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342 oktober 2009
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Wer ließ sich zum Widerstand anstiften?

Kressman Taylor: ADRESSAT UNBEKANNT

Kressman Taylor: ADRESSAT UNBEKANNT. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2008, 57 Seiten, ISBN 978-3-499-23093-6, 4,95 Euro. Erstmals 1938 in "Story", 1939 bei Simon & Schuster (Auflage 50.000) und gekürzt bei Reader's Digest

ADRESSAT UNBEKANNT ist erstmals 1938 als Fortsetzungsgeschichte im "Story Magazine" New York erschienen und 2002 in Deutschland.

Ich halte das Buch für einen wichtigen Beitrag in der Bearbeitung des Widerstandes im Nationalsozialismus. Es ist packend.

Die Geschichte entsteht in einem Briefwechsel zwischen zwei erfolgreichen Kunsthändlern. Martin kehrt in den 30er Jahren nach Deutschland zurück, um zunächst eine Filiale zu eröffnen, Max bleibt in Amerika. Beide Familien sind zusätzlich durch Freundschaft und eine heimliche Affäre verbunden. Sie entzweien sich. Am Ende liefert Max mit seinen Briefen Martin ans Messer der Faschisten.

ADDRESS UNKNOWN (Originaltitel) war 1938 eine Anstiftung zum Widerstand. Wer hat die Geschichte damals gelesen und sich zu Herzen genommen? Der oder die schreibe mir bitte.

Ist es nun nur trickreich, Widerstand oder sogar gewaltfreier Widerstand, jemanden durch unsinnige Briefe in ein falsches Licht zu rücken? Max setzt auf die funktionierende Zensur im Unrechtsstaat. Den macht er sich zum Handlanger. Es scheint zumindest berechtigt zu sein, auf diesem Wege ein Unrechtsregime zu perforieren. Die Diskussion um den Diktatorenmord findet hier auf einer anderen Ebene erneut statt. Sollen sich nun die Mitläufer gegenseitig ermorden? Das führt nicht in die gewaltfreie Gesellschaft, hält aber vielleicht die Opferzahl niedrig.

In meinem Politikstudium besuchte ich ein Seminar zu einem Werk, in dem begründet wurde, warum die Juden sich im "Dritten Reich" nicht gewehrt hätten. Das hat mich sehr geärgert. Ich habe das Buch verschenkt und den Titel vergessen.

Heute sind viele Widerständische gegen das "Dritte Reich" bekannt, darunter auch Juden. Dass Widerstand geleistet und erfolgreich geleistet wurde, wurde und wird von den Besatzungsmächten und der Bundesregierung nur bedingt oder gar nicht verbreitet. Zuzugeben, dass Widerstand erfolgreich gewesen ist, womöglich antiautoritäre Strukturen gegen das "Dritte Reich" Erfolg gehabt haben, stellt die Ergebnisse der Besatzer und die Notwendigkeit vom Aufbau neuer autoritärer Strukturen in Frage. Also wurde alles Widerständische verschwiegen oder verniedlicht.

Heute scheint mir ADRESSAT UNBEKANNT hinter dem Kenntnisstand zurückzubleiben. Als Schullektüre für Politik würde ich es nicht gerne nehmen, weil sich eine moralische Diskussion um Fiktives entwickelt. Lieber nähme ich ein historisches Beispiel.

Als Schullektüre für Literaturwissenschaft würde ich diese verwirrende und bewegende Geschichte hingegen gerne nehmen. Wir halten mit diesem Briefwechsel quasi die Tatwaffe in der Hand und es lohnt sich, das wahrzunehmen und zu analysieren.

Der Wert des Buches bestand 1938 darin, dass die amerikanische Öffentlichkeit der Gedanke erreichte, dass Gegenwehr gegen die Nationalsozialisten möglich und nötig wäre. Heute ist ADRESSAT UNBEKANNT ein Beitrag, der das "Nicht wehren der Juden" als Mythos kennzeichnet, wird aber auch als eine gute Anregung für heutige Auseinandersetzungen um Rassismus gesehen.

Es ist besser, das Vorwort erst am Schluss zu lesen.

Viola aus Hannover
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