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302 oktober 2005
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Realzapatistischer Kollektivismus

In "Das Aroma der Rebellion" analysiert Philipp Gerber die alternative Kaffee-Ökonomie im Rahmen des indigenen Aufstands in Chiapas, Mexiko

Philipp Gerber: Das Aroma der Rebellion. Zapatistischer Kaffee, indigener Aufstand und autonome Kooperativen in Chiapas, Mexiko. Unrast Verlag, Münster 2005, 196 Seiten, 14 Euro, ISBN 3-89771-023-4

"A ver si funciona" - "Mal schau'n, ob's funktioniert". Dieses Motto der zapatistischen Bewegung, die sich am 1. Januar 1994 gegen die rassistische Diskriminierung der UreinwohnerInnen und gegen die neoliberale Praxis der Staatselite für "Land und Freiheit" erhoben hatte und bis heute ihre Rebellion fortführt, spiegelt den Aufbauprozess der autonomen Gemeinden in Südmexiko selbstkritisch wieder.

Der Ethnologe und Solidaritätsaktivist Philipp Gerber hat mit "Das Aroma der Rebellion" ein attraktives Buch vorgelegt, das alle, die sich mit dem Aufstand der Zapatistischen Armee zur nationalen Befreiung (EZLN) beschäftigen oder allgemein an alternativer Ökonomie interessiert sind, fesseln wird. In jahrelanger Arbeit entstand ein "Schmankerl", das wissenschaftlichen Kriterien standhält, das sich mit Wunsch und Wirklichkeit des zapatistischen Aufstands und des solidarischen Kaffeehandels allgemein sowie mit der dahinter stehenden globalen Wirtschaftspolitik befasst.

Gerber vereint intensive Literaturrecherche mit aktiver Präsenz vor Ort. Durch Interviews - die erst nach Überzeugungsarbeit möglich wurden, da die Menschen vor Ort jahrzehntelang schlechte Erfahrungen mit vermeintlichen Forschern und Beratern machten - liefert er eine authentische Einschätzung der Lage.

Intensiv untersuchte er die Kooperative "Mut Vitz" (dt. Berg der Vögel) aus dem chiapanekischen Hochland, in der zur Zeit über 600 Familien von Tzotzil-Indígenas organisiert sind, die zur Basis der EZLN zählen.

Die Geschichte der Genossenschaft ist interessant: Viele der heute über 70-Jährigen arbeiteten vor Jahrzehnten auf den Fincas der Großgrundbesitzer, die zum Teil aus Deutschland stammten, wie z.B. die Familie Setzer. So berichtet der 85-jährige Don Eduardo: "Wir hörten spät mit der Arbeit auf und litten viel. Und was verdiente man? Nichts. Einmal gab es einen Verwalter auf der Finca, der hatte eine Lederpeitsche, um die Leute zu schlagen, und wenn er nicht mit der Peitsche schlug, dann mit einem Gurt oder mit der Machete." (S. 26) Gerber verfällt in seinen Ausführungen nicht in einfache Freund-Feind-Schemata. Er thematisiert auch die Rolle der indigenen Vorarbeiter, die den Großgrundbesitzern den Zugriff auf ihre Lohnsklaven vereinfachte: "Denn die jahrzehntelange Reproduktion dieses quasi feudalen Ausbeutungssystems war wohl nur möglich durch ein Partizipieren aller Parteien." (S. 34)

In den 1980er Jahren wuchs die bäuerlich-indigene Bewegung in Chiapas an. Mit eigenen Kräften, aber auch mit Unterstützung von außerhalb - Befreiungstheologen gründeten Kooperativen, marxistische und maoistische AktivistInnen bauten Vereinigungen auf - eigneten sich die Menschen des Hochlands den Boden durch Kauf oder Besetzung an. Eine unabhängige Organisierung im fast alles durchdringenden mexikanischen Staat wurde so zu einer lohnenswerten Sache für die Indígenas.

Doch maoistische Kader wie Adolfo Orive kollaborierten schließlich doch mit Staat und Kapital. Sie wandelten sich zu Handlangern der neoliberalen Kräfte um Ex-Präsident Salinas de Gortari (1988-1994) und arbeiten heute in der antizapatistischen Aufstandsbekämpfung.

Die BewohnerInnen der Region haben diesen Verrat der "auswärtigen" BeraterInnen nie vergessen und organisierten sich daher ab 1994 autonom unter dem Dach der EZLN, die sich bemüht, emanzipatorische indigene Traditionen mit undogmatisch-linksradikalen Strömungen zu vereinen und weiterzuentwickeln.

Im aktuellen Organisationsprozess der zapatistischen Kooperative scheint die Identität als Bio-Bauern und -bäuerinnen wichtig zu sein, denn im Gegensatz zu allen anderen Bauernvereinigungen akzeptieren die zapatistischen Kooperativen auch 11 Jahre nach Beginn ihres Aufstands keine Hilfsgelder der Regierung: Bei den Rebellen gibt es keine Pestizide und Dünger, wohingegen sie den Regierungsanhängern vielerorts vom Staat geschenkt werden, um die Menschen an die etablierten Strukturen zu binden. Der Autor schildert anschaulich die Vorteile und Schwierigkeiten des cargo-Systems, das auf indigene Traditionen zurückgeht, die von den Zapatistas wieder bestärkt werden. Ein cargo (deutsch: Amt; aber auch: Last) bedeutet den unvergüteten Einsatz für die Gemeinschaft. Dies verhindert in den meisten Fällen Korruption, hinterlässt die Verantwortlichen aber nicht selten mit einem kleinen Schuldenberg, wenn z.B. ihre Amtszeit als Kooperativenpräsident endet, da das Ideal, dass alle Gemeindemitglieder die Kaffee-Felder der cargo-Träger mitpflegen, selten erreicht wird.

Abgerundet wird der gelungene Band durch eine Analyse der aktuellen Aufbauprozesse der zapatistischen Autonomie und der weltwirtschaftlichen Kontexte, von denen sich auch die Strukturen des solidarischen Handels nicht lösen können.

Nichtsdestotrotz ist die Geschichte des zapatistischen Kaffees bisher ein großer Erfolg, der von der Disziplin auf der ProduzentInnenseite und dem engagierten Arbeiten der Vertriebsstrukturen in Europa und den USA ermöglicht wird, wobei die Zusammenarbeit auch zu vielen Missverständnissen und Schwierigkeiten führt.

Luz Kerkeling
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Anmerkungen

Zu erhalten ist der zapatistische Kaffee in Europa über das Netzwerk RedProZap, in der BRD über die Hamburger Café Libertad Kooperative (www.cafe-libertad.de).

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