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295 januar 2005
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Mama Miti - Die Mutter der Bäume

Die kenianische Menschenrechtlerin Wangari Maathai erhielt den Friedensnobelpreis

"Ihr seid die Zukunft dieses Landes. Wenn sich aber etwas ändern soll, müsst ihr selber die Initiative ergreifen." Wangari Maathai, gekleidet in einem traditionellen Kleid, richtet ihre Worte an die StudentInnen der University of Nairobi, an der sie einst selber tätig war.

Nachdem sie den Friedensnobelpreis bekommen hat, wurde sie zu einem öffentlichen Vortrag an ihre Alma Mater eingeladen - es ist ihre erste Rückkehr in offizieller Position, seit sie vor 22 Jahren ihre Professur zugunsten politischer Arbeit aufgegeben hat.

In ihrem eigenen Leben hat die inzwischen 64-Jährige immer wieder selber die Initiative ergriffen. In den 60er Jahren kam sie nach Abschluss ihres Biologiestudiums in den USA in ihre inzwischen von England unabhängige Heimat zurück. Mit ihrer Promotion in Veterinärmedizin - an der University of Nairobi - war sie die erste Frau, die an einer ostafrikanischen Hochschule den Doktortitel erhielt. In den Jahren 1976 bzw. 1977 bekam sie hier eine Professur und wurde Dekanin der Veterinäranatomie, beides gleichfalls als erste Frau in der Region. Doch schon 1982 zog sie sich von der Universität zurück. Der Versuch, an den Wahlen in diesem Jahr teilzunehmen, scheiterte jedoch am Ein-Partei-System des damaligen Präsidenten Daniel Arap Moi, und so ging sie ganz in die außerparlamentarische Opposition und wurde in den folgenden Jahren zu einer der entschiedensten Gegnerinnen der Regierung. Ihr Engagement führte auch dazu, dass ihr Ehemann sich in den 80er Jahren von ihr scheiden ließ, da seine Frau ihm "zu gebildet, zu stark und zu schwer zu kontrollieren" war. Schon seit 1976 war sie in Kenias Nationalem Frauenrat aktiv, deren Vorsitzende sie später zeitweise wurde, und im Rahmen dessen hat sie das Green Belt Movement (Grüner Gürtel Bewegung) ins Leben gerufen.

Aus der Idee, Frauen in ländlichen Gegenden die Beschaffung von Feuerholz auf einem nachhaltigen Weg zu ermöglichen, wurde eine Bewegung, die einige der dringendsten ökologischen und sozialen Probleme der Region adressiert: durch das einfache, aber effektive und symbolträchtige Pflanzen von Bäumen. Durch die Aufforstung wird die Erosion nährstoffhaltiger Bodenschichten verhindert, und der Wald als natürlicher Wasserspeicher leistet einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Wüstenbildung - abgesehen von der Verbesserung der Luftqualität und der Produktion des als Brenn- und Baumaterial wichtigen Rohstoffs Holz. Während nach Einschätzung von Experten zur Erfüllung dieser Aufgaben zehn Prozent der Fläche eines Landes mit Wald bewachsen sein sollten, sind dies in Kenia derzeit weniger als zwei Prozent. Ohne das Green Belt Movement wären es noch weniger, denn die Organisation hat in den letzten 27 Jahren über 30 Millionen einheimische Bäume gepflanzt. Dafür gibt es nach den weitaus bescheideneren Anfängen inzwischen über 6.000 kleine Baumschulen, in denen mehr als 30.000 Frauen eine Nebenerwerbsmöglichkeit und so die Möglichkeit zu einer gewissen Selbstständigkeit haben. Darüber hinaus sind andere benachteiligte Bevölkerungsschichten, wie Menschen mit körperlichen Behinderungen, in die Projekte integriert. Die Setzlinge werden vom Green Belt Movement aufgekauft und dann unter bestimmten Bedingungen kostenlos weitergegeben, um in "grünen Gürteln" auf öffentlichem oder privatem Land angepflanzt zu werden - dies und die spätere Entwicklung der Wälder werden von der Organisation weiterhin begleitet. Durch die Einbindung in die Projekte und spezielle Bildungsmaßnahmen wird der Bevölkerung außerdem die Verantwortung für die Erhaltung der natürlichen Umgebung und damit verbunden die Notwendigkeit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise - in gewissem Sinne auch eine Rückbesinnung auf Elemente der traditionellen Kultur - nahe gebracht und gleichzeitig die Zivilgesellschaft auf lokaler Ebene gestärkt. Eine erfolgreiche Vorgehensweise, da den TeilnehmerInnen konkrete Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Lebenssituation geboten werden.

Dieser Ansatz wird inzwischen auch in mehreren anderen afrikanischen Ländern durchgeführt, und in den 90er Jahren wurde zur Koordination ein afrikanisches "Grünes Netzwerk" gegründet. Ermutigt durch den Erfolg der Aufforstungskampagne hat das Green Belt Movement seine Aktivitäten um Bildungsmaßnahmen, Ökotourismus und Lobbyarbeit erweitert. Als Ende der 80er Jahre die Vergabe von öffentlichem Land an mit der Regierung Moi assoziierte Personen und Firmen einen Höhepunkt erreichte - nicht ohne Grund gehören die Familien der früheren Präsidenten Kenyatta und Moi zu den größten Landbesitzern Kenias -, konnten durch öffentliche Proteste mehrere Projekte verhindert werden: so zum Beispiel die Zerstörung von Nairobis zentralem Uhuru-Park für einen Bürokomplex und des stadtnahen Karura-Wald, denn die Thematisierung bewirkte den Rückzug internationaler Investoren.

Mit ihrem Engagement war Wangari Maathai unter der Regierung von Moi eine Persona non grata. Ihr Büro wurde geschlossen, und sie bekam sogar Morddrohungen. Bei Protestaktionen wurde sie mehrfach verhaftet oder verletzt. Statt jedoch davon eingeschüchtert zu werden, wurde sie zu einer entschiedenen Fürsprecherin für eine Demokratisierung Kenias und zu einer der exponiertesten und beliebtesten Personen der Opposition. Neben ihrem Engagement für Umweltschutz brachte sie auch immer wieder soziale Probleme auf die Tagesordnung.

Mit dem Machtwechsel bei der Wahl 2002 wechselte auch Wangari Maathai von der völlig unabhängigen Opposition zur parlamentarischen Arbeit und damit auf den Weg, der ihr 20 Jahre zuvor verweigert worden war. In ihrem Wahlkreis eroberte sie den Parlamentssitz mit 98 Prozent der Stimmen. Im neuen Kabinett von Präsident Mwai Kibaki wurde sie daraufhin zur stellvertretenden Umweltministerin. Doch auch in dieser Position blieb sie, im Gegensatz zu einigen ihrer Kollegen, ihren Idealen treu.

In der Ehrung des norwegischen Komitees heißt es, Maathai sei "eine Quelle der Inspiration für alle, die in Afrika für nachhaltige Entwicklung, Frieden und Demokratie kämpfen." Die Entscheidung für Wangari Maathai durch das norwegische Nobel-Komitee setzt mehrere erfreuliche Zeichen. Nicht nur wird zum ersten Mal eine afrikanische Frau mit diesem Preis geehrt, sondern die Definition von Frieden wird breiter aufgefasst als in der bisherigen Nobel-Geschichte. Der Preis wird ihr nicht nur wegen ihres Einsatzes für die Demokratisierung Kenias zugesprochen, sondern insbesondere auch für ihr Engagement in den Bereichen Umweltschutz und Nachhaltigkeit sowie der Frauenrechte - was natürlich vor allem auch das Green Belt Movement in die Ehrung einschließt. Damit geschieht auf dieser Ebene eine Verknüpfung von sozialen und umweltpolitischen Themen mit Friedenspolitik und eine Anerkennung aller, die sich in Afrika und weltweit für Lösungen dieser Probleme einsetzen. Gleichzeitig wird auf die Bedeutung der natürlichen Ressourcen bei derzeitigen und zukünftigen Konflikten und das Potential von Nachhaltigkeit für deren Vermeidung und die Entwicklung der betroffenen Länder hingewiesen.

Der Nobelpreis ist nicht die erste Ehrung für Wangari Maathai und das Green Belt Movement. Sie wurde bereits 1984 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und hat seitdem über ein Dutzend weiterer Auszeichnungen bekommen, darunter den diesjährigen Petra-Kelly-Preis der Böll-Stiftung. Der Nobelpreis ist jedoch sicher der bedeutendste von diesen und hatte dadurch entsprechende Auswirkungen in Kenia. In der Presse war der Nobelpreis über Wochen ein viel diskutiertes Thema, und in der Öffentlichkeit wird Wangari Maathai als Nationalheldin gefeiert - mit enthusiastischen Reaktionen und Ehrerbietungen, so auch bei ihrem Vortrag an der University of Nairobi. Im Gegensatz zu vielen anderen Nobelpreisträgern (von den vielen Staatsmännern, die meist für einzelne Leistungen und nicht ihr Lebenswerk geehrt werden, einmal abgesehen), wo der Preis als unerwünschte Einmischung in die Angelegenheiten des Staates angesehen wird, wurde ihr von offizieller Seite gratuliert. Dabei muss sie sich vor Vereinnahmungen hüten, was sie jedoch bisher immer gemeistert hat, denn der Regierung Kibaki kommt der Preis in einer Zeit, in der ernst zu nehmende Korruptionsvorwürfe gegen sein Kabinett vorgebracht werden, gerade recht. Gleichzeitig bietet die Ehrung in dieser Situation auch eine Chance, denn wenn sie es weiterhin "nicht schafft, den Mund zu halten, wenn ich Ungerechtigkeit sehe", gewinnt ihre Stimme beim Einsatz für eine fortgesetzte Demokratisierung Kenias weiter an Gewicht.

Eine Kontroverse, vor allem auf internationaler Ebene, verursachte Wangari Maathai jedoch, als sie in Folge der Nobelpreis-Verleihung Sympathien für eine Aids-Verschwörungstheorie äußerte, wonach der HI-Virus von westlichen Wissenschaftlern oder Geheimdiensten als Biowaffe gegen die schwarze Bevölkerung in Afrika ausgesetzt wurde.

Jonas Lähnemann
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