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272 oktober 2002
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stern / zerbrochenes gewehr
alternative naturwissenschaften - naturwissenschaftliche alternativen
>> 272 oktober 2002

Recht(s)gläubige Abspaltungen der Naturwissenschaft

Eine Religion zeichnet sich dadurch aus, daß zu ihrer Hochzeit ihre Glaubensgrundsätze nicht als Fragen des Glaubens wahrgenommen werden, sondern als das Normale, als Grundlage jeder Sicht auf die Welt, als Tatsachen der alltäglichen Lebensrealität. So waren Wunder für das mittelalterliche Christentum nicht wunderlich, und so sind heute die Setzungen der Naturwissenschaften für die meisten Menschen unhintergehbare Realität. Und die Religion ist ein Kompedium des Wissens, eine Sammlung sinnvoller Regeln, die es den Menschen ermöglichen sich in der Alltagsrealität zu orientieren (Z.B. verdirbt Schweinefleich sehr viel leichter als anderes Fleisch - in heißen Ländern hat es deshalb Sinn gemacht ohne Kühltechnik auf Schwein zu verzichten.).

Die Naturwissenschaft ist in diesem Sinn die Religion der Moderne, wie an der Bemerkung in der Klammer zu sehen ist..

Als Anarchist bin ich gegen jede Religion, gegen die dogmatischen Festlegungen, gegen die Versuche zu bestimmen, was ein Mensch ist, wie sie (bzw. er) zu sein hat, und wie sie (bzw. er) zu handeln hat - auch im Namen der Natur. Ich denke mich frei und fühle mich gerade darum verantwortlich für mein Handeln. Keine Notwendigkeit und keine Entschuldigung für Rassismus, Faschismus, Kapitalismus, Sexismus - "Niemand kann Dich zwingen, ein Arschloch zu sein!"

Anarchie heißt für mich, anstatt zu glauben, die Dinge kritisch zu hinterfragen - mit einer Kritik, die nichts als heilig setzt, einer Kritik, die ein Unhinterfragbares an sich, aus sich heraus ablehnt, einer Kritik, die sich auch selbst in den Blickpunkt nimmt und so ihre Theoriepraxis immer wieder von neuem aufnimmt - auch und gerade bezogen auf die Naturwissenschaft.

Nun gibt es in jeder Kirche Erneuerungsbewegungen und abweichende Sekten auch in den Naturwissenschaften. Um eine solche Kritik geht es dabei aber in der Regel nicht. Wie anderen Sekten und Erneuerungsbewegungen geht es auch diesen Zusammenhängen meist nicht um den Sturz des Gottesstaates, sondern um seine Aufrichtung in noch 'schöneren' Glanz. Und einmal an der Macht sind sie meist noch totalitärer, als es die Staatskirche vor ihnen war. Glauben doch ihre Stadthalterinnen und Stadthalter an das, was sie predigen wirklich, und sind deshalb um so unerbittlicher und erbarmungsloser.

Leider sind auch viele sich als "alternativ" verstehende Zusammenhänge und Personen im Bereich der Naturwissenschaften genau dieser Form sektiererischer Heilsbewegungen zuzuordnen. Auch und gerade aus der Position einer fundierten Ablehnung der naturwissenschaftlichen Staatskirche aus anarchistischer Sicht ist eine Kritik dieser Gruppen zwingend notwendig. Denn als Anarchist kann es mir wohl kaum darum gehen, eine Religion durch eine andere auszutauschen, die Normierungsgewalt der bestehenden Naturwissenschaften durch die Gewalt einer, sich erst zur Religion noch machen müssenden und darum um so blutiger regierenden, neuen naturwissenschaftlichen Glaubensrichtung zu ersetzen.

Und leider sind die totalitären Träume eines Rudolf Bahro von der Ökodiktatur nicht die Ausnahme.

'Alternative' Naturwissenschaftsansätze, KritikerInnen von Technologie sind nicht automatisch Verbündete einer anarchistischen gesellschafts- und naturwissenschaftskritischen Position. Das mangelnde genaue Hinsehen und Abklären mit wem und was für politischen Vorstellungen ich es zu tun habe, z.B. in Bündnissen gegen Atomenergie oder Elektrosmog, weist auch auf die mangelnde eigene Auseinandersetzung mit der politischen Herkunft bestimmter Natur- und Gesundheitsvorstellungen hin. Bereits vor Jahren wurde aus der KrüppelInnenbewegung eine sehr klare Kritik an der Antiatombewegung und ihrem Umgang mit Begriffen wie 'Mißbildung' und 'Mutation' formuliert.

Ich sollte an mich selbst und an Gruppen im Bereich 'alternativer' Naturwissenschaften/Ökologie, mit denen ich zusammenarbeite, deshalb einige Fragen stellen.

Zum Beispiel, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, Fragen zu den politischen Zusammenhängen; Wer trägt den Zusammenhang in dem ich mitarbeite, bzw. mit dem ich zusammenarbeite? Was machen diese Person sonst? Was haben sie ansonsten publiziert? Für welche politischen Richtungen stehen sie? Mit wem arbeiten sie zusammen? Wie sind diese Gruppen und Personen einzuschätzen? Wie/Wer finanziert dies?

Auch naturwissenschaftliches Wissen wird interessengebunden produziert. Bei der Gen- oder Atomtechnik ist dies den meisten noch sofort einleuchtend aber dies gilt auch für 'alternative' Ansätze. In der Ökologie werden z.B. häufig Versatzstücke eingebaut, auf die schon der Faschismus zurückgegriffen hat, indem gesellschaftliche Verhältnisse naturalisiert werden. Da ist dann z.B. die Rede von Überbevölkerung um politisch Probleme zu 'erklären' oder es wird von 'kranken Gesellschaftskörpern' geschrieben, und damit ein medizinischer Begriff auf das Soziale und Politisch-Gesellschaftliche ausgeweitet, das Soziale und Politische also negiert, usw.

Als Anarchist fordere ich hingegen die (Re)Politisierung des Apolitischen, das Politische und Private nicht getrennt zu denken, antisexistische, antirassistische Politik im Alltagshandeln in der alltäglichen auch naturwissenschaftlichen Praxis und die Dinge im Zusammenhang zu sehen, da die unterschiedlichen Gewalt- und Machtverhältnisse nur zusammen zu bekämpfen sind. D.h. ich fordere auch einen anderen Begriff des Politischen ein, der statt autoritäre, parteipoltisch-parlamentaristische Strukturen zu stützen, auf die alltägliche bewußte selbstbestimmte Entscheidung einer/eines jeden im Alltag setzt. Z.B. in einer Gesellschaft, in der 20 Stunden von jeder/jedem für die Reproduktionsarbeit aufgewendet werden muß, und ansonsten frei von mir selbst bestimmt wird, was ich tue, sei es Wissenschaft, Kunst, Schlafen Kiffen, oder was auch immer.

Dann macht es aber keinen Sinn mich mit z.B. ElektrosmoggegnerInnen zusammenzutun, die wiederum kein Problem darin sehen mit FaschistInnen zusammenzuarbeiten, und die einer Apolitisierung Vorschub leisten. Und insofern macht es durchaus Sinn genauer hinzugucken, wen Gruppen als Kooperationspartner angeben, wer Mitglied ist, Ehrenmitglied. Und wenn darunter FaschistInnen oder faschistischen Ideen nahestehende Organisationen (wie z.B. der WSL oder die Nachfolgeorganisation der Deutsche Bund zur Rettung des Lebens, u.a. siehe einschlägige ANTIFA-Infos) sind, ist dies zumindest ein Hinweis auf die Ignoranz gegenüber diesem Problem.

Diese Form trivialisierter personalisierter politischer Analyse ist aber nur sehr oberflächlich, wichtiger ist das Abklären inhaltlicher Fragen, und dies gilt für alle Zusammenhänge, insbesondere auch für die eigenen. Die Stereotype auf die der Faschismus zurückgegriffen hat sind sehr viel älter und grundlegender in den Naturwissenschaften verankert. Deshalb muß ich mich auch selbst fragen; Nutze ich komplexe Theorieansätze, die multikausale Zusammenhänge, ideologische Setzungen und politischgesellschaftliche Verhältnisse reflektieren, oder werden Theorien in vereinfachter Form dargestellt? Bediene ich banale Klischees? Werden Patentlösungen feilgeboten? Gibt es eine dargestellte Form kritischer Selbstreflektion über die eigene TheoriePraxis oder werden Erkenntnisse mit tieferen Einsichten oder ähnlichen Religionsversatzstücken begründet?

Die Ausbreitung banaler Klischees, wie z.B. Stereotypen über das Geschlechterverhältnis, Mutterschaft, aber auch über die Natur, als wäre unser Naturverhältnis nicht immer schon ein politisch gemachtes, sind typisch für faschistische und rechte politische Praxen. Sie bilden zum nicht unbeträchtlichen Teil ihre Basis. Mit ihrer Übernahme übernehme ich auch Teile dieses Weltbildes.

Ein Beispiel dafür ist die Ufologie mit ihrer simplifizierenden naturalistischen Deutung von Zeichen, z.B. der Abbildung fliegender Menschen als fliegenden Außerirdischen, und damit ihrer Ausblendung eines Unbewußten, daß sich in diesen Bildern manifestiert. Damit wird eine komplizierte Realität der Subjektgenese, eines Subjektes, daß in einer Dialektik des Bewußten und Unbewußten steht, ausgeblendet.

In diesem Sinn ist auch Theoriefeindlichkeit und der Rekurs auf Erfahrungswissen Eingeweihter eine strukturelle Grundlage rechter und faschistischer Ideologie. Einfach wie die Erklärungen sind dann auch die Lösungsansätze. 'Alternative' Naturwissenschaftsansätze, die sich auf diese Weise einer Kritik zu entziehen versuchen, weil z.B. 'altersweise' Ingenieure es einfach besser zu wissen meinen, oder gar behaupten wie Scotti bei Raumschiff Enterprise die Gefahr jenseits des allgemein Erfahrbaren spüren zu können, sei es Erdstrahlen, Elektrosmog oder Zeichen aus dem All, rekurieren auf ein Ingenieurbild, das in Deutschland durch Autoren wie Hans Dominick (faschistische ScienceFiction Jugendbücher) und Filme mit Hans Albers im Nationalsozialismus seine Blütezeit hatte, aber lange davor existiert hat, und nach wie vor wirksam ist.

Auf komplizierte ineinandergreifende Herrschaftsverhältnisse, die auch in Naturwissenschaft, Technik und Medizin eingegangen sind, gibt es aber keine einfachen Antworten wie sie der blonde Hans nahelegt.

Doch bei einigen Inhalten 'alternativer' Naturwissenschafts- ansätze wird es noch problematischer. So ist es wichtig zu schauen; Ob Verschwörungstheorien bedient werden? Werden Probleme in einem paranoischem Konstruckt auf ein einzige Ursache zurückgeführt? Werden Heilserwartungen ausgesprochen?

Angstpolitiken und Heilsversprechungen schaffen vor allem rechts autoritären Politiken Zulauf. Und der Übergang von Verschwörungsphantasien bzgl. Elektrosmog oder Medikamenten hin zu den Illuminaten und zur jüdischen Weltverschwörung ist ein fließender. Die paranoische Subjektkonstrucktion ist nicht weit entfernt von der des autoritär faschistischen Charakters, war doch auch im Nationalsozialismus die immaginierte Bedrohung Deutschlands, die immaginierte Bedrohung durch die Anderen, die Juden, Schwulen, Sinti- und Roma, Basis ihrer Ausgrenzung und brutalen Verfolgung und Ermordung.

Schlußendlich ist auch das Verhältnis zur etablierten Naturwissenschaft nicht unwichtig; Wie sind die Theorien in das Feld der etablierten Naturwissenschaften eingebunden? Welche Theorien werden aufgegriffen, z.B. Soziobiologie? Mit wem wird hier zusammengearbeitet? Wird sinnentleertes Namedropping betrieben, z.B. mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten Albert Einsteins und anderer Berühmtheiten?

Herrschaftsverhältnisse materialisieren sich historisch in den Praxen und Techniken. Dies gilt auch für die Naturwissenschaften. Ein Beispiel ist die Reproduktionsmedizin mit ihrer Enteignung der Frauen von der Verfügungsgewalt über ihren Körper bis hin zum Massenmord - so starben im 19. Jahrhundert nicht wenige Frauen bei zwangsweiser Gebärmutterentfernung durch die 'moderne' Medizin. Die Angst vor der weiblichen Gebärfähigkeit und männliche Kontrollphantasien sind bis heute fest im medizinischen Blick auf den Frauenleib verankert.

Eine 'alternative' Naturwissenschaft, die von der Überzeugung ausgeht, die Naturwissenschaften wären gut, nur die Ausführenden schlecht, ist insofern nur dazu gut, diese Herrschaftsverhältnisse durch Neuanstrich zu konservieren. Außerdem ist der Glaube an gute Autoritäten wohl kaum im Sinne anarchistischer Politik. Auch ausuferndes Zitieren wichtiger Berühmtheiten weist zuerst auf Autoritätshörigkeit und nicht auf wirkliche Alternativen. Vollständig untragbar wird aber dieses 'alternativ' wenn unter diesem Stichwort gerade und insbesondere überholte reduktionistische reaktionäre Naturwissenschaftsansätze wieder aufgenommen werden. Und zum Beispiel insbesondere eine Zusammenarbeit mit soziobiologistischen Richtungen gesucht wird, oft gar noch mit der Begründung, diese würden von der etablierten Wissenschaft ausgegrenzt, obwohl die Soziobiologie gerade die ideologische Basis z.B. der Genforschung ist.

Als Alternativ bezeichnet sich vieles. Vor einer Zusammenarbeit ist es wichtig genauer hinzuschauen, aber auch die eigenen Theorien gilt es kritisch zu hinterfragen.

Fin
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