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262 oktober 2001
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Geschichte von unten

Solidarität und antifaschistischer Widerstand: Die ITF

Dieter Nelles: Widerstand und internationale Solidarität: Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Klartext-Verlag, Essen, August 2001, ISBN 3-88474-956-0, 466 S., 88 DM

Geschichte wird meist von und für Herrschende geschrieben. Wenn es um den antifaschistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus geht, werden die Offiziere des 20. Juli hochgehalten, die den Faschismus nicht prinzipiell ablehnten, sondern als Patrioten einen Friedensvertrag mit den Westmächten schließen und so die totale Niederlage des Deutschen Reiches verhindern wollten. Der antifaschistische Widerstand der "kleinen Leute" findet in den deutschen Geschichtsbüchern ebenso wenig Platz wie die Geschichte des Syndikalismus und Anarchosyndikalismus.

Wer eine Geschichte von unten sucht, wird bei den Büchern des libertären Sozialwissenschaftlers Dieter Nelles fündig. Sein gemeinsam mit Uli Klan geschriebenes "Es lebt noch eine Flamme" (Trotzdem-Verlag, Grafenau 1986) über die anarchosyndikalistische Bewegung im Rheinland der 20er und 30er Jahre ist eines der wichtigsten Bücher zum Thema Anarchismus in Deutschland. Und seine druckfrische Dissertation "Widerstand und internationale Solidarität: Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" ist ein herausragender Beitrag zur Geschichtsschreibung des antifaschistischen Widerstands.

Die jahrelange Recherche hat sich gelohnt. Nelles ist es geglückt, ein Stück verschüttete Geschichte auszugraben und eine gut lesbare Gesamtdarstellung der vielfältigen Widerstandsaktionen der bisher fast vergessenen syndikalistischen - nicht anarchosyndikalistischen - Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) vorzulegen. Er dokumentiert die Geschichte der internationalistisch orientierten ITF und ihres Generalsekretärs Edo Fimmen. Die ITF spielte eine wichtige Rolle im Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime. Seeleute und Eisenbahner, die beiden größten gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen, gehörten der ITF an. Die ITF-Aktivisten verstanden ihre antifaschistische Arbeit als Teil eines weltweiten revolutionären Kampfes. Die antifaschistischen Sabotage- und klandestinen Widerstandsaktionen der ITF-Eisenbahner während des 2. Weltkriegs werden von Nelles erstmals auf einer soliden empirischen Grundlage analysiert. Er beschreibt detailliert die Widerstandsarbeit der ITF-Leute in den Häfen Europas und Amerikas, sowie die der Vertrauensleute auf deutschen Binnen- und Seeschiffen. Zwischen 1935 und 1939 hatte die Antwerpener ITF-Gruppe Vertrauensleute auf 322 Schiffen und Kontakte zu den Besatzungen von über 600 Schiffen. "Eine wichtige Aufgabe sah die ITF-Gruppe, wie sie es nannte, in der 'Zersetzung des Nationalsozialismus' an Bord. Dies geschah zum einen in Form von mündlicher Propaganda und der Verbreitung illegaler Schriften und zum anderen sollten die Vertrauensleute jeden kleinsten Konflikt an Bord in diesem Sinne ausnutzen. (...) Der tägliche Kleinkampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen bildete für die Antwerpener ITF-Gruppe eine Art revolutionärer Gymnastik zur Stärkung des Solidaritätsgefühls für die Hauptaufgabe, den Sturz des NS-Regimes." (S. 393)

Die programmatischen Leitvorstellungen der ITF-Gruppe orientierten sich u.a. an der Rätebewegung 1918 bis 1920. Unter dem Einfluss der Spanischen Revolution 1936 radikalisierte sich die ITF zunehmend. Das spiegelte sich auch in ihrer Zeitung Die Schiffahrt wider, die ins Reichsgebiet und auf deutsche Schiffe geschmuggelt wurde: "Spanien wird uns eine Lehre sein! Die neuen Freien Gewerkschaften Deutschlands werden darauf zu achten haben, dass nur sie ausschließlich die Organisation zu sein haben, die den Kampf als wirkliche Massenorganisation zu leiten haben. Der Versuch irgendwelcher politischer Parteien auf unsere Gewerkschaften Einfluß zu nehmen, muß von Anfang an abgelehnt werden."

Für parteinahe GewerkschaftsfunktionärInnen sicher ein Buch, das weh tut, denn zu den elementaren Grundüberzeugungen der ITF gehörte die scharfe Abgrenzung zu den führenden Vertretern des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), von KPD und SPD, die sie gleichermaßen für die kampflose Niederlage der deutschen ArbeiterInnenbewegung verantwortlich machten. (vgl. S. 393)

Wer sich mit der Geschichte der Gewerkschaften und des antifaschistischen Widerstands beschäftigt, kommt an diesem großartigen Werk nicht vorbei.

Dieter Nelles ist zuzustimmen, wenn er konstatiert: "Die im ITF-Widerstand lebendige Vision von Demokratie und Sozialismus kann auch heute noch für alle diejenigen, für die der Zusammenbruch des autoritären Staatssozialismus nicht das Ende des Sozialismus ist, von Bedeutung sein. Fimmens Visionen einer organisatorischen und programmatischen Internationalisierung der Gewerkschaften sind angesichts der transnationalen Globalwirtschaft aktueller denn je." (S. 399)

Bernd Drücke
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