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332 oktober 2008
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Mühsam und Eisner über Tolstoi

Neue Publikationen zum 180. Geburtstag Tolstois

Leo N. Tolstoi: Die Sklaverei unserer Zeit. Ausgewählte Texte. Trotzdem Verlagsgenossenschaft, Frankfurt/M. 2007, ISBN: 978-3-86569-901-5, 12,- Euro

Christian Bartolf: Ursprung der Lehre vom Nicht-Widerstehen. Über Sozialethik und Vergeltungskritik bei Leo Tolstoi. Gandhi-Informations-Zentrum Selbstverlag, Berlin 2006, ISBN: 3-930093-18-9, 9,80 Euro

Am 9. September 2008 jährte sich der Geburtstag Lew N. Tolstois zum 180. Mal.

Als Referenzperson für den gewaltlosen Anarchismus kann Tolstois Einfluss kaum überschätzt werden. Sowohl libertäre wie gewaltfreie Verlage haben in den letzten Jahren Texte von und über Tolstoi publiziert. Der Trotzdemverlag veröffentlichte Ende 2007 drei der wichtigsten sozialpolitischen Texte Tolstois neu: "Die Sklaverei unserer Zeit", "Patriotismus und Regierung" (1900 geschrieben) und seinen "Aufruf an die Menschheit" (1898).

Die Texte lesen sich frisch, aktuell und radikal. Dieser Leseeindruck kann auch dadurch entstehen, dass besonders der erste längere Text von Pierre Ramus übersetzt wurde und dabei ein, für Ramus typischer, begeisternder Sprachstil in die Übersetzung einfloss. An Uli Klemms informativer Einführung zur Rezeptionsgeschichte der Texte muss ich bemängeln, dass er die bahnbrechende Arbeit von Wolfgang Sandfuchs über die deutschsprachige Tolstoi-Rezeption von 1880-1900 (Buchtitel: Dichter - Anarchist - Moralist) besonders bei den Naturalisten um die Zeitung "Freie Bühne" (z.B. Bruno Wille, Friedrichshagener Kreis) nicht wahrnimmt. Dabei war das die Geburtsstunde des gewaltlosen Anarchismus in Deutschland.

Klemms Behauptung, Tolstoi habe "Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals Einfluss auf die anarchistische Bewegung" (S. 9) gewonnen, ist deshalb nicht richtig.

Das Buch wird abgeschlossen durch ein Nachwort von Siegbert Wolf und einen Artikel von Erich Mühsam, "Tolstois Vermächtnis", aus einer "Fanal"-Ausgabe von 1928 - ein Text zum 100. Geburtstag Tolstois.

Der Text Mühsams ist sehr interessant, und ich muss über den guten, alten Erich schmunzeln. Er hebt sehr geschwollen an, Tolstoi auf einen Piedestahl der literarischen und politischen Größe zu stellen ("ungeheure Erscheinung", "elementare Persönlichkeit" usw.), mit der durchsichtigen Intention, ihn über seiner Meinung nach kleingeistige Interpretationen konsequenter Gewaltlosigkeit zu erheben.

1928 hatte Mühsam die Verteidigung revolutionärer Gewalt übernommen und seinen konsequenten Antimilitarismus von vor dem Ersten Weltkrieg abgelegt. Und so kommt er, nach all dem Pathos, zu seiner ganz eigenen Tolstoi-Interpretation: "Es hat Menschen gegeben, Schüler Tolstois, die dem Staate ihr Leben als Soldat verweigert haben, die es aber der Revolution mit der Waffe in der Hand zur Verfügung stellten. Leo Tolstoi hätte sie leuchtenden Auges als die wahren Versteher seiner Lehre gegrüßt." (S. 118)

Das, lieber Erich, ist Blödsinn. Es ist das Gegenteil dessen, wofür Tolstoi immer stehen wird, und es ist eine unlautere Verdrehung des Kerns Tolstoischer Radikalität.

Auch bei Christian Bartolfs Tolstoi-Buch steht ein Nachruf auf Tolstoi aus dem Jahr 1910 von Kurt Eisner ("Evangelium Tolstoi") im Mittelpunkt der philosophischen Erörterungen - zum Vorteil des Buches, gibt dieser unverfälschte Ausgangspunkt eines zeitgenössischen Artikels den Anknüpfungspunkt für eine bestimmte Tolstoi-Interpretation Eisners. Mühsams Zeitgenosse Eisner war ein Schüler des deutsch-jüdischen Kulturphilosophen Hermann Cohen in Marburg.

Dieser Einfluss jüdischer Kulturgeschichte ist in Eisners dichtem, allegorischem Artikel spürbar, in dem er Tolstoi als direkten Nachfahren des jüdischen Ahasver, des ruhelos Umherstreifenden, der letztlich nicht in Ruhe sterben kann, interpretiert. Auch der vom "ewigen Juden" zum "ewigen Christ" gewandelte Tolstoi kann nicht einmal nach seinem Tod Ruhe finden.

Eisners Nachruf endet geheimnisvoll: "Und der ewige Christ sah und fühlte alle Pein der Menschen, wie sie einander quälten und ihr Glück besudelten, wie sie in Krankheiten schrien (sic!) und in Verzweiflung starben." (S. 241)

So ruft der ruhelose Tolstoi, der sich in der von Gewalt beherrschten Welt als "einziger Christ" fühlt, verzweifelt "Gott" (d.h. sein inneres Gewissen) an und erhält zur Antwort: "Unseliger, du bist was niemals ist. Nie kannst du sterben, denn du hast niemals gelebt!" (S. 241)

Das Buch Bartolfs ist ein Nachspüren, Aufdröseln und Auflösen der Allegorien Eisners - und das macht seine Faszination aus.

Bartolf gibt Auskunft über Mythos und Interpretationen des "ewigen Juden" Ahasver, und zwar in der Zeit vor wie auch nach dessen Instrumentalisierung durch die antisemitische Propaganda; sowie über alle kultur- und religionsphilosophischen Einflusse, aus denen Tolstoi schöpfte. Tolstoi erweist sich als universal Interessierter, der sowohl Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Hinduismus, Judentum, die christlichen Ketzer und Anarchismus rezipierte und sie alle für seine Staats- und Gesellschaftskritik nutzte.

An den Ursprung seines Denkens setzt Tolstoi die Lehre vom Nicht-Widerstehen, wobei Bartolf referiert: "Das griechische Wort (...) wird durch Nicht-Widerstehen zu wörtlich übersetzt. Es bedeutet: nicht auf derselben Ebene entgegentreten." (S. 40) Tolstoi nennt diesen Ursprung auch ein "Lebensgesetz" (S. 138), ja das "einzige und ewige Gesetz" (S. 153), das im Kern aller Weltreligionen, unverfälscht durch Kirche, Priester, Scholastik und Hierarchie, vorfindbar sei und durch den Gewissensentscheid, nicht an der Gewalt des Staates und der Armee teilzunehmen, Stück für Stück in Kraft gesetzt werde (Bartolf nennt dies den eigentlichen Bildungsgedanken Tolstois; Bildung also gedacht als moralische Bildung). Doch Tolstoi wird in Eisners Nachruf auch noch nach seinem Tode ruhelos bleiben durch die Tatsache, dass dieser Bildungsweg versperrt wird durch das unter den Menschen weit verbreitete Gesetz der gewaltsamen Vergeltung, die von Bartolf sogenannte "profanisierte Talion-Regel", d.h. das Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Die Menschen sind also verblendet und deshalb kann Tolstoi, der ewige und einzige (wahre) Christ im Sinne Eisners, keine Ruhe finden, weil die Menschen nicht zu ihrem Ursprung zurückkehren und das Lebensgesetz erfüllen (dass die Gewaltlosigkeit endlich lebt).

Bartolf gibt dabei auch Auskunft über alle kulturpolitischen Interpretationen der jüdischen Talion-Regel und dabei z.B. über die Entdeckung von Benno Jacob in einer Arbeit des Jahres 1929, dass es sich bei "Auge um Auge" um einen "logischen Fehler" bei der Übersetzung des hebräischen Wortes "tachat" (anstelle, für, um) handelt. Es geht bei "tachat" wörtlich nicht um Vergeltung, sondern um eine Umkehr des Täters: "du sollst geben (...) etwas, was dem des Auges Beraubten irgendetwas leistet. Ein nunmehr dem Täter ausgeschlagenes kann dies jedenfalls nicht tun." (S. 45f.)

Deshalb nennt Bartolf die damals zeitgenössische, auch von Eisner und Tolstoi benutzte Vergeltungs-Bedeutung von "Auge um Auge" die "profanisierte" Talion-Regel. Dabei hat Tolstoi die christliche Bergpredigt keineswegs als Gegensatz zum mosaischen Gesetz gesehen: "Mir war aber eingeprägt, das Christus das Gesetz Mosis (sic!) nicht aufhebt, sondern es im Gegenteil bis auf den kleinsten Strich, bis auf ein Jota bestätigt und ergänzt." (S. 152) Mit diesen Zusatzinformationen versehen, begreifen wir Bartolfs Auflösung des allegorischen Nachrufs Eisners besser: "Daher wird jene ruhe- und trostlose Wanderschaft des Ahasver (Ewigen Juden, ewigen Christen) solange nicht beendet sein, 'ehe das Gesetz' aufhört (...), das Strafgesetz der Vergeltung, der Drohung und Abschreckung mit Rache bis zum Mord." (S. 47)

Es wird auch klar, warum sich Tolstoi lieber als wahrer Christ im Kampf gegen Hierarchie und Jenseitspropaganda der Kirche verstand denn als zeitgenössischer Anarchist: Tolstois Verständnis von Christentum sei, so meint er selbst, "zu einem Teil Sozialismus und Anarchie, allerdings ohne Gewalt und mit der Bereitschaft zum Opfer." (S. 128)

Das Trotzdem-Büchlein kann auch als eine Art Einführung in den politischen Tolstoi gelesen werden. Bartolfs Buch ist kulturell faszinierend, philosophisch anspruchsvoll, nicht einfach zu lesen, aber immer informativ und etwas für Tolstoi-KennerInnen. Vom lieblosen Satzbild des Bartolf-Buches hebt sich das lesefreundliche Layout des Trotzdem-Buches wohltuend ab.

Sal Macis
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