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271 september 2002
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Verzweifelter Schrei nach Liebe

Vor gut 20 Jahren, am 10. Juni 1982 ist Rainer Werner Fassbinder, der wohl bekannteste deutschsprachige Filmregisseur der Nachkriegszeit, gestorben. Ob er ein Anarchist war, wie es Claudia Lenssen in dem Text "Der Mann, der Film und der Tod" (taz vom 10.06.2002) behauptet, ist fragwürdig, wird das Attribut doch gerade im kulturellen Bereich von den Medien als zu gerne schmückend angewandt, während es im politischen Bereich immer noch synonym für Chaos steht. Was Fassbinder aber war, und das ohne Zweifel, ein ewiger filmischer Rebell, einer der sich an die herrschenden Zustände nie gewöhnen wollte und gewöhnte, der immer wieder die Öffentlichkeit durch seine schonungslose Offenheit in genialen Filmen schockierte und der für die Bedeutung des Genres Autorenfilm Unglaubliches leistete. Rainer Werner Fassbinder war aber auch ein Mann des Theaters, er schrieb für die Bühne, bearbeitete und inszenierte Stücke, von anderen AutorInnen und von sich selbst. Sein filmisches Werk umfasst 42 Arbeiten, tatsächlich aber an die 60 Filme, bedenkt mensch, dass er sich auch an Filmen anderer beteiligte, ob als Schauspieler, Produzent, Cutter, Kameramann und Drehbuchautor.

Fassbinders Themen drehten sich um Liebe und Freundschaft, um Terror und Psychoterror, um Prostitution, Gewalt, Abhängigkeit und Tod. Der Inhalt wirkte meist sehr banal, wenn er aus seinem Kontext, der kleinbürgerlichen Idylle oder dem Schwulenmilieu gelöst wurde. Seine filmische Darstellung von Liebe, häufig auch gleichgeschlechtlicher, (er selbst war bekennender Schwuler) war stets geprägt von dem Thema Geld, Macht und Gewalt. Die romantische Vorstellung einer Liebe war ihm fremd, er versuchte sie in seinen Filmen zu zerstören, ihr die verlogene Fratze herunter zu reißen. Ob es um betrogene Freundschaft wie in "Liebe ist kälter als der Tod" (1969), um Ausbeutung von Gefühlen wie in der Fontaneverfilmung mit dem unglaublichen Titel "Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen" (1972-74) oder um die Lieblosigkeit der Gesellschaft in "Faustrecht der Freiheit" (1975) geht. Immer wieder sind seine Filme ein verzweifelter Schrei nach Liebe, eine illusionslose, brutale Anklage der durch einen Kapitalismus geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse.

Fassbinders künstlerisches Leben begann im Einflussbereich der 68er Revolte. Geboren 1945 in Bad Wörishofen, aufgewachsen bei der Mutter Lilo Pempeit (sie spielte später in vielen Filmen mit), der Vater verließ die Familie 1951, oft in Pflege gegeben, trieb sich der junge Rainer Werner vor allem in Kinos rum. Die Menge an Filmen aller nur denkbaren Genres, die er damals sah, muss schier unvorstellbar sein; hieraus schöpfte er in seinen späteren Werken immer wieder. Der deutschstämmige emigrierte Douglas Sirk und Max Öphuls werden seine Vorbilder.

Ab 1964 nimmt Fassbinder an verschiedenen Schauspielschulen Unterricht und arbeitet im Archiv der Süddeutschen Zeitung in München. In der Folge entstehen die ersten beiden Kurzfilme "Der Stadtstreicher" (1965) und "Das kleine Chaos" (1966). Zur gleichen Zeit betreiben Ursula Strätz und Horst Söhnlein (später beteiligt an dem Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus gemeinsam mit Andreas Baader und Gudrun Enslin) ein Kino, dass zu einem Theater wird. Diesem Action-Theater schließt sich Fassbinder im August 1967 an. Er schreibt und bearbeitet fremde und eigene Stücke, die sich politisch eindeutig äußerten. Um z.B. die Eskalation der Gewalt auf Seiten der Polizei zu demonstrieren, greifen die Akteure (oft waren mehr auf der Bühne als im Zuschauerraum) nach dreimaliger Vorwarnung den Saal zu räumen, zu einem Wasserwerfer (ein Wasserschlauch), bis das Publikum fluchtartig das Theater verlässt. Nach Problemen mit der Stadt muss das Theater geschlossen werden. Mit dem nachfolgenden "antiteater", im Hinterzimmer der Schwabinger Kneipe "Witwe Bolte" gelang es dem Kurzfilmregisseur seine eigene Truppe, die Keimzelle seines nachfolgenden Erfolges, um sich zu scharen und deutlich zu dominieren, der damals bereits Hanna Schygulla, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven (mit der Fassbinder später eine kurze Ehe führte), Peer Raben und natürlich Irm Hermann, deren verzweifelte Liebe zu Fassbinder über den Tod hinaus reichte, angehörten. Mit Raben, Caven und Hermann lebt er gemeinsam in einem 15 qm Einzimmerappartement. Das expressionistisch-dadaistisches Theaterspiel des antiteater, oft eine chaotische Szenenfolge bestehend aus Wohnzimmermief, Gruppensex, Kafkaprosa, Transvestitenstrip und Fußballspiel mit Textfetzen von Beatles bis Mao, mit Titeln wie "Orgie Ubuh", "Bettleroper" oder "Anarchie in Bayern" wurde der Durchbruch in der Münchner Szene geschafft. Von konservativen Kritikern als Bürgerschreck und Dilettant verschrien, wurde Fassbinder für die Progressiven zu einem Wunderknaben, der mit seinem Kollektiv aus dem Staub der herkömmlichen Theaterwelt, wie Phönix aus der Asche aufsteigt. Ab 1969 folgen die ersten bedeutenden Filme, wie "Katzelmacher" und das famose "Warum läuft Herr R. Amok?" (1969), "Warnung vor einer heiligen Nutte" und "Der amerikanische Soldat" (1970).
Die Figur des Opfers ist für Fassbinders frühe Filme von zentraler Bedeutung. Die Opfer werden als lebendiges und leidendes Zeugnis von Kapitalismus und des autoritären Patriarchats verstanden. Die Kälte die seine frühen Werke bestimmen werden in seinem vielleicht besten Film "Der Händler der vier Jahreszeiten" (1972) durch stumme Verzweifelung ersetzt. Ein kränklicher Obsthändler (Hans Hirschmüller) versucht seiner Familie eine sichere Existenz aufzubauen. Gleichzeitig realisiert er die Sinnlosigkeit seines Daseins, er zerbricht den einzigen Traum seines Lebens, eine schnulzige Schlagerschallplatte und säuft sich systematisch zu Tode. "Der Film entwirft mit höchster Präzision eine Erzählung von Liebesentzug, Verdrängung und Deutschland nach dem Krieg. Das Dekor, mit malerischer Grausamkeit arrangiert, vermengt die Epochen, von der Adenauer-Ära bis zur Entstehungszeit: Was während des Wirtschaftswunders verleugnet wurde, ist auch 1972 noch nicht verarbeitet. Ein Meisterwerk." (Christoph Huber in "Kontinent Fassbinder" österreichisches Filmmuseum, Wien)
Spätestens mit der Fernsehproduktion "Acht Stunden sind kein Tag" von 1972 wurde Fassbinder einem breiten Publikum bekannt. Es waren immer die gleichen ihn umgebenden, lange auch gemeinsam in einer Kommune lebenden Menschen, die Dreh- und Angelpunkt seiner Filme waren, SchauspielerInnen, die gleichzeitig aber auch andere Aufgaben übernahmen, wie Peer Raben der für die Musik zuständig ist oder Kurt Raab, verantwortlich für Drehbücher oder die Ausstattung.
Der große Durchbruch gelang Fassbinder mit dem großartigen Film "Angst essen Seele auf" (1973) mit Brigitte Mira. Die sechzigjährige Emmi verliebt sich in den marrokanischen Gastarbeiter Ali. Ihre Beziehung droht an der verständnislosen Umgebung zu scheitern. Eine unsentimentale, aber nie gefühllose Erzählung über die täglichen Erniedrigungen, über Vorurteile, gesellschaftliche Abhängigkeiten und die aus dem Zustand permanenter Demütigung entstehende Grausamkeit. "Emmi und Ali, die sozialen Außenseiter sind in der trügerischen Kleinbürgeridylle die letzten Hoffnungsträger. Es geht um das Bekenntnis zueinander, um die oft aus lächerlichem Anlass bedrohten Momente des kleinen Glücks, die man sich mühsam gegen die gesellschaftliche Kälte erkämpfen muss." (Christoph Huber in "Kontinent Fassbinder", Österreichisches Filmmuseum, Wien)

Es ist das klassische Melodram, was Fassbinder zu dieser Zeit immer wieder fertigt. Doch er wollte sein Publikum nicht einfach zum Weinen bringen, sondern die Geschichte der unterdrückten Individualität darstellen. Dabei suchte er sich den Stoff für seine Filme immer wieder im kleinbürgerlichen Milieu, unter dessen Ausgestoßenen und Verlierern.
Ab Mitte der 70er Jahre tauchten dann auch immer wieder schon vergessen geglaubte SchauspielerInnen bei ihm auf. Sei es nun Brigitte Mira, die ein fast mütterliches Verhältnis zu ihm aufbaute, bekannt als UFA-Star der 40er und 50er Jahre (bei den Filmfestspielen von Cannes 1975 stieg sie mit Fassbinder an ihrer Seite einem tosenden Publikum über eine Treppe entgegen und fragte diesen: "Rainer, die sind doch noch wegen uns da?"), Helen Vita, der 50er Jahre Frauenschwarm Adrian Hoven, das deutsche "Sexsymbol" der 60er Barbara Valentin, der Komiker des deutsch-französichen Kinos Eddie Constantin, Günter Lamprecht (in dem unvergessenen 13teiligen Fernsehfilm "Berlin Alexanderplatz" (1979/80), dem Star aus dem DDR-Film Armin Müller Stahl und Karlheinz Böhm. Wie dieser ehemalige Schnulzenkönig des deutschesten aller deutschen 50er Jahre Heimatkinos, der z.B. den König Franz-Josef an der Seite von "Sissi" Romy Schneider spielte, später beispielsweise als schwuler Beau im "Faustrecht der Freiheit" in speckiger, enger Lederjacke ständig vor nackten Männern herspaziert, das ist nicht ohne Komik.

Fassbinders Sympathie für die erste RAF-Generation gilt als unbestritten. Später rechnet er in Filmen wie "Deutscher Herbst" (1977) und "Die dritte Generation" (1979) hemmungslos mit dem ideenlosen Aktionismus der RAF und deren Avantgardedenken ab.

Die Provokation, die Fassbinder zu Lebzeiten darstellte, ist heute nicht mehr unmittelbar zu spüren, nur noch zu erahnen, wenn mensch die im Juni in bundesdeutschen Kinos laufende Retrospektive alter Filme anschaute. Manche Filme hinterlassen ein Gefühl von Depression, wie die kammerstückhaft inszenierten frühen Werke. Andere wirken mehr als nur schrill, mit dem speziellen Charme der 70er Jahre, z.B. "Mutter Küsters` Fahrt zum Himmel" mit der erneut zauberhaften Brigitte Mira, die bei ihrem Kampf gegen die Boulevardpresse, die den Freitod ihres Mannes ausschlachtet, nach diversen Zwischenspielen mit einer kommunistischen Partei (Chefideologe Karl-Heinz Böhm), schließlich an der Seite von Anarchisten eine Geiselnahme verübt. Dieser Film ist eine bittere Satire auf die Methoden der Sensationspresse und den Ausverkauf linker Ideale, jedoch ebenso eine sehr "einfühlsame Studie der Verzweifelung seiner Heldin, Brigitte Mira als durch und durch mittelmäßige, zugleich aber einzig integere Figur im Scherbenhaufen der bürgerlichen Entfremdung" (Harry Tomicek in "Kontinent Fassbinder" österreichisches Filmmuseum, Wien).

Seinen größten kommerziellen Erfolg erreicht Fassbinder schließlich in den 80er Jahren mit seiner Triologie auf die verlogenen Nachkriegjahre der jungen Republik, "Lilli Marleen" (1980), "Lola" (1981) und "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982). Lola zeigt einen hochmoralischen Baudezernenten (Armin Müller Stahl) der ins bayrische Coburg versetzt wird und dort, das vor Ort prima funktionierende Zusammenspiel von Macht. Lüge und Profit (umwerfend: der Unternehmer Schuckert alias Mario Adorf) ins Wanken bringt. Das Zentrum des Begehrens ist Lola (Barbara Sukowa), Besitzerin des örtlichen Puffs, dass als heimlicher Treff der Oberschicht gilt. "Fassbinder verschränkt hier den Kitsch mit der Kunst. Eine in Bonbonfarben leuchtende Schreckenskomödie über den Geist der Adenauerzeit und die Banalität des Kapitalismus, ist der höchste Gipfel seiner Analyse deutscher Geschichte" Christoph Huber in "Kontinent Fassbinder" österreichisches Filmmuseum, Wien).

Fassbinder lebte ein exzessives Leben, arbeitete an seinen Filmen wie ein Besessener, richtete seine Gesundheit selbst zu Grunde, schonte seine Mitmenschen nicht, war sicher alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse, wollte es gewiss auch nie sein, aber er leistete für den Film Unermessliches. Aus seinem Umfeld ging der begnadete Kameramann Michael Ballhaus (heute einer der bestbezahltesten Kameramänner in Hollywood) hervor, er schuf Filme von historischer Bedeutung, er verhalf brillanten SchauspielerInnen zum Durchbruch wie Hanna Schygulla, Gottfried John, Margit Carstensen oder Brigitte Mira und inspirierte viele bedeutende Regisseure wie Lars von Trier, Aki Kaurismäki, Francois Ozon (dessen neuster Film "8 Frauen" gerade in den Kinos läuft), Christoph Schlingensief oder Todd Haynes.

Die wenig objektive Begeisterung des Autors dieser Zeilen an der Figur Fassbinder, die sich nicht nur zwischen den Zeilen erahnen lässt, wird jedoch erheblich getrübt. Selbstverständlich darf Fassbinders Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" nicht unerwähnt bleiben. Durchsetzt mit antisemitischen Metaphern, wie "den Juden" als "Blutsauger" (Zitat: "Er saugt uns aus, der Jud, trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht. Wäre er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen."), riefen versuchte Inszenierungen immer wieder heftige Proteste hervor. Eine erste Aufführung scheiterte 1975 bereits am Widerstand des eigenen Ensembles. 1985 konnte die Inszenierung am Frankfurter Theater am Turm durch die Bühnenbesetzung der Mitglieder der jüdischen Gemeinde verhindert werden. Zwar sprach der Regisseur Yoram Löwenstein, Sohn deutscher Juden, Fassbinder vom Vorwurf des Antisemitismus frei, unterstellte ihm vielmehr eine bewusste Provokation und führte das Stück in Israel auf. Fassbinders gesamte filmische Arbeit spreche gegen den Vorwurf des Antisemitismus, hingegen verstehe er die Sensibilität der Juden in Deutschland. Aber auch diese Erklärung kann den Autor letztendlich nicht überzeugen. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Der deutsche Linke Fassbinder war wohl nicht mehr und nicht weniger antisemitisch als der Rest der Deutschen. Aber gerade die aktuelle Diskussion bezüglich des weit verbreiteten Antisemitismus in der deutschen Linken fordert eine revidierte Sichtweise auf den Regisseur Fassbinder. Ich verbleibe ohne schlüssige Beurteilung und lade zu kontroversen Beiträgen gerne ein.

Markus (GWR-AK Münster)
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