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319 mai 2007
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stern / zerbrochenes gewehr
beilage: sturmwarnung - no war! no g8!
>> 319 mai 2007

Der Kampf um Rohstoffe

Die Bevölkerung rohstoffreicher Länder ist häufig nicht besonders reich, sondern gerade besonders bedrückt, denn kleine Elitegruppen verfügen allein über die Reichtümer. Vom behaupteten neoliberalen "Durchsickern" des Fortschritts und Reichtums bis zu den Massen bleibt in der Wirklichkeit selten mehr übrig als Zynismus.

So wurde z.B. dem Kongo der Besitz strategischer Rohstoffe zum Verhängnis. Schon das Uran in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki stammte aus dem Kongo und die Diamanten halfen, den Krieg zu finanzieren, wie seitdem alle Kriege um die Kontrolle dieser Rohstoffe: Kobalt etwa, das in Raketen und anderen Waffensystemen verarbeitet wird.

Es war ein wichtiges Motiv, warum im Kalten Krieg westliche Kontrolle über das Land sichergestellt werden sollte, was bis zur Ermordung des Präsidenten Lumumba ging, der verdächtigt wurde, sich an die Sowjetunion anzunähern oder ein "Sicherheitsrisiko" darzustellen.

Jahrzehnte kam der Reichtum des Landes nur der Familie des Diktators Mobutu und seinen politischen Freunden zugute. In den Staaten der Peripherie ist auch Korruption an der Tagesordnung, die sicherstellt, dass Zugang zu Arbeitsplätzen, Ausbildung und einflussreichen Positionen nur bekommt, wer zahlungskräftig ist. Zahlungskräftig wiederum wird nur, wer Teil einer politischen Machterwerbsgruppe ist, die durch den Willen zu Macht und Reichtum zusammengehalten wird und sich letztlich auf Gewalt stützt. Wer nicht Teil eines "Netzwerks" wird, bleibt ausgeschlossen von jeder "Entwicklung" und ist gar durch direkte Gewalt bedroht.

Bis heute, es ist jetzt etwa Coltan, das in Handys verbaut wird, ist der Kampf um diese Rohstoffe der Hintergrund für die Kriege der Warlords, die ganze Provinzen unter ihre Kontrolle bringen, dort oft ein Schreckensregime errichten, das Kindersoldaten rekrutiert, Vergewaltigung und Terror gegen die unbewaffnete Bevölkerung richtet und so Fluchtbewegungen auslöst, weil an ein ziviles Leben und eine geordnete Agrarproduktion nicht mehr zu denken ist.

Diese Situationen separatistisch zerfallender Staaten und brutaler, im schlimmsten Fall genozidaler Übergriffe wiederum bietet Gründe, oft auch Vorwände oder Anlässe für die militärischen Invasionen von Nachbarländern, die ein Übergreifen der Konflikte fürchten, ethnisch definierte Loyalitäten zu einer Kriegs-Partei unterhalten oder die Flüchtlingsbewegungen als Bedrohung ihrer eigenen Stabilität erfahren.

Nicht zuletzt werden Interventionen von den dominanten Akteuren des internationalen Systems teils gefordert, von den Bedrohten selbst, von humanitären Institutionen und Lobbygruppen, aus der Hierarchie der hegemonialen Staaten oder der UN, die ebenfalls destabilisierende Flüchtlingsströme, ein "Einsickern" terroristischer Gruppen, ein Übergreifen des Konflikts auf eine ganze Region - und den Verlust wertvoller Rohstoffquellen fürchten. So nährt der Krieg den Krieg, und siegreiche militärische Macht wird durch Verträge belohnt, die dauerhaften Einfluss in der Region, Zugriff auf Rohstoffe und Mittel des Wiederaufbaus und der "Entwicklung" sichern.

Ein Blick, der nur den momentanen Ausschnitt des Konfliktverlaufs betrachtet und die Kolonialherrschaft als prägende Gewalterfahrung nicht berücksichtigt, kann leicht, von den Massenmedien mit Bildern der Despoten Mobutu oder Idi Amin agitiert, annehmen, Afrika habe keine demokratischen Traditionen. Dabei sind sie nur verschüttet, die VertreterInnen oft verfolgt und umgebracht. Auch der Tribalismus ist nicht selten erst durch die Spalte-und herrsche-Politik der Kolonialmächte und späterer Machterwerbsgruppen entstanden. Würde man nur das Wirken der Kolonialmächte etwa im Kongo betrachten, müsste man schließen, "der Westen" habe keine demokratische Traditionen, sondern kenne nur Nilpferdlederpeitschen und Körperstrafen bis zum Mord.

Wasser als umkämpfter Rohstoff

Zu den umkämpften Rohstoffen gehört inzwischen ein Stoff, von dem die Physik lehrt, dass er gar nicht verschwinden kann oder weniger wird: Wasser.

Aber die Klimaveränderungen und industrielle Verschmutzung haben auch hier gravierende Auswirkungen, so dass sauberes Trinkwasser in noch mehr Regionen der Erde knapp werden kann. Bodenversiegelungen und Flussbegradigungen können Überschwemmungen verursachen oder verstärken, Meerwasser kann bei Überschwemmungen Süßwasser kontaminieren; Dürren und Verwüstungen sind in vielen Teilen der Erde eine direkte Gefahr für die Menschen.

Wenn das Flusswasser zu schmutzig ist oder Flüsse austrocknen, wird Grundwasser mit Diesel- oder Elektropumpen aus der Tiefe besorgt. Aber auch diese Vorräte können knapp werden, verschmutzt werden oder Trockenheit an der Erdoberfläche zur Folge haben. Besonders für die Landwirtschaft hat das weitreichende Folgen, denn ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche weltweit wird bewässert. Wassertransporte, Staudammbauten und andere technische "Lösungen" verschieben in der Regel das Problem nur, verursachen praktisch aber Zwangsumsiedlungen Hunderttausender, die als Opfer des "Fortschritts" nicht zählen und woran sich weltweit Widerstand entzündet.

Die marktwirtschaftliche Lösung, dass alles einen Preis bekommt und Privateigentum wird, ist angesichts der Knappheit des Gutes aus Sicht der Marktstrategen nur konsequent, bedeutet aber, dass Verschwendung und Verdursten nebeneinander bestehen, ganz nach Zahlungskraft. Und die letzten "freien Güter", Wasser und Luft, werden auch kapitalistischer Verwertung zugeführt.

Im schlimmsten Fall kann das knappe Gut Wasser zum Kriegsgrund werden, etwa wenn ein Fluss gestaut oder umgeleitet wird und Dürre an seinem Unterlauf die Folge ist (so z.B. der Ilisu-Staudamm im Südosten der Türkei, wodurch Syrien und der Irak vom Wohlwollen der türkischen Staudammbesitzer abhängig werden).

Hier wie überall gibt es eine dezentrale Alternative: Vermeidung von Verschmutzung, sparsamer Verbrauch, Sammlung von Regenwasser und Erhaltung der Flussläufe und Bewässerungstechniken.

Wenn aber in der Wasserpolitik die Tendenzen der letzten Jahre nicht gebrochen werden, so drohen Missernten mit den Folgen Hunger oder dauernde Abhängigkeit von Nahrungsmittelspenden in vielen Ländern der "Dritten Welt", gerade den besonders bevölkerungsreichen, die auf künstliche Bewässerung angewiesen sind.

"Nachwachsende Rohstoffe"?

Auch hier wird von oben eine optimistische, schnelle Lösung propagiert, ohne die Nebenfolgen solcher industrieller Lösungsansätze bei gleich bleibenden kapitalistischen Bedingungen auch nur zu bedenken oder als Problem wahrzunehmen.

"Nachwachsende Rohstoffe" gelten inzwischen als geeigneter Weg, fossile Brennstoffe zu ersetzen. Äthanol und Biodiesel erscheinen auch den Hauptenergieverbrauchern als akzeptable Form, ihren Hunger nach Erdöl zu reduzieren. So warnt inzwischen sogar George W. Bush vor der "Suchtabhängigkeit" vom Erdöl. In Mexiko stiegen prompt die Preise für Grundnahrungsmittel, als die USA begannen, Mais zur Herstellung von Äthanol zu verwenden.

In den Staaten Lateinamerikas ist eine Kontroverse entstanden, die auf handfeste Interessengegensätze zurückgeht: Während Brasiliens Präsident Lula für sein Land eine große Zukunft als Lieferant von Biorohstoffen sieht (Zuckerrohr sei ein umweltfreundlicher Energieträger und absorbiere Kohlendioxid) (1), warnte Castro davor, drei Milliarden Menschen könnten verhungern, weil die USA deren tägliches Brot verflüssigen und in ihre Benzintanks füllten.

Auch Venezuelas Präsident Chávez, erdölexportierend, warnte vor den Biotreibstoffen, während Brasilien ein internationales Forum für Biotreibstoffe unterstützt, dem außer den USA noch China, Indien, Südafrika und die EU angehören.

Die scheinbare "Lösung", durch "nachwachsende Rohstoffe" den Verbrauch fossiler Energien zu drosseln und weniger Kohlendioxid freizusetzen, löst allerdings wiederum eine Bewegung aus, nicht nur landwirtschaftliche Flächen der Nahrungsmittelproduktion zu entziehen, sondern auch weitere Waldflächen zugunsten agrarindustrieller Monokulturen zu zerstören.

So warnt die Aktion "Rettet den Regenwald" nun eindringlich vor den Folgen dieser Strategie. Ein Beispiel: Für die Gemeinde Schwäbisch Hall ist es billiger, ein Blockheizkraftwerk (zweifellos ökologisch positiv zu bewerten!) zur Produktion von Strom und Wärme mit Palmöl aus Malaysia zu betreiben als mit Rapsöl. Aber die Palmölplantagen verursachen in Malaysia und anderen Ländern gerade die Abholzung des Regenwaldes (2), damit die Zerstörung der Artenvielfalt, zum Schluss wahrscheinlich eine Erosion der Böden und hohe Aufwendungen für künstliche Düngung. Schon jetzt werden massiv Agrarchemikalien eingesetzt, die vor allem in vielen Ländern der "Dritten Welt" zu Gesundheitsschäden führen.

Das Land für die Plantagen in der "Dritten Welt" wird nicht selten sogar durch Brandrodung gewonnen, wodurch nicht nur der Wald, sondern auf Borneo etwa auch die Torfschichten darunter zerstört werden. Und diese Brände belasten die Erdatmosphäre mit - CO2! Eine wahrhaft tolle Ökonomie!

Das Interesse der Eliten und Regierungen ist auch offensichtlich nicht, die Einkommensquellen der lokalen Bevölkerung durch die Mangrovenwälder zu schützen, sondern die zahlungskräftige Nachfrage des Weltmarktes auszunutzen. Im Gegensatz zu dem verbreiteten Glauben, der Staat sei Schutz gegen die Irrationalitäten des Marktes, zeigt er sich hier als Instrument der instrumentellen und ökonomischen Rationalität dieses Marktes. In vielen Ländern vertreibt er gerade Kleinbauern und ihre Familien, deren Land anders besser verwertet werden kann.

Die Zerstörung von Resten der Subsistenzökonomie und einer Produktion für lokale Bedürfnisse wird alle anderen Probleme verschärfen: Flucht und Migration aus Gebieten, die das Überleben nicht mehr sichern und drohen, zu Kriegs- oder Bürgerkriegsökonomien zu werden; Verarmung, die zu sich verschärfenden Konflikten führen kann, oft mit "ethnischen", rassistischen oder religiös begründeten Fundamentalismen ideologisch abgesichert; internationale Interventionen, um "Zonen der Unsicherheit" und Flüchtlingsbewegungen zu kontrollieren.

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Anmerkungen

(1) Meldung in der FAZ, 2.4.07.

(2) In Lateinamerika fällt der Regenwald heute in der Regel dem Flächenbedarf für Rinderzucht zum Opfer, ein Aspekt der globalen McDonalds-Ökonomie.


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