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302 oktober 2005
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Feministisches und marxistisches Denken für das 21. Jahrhundert

Der Argument-Verlag publiziert historisch-kritische Stichworte für die sozialen Bewegungen

Wolfgang Fritz Haug (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 6/1. Hegemonie bis Imperialismus. Argument, Hamburg 2004, 79 Euro

Wolfgang Fritz Haug (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 6/II. Imperium bis Justiz. Argument, Hamburg 2005, 79 Euro

Frigga Haug (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Feminismus. Band 1. Abtreibung bis Hexe. Argument, Hamburg 2003, 19,50 Euro

Frigga Haug und Katrin Reimer (Hg.): Politik ums Kopftuch. Argument, Hamburg 2005, 9,90 Euro

Wer der postmodernen Einflüsterung zu erliegen droht, marxistisches Denken gehöre in die Mottenkiste gescheiterter Ideen, kann sich von einer Reihe im Hamburger Argument-Verlag erschienenen Büchern eines Besseren belehren lassen.

Besonders ergiebig ist das Studium des Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Dieses Jahr ist der Doppelband 6/I u. II von insgesamt 15 geplanten Bänden erschienen. Rund 800 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an 1.500 Stichworten und haben all jenen ein nützliches Nachlagewerk bereitet, denen es um die begriffliche Erfassung und die praktische Überwindung von Herrschaft geht. Vom etablierten Wissenschaftsbetrieb weitgehend ausgegrenzt und mit nur spärlicher finanzieller Unterstützung hat sich das HKWM zu einem pluralistischen Projekt entwickelt, das die vielfältigen, z.T. zerstrittenen Ansätze marxistischen Denkens in Ost und West, Nord und Süd einsammelt und in der Perspektive radikaler Herrschaftskritik für die heutigen Widerstands-Praxen aufbereitet. Dabei bleibt der kritisch-analytische Blick nicht an der Klassenherrschaft kleben, sondern umfasst staatliche Regime, patriarchalische Strukturen, die herrschaftsförmige Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Geschichte der Errungenschaften, aber auch der Verfehlungen und Verbrechen, für die marxistische Theorie und Praxis verantwortlich zeichnet. Es geht nicht um die Ausbuchstabierung marxistischer Orthodoxien, sondern um Begriffe, die für eine radikaldemokratische Veränderung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Für die Leserinnen und Leser der graswurzelrevolution könnte besonders interessant sein, dass neben klassisch-marxistischen Grundbegriffen wie "historischer Materialismus", "industrielle Reservearmee" oder "Imperialismus" auch im vorliegenden Doppelband in Stichworten wie dem umfänglichen "herrschaftsfreie Gesellschaft", "imperatives Mandat" oder dem von Christoph Spehr verfassten "Hierarchie/Anti-Hierarchie" libertäre Perspektiven und die neuen sozialen Bewegungen einen großen Raum einnehmen. Michael Zanders Stichwort "Independent Living" instruiert knapp, aber gründlich über die Entwicklung und Problematik der internationalen Behindertenbewegung. Wer die Stichworte "Ideologiekritik" und "Ideologietheorie" studiert, ist für jede Seminardiskussion gewappnet und kann dabei lernen, dass unter der Wirkung ideologischer Vergesellschaftung fundamentale Kritik und das Streben nach demokratischer Veränderung zusammengehören. Lemmata wie "indoamerikanischer Sozialismus", "Indiofrage", "Indische Frage" und "islamische Revolution" bemühen sich um die Korrektur eurozentrischer Blickverengungen. Die Behandlung religiöser Begriffe wie "Himmel/Hölle", "Hoffnung" oder "Jenseits/Diesseits" und die Mitarbeit von kritischen Theologen wie Dick Boer und Ton Veerkamp ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass der plurale Marxismus des Wörterbuchs den egalitären und widerständigen Traditionen der Religion von unten Respekt zollt und auch hierin begriffliche Ressourcen für eine radikale Herrschaftskritik findet.

Die allenthalben sichtbare Öffnung auch für nicht im engen Sinn marxistische Ansätze ist symptomatisch für den Ansatz, in den Arbeiten von Marx einen notwendigen, aber keinesfalls hinreichenden Schlüssel für die Analyse von drängenden Gegenwartsproblemen zu sehen.

Der hohe philologische Standard des Lexikons ist nicht den elitären Regeln eines akademischen Glasperlenspiels geschuldet, sondern soll das selbsttätige Weiterforschen und eben dadurch die bestmögliche lexikographische Unterstützung sozialer Bewegungen ermöglichen.

Als wertvolle Handreichung für das kritische Engagement in Geschlechterfragen ist das von Frigga Haug herausgegebene Historisch-Kritische Wörterbuch des Feminismus gelungen. Dabei handelt es sich nicht um separierte feministische Begriffsarbeit, sondern um eine Zusammenstellung von Stichworten der ersten 6 Bände des HKWM, die den feministischen Standpunkt und die Fragen der Geschlechterverhältnisse umfassen. Dass eine ansehnliche, aber überschaubare Sammlung solcher Begriffe als Auskoppelung aus dem HKWM nötig ist, zeigt an, dass eine zentrale, im Stichwort "Geschlechterverhältnisse" nachzulesende Erkenntnis nach wie vor auch für die marxistische Forschung mehr Postulat als Zustandsbeschreibung ist: "Kein Bereich kann sinnvoll untersucht werden, ohne die Weise, wie Geschlechterverhältnisse formen und geformt werden, mit zu erforschen."

Das weitgefächerte Spektrum der von Frauen wie Männern verfassten Lemmata umfasst daher nicht nur auf den ersten Augenschein hin feministische Begriffe wie "feministische Theologie", "Doppelbelastung" oder "Gleichstellungspolitik", sondern auch ethnologische Stichworte wie "häusliche Produktionsweise", "geschlechtsegalitäre Gesellschaft" oder den Begriff der "Gegenöffentlichkeit". Der bescheidene Preis und das handliche Taschenbuchformat machen das Wörterbuch des Feminismus zu einer vielversprechenden Investition für alle an Geschlechterfragen Interessierte.

Unter dem Titel "Politik ums Kopftuch" hat jüngst wiederum Frigga Haug gemeinsam mit Katrin Reimer eine sehr lesenswerte Dokumentation zusammengestellt. An der Frage, ob einer Lehrerin in Baden-Württemberg verboten werden soll, in der Schule ein Kopftuch zu tragen, hat sich eine in immer weitere Dimensionen der Geschlechterverhältnisse ausgreifende Debatte entzündet, die das Verhältnis von säkularem Staat und religiösen Minderheiten, die diversen Situationen von muslimischen Migrantinnen in Mehrheitsgesellschaft und ethnischer oder religiöser Subkultur und die Stellungnahme von Feministinnen zu all dem umspannt.

Nachdem das oberste Gericht jedem Bundesland auftrug, selbst zu entscheiden, ob muslimischen Lehrerinnen in seinem Hoheitsbereich das Tragen von Kopftüchern in der Schule erlaubt oder verboten sein soll, blieb die Frage unter Feministinnen und engagierten Linken aufgrund mannigfacher Widersprüche umstritten. Eine Beschäftigung mit den verschiedenen historischen Situationen, in denen das Kopftuch (etwa im Iran) zur politischen Artikulation diente, führt zu dem Ergebnis, "dass das Kopftuch als Symbol polyvalent sein kann je nach dem Kontext von Herrschaft, in dem es steht." Die in dem Band gestellte Frage, wie der Anspruch, Politik nicht stellvertretend für unterdrückte Frauen zu machen, mit der Notwendigkeit vereinbart werden kann, "dem Unrecht in den Arm zu fallen, wo man ihm begegnet", wird nicht gelöst, aber auf der Grundlage der vielen Sichtweisen fundiert diskutierbar gemacht. Gleiches gilt für die Frage, inwieweit die ideologische "Rechtsform als Vehikel für Befreiung zu nutzen" ist. Nicht zuletzt geht es darin auch um die für herrschaftskritische und libertäre Bewegungen schwierige Frage, inwieweit staatliche Institutionen von linker Politik für die Befreiungspolitik in Anspruch genommen werden sollen.

Frigga Haug und Katrin Reimer verstehen ihre Intervention in eine verwickelte Lage als Versuch, eine "Politik der Vernetzung" zu initiieren, "die nicht unter dem öffentlichen Respekt vor der Kultur der anderen die Unterdrückung von Frauen rechtfertigt". Die versammelten gut 30 Presseerklärungen, Zeitungs- und Internetaufrufe, Flyer und Analysen von Feministinnen, muslimischen Frauengruppen, Politikerinnen, Juristinnen und antirassistischen Initiativen sind einerseits "exemplarisch für Politiken, die im gemeinsamen Ziel um mehr universale Gerechtigkeit sich auseinander dividieren, einander bekämpfen, als gäbe es keine schlimmeren Feinde als die jeweiligen Mitstreiter". Andererseits ermöglicht erst die Zusammenschau dieser Perspektiven, dass "alle Positionen in ihrem relativen Recht so diskutierbar werden, dass sie einander stärken, nicht vernichten".

Zustimmungsfähig ist die von Frigga Haug formulierte Hoffnung: "Es muss doch möglich sein, die Kräfte des Antirassismus und die für die Rechte von Frauen so zu verknüpfen, dass gemeinsame Werte für ein besseres Gemeinwesen erkennbar werden und um sie gestritten werden kann."

Thomas Wagner
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