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332 oktober 2008
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Zwilles Vorgänger

Der Rebell Anarchik

Robert Halbach (Hg.): Der Rebell Anarchik! - Weshalb schwingen die Anarchisten eine schwarze Fahne?, Karin Kramer Verlag, Berlin 2008, 94 S., zahlreiche Grafiken und Fotos, ISBN 978-3-87956-330-2, 10 Euro

Warum ist die Fahne der AnarchistInnen schwarz? Wer erfand das Anarcho-A? Und woher kommt eigentlich Anarchik, das verschmitzt drein schauende Stereotyp des Bomben legenden Anarchisten, mit Schlapphut und Filz-Bart?

All das wird mehr oder weniger beantwortet in Robert Halbachs Büchlein "Der Rebell Anarchik", erschienen im anarchistischen Karin Kramer Verlag.

"Eine Arbeit von Gerhard Seyfried, die ich noch nicht kenne", ist mein erster (freudiger) Gedanke, als mir das Buch zum ersten Mal zwischen die Finger kommt. Die Figur "Anarchik" kenne ich, schließlich spielt sie doch in vier Seyfried-Comicbänden eine entscheidende Rolle. Doch da heißt sie "Zwille".

Wie ich dann mit der Lektüre des Büchleins erfahre, hat Seyfried die Figur "nur" adaptiert. Das Original entstammt der Feder des italienischen Karikaturisten Roberto Ambrosoli. Mitte der 1960er hat er sie zusammen mit ein paar Freunden für die Broschüre "Chi sono gli anarchici?" (Wer sind die Anarchisten?) in Mailand entwickelt. Das -IK bei Anarchik ist dabei ein typisches Anhängsel bei Antihelden der damaligen Zeit (wie SatanIK, DiabolIK).

Anarchik visualisiert das noch heute gültige Stereotyp der AnarchistInnen: kauzig, chaotisch und dem Terrorismus zugeneigt. Halbach schreibt: "Es gibt keine politische Bewegung, die in selbstkarikierender, ja selbstironisierender Art und Weise so liebevoll einem ‚Markenzeichen' verpflichtet ist wie die Anarchisten ihrem schwarzen Rebellen Anarchik, der schon beim ersten Erscheinen verkündete: Ich werde mein Schlechtestes tun!"

1968 erfährt die Figur eine verstärkte Verbreitung in Italien und wird auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Um 1973 erfindet der Cartoonist Gerhard Seyfried eine ähnliche Figur. Er nennt sie "Zwille", nach einem Berliner Ausdruck für Steinschleuder (siehe oben). Seyfried arbeitet zu der Zeit noch für das alternativ-anarchistische Stadtmagazin "Blatt" aus München.

Von dem Zeitpunkt an wird die Figur hierzulande mit dem Namen Seyfried verbunden und in der "Linken Szene" bekannt.

Noch heute prangen Graffitis mit dem Konterfei von Zwille an Berliner Häuserwänden.

Halbach bildet neben Seyfrieds Anarchik-Interpretation noch weitere "Brüder von Anarchik" ab, deren Urheber, z.B. Gilbert Shelton und Ralf G. Landmesser, aber (leider) keine Erwähnung finden. Derweil sind sämtliche Grafiken des Ambrosoli-Originals im Buch abgedruckt: Anarchik mit Bombe, Anarchik zerbricht einen Stift, Anarchik liest, Anarchik brennt irgendetwas an, Anarchik trifft den ukrainischen Anarchisten Nestor Machno, beteiligt sich 1921 an der Revolte der Kronstädter Matrosen, wirft 1968 Steine gegen "Bullen" während der Barrikaden-Kämpfe im Pariser Quartier Latin und ist sogar Zeuge, als die Heiligen Drei Könige den kleinen Jesus heimsuchen.

Das ist nicht nur recht lustig durchzublättern, sondern auch eine hervorragende Sammlung an Kopier- und Scanvorlagen für Graswurzel- und andere Zeitungen mit libertären Inhalten.

Weshalb schwingen die AnarchistInnen die schwarze Fahne?

Ganz kurz: Es gibt die eine Ansicht, die AnarchistInnen hätten die Fahne den Piraten geklaut und den für AnarchistInnen überflüssigen Totenkopf entfernt. Für die Frauen und Männer der unchristlichen Seefahrt hat die schwarze Fahne schlicht bedeutet: "Wir gehören niemanden", schreibt Halbach und mutmaßt, dass es eine See(len)verwandschaft zwischen AnarchistInnen und Piraten gegeben haben könnte.

Andere Erklärungsansätze für die schwarze Fahne kommen von dem mexikanischen Anarchisten Ricardo Flores Magón (1874-1922), dem Verleger Bernd Kramer selbst und André Breton (1896-1966), dem französischen Begründer des Surrealismus.

Das Anarcho-A

Im Anhang schildern Ina Rust und Bernd Kramer eine bizarre Geschichte, die sich um 1995 zugetragen hat: Der Berliner ProMarkt wirbt mit dem Anarcho-A und den unlustigen Sprüchen "Alle Macht den Tiefpreisen!", "Seid realistisch, fordert alles!", "Alle Macht dem Kunden!" und "Aufruhr im ProMarkt, Kassen besetzt!"

Kramer legt dem ProMarkt in der Folge eine Unterlassungsbereitschaft zur Unterschrift vor und erhebt Ansprüche auf die Parole "Alle Macht den Räten", die sein Großvater am 19. Februar 1919 während der Münchner Räterepublik gesagt und an seinen Enkel, Bernd Kramer, vererbt haben soll.

Das Anarcho-A will Kramer von "Monsieur Jean Grave" zur alleinigen Benutzung im deutschsprachigen Raum überlassen bekommen haben. Dieser offensichtliche Blödsinn und die Antwort von ProMarkt passen nicht so richtig in dieses Buch und laufen deswegen vermutlich unter "Anhang". So richtig lustig ist die Geschichte auch nicht, so dass mensch vermuten muss, der "Karin Kramer Verlag" wollte das Büchlein nicht zu einem Heftchen verkommen lassen und hat entsprechend noch ein paar Seiten Nonsens hinzu gefügt.

Abgesehen von diesen letzten Seiten ist der schmale Band ein interessantes und vor allen Dingen wegen der vielen anregenden und lustigen Anarchocartoons eine gewinnbringende Lektüre. Und ich muss sagen: Auch, wenn "Anarchik" nicht ursprünglich aus der Feder von Seyfried stammt, hat er dieser Figur doch von allen InterpretInnen das meiste Leben eingehaucht.

In diesem Sinne: "Let The Bad Times Roll!"

Fritz Kater
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