graswurzelrevolution
263 november 2001
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns home
stern / zerbrochenes gewehr
anti-akw
>> 263 november 2001

On the tracks again ...

Es scheint also wirklich so zu sein. Im November sollen wieder die Castor-Behälter aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Gorleben rollen. Obwohl Polizei und Bundesgrenzschutz, bei solchen Transporten zu Tausenden gefordert wahrscheinlich ihre Überstundenzettel längst voll geschrieben haben, trotz der angeblich so veränderten "Sicherheitslage” nach den Anschlägen vom 11.09. Und obwohl in den letzten Wochen tatsächlich die Frage nach der Verantwortbarkeit der Atomkraftnutzung wieder ins öffentliche Interesse gerückt sind. Gutachter und Experten aller Arten bescheinigten den AKWs absolute Unsicherheit im Falle von Anschlägen. Doch Betreiber und Politik scheinen das Problem auf ihre Weise zu lösen: In der Nähe der Wiederaufbereitungsanlage La Hague werden "Einheiten stationiert”, Flugabwehrgeschütze an französischen AKWs aufgebaut. Und PolitikerInnen und Polizei entblödeten sich nicht zu spekulieren, dass "beim nächsten Castor-Transport radikale Atomkraftgegner sich mit islamischen Fundamentalisten zusammentun könnten”. Was auf den ersten Blick aussieht wie Rinderwahnsinn im Endstadium hat leider einen ernsten Hintergrund: Die Terrorattacken von New York und Washington gaben in den letzten Wochen Anlass für eine paranoide Diskussion über Kontrolle und Sicherheit, auch für die Kriminalisierung jedwedem Widerspruchs gegen eine als "herrschende Meinung” verkaufte Politik. Eine Stimmungslage, in der NRW-Innenminister Behrens in einer Pressekonferenz am 8. September Sätze wie "ich rechne jetzt mit Brandanschlägen, Mahnwachen, Kundgebungen und Eingriffen in den Schienenverkehr ...” sagen kann, und niemandem fällt irgendetwas auf.

Am 5./6. November wird - so der aktuelle Stand - also wieder ein Castor-Transport nach Gorleben erwartet.

Keineswegs übrigens der erste Transport nach den Protesten im März dieses Jahres. Seitdem rollten reichlich Castoren aus deutschen AKWs nach Frankreich. Zuletzt am 10. Oktober aus den AKWs Stade und Brunsbüttel.

Und, trotz weitgehender Geheimhaltung der Transporte vor der Öffentlichkeit gelang es diesen Transport allein in Deutschland sieben mal zu blockieren. Daran waren nur relativ wenige Menschen beteiligt, in Münster z.B., wo der Castor 10 Minuten zum Stehen kam, nur acht Menschen. Stellen wir und das multipliziert vor, zehn oder fünfzehntausend Beteiligte, und der Castor hätte keine Chance auch nur einen Meter weit zu kommen. Die Erfahrung macht Mut und zeigt was möglich ist.

Die Aktionen wenige Tage nach Beginn der Militärschläge gegen Afghanistan warfen aber auch die Frage auf, welche Bedeutung Anti-Atom-Proteste in Kriegszeiten haben. Wirkt der Protest angesichts hunderttausender von Flüchtlingen in Afghanistan provinziell und selbstbezogen? Nein. Denn die Castor-Transporte sind und waren immer mehr als nur der Protest gegen einen gefährlichen, den Weiterbetrieb von Atomanlagen sichernden Transport von Atommüll. Erst einmal gab es nie eine Trennung von angeblich "ziviler” Nutzung der Atomenergie und ihren militärischen Verwendbarkeiten. Spätestens seitdem Atommüll in Form von abgereichertem Uran im Golfkrieg und in Serbien verschossen wurde, sollte jedem dieser Zusammenhang offensichtlich geworden sein.

Darüber hinaus waren die Castor-Transporte seit Mitte der 90er Jahre ein fantastisches Experimentierfeld für buntesten Widerstand, zivilen Ungehorsam und verschiedenster nebeneinander funktionierender Aktionsformen.

Nicht erst der "Sieg der Betonmischer” im März hat gezeigt, wozu phantasievolle Aktionen in der Lage sind.

Angesichts immer offensiver auftretender Militärlogiker und Sicherheitsfanatiker brauchen wir noch mehr Phantasie, Witz und Entschlossenheit um zu verhindern, dass in dieser Welt, die nun wirklich sehr viel nicht in

Ordnung ist, ein menschenwürdiges Leben endgültig unmöglich gemacht wird. Also auf ins Wendland oder halt dorthin wo der Castor fährt, und Widerstand zeigen. So vielfältig wie möglich. Und danach sollten wir überlegen, wie wir diese Erfahrungen, auch praktisch, nicht auch mal woanders nutzen können.

Wolfgang Hauptfleisch, Münster
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Bisher schwerster Störfall in der Gronauer Urananreicherungsanlage

"Coole" Anti-Atom-Demo in Ahaus

"Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch"
346 februar 2010

Blankoscheck für die Atomindustrie? Nix da!
344 dezember 2009

Bitte Wenden!
342 oktober 2009

Mal richtig abschalten!
news & infos 31.8.2009

RWE-Werbeagentur will urgewald mit juristischen Mitteln einschüchtern
news & infos 7.4.2009

"Öffentlich, frei und wahrnehmbar"
336 februar 2009

Klettern gefährdet den Atomstaat

Wachsender Widerstand
334 dezember 2008

Auf ins Wendland!
332 oktober 2008

Stopp Urantransporte
news & infos 25.6.2007

Die atomare Globalisierung
319 mai 2007

Atomausstieg selber machen
314 dezember 2006

10 Jahre X-tausendmal quer
312 oktober 2006

Geesthacht: Diddl-Maus bald mit Geigerzähler?
311 sommer 2006

Tschernobyl-Jahrestag
310 juni 2006

20 Jahre nach Tschernobyl

Tschernobyl
308 april 2006

Für eine grundlegende Wende in der Energiepolitik
news & infos 12.3.2006

>> alle verwandten artikel






 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net