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352 oktober 2010
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"Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution"

Ein weltweiter Aufbruch - Gespräch über den gewaltfreien Anarchismus

Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch - Gespräch über den gewaltfreien Anarchismus der Siebzigerjahre, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim, Oktober 2009, ISBN 978-3-939045-12-0, 119 Seiten, 12 Euro

Auf das Buch "Ein weltweiter Aufbruch" ist unter mehreren Gesichtspunkten aufmerksam zu machen. Es enthält neben einem längeren Gespräch zwischen Bernd Drücke, dem Koordinationsredakteur der gewaltfrei-libertären Zeitschrift "Graswurzelrevolution", und dem langjährigen Aktivisten Johann Bauer, zwei Grundlagentexte dieser kleinen, aber sowohl theoretisch als auch politisch hoch bedeutsamen Strömung der Linken.

Die Entwicklung der Linkspartei in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zeigt, dass eine Perspektive der Emanzipation und freien Gesellschaft nicht in der Beteiligung an Wahlen und in der Exekutive gewonnen werden kann.

Längst hat die Schwerkraft des herkömmlichen Parteiensystems alle Ansätze einer bewegungsorientierten Politik, wie sie nach 2004 bis zur Fusion von WASG und PDS 2007 wenigstens ansatzweise bestanden haben, kassiert. Von den aus der Bewegung gegen die Hartz-Gesetze kommenden AktivistInnen gehen in der neuen Linkspartei keine Impulse mehr aus.

Es besteht trotz des Extremismus-Geschreis einer hysterisierten Medien- und Politiklandschaft keine reale Gefahr für die bestehenden Verhältnisse.

Man darf prognostizieren, dass das zum Projekt hochstilisierte Regierungsbündnis "Rot-Grün-Rot" in einer Phase Realität werden könnte, in der die Legitimationsvorräte anderer Konstellationen aufgebraucht und eine ökologisch verbrämte Variante harter Austeritätspolitik durchzusetzen sein wird. Dies ist der eigentliche Gehalt der Rede von einem "Green New Deal".

Die schwachen Kräfte einer anderen Politik wie Katja Kipping in der Linkspartei oder Robert Zion bei den Grünen werden dann kaum mehr als Erinnerungsposten an die Möglichkeit einer emanzipatorischen Politik sein. Dass dies die wahrscheinliche Variante zukünftiger Politik der Linkspartei sein wird, zeigt auch die Stellungnahme des Parteivorsitzenden Klaus Ernst zum jüngsten Urteil des Bundesarbeitsgerichts zur Tarifeinheit: im Zweifel zählt der objektiv kaum mehr begründbare Alleinvertretungsanspruch der etablierten Gewerkschaftsorganisationen mehr als die Eröffnung von Freiheitsräumen in der betrieblichen und tariflichen Auseinandersetzung für libertäre und unabhängige Gewerkschaftsorganisationen. Deshalb und vor dem Hintergrund einer noch nicht ausgestandenen ökonomischen Weltkrise, der weiterhin ungelösten und sich verschärfenden ökologischen Probleme ist eine Diskussion um andere Wege zu einer freien Gesellschaft angezeigt.

Der vorliegende Band gibt einer solchen Strömung Stimme und Ausdruck. Seit ihrer Herausbildung Anfang der Siebzigerjahre stellt sie den libertären und gewaltfreien Flügel der Linken dar. Die seit Sommer 1972 erscheinende Zeitung "Graswurzelrevolution" und die sich zu den Prinzipien eines freiheitlichen und antimilitaristischen Sozialismus bekennenden Gruppen um sie herum, haben die "Liquidation der antiautoritären Bewegung" und die verblüffende Wendung Vieler von libertären zu leninistischen Denk- und Aktionsformen in zentralistischen und etatistisch orientierten Gruppen nie mitgemacht.

In der Tradition des anarchistischen Antibolschewismus hat sie die Verbrechen des Parteikommunismus massiv kritisiert und nie die Illusion geteilt, in den staatskapitalistisch organisierten Gesellschaften werde ein wie auch immer gearteter Sozialismus aufgebaut.

Dabei ging ihre Kritik tiefer, erkannten sie doch, dass in das Konzept der gewaltsamen Revolution bzw. der Machtergreifung Hierarchie, Unterordnung, Unterdrückung und Überwältigung notwendig eingeschrieben sind und mit den falschen Mitteln die richtigen Ziele nicht zu erreichen sein werden. Der Ausgangspunkt der in dem Buch abgedruckten Erklärung "Was heißt Graswurzelrevolution?" (S. 57-74) ist daher auch die Analyse der Gewaltverhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft und leitet aus dieser Situation die Notwendigkeit der freien Assoziierung der Unterdrückten ab. Dies ist ein fundamental anderer Ansatz als die häufig von der Beschreibung von Großstrukturen ausgehenden Analysen in linken Organisationsprogrammen.

Den Kern des Buches bildet das Gespräch mit Johann Bauer (S. 7-54), der zur Gründungsgeneration der "Graswurzelrevolution" gehört. Er beschreibt seine Politisierung in der Zeit der Eskalation des Vietnamkrieges und der antiautoritären Bewegung und die Trennung von den neoleninistischen Gruppen, die alles was wertvoll war an der antiautoritären Kampfansage gegen Spießbürgertum und Autoritarismus dies- und jenseits der Grenze zur DDR, sich austrieben und an ihre Stelle die farcehafte Wiederholung der Niedergangsgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung in der späten Weimarer KPD setzten.

Dagegen orientieren sich die GraswurzelrevolutionärInnen bis heute unbeirrt auf einen "gewaltfreien, antiautoritären Sozialismus, basisdemokratisch organisiert, unabhängige Gruppen, im Gegensatz zu parlamentarischer Politik und herkömmlichen Vereinsformen, aber auch im Gegensatz zu diesen neoleninistischen Organisationen."(S. 15)

Logisch, dass für diese Libertären in den Organisations- und Aktionsformen, die zu einer freien Gesellschaft führen sollen, schon jetzt die Prinzipien dieser freien Gesellschaft aufscheinen müssen: Übereinkünfte durch freie Vereinbarung, Herstellung von Solidarität durch gemeinsam diskutierte Aktionen, die auf Überzeugung und nicht auf Überwältigung abzielen. Bauer weist darauf hin, dass gerade in der Anti-Atom- und Friedensbewegung in den Siebzigern und Achtzigern auf dieser Grundlage viele erfolgreiche und auf das Massenbewusstsein mobilisierend wirkende Aktionen durch die Graswurzelbewegung erzielt worden sind.

Als scharfer Einschnitt wird der "Deutsche Herbst" 1977 dargestellt. Dabei weist Bauer zu recht darauf hin, dass in der aktuellen Rezeption diese Phase auf "RAF contra Staat" verkürzt wird (S.31). Es ging aber um mehr: der Staatsapparat und die herrschenden Medien und politischen Eliten zeigten der bunten Szene die harten Konsequenzen auf, die für Unbotmäßigkeit drohen und im Gefolge der "Mescalero"-Affäre fand in der gesamten Linken ein Entmischungsprozess ähnlich dem nach 1969 statt: "Die Politischen wurden allmählich ‚Grün', die anderen ‚professionalisierten' sich, ein neuer langer Marsch durch die Institutionen, diesmal außer der Uni auch therapeutische Einrichtungen, die ‚Psycho-' und Esoterikszene...Aus den Utopien und Idealen suchte man eine Geschäftsidee zu retten."(S.40)

Die politische Auseinandersetzung der GraswurzelaktivistInnen mit staatlicher Repression und dem Stadtguerillakonzept der RAF findet sich in der Erklärung "Feldzüge für ein sauberes Deutschland" auf den Seiten 75 bis 119. Diese Arbeit zur Kenntnis zu nehmen ist wichtig, denn es droht in der aktuellen Auseinandersetzung um und mit 1968 bzw. der RAF das Wissen darum verloren zu gehen, dass die bunte Subversion der Jahre von 1966 bis 1977 durch eine Bewegung getragen wurde, die zentrale Felder bürgerlicher Herrschaft in Frage stellte. Ihre Verfallsgeschichte erreicht mit dem Herbst 1977 einen weiteren Höhepunkt und steht nicht umsonst am Anfang des Aufstiegs der Grünen zu einer linksliberalen bürgerlichen Partei.

Deutlich wird allerdings in dem Gespräch auch, dass die Graswurzelrevolutionäre, ebenso wie die anderen Strömungen, kaum Zugang fanden zu den lohnabhängigen Majoritäten der Gesellschaft. Durch die Konzentration des Gesprächs auf die Zeit bis 1977 erfährt man auch nichts über die Entwicklung des globalen Kapitalismus, insbesondere nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Regime in Osteuropa, von den sozialen Bewegungen mit indigenem Einschlag in Lateinamerika usw.

Insofern bleibt die Darstellung etwas vergangenheitsbehaftet, zu sehr fokussiert auf die notwendige Abrechnung mit der etatistischen Linken. Dennoch: Für die Herausbildung einer emanzipatorischen Alternative zum sozialdemokratischen und leninistischen Weg ist die Auseinandersetzung mit diesen freiheitlich-sozialistischen Ansätzen erforderlich und lohnenswert. Ein Beginn kann gemacht werden mit der Lektüre des vorliegenden Bandes.

Es ist zu wünschen, dass diese Arbeit weite Verbreitung und eine breite kritische Rezeption erfährt.

Stefan Janson
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