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>> 274 dezember 2002

"Krieg gegen den Terrorismus" à la russe

Nachdem alles vorbei war - die Geiselnahme in Moskau, der Gaseinsatz, die gezielte Tötung der Geiselnehmer, der Abtransport der überlebenden Geiseln - nachdem das vorbei war, wurde nicht nur in der russischen Presse die Meinung geäußert, verwunderlich sei eigentlich bloß, daß so etwas nicht schon früher passiert sei.

Nach dem Zusammenbruch des Nominalsozialismus ist Rußland um eine Nummer abgerutscht: von der zweiten in die dritte Welt. Das bereitet der ersten Welt an sich kein besonderes Kopfzerbrechen, solange die Stabilität in den Randgebieten gewährleistet bleibt. Im ersten Tschetschenienkrieg versuchte Rußland nicht nur, sich als Garant dieser staatlichen Stabilität zu bewähren, sondern auch der Welt zu beweisen, daß es nach wie vor eine militärisch handlungsfähige Großmacht sei. Das ist grandios gescheitert: Die Armee erwies sich als unfähig, mit den Separatisten fertig zu werden, verheizte ihre verfrorenen und halbverhungerten Wehrpflichtigen und mußte schließlich ein Abkommen akzeptieren, mit dem die Kampfhandlungen beendet, Tschetschenien in eine Quasi-Unabhängigkeit entlassen wurde, sein staatsrechtlicher Status aber ungeklärt blieb.

Was folgte, kann man kaum als Frieden bezeichnen. Die tschetschenischen warlords fügten sich nicht dem Gewaltmonopol, das Aslan Maschadov als Präsident für den Staat beanspruchte. Mehr oder weniger legale Ölgeschäfte, Raub, Menschenhandel sowie Unterschlagung der Wiederaufbauhilfe aus Rußland sind bis heute die Haupttriebfedern der tschetschenischen Wirtschaft.

1999 begann mit Sprengstoffattentaten in russischen Städten, deren Urheber bis heute nicht namhaft gemacht wurden, und Kämpfen in Dagestan der zweite Tschetschenienkrieg. Das russische Militär erhielt die Chance zur Revanche, der bis dahin unbekannte Vladimir Putin profilierte sich als Kriegspräsident, die tschetschenischen warlords hatten endlich wieder einen äußeren Feind, und Maschadov, der, wenn er es denn jemals wollte, niemals einen gemäßigten Kurs hatte durchsetzen können, war zu der Zeit bereits ohne reale Macht in Tschetschenien.

Angesichts der Behandlung, die die tschetschenische Bevölkerung von ihren eigenen militärischen Formationen erfahren hat, könnte es verwundern, weshalb sie die russischen Truppen nicht als Befreier begrüßte; aber auch nur, solange man sich nicht danach erkundigt, wie die sich benommen haben und benehmen: Bombardierungen, "Säuberungen", willkürliche Verhaftungen und Verschleppungen in sogenannte Filtrationslager - das Militär ließ den Tschetschenen keine andere Wahl, als sich auf die Seite der Separatisten zu stellen.

Die Bevölkerung Tschetscheniens wird aufgerieben zwischen den einheimischen Banden, die sich aus Leuten wie den Moskauer Geiselnehmern rekrutieren: Männern und Frauen um die 20, die seit zehn Jahren nichts anderes kennen als den Krieg und in ihm auch die einzige Möglichkeit finden, über die Runden zu kommen - und auf der anderen Seite den Föderationstruppen, die sich in Garnisonen verbunkert haben; eingegraben in einem Land, das sie nicht kontrollieren, nur terrorisieren können.

Das Erstaunliche am Terroranschlag in Moskau ist nicht, daß er stattgefunden hat, sondern wo und in welchem Ausmaß. Die Terroristen haben den Krieg bis in die russische Hauptstadt getragen - auch aus dieser Provokation erklärt sich die äußerste Brutalität, mit der die Geiselnahme beendet wurde.

Sie hat insgesamt 57 Stunden gedauert. Es braucht einige Zeit, den Einsatz der Spezialtruppen zu planen und vorzubereiten; wahrscheinlich hat die russische Regierung nie ernsthaft eine Verhandlungslösung in Betracht gezogen, und die Skrupellosigkeit der Geiselnehmer macht es leicht zu behaupten, daß sie auch nicht möglich gewesen wäre. Auf jeden Fall hätte sie die Bereitschaft zu einer grundsätzlichen Änderung der Tschetschenienpolitik erfordert; die Bereitschaft, kurzfristig einen Waffenstillstand zu erklären und Verhandlungen wenigstens einzuleiten... wie immer dem sei, es wurde nichts dergleichen versucht.

Stattdessen wurde die Geiselnahme mit einer klassischen Militäroperation beendet: der Feind wird geschlagen, zivile Opfer sind nebensächlich. Daß es hier um einen Akt staatlicher Machtpolitik ging und eben nicht um die Befreiung der Geiseln, wurde in der Durchführung dieser Operation geradezu grotesk deutlich: der erste Teil - Gaseinsatz, Erstürmung des Gebäudes, Erschießung der Geiselnehmer - war offenbar minutiös geplant; die anschließende Rettung der Geiseln versank im Chaos. Man muß halt Prioritäten setzen.

Weder die Wehrpflichtigen, die direkt nach den Spezialtruppen ins Theater stürmten, noch die darauf folgenden Rettungssanitäter hatten eine Ahnung davon, daß überhaupt Gas eingesetzt worden war, geschweige denn welches. In der Erwartung, Schußwunden versorgen zu müssen, waren die Rettungskräfte mit nutzlosem Verbandsmaterial bepackt. Weder ihnen noch den Krankenhäusern, in die die Geiseln eingeliefert wurden, gab das Militär Informationen über den Kampfstoff; Gegenmittel waren nicht verfügbar, die Behandlung erfolgte nach Symptomen. Viele der Opfer sind wahrscheinlich durch den Transport zu Tode gekommen: sie wurden liegend transportiert oder rücklings auf Bussitze geworfen - die Stellung, in der ein Betäubter seine Zunge verschlucken oder am eigenen Erbrochenen ersticken kann. Die Krankenhäuser waren völlig unvorbereitet und überfüllt. Von den behandelnden Ärzten wurden Geheimhaltungsverpflichtungen verlangt, Obduktionen wurden untersagt, als Todesursache sollte "Schock" angegeben werden. Was allerdings wieder hervorragend funktionierte, war die Vernehmung der überlebenden Geiseln in den Krankenhäusern, wobei einige gleich noch verhaftet wurden.

Keine Rettungsaktion, sondern eine staatliche Machtdemonstration, die ihre Fortsetzung in den wieder aufflammenden Kämpfen in Tschetschenien ebenso fand wie in den maßlosen Repressionen gegen Tschetschenen in russischen Städten. Ins Bild paßt auch die Verhaftung Achmed Zakaevs - er gehört zu dem Flügel der tschetschenischen Separatisten um Maschadov, mit denen in der Vergangenheit immer noch Verhandlungen möglich waren.

In Tschetschenien selbst droht dieser gemäßigte Flügel den letzten Rest an Einfluß zu verlieren; die Selbstmordattentäter stehen bereit, die Führung zu übernehmen. Vielleicht ist das einer russischen Politik, die an Verhandlungen nicht das geringste Interesse hat, sogar recht.

Zwar kann sie keinerlei Perspektive aufzeigen, aber solange es am Krieg noch zu verdienen gibt (niemand kennt die genauen Summen, die die einzelnen Ministerien aus ihrem Etat für Kriegsoperationen aufwenden; allein die Finanzierung des Krieges ist ein Eldorado für Schiebungen), und solange in seinem Windschatten die autoritäre Formierung der Gesellschaft mit Macht vorangetrieben werden kann - solange empfiehlt sich doch eine Politik, die eine aussichtslose Situation vollständig hoffnungslos macht.

Und sie produziert ihre Legitimation selbst: der nächste Anschlag kommt bestimmt.

Christian Axnick
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