graswurzelrevolution
331 september 2008
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stern / zerbrochenes gewehr
editorial

Im Krieg gibt es (fast) keine Gewinner

Graswurzelrevolution statt Kriegstreiberei

Liebe Leserinnen und Leser,

der provokant-ironische Titel des GWR 331-Leitartikels sorgt hoffentlich für Irritationen und Aufruhr auch an den Bahnhofskiosken. "Georgien siegt - überraschend", das ist eine gelungene Persiflage auf die Kriegberichterstattung in der Mainstreampresse. Dass es in einem Krieg, abgesehen von den Herrschenden und der (Rüstungs-)Industrie, nur VerliererInnen gibt, sollte eigentlich allen klar sein. Ist es aber nicht. Das zumindest zeigt die Kriegsberichterstattung in vielen Medien. Christian Axnick demaskiert mit seinem Text die NATO-Propaganda insbesondere der taz. Seine Schlussfolgerung, dass Georgien gesiegt habe, ist eine pointierte Überspitzung als Gegenpol zur herrschenden Meinung.

Der Kriegsjournalismus, wie er z.B. von der taz und dem US-Nachrichtenmagazin TIME betrieben wird, verkauft dagegen Kriege als Lösung von Problemen. Er teilt die Welt in böse (Russen) und gute (Georgier) Kriegsparteien ein. Er entlarvt die Unwahrheiten der GegnerInnen bzw. der Anderen, fokussiert Leiden einseitig, benennt nur gegnerisches Unrecht, ist elite- und siegorientiert.

Mit der eindimensionalen Sichtweise vieler Linker, die sich bedingungslos entweder hinter die russische oder hinter die NATO-Kriegspolitik stellen, beschäftigt sich der nebenstehende Kommentar.

Wir orientieren uns an den Graswurzelbewegungen weltweit und lassen deshalb auch AntimilitaristInnen aus Georgien und Russland zu Wort kommen (siehe Seite 7).

Ein anderer Schwerpunkt dieser Ausgabe ist die Lage im Nahen Osten, wobei wir auch die Situation gewaltfreier und anarchistischer Bewegungen in Israel, in Jordanien, im Libanon, im Irak und im Iran vorstellen.

In dieser GWR findet Ihr u.a. eine neue Ausgabe der gewaltfrei-anarchistischen Jugendzeitung Utopia und einen weiteren Diskussionsbeitrag zum Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen". Henning Melber beschreibt den "Schacher um Simbabwe", Sliding Stuhlfauth erinnert an den am 23. Mai verstorbenen Folksänger und Anarchisten Utah Phillips und Cécile Lecompte berichtet über Störfälle, Militärgeheimnisse und den Zivilen Ungehorsam im Atomland Frankreich.

Solidarität mit GWR-Autorin Cécile Lecomte!

Cécile wurde am 14. November 2007 zu 5 Euro Bußgeld verurteilt, weil sie sich 2006 an einer Demo gegen den bevorstehenden Castortransport auf der Schiene im Wendland beteiligt hatte. Sie weigert sich dieses Bußgeld zu zahlen. Gegen sie wurde am Amtsgericht Hannover Erzwingungshaft verhängt. Am 19. August sollte die 26-jährige Aktivistin die Haft in der Justizvollzugsanstalt Vechta antreten.

Dies hat sie nicht getan. In einem offenen Brief an das Gericht erklärt sie ihre Beweggründe. "Gehorsam kann man nicht erzwingen", so die Lüneburgerin Graswurzelrevolutionärin. "Ich weiß wofür ich stehe. Ich halte den gewaltfreien Protest gegen eine menschenverachtende Technologie wie die Atomenergie für legitim und notwendig - auch wenn nicht legal." Cécile ist bereits auf Grund von zahlreichen politischen (Kletter)Aktionen des zivilen Ungehorsams bekannt (die GWR berichtete) und sie nimmt dabei die Folgen bewusst in Kauf. Freilich nicht, ohne sich dagegen zu wehren: "Nicht bezahlen, nicht freiwillig kommen, das ist mein Weg, meine Handlung politisch zu verteidigen, dazu zu stehen."

Wann die Aktivistin verhaftet und nach Hildesheim gebracht wird, ist unklar. Ein Strafbefehl soll vermutlich in den kommenden Tagen erlassen werden.

Neben Graswurzelrevolution und Utopia haben mehr als 30 Gruppen und Organisationen, so wie über 90 Personen aus verschiedenen Ländern sich mit dem Vorgehen der französischen Aktivistin solidarisch erklärt, einige haben bereits Protestschreiben an das Gericht verschickt. Auf Grund der Unverhältnismäßigkeit der Erzwingungshaft für 5 Euro Bußgeld hat Cécile Verfassungsbeschwerde eingereicht. Mehr dazu in der nächsten GWR.

Neue Uniarbeit beschäftigt sich auch mit der Graswurzelrevolution

Mittlerweile gibt es etliche wissenschaftliche Arbeiten, die sich auch mit den Inhalten der Graswurzelrevolution beschäftigen. Einige davon findet Ihr auf: www.graswurzel.net/ueberuns

Am Germanistischen Institut - Abteilung für Sprachwissenschaft der Uni Münster hat Kerstin Wilhelms im Wintersemester 2007/08 im Hauptseminar "Sprachkritik" eine mit 1,0 bewertete Hausarbeit zum Thema "Richtlinien zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch - Ein Beitrag zum Sprachwandel oder reine Stilübung?" vorgelegt. Darin wird auch die Graswurzelrevolution analysiert. Eine Kostprobe: "Die Zürcher Wochenzeitung (WoZ) war die erste deutschsprachige Zeitung, die 1983 das Binnen-I einführte. Danach übernahm es 1986 die taz. Heute muss schon etwas tiefer im Dschungel der Presselandschaft gewühlt werden, um eine Zeitung zu finden, die noch konsequent das Binnen-I, sowie Splitting und Neutralisierung verwendet. (...) Eine Zeitung, die versucht konsequent geschlechtergerecht zu formulieren, ist die Graswurzelrevolution, ein linkes Blatt, deren Redaktion in Münster beheimatet ist. In den Ausgaben von Februar und März 2008 tauchen durchschnittlich 6,7 Binnen-Is pro Seite auf. Hinzu kommen diverse Splittings und Neutralisierungen. Nach eigenen Angaben wurde bereits in den 80er Jahren, also kurz nach WoZ und taz, das große I in der Graswurzelrevolution Standard. Ziel der geschlechtergerechten Schreibweise (...) sei es, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, um eine Unterdrückung durch patriarchalische Schreibweisen zu verhindern." (S. 16)

Die sehr lesenswerte, 24-seitige Uniarbeit haben wir für Euch dokumentiert unter:
www.graswurzel.net/ueberuns/sprachgerechtigkeit.pdf

Viel Spaß beim Lesen, Anarchie und Glück,
Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur)

Veranstaltungshinweise in eigener Sache:

24.9., 19 Uhr, Buchhandlung Bücherkiste in Siegen-Weidenau: Anarchismus - Referent: Bernd Drücke

26.9., 19 Uhr, Buchhandlung Bücherkiste in Siegen-Weidenau: ANARCHIE - Referent: Horst Stowasser. Infos: www.rls-nrw.de

 

inhalt
transnationales / antimilitarismus

Krieg im Kaukasus
>> Georgien siegt - überraschend

Vom Zapatismus lernen...
>> ...heißt postmoderne Kriege führen lernen. Oder: Wie das Pentagon den Netzkrieg entdeckte

Nein zum neuen Krieg im Kaukasus!
>> Stimmen aus Georgien, Deutschland und Russland


transnationales

Schacher um Simbabwe
>> Mugabes Regime verwaltet das rassistische Erbe des Kolonialismus

Gewaltfreier Widerstand gegen den Barrierebau
>> Das palästinensische Dorf Ni'lin ist ein neues Zentrum des Zivilen Ungehorsams

Aufruf der israelischen Anarchists Against the Wall (AATW)
>> Helft uns dabei, den gemeinsamen Kampf weiterzuführen


kommentar

Der neue Kaukasuskrieg
>> Eindimensionales Denken dominiert nicht nur die Berichterstattung der Medien


aktuelles

Ziviler Ungehorsam im Atomland Frankreich
>> Störfälle, Militärgeheimnisse und kreativer Widerstand

(Noch) keine Graswurzelrevolution im Bundesumweltministerium

Totale Kriegsdienstverweigerung
>> TKDV und der Umgang der Bundeswehr damit

Protest bei Obama-Rede in Berlin

"Paul bleibt!"
>> Kampagne für den Erhalt des Paul Wulf-Standbildes

Anwerbeversuch des Verfassungsschutzes
>> Im Rhein-Neckar-Raum treten seit Jahren geheimdienstliche Anwerbeversuche in der linken Szene auf

Türkei: Kriegsdienstverweigerer Mehmet Bal aus der Haft entlassen
>> Zahlreiche Proteste zeigen Wirkung

Rosa Pazos wurde ermordet
>> Spanien: Die CNT trauert um ihre transsexuelle Genossin


transnationales / anarchismus

Anarkeya und al-muqawama
>> Ein Überblick über anarchistische Bewegungen in Jordanien, Libanon, Irak und Iran

utopia

Jugendzeitung für eine herrschaftslose und gewaltfreie Gesellschaft
>> September / Oktober 2008


bücher

Der Nahostkonflikt und der Philosoph
>> Der Lebensweg des palästinensischen Intellektuellen Sari Nusseibeh

Unpindownables
>> Nomadische Existenzen

Geldgier, Greenwashing und ein reines Gewissen
>> Naturschutz und Profit auf Kosten der Länder des Südens


diskussion

Es gibt keinen GRUND für das EINKOMMEN


nachruf

The Golden Voice of the Great Southwest
>> Ein Nachruf auf den Folksänger, Anarchisten und Gewerkschafter Utah Philips (15. Mai 1935 - 23. Mai 2008)


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