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299 mai 2005
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Was übrig bleibt ...

60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald

Es gab viele Anzeichen dafür, dass das Ende der Henker bevorstand, die amerikanischen Panzer ereichten die nähere Umgebung des Lagers. Die Vernichtung des Lagers durch die SS drohte. Im kleinen Lager, dem ehemaligen Quarantänelager, hatte die Belegung besonders seit der Ankunft von Tausenden aus Auschwitz evakuierten Häftlinge ihren Höhepunkt erreicht. Die SS stellte immer noch Todesmärsche zusammen.

Doch am 10. April folgten Tausende Häftlinge nicht mehr den Befehlen des Lagerkommandos. Seit Tagen verließen keine Arbeitskommandos das Lager, es gab auch keine Appelle mehr. Am 11. April 1945 griffen schließlich Angehörige des illegalen Lagerkomitees zu ihren heimlich versteckten Waffen und konnten über 100 SS-Männer festnehmen. Die an diesem Tage eintreffenden Erkundungstrupps der Amerikaner fanden ein von den Häftlingen selbstbefreites Buchenwald vor.

21.000 Männer überlebten das nationalsozialistische Konzentrationslager, überlebten tägliche Demütigungen und Drangsalierungen durch die Wachmannschaften, überlebten menschenverachtende Zwangsarbeit und Unterernährung. Vernichtung durch Arbeit kennzeichnete den Faschismus im Lager ab 1943. Zum KZ Buchenwald gehörten 136 Außenkommandos, bis hinein ins Ruhrgebiet. Hinter diesem Begriff verbargen sich zumeist Sklavenlager mit Buchenwaldhäftlingen, die weitab von Weimar für deutsche Konzerne schufteten. In dieser Zeit begann der Großeinsatz von Buchenwaldhäftlingen in den Rüstungsbetrieben "Mittel- und Westdeutschlands": Flick, Krupp und Thyssen, die IG-Farben, Siemens und AEG, Mercedes Benz und VW sowie unzählige andere Geldgeber des NS-Staates beschäftigten in ihren Betrieben zigtausend KZ-Häftlinge, deren Ausbeutung zu außerordentlichen Gewinnspannen führte.

Diese 21.000 Männer versammelten sich am 19. April 1945 auf dem Appellplatz, um ihrer verstorbenen Mithäftlinge zu gedenken, den Alliierten zu danken und vor allem den Blick in die Zukunft zu richten: "Wenn uns etwas geholfen hat zu überleben, dann war es der Gedanke, dass es eines Tages Gerechtigkeit gäbe. Wir Buchenwalder (...) kämpfen gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung."

60 Jahre später versammelten sich noch einmal einige hundert Überlebende auf dem Appellplatz in Buchenwald. Die Feierlichkeiten zur Befreiung Buchenwalds sind eingebettet in einen Gedenkprozess, welcher mit der Landung der Alliierten in der Normandie vor 60 Jahren begann und am 8. Mai den (vorläufigen) Schlusspunkt erreicht.

Geprägt sind viele dieser Gedenkveranstaltungen von der Perspektive, dass es nun zum letzten Mal möglich war, noch einige überlebende ZeitzeugInnen zu diesen Ereignissen zu befragen. Der 60. Jahrestag symbolisiert hier eine Zäsur in der Auseinandersetzung mit dem historischen Faschismus. Aus der erlebten Geschichte wurde die erzählte Geschichte. Und wie wichtig es ist, solange es noch geht, genau zuzuhören, wird deutlich in der aktuellen geschichtspolitischen Debatte.

Allgemein entdecken sich in der gegenwärtigen Erinnerungsdiskussion die Deutschen zuallererst als Opfer. Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" stellt hier sicher den deutlichsten Beweis dar. "Der Brand" war in den letzten Monaten ein vielzitierter Bestseller und wurde von vielen RezensentInnen hoch gelobt. Und diente auch als Redevorlage für die NPD-Entgleisung zum Holocaustgedenktag. Friedrichs Buch ist in einem Kontext zu den jüngsten Debatten um ein "Zentrum gegen Vertreibungen" zu sehen, es schließt sich an die ZDF-Dokumentationen von Guido Knopp unter den Titeln "Die Vertriebenen", "Die Gefangenen" an und wird begleitet von einer schier unüberschaubaren Sammlung von "Erlebnisberichten" der sogenannten Kriegskindergeneration, die sich nun auch als Opfer entdeckt haben.

Jörg Friedrich trägt nicht unbedingt durch die Dokumentation der zerstörten deutschen Städte, wohl aber durch die dabei verwandten Begriffe ("Vernichtungsangriff", "Vernichtungswalze", "Vernichtungsserie", usw.) und durch die bewusste Kontextlosigkeit dazu bei, die Geschichte des Nationalsozialismus zu einem deutschen Opfermärchen umzulügen.

So erscheint Hitlers Deutschland schon 1939 als Opfer. Der Überfall auf Polen läutete für Friedrich nicht die hemmungslose Unterwerfung und Ausbeutung weiter Teile Europas ein, es bedeutete für ihn nicht den Auftakt zu dem Ziel, mit dem "Tausendjährigen Reich" eine expandierende Weltherrschaft zu schaffen, sondern 1939 war für Friedrich die erste Schlacht in einem Krieg, der nach dem Vergeltungsprinzip geführt wurde. Vergeltung für die Niederlage von 1918, für die "Schmach von Versailles", für die Abtrennung Oberschlesiens, usw.

So verkehren sich Ursache und Wirkung. Eine Versöhnung aller Opfer, ob Überlebender der Konzentrationslager oder Kriegerwitwe, wird beschworen. Die TäterInnen geraten in diesem Prozess selbst zu Opfern, oder sie verschwinden einfach, wie Hannes Heer es ausdrückte. Im Dickicht der Gleichmacherei und Aufrechnung entlädt sich das Bedürfnis nach Entlastung, Schuldumkehr und Wiederherstellung einer zweifelhaften nationalen Ehre.

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus erklärt die Bundesregierung zur Staatsräson oder, wie es Bundeskanzler Schröder am diesjährigen 10. April beim Staatsakt in Weimar ausdrückte: "Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, an Krieg, Völkermord und Verbrechen ist Teil unserer nationalen Identität geworden. Daraus folgt eine bleibende moralische und politische Verpflichtung."

Was in diesem allgemeinen Diskurs, die Opfer nun überall zu suchen, jedoch übrig bleibt von den Erfahrungen des Antifaschistischen Widerstandes, wird spannend bleiben. In Buchenwald im Jahre 2005 wurde jedoch noch einmal deutlich, dass die Generation der ZeitzeugInnen der Konzentrationslager große Hoffnung gerade auf die jüngere Generation setzt, letztlich für eine Erinnerung zu streiten, in der antifaschistischer Widerstand nicht negiert wird. Die Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano und Peter Gingold haben diesen Wunsch einmal so ausgedrückt: "Nehmt es wahr, nehmt wenigstens Ihr es wahr, was von Euren Vorfahren meistens verdrängt, auch diskriminiert und verleugnet wurde: Das Bedeutsamste und Kostbarste aus deutscher Geschichte ist und bleibt der antifaschistische Widerstand."

Stefan Proske
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