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302 oktober 2005
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"Anarchismus in der Postmoderne"

Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis

Jürgen Mümken (Hg.): Anarchismus in der Postmoderne. Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis. Verlag Edition AV, Frankfurt/M. 2005, 160 Seiten, 11,80 Euro, ISBN 3-936049-37-8

Für viele Linke und Libertäre ist die "Postmoderne" nach wie vor ein Schimpfwort, zuweilen abgekanzelt als theoretisch-methodische Beliebigkeit, passend zum bastelbiographischen Individualismus linksliberaler Lifestyle-Eliten.

Ein Pudding, der durch die Diskurse wabert, nicht so recht in die gewohnten Schubladen und Denkschablonen passt, kein agitprop-freundliches Schwarz-Weiß und keine greifbare Handlungsanweisung, keine Wahrheit, nicht alles fein logisch abgeleitet bis zum bitteren Ende und zum geschlossenen Weltbild.

Das von Jürgen Mümken herausgegebene und nun im Frankfurter Verlag Edition AV erschienene Bändchen "Anarchismus in der Postmoderne" versucht, libertäres Denken und Handeln anhand der unter "Postmoderne" subsumierten Debatten und Theorieströmungen zu aktualisieren. Der Buchtitel verleitet sprachlich jedoch zu Kurzschlüssen, in dem er einen Anarchismus in eine Beziehung zu einer Postmoderne setzt. Tatsächlich schlagen die acht Beiträge einen weiten Bogen und verknüpfen unterschiedliche Aspekte linker Theorie und Praxis zu einem dichten und keinesfalls widerspruchsfreien Geflecht.

Die Postmoderne wird als keineswegs "beliebige" theoretische Strömung konzipiert. Sie verneint jeden Wahrheits- und Objektivitätsanspruch, nicht jedoch moralisch begründete Kritik der Gesellschaft. Zum Zwecke des Verständnisses wendet sie sich den kognitiven, sprachlichen und kulturellen Praktiken der Selbstkonstitution und Machtausübung zu. Hierzu zählen etwa Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus und Postfeminismus (Michel Foucault, Jacques Derrida, Judith Butler...). Zur postmodernen Zeitdiagnose gehören neue hegemoniale Regime unter den Stichwörtern Neoliberalismus, Biopolitik und ein Wandel der Herrschaftspraktiken unter dem Schlagwort "Gouvernementalität": das "Regierung-Denken", oder die zunehmende Durchdringung der Gesellschaft mit den Herrschaftsmechanismen.

Diese Entwicklungen, so die Diagnose, müssen auch neue Formen der Widerständigkeit hervorbringen, weil "einige der Voraussetzungen des klassischen Anarchismus überholt sind" (Klappentext). Durch die Brille der Postmoderne werden daher Probleme des Klassenkampfes, Perspektiven traditionell-herrschaftsfreier Gesellschaften, Veganismus und die Praxis des Zapatismus betrachtet, der von einigen Autoren als "erste Rebellion des 21. Jahrhunderts" gesehen wird und oft als Referenz für die gesuchte neue, "postmoderne" Widerständigkeit herhalten muss. Manch land- oder besser stadtläufiger Anarchist würde einiges hiervon als überaus unanarchistisch geißeln, aber das nur nebenbei.

Die Stärke dieses Buches liegt für mich vor allem in der guten theoretischen Fundierung der meisten Beiträge und der nachvollziehbaren Anbindung dieser an libertäre Debatten. Es erscheint daher lohnens- und lesenswert für alle, die sich für aktuelle Denkansätze interessieren, welche der Diskussion von Perspektiven linker Praxis dienlich sein könnten. Wie diese konkret aussehen könnten - dazu gibt es vor allem Fragen. "Nun, fragend schreiten wir voran..." (Torsten Bewernitz, S. 134)

Was fehlt, obwohl in der postmodernen Diskussion kaum zu umgehen: die Geschlechterfrage. In diesem Band finden nur ziemlich beiläufige Annäherungen daran statt - am wenigsten unkonkret, jedoch auf einem merkwürdigen Umweg über Anthropozentrismus und Veganismus im Beitrag von Bernd-Udo Rinas. Wie die Autoren - neben den genannten Jens Kastner, Ralf Burnicki und Olaf Kaltmeier - selbst zugeben, klafft hier eine wesentliche Lücke. Auch beim Lektorat haben Mümken und AV Mut zur Lücke bewiesen, manchem Beitrag hätte eine Überarbeitung gut getan.

Thorsten Hallmann
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