graswurzelrevolution
264 dezember 2001
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
anti-akw
>> 264 dezember 2001

Der Castor...

Sicher, es gab in den letzten Wochen Themen, die den Castor aus den Schlagzeilen verdrängten: Vom Afghanistan-Krieg bis zur "Vertrauensfrage". Es lag nicht dieses Knistern in der Luft wie im Vorfeld des Castor-Transports im letzten März, und so kamen schon deutlich weniger DemonstrantInnen als erwartet zur Auftaktkundgebung am 10.11. nach Lüneburg, knapp 5000 sollen es gewesen sein. Und als der Transport sich am Sonntagabend, den 11.11. in La Hague auf den Weg machte, diesmal schon in Frankreich unter massiver Polizeipräsenz, schien es noch niemand so richtig glauben zu wollen, dass zum zweitem Mal in diesem Jahr ein Castor nach Gorleben fährt.

.. "erreicht ohne größere Zwischenfälle" ...

"Ohne größere Zwischenfälle" hieß es in den meisten Agenturmeldungen. Tatsächlich kam es zu keiner spektakulären Betonblock-Aktion, die den Transport für 17 Stunden wie im März zum stehen brachte (vgl. GWR 258/GWR 259). Dafür stand der Transport diesmal bereits kurz vor Lüneburg, weil 2 Menschen an die Gleise gekettet waren. Von da ging es dann im Schritttempo über die Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg. Immer wieder kam es zu kleineren Aktionen, Sitzblockaden von 50 bis 200 Menschen und Ankettaktionen. "Ohne größere Zwischenfälle": Dazu gehören offensichtlich nach Ansicht der Polizei 19.000 PolizistInnen und BundesgrenzschützerInnen allein ab Lüneburg, bundesweit wohl wieder 30.000. Über 700 Ingewahrsamnahmen und 54 Festnahmen. Nicht mehr zu zählende Platzverweise, mal für die betreffende Kreuzung, mal für den ganzen Landkreis, und kaum ein Satz drückt die neue Linie der Polizei besser aus als das, was ein Bundesgrenzschützer zu einer Anwohnerin hundert Meter von ihrem Wohnhaus entfernt sagte: "Ich weiß ich darf das nicht, aber ich erteile Ihnen jetzt einen Platzverweis." In Dannenberg weigerte sich die Polizei schlichtweg, der gerichtlichen Verfügung zum Verlassen einer Wiese nachzukommen. Die Einsatzleitung erklärte diese lapidar nachträglich für beschlagnahmt

und der Bauer bekam vom "Konfliktmanagement" einen Blumenstrauß. Wen kümmern Gesetze, die Polizei führt die Maßnahmen durch, beschweren können sich die Betroffenen ja hinterher. Und es beschlich viele das Gefühl, dass hier erprobt wird, was dank der "Terrorpakete I-II" in der Zukunft die Normalität werden wird.

Das letzte Stück auf der Strasse nahm der Castor im Eiltempo, nachdem die Polizei in der Nacht die letzte Sitzblockade auf der Strasse geräumt hatte. Und geräumt wurde diesmal - jedenfalls dort wo die Presse nicht hinschaute - auch mal mit Pfefferspray und beißenden Hunden, Tempo war das einzige was zählte. Der Castor kommt durch, aber immer noch und wohl auch in Zukunft nur dann, wenn Grundrechte außer Kraft gesetzt und Sonderrechte geschaffen werden.

... Gorleben.

Der Widerstand vor Ort scheint allerdings ungebrochen: Die Aktion Schneckenplage, die wochenlangen Nadelstiche gegen die mit Besatzermentalität auftretende Polizei zeigt Wirkung und die Botschaft, dass die Polizei nicht willkommen ist, dürfte diese verstanden haben. Mit der Aktion "Wir lassen unsere Gäste nicht im Regen stehen" wurden nicht nur Unterbringungen geschaffen, sondern auch der Kontakt zwischen AnwohnerInnen und "Zugereisten" mehr als beim letzten mal intensiviert. Das wird, beim nächsten Mal, seine Wirkung zeigen.

Alles in allem hatte auch die Wi(e)derSetzen-Aktion einen regen Zulauf, zur größten Blockade mit fast 1000 Menschen kam es auf den Gleisen bei Hitzacker. Dass dies nicht so wahr genommen wurde lag wohl vor allem daran, dass der Castor diesmal nicht direkt vor der Blockade stand. So funktioniert nun mal die Medienlogik, nur die spektakulären Bilder setzten sich durch.

Im nächsten Jahr soll es nur einen Transport - dann aber mit doppelt so vielen Behältern - nach Gorleben geben. Die Polizei dürfte bei allem "keine Probleme"-Gerede wissen, dass sie nicht weniger Aufwand betreiben muss, um den Transport durchzubringen. Vorher werden wieder Transporte aus deutschen AKWs nach La Hague rollen. Aber auch hier geraten die Betreiber in Verzug, weil seit dem Sommer auch bei diesen von Normalität keine Rede mehr sein. Der zweite Gorleben Transport 2001 hat vor allem gezeigt, dass der Widerstand lebt.

Wolfgang Hauptfleisch
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Anti-Atom-Herbstkonferenz in Hamburg
news & infos 13.10.2013

Internationales Anti-Atom-Sommercamp & Netzwerktreffen
news & infos 1.7.2012

Chorprobe statt Probebohrung
369 mai 2012

"Ein Ausstieg betrifft nicht nur die Atomkraftwerke"
368 april 2012

Atomtransporte quer durch die Welt
367 märz 2012

"Auf der Straße, auf der Schiene"

"Von Atomausstieg kann keine Rede sein"
365 januar 2012

Castor-Proteste ab dem 24. November 2011
news & infos 3.11.2011

"Ein Hasardeurspiel mit der Zukunft der Menschheit"
361 september 2011

Etappensieg

Neues von Kapital und Demokratie

"Wichtig ist der Druck der Straße"
360 sommer 2011

"verrückt und unrealistisch"

"Wunderreaktoren" sollen die Atomindustrie retten
359 mai 2011

Abschalten! Sofort!
news & infos 23.4.2011

Die Castoren bleiben länger zu Besuch
358 april 2011

Nachrichten-Dienste für die Atomindustrie
356 februar 2011

Ziviler Ungehorsam kennt keine Staatsgrenzen

Atomausstieg durch "Brückentechnologie"
354 dezember 2010

Anti-Atom-BEWEGUNG!
352 oktober 2010

Anti-Atom-Bewegung - wie hältst du's mit Parteien?
350 sommer 2010

"Wir brauchen eine Anti-Atom-Revolution"
349 mai 2010

Bisher schwerster Störfall in der Gronauer Urananreicherungsanlage

"Coole" Anti-Atom-Demo in Ahaus

"Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch"
346 februar 2010

>> alle verwandten artikel





Anmerkungen

Ausführliche Berichte vom Transport finden sich im Internet unter:

de.indymedia.org
www.bi-luechow-dannenberg.de


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net