervereinigung war. Dennoch muß gefragt werden, ob das so schlechterdings selbstverständlich ist, oder nur wenn man/frau es als Kompensation begreift für das, was man/frau erlitten hat und vielleicht auch in Zukunft erleiden wird. Die Wandlung der Parolen von dem rebellischen "Wir sind das Volk" zu dem bekannten "Wir sind ein Volk" hat mit Identifikation aus Schwäche zu tun.

An ergebnisoffene Diskussionen und einen Aufbau von unten war unter diesen Bedingungen nicht zu denken: Nationale Wahlen fanden noch vor Kommunalwahlen statt. Aber wir müssen die Frage radikalisieren: Wird es jemals anders sein? Kann es eine bessere Vorbereitung überhaupt geben auf vergleichbare Situationen? Es ist ein entscheidender Entsorgungsmechanismus deutscher Geschichte: Wechsel der Namensschilder und Staatsbezeichnung bei Erhalt des Personals mit vollem Lohnausgleich. Und in vielen Ländern und zu verschiedenen Zeiten wirken ähnliche Mechanismen. Ein CIC-Offizier (einer der vielen US-Geheimdienste) wurde gefragt, warum man sich nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet des Schlächters Barbie bedient habe, um geheime Operationen gegen Linke durchzuführen. "He was a professional." Er hatte die Fachkenntnisse, brachte vielleicht sogar seine Datensammlung ein, wer will darauf verzichten?

Das Bürokratieproblem ist nicht nur eines des Fachwissens, es hat viel mit dem Selbstbewußtsein großer und kleiner LeiterInnen zu tun und mit eingespielten Verhaltensweisen von Frage und Antwort, Befehl und Gehorsam. Bis in die Körper hat sich die Gewohnheit, Anweisungen zu geben, Arbeiten zu delegieren oder eben reziprok auf Anweisungen zu warten, ausgeprägt.

Damit niemand dem Mißverständnis unterliegt, "Bürokratie" sei nur der staatliche "Amtsschimmel" oder typisch für den autoritären Staatssozialismus, der Markt sei gar die Alternative dazu und es könne "flexibilisiert" werden, wollen wir uns nun mit der auf anderen inhaltlichen Vorgaben, nämlich der Profitmaximierung beruhenden Wirtschaftsbürokratie des "freien Westens" befassen, in ihrer zeitgenössischen "entbürokratisierten" Verfassung.

"Selbst wenn man ein Rattenrennen gewinnt, ist man noch immer - eine Ratte" (3)

Im Zeichen der "Entbürokratisierung" wird die Welt zu einer endlosen Ansammlung - von Büros. Daß Betriebe und Verwaltungen bei aller Ideologie von "Teamarbeit" auf genau abgegrenzte Kompetenzen und Leitungsfunktionen und Disziplinierungstechniken setzen, nur mit einer manipulativen Ideologie von "MitarbeiterInnen" garniert, hat dazu geführt, daß man sich in der Gesellschaft "Arbeit" gar nicht anders vorstellen kann als bürokratisch-beruflich und hierarchisch. Aus den staatlichen und betrieblichen Verwaltungen dehnt sich diese Praxis immer weiter aus. Es gibt heute in jeder Stadt "Rock-Büros" und "Literatur-Büros", sogar ein "Autoren-Büro", die also Kunst "professionell" verwalten und den Zugang zu Sponsoren regulieren. Es gibt ein "Kinobüro" in Niedersachsen, ein "Studienbüro" in Berlin, Männer- und Frauenbüros, Jugend- und Jugendumweltbüros, Friedensbüros sind sowieso klar, auf ,sozialistische" Büros folgte das "Trendbüro" (Horx). Die Restalternative betreibt etwa ein "Büro für ungewöhnliche Maßnahmen" oder ein "Anti-Rassismus-Büro". Aber wir alle wissen: Das Zeichen der Zeit ist Entbürokratisierung.

Als ich kürzlich einen Buchtitel über ,self-management" suchte, fand ich neben "workers' self-management in Catalonia" und in "the Spanish Revolution 1936-1939" (das kennen wir ja) und "a short history for workers self-management and free trade unions in Poland 1944-1981" auch "self-management: theory and Yugoslav practice" (den Film haben wir nicht gesehen). Wie als Triumphgeschrei über die verhinderte Selbstbefreiung der ArbeiterInnen wurde aber noch etwas anderes angeboten: "Self-Management und Gewinnerstrategie" (immerhin 4. Auflage in der Reihe "Persönlichkeitsbildung und Self-Management", Band 7 für die interessierte LeserInnenschaft). In die deutsche Sprache eingebürgert als "Selbstmanagement" kommt der Begriff auch als "Basiswissen für Führungskräfte" daher, auch ein "gesundes (!) Selbstmanagement durch aktive Stressbewältigung" zur Steigerung der Leistungsfähigkeit ist im Angebot. Deutlich auch der Titel: "Selbstmanagement: werden Sie zum Unternehmer Ihres Lebens", haben wir es hier mit der "individualisierten" Fassung des Wunsches zu tun, sein Schicksal selbst zu bestimmen? Nun, es handelt sich um die alte Ideologie, daß jeder seines Glückes Schmied sei und allein Leistung darüber entscheide, was aus Dir und mir wird. Als hätten die Nazis niemals über die Lager geschrieben "Jedem das seine" und "Arbeit macht frei" brüht hier ein durchgedrehter Liberalismus die gesamte protestantische Ethik als Ratgeber-Literatur und Seminarwissen wieder auf, um denen ein gutes Gewissen zu schaffen, die noch einen gesicherten Arbeitsplatz vorweisen können und die als VersagerInnen zu marginalisieren, die nicht gebraucht werden oder sich nicht gebrauchen lassen wollen. Verantwortung heißt in diesem sozialen Bewußtsein: für sich selbst sorgen. Eigentlich alles, was die sozialen Bewegungen seit Jahrzehnten bekämpft haben, ist da versammelt: Der Marktcharakter, der sich selbst als Unternehmen mit Gewinn- und Verlustrechnung konzipiert, die hemmungslose Feier des "eigenen Interesses" als per se gerechtfertigt, die Einebnung jedes kritischen Umgangs mit eigenen "Bedürfnissen" und der organisierte Lobpreis des Ellenbogens. Nur widerständige Bedürfnisse, Zweifel, Hemmungen werden denunziert als Quelle des Unglücks und von Versagenserlebnissen. Wer sich der Außenleitung ganz überläßt und unempfindlich wird (außer für eigene Interessen), zuerst an sich und nur an sich denkt und entsprechend handelt, gilt als "gesund", erlebt nur "positiven" Stress, und viel "fun".

Diese Pädagogik der Entsolidarisierung und der Rücksichtslosigkeit ist die wesentliche neoliberale Legitimationsfigur, von praktizierenden SozialrassistInnen in Betrieben und Verwaltungen gelebt. Etwas was überall Praxis ist, sollte nicht als Heilswissen monopolisiert werden, deshalb der Kampf gegen die "Scientology-Sekte". Inhaltlich liegt der Schwerpunkt solcher Texte oft auf der Kunst, zu entscheiden, was wichtig ist (und was nicht) und in der Kunst "zu delegieren", im Klartext: Für diese Arbeit bin ich mir zu gut, zu qualifiziert, zu gut bezahlt, das sollen andere machen, ich leite das... Wer so denkt, hat sich selbst zum natürlichen Feind jedes Sozialismus ausgebildet. Die Alternative zum Selbstverwaltungssozialismus scheint in der Selbst-Verwaltung gefunden zu sein.

Gegen diese Verinnerlichung des Staates und des Kapitalismus muß sich die nächste Welle der Kritik und subkultureller Gegenbewegung richten. Daß Einkommensunterschiede gerechtfertigt sind, auf "Leistung" und langes Studium zurückgehen und auch sonst Lebenschancen gerecht verteilt sind und Qualität sich durchsetzt, glauben heute, bei Millionen Arbeitslosen, Ausgegrenzten, Hungernden mehr Leute als etwa zu Beginn der 70er Jahre. Das ist ein sozialer Skandal! Die Gesellschaftskritik Tolstois, Gandhis, Kropotkins oder Landauers richtete sich immer schon gegen solchen Elitismus. In "Die vereinigten Republiken Deutschlands und ihre Verfassung", ein sofort umsetzbares Räte- Programm, sagt Landauer:

"... für die Dinge des Gemeinwesens sitze der (frühere; S.M.) Fabrikant mit seinen technischen und kaufmännischen Gehilfen und seinen Arbeitern zusammen, ein Tätiger unter vielen; diese Gemeinschaft wird allen Teilen sehr gut tun; der Schriftsteller schließe sich an Verleger und Drucker und Buchhändler und Zeitungsverkäufer an; der Pfarrer an Ärzte und Totengräber; und wenn der Kunstmaler die Delegierten zu einem Arbeiterrat zusammen mit den Stubenmalern und Anstreichern, der Minister die seinigen mit den Kanalräumern und Straßenkehrern ernennt und überredet und informiert, so wird es für alle Teile und für den Geist unseres Volkes ein Segen sein. Für die Gesellschaft, die Jesus von Nazareth aufsuchte, werden auch unsere Intellektuellen nicht zu schade sein; der Geist, der ehrlich und Gemeingeist ist, übt seine Überlegenheit überall und setzt sich schließlich durch..." (4)

Die Scheinblüte des "globalisierten" und "nachhaltigen" Kapitalismus als Sieger der Konfrontation mit einer den Sozialismus diskreditierenden Parteidiktatur ist bereits in der Krise. Die innere Krise wird kommen: Wie in den 50er Jahren wird dieses Leben, das sich nur um äußere Sensationen und materiellen Gewinn dreht, als leer, sinnlos und langweilig erfahren werden. Der Widerspruch, daß es für alle Menschen ein Leben ohne Not geben könnte, daß der Kapitalismus aber "überflüssige" Menschen mit dem terroristischen "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" bedroht, wird den libertären Sozialismus stärken - oder erneuerte oder neue Formen der Barbarei erzeugen.

S. Münster
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Anarchistischer Herbst 1997
218 april 1997





Anmerkungen

(1) Eröffnungsreferat FöGA-Bundestreffen 1989: Für einen anderen Sozialismus! In: GWR 136, S.1,2.

(2) Eröffnungsreferat FöGA-Bundestreffen 1989: Für einen anderen vgl. Hans Schneider: Revolution oder Unsturz? und das Editorial der GWR 139, Dez. 89, also noch im November 89 geschrieben, äußern sich recht skeptisch zu den damals weit verbreiteten Reden über eine gewaltlose Revolution in der DDR:

"Aber zu einer gewaltfreien Revolution fehlt da noch viel. Bisher zeichnet sich allenfalls eine antimonopolistische Demokratie in der DDR ab, mit der großen Wahrscheinlichkeit, daß das Kapital die Räume organisiert, aus denen Staatssicherheit sich zurückziehen muß, daß der Zeitrhythmus den Uhren der EG angepaßt wird. Die Bürokratie erwartet, daß die hunderttausende Verfassungsfeinde auf den Straßen erlahmen und sie den längeren Atem hat..." (S.2)

(3) Eröffnungsreferat FöGA-Bundestreffen 1989: Für einen anderen vgl. Marin Luther King: Testament der Hoffnung, Gütersloh 1974, S.52. Dieser Spruch aus den 60ern bringt sehr aktuell eine Entscheidung zum Ausdruck, daß er grundlos intelligente Tiere diffamiert, die freiwillig an einem "rat-race" gar nicht teilnehmen würden, ist dem Zeitgeist geschuldet.

(4) Eröffnungsreferat FöGA-Bundestreffen 1989: Für einen anderen Gustav Landauer, hier zit. nach GWR 128, Nov. 1988, S.11.


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