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>> 359 mai 2011

"Wunderreaktoren" sollen die Atomindustrie retten

Der Kugelhaufenreaktor als vermeintliches Ass im Ärmel der deutschen Atomlobby

Wer denkt, die Atomindustrie sei aufgrund der aktuellen Reaktorkatastrophen zumindest in Deutschland auf dem Rückzug, sollte sich nicht zu früh in trügerischer Sicherheit wiegen.

Die Industrie hat seit Jahrzehnten mit dem Thorium Hochtemperaturreaktor (THTR), auch Kugelhaufenreaktor genannt, ein vermeintliches Ass im Ärmel, das sie jetzt verstärkt ins Spiel bringt. Die Freunde dieser zukünftigen, weltweit von Atomfans hoffnungsvoll diskutierten vierten Reaktorlinie behaupten, diese Reaktoren wären inhärent sicher und aufgrund von Naturgesetzen könne keine Kernschmelze passieren. Dieses "Wunderwerk" (Originalton FAZaS) bietet also ideale Voraussetzungen, um in dieser für die Atomlobby schwierigen Situation zu punkten.

Völlig ausgeblendet werden bei der von der Springerpresse propagandistisch aktuell stark favorisierten "neuen" Reaktorlinie die unendlich vielen "alten" Störfälle in den letzten Jahrzehnten in dem kleinen Forschungsreaktor AVR in Jülich und in dem 300 MW Prototyp THTR in Hamm. Insbesondere der von 1967 bis 1988 betriebene AVR in Jülich ist durch die neuen Untersuchungen des kritischen Atomwissenschaftlers und Insiders Rainer Moormann in Verruf geraten. Sie zeigen, dass unter den "extremen" Betriebssituationen mit höheren Temperaturen und höherem Druck jede Menge bisher unbeachtete und anders gelagerte Störfallmöglichkeiten auftreten als bei Leichtwasserreaktoren.

Allein bei den seit Jahren andauernden, viele hundert Millionen Euro teuren Rückbau-Versuchen des stillgelegten Minireaktors in Jülich kamen extreme Strahlenbelastungen von Anlageteilen zutage. 1978 trat unbemerkt durch ein Leck im Dampferzeuger mehrere Wochen Wasserdampf aus, der sich als Kondenswasser unter dem Reaktorkern sammelte und zum Teil als verstrahltes Wasser später ins Grundwasser gelangte. Erst jetzt wird dieser schlimme Störfall in der Öffentlichkeit diskutiert und untersucht. Weitere Folgen dieser nuklearen Achterbahnfahrt: Rund eine Millionen tennisballgroße, hochradioaktive Brennelementekugeln aus dem AVR Jülich und dem ebenfalls wegen diverser Störfälle 1989 stillgelegten THTR Hamm lagern im westfälischen Ahaus in einer Lagerhalle und teilweise noch in Jülich. Wie lange die seit den 60er Jahren anfallenden hochgefährlichen Kugeln unbeschadet gelagert werden können, wird erst seit kurzer Zeit untersucht.

Der größte Unterstützer dieser wieder verstärkt ins Rampenlicht geratenen Reaktorlinie war seit den 50er Jahren eben jene SPD, die sich heute so gerne als "Ausstiegspartei" darstellt. Damals beflügelte die SozialdemokratInnen die illusorisch in Aussicht gestellte Nutzung der Prozesswärme des Reaktors.

Selbst unter dem "Atomausstieg" stellten die rot-grünen Regierungen im Land NRW und im Bund Dutzende von Forschungsmillionen für diese Reaktorlinie bereit, ohne sich um die Proteste von Bürgerinitiativen zu kümmern. Mit diesem Geld ausgerüstet, konnte per Technologietransfer Südafrika ein HTR aufgeschwatzt werden, der dann nach verprassten 1,5 Milliarden Euro vor zwei Jahren aufgegeben werden musste.

Die deutsche THTR-Lobby versucht es unablässig wieder. Besonders rührig ist dabei Professor Antonio Hurtado, der an der RWTH Aachen zum HTR promoviert hat und jetzt an der TU Dresden und in Rossendorf weiterhin THTR-Forschung betreibt. Neben der Verstärkung der Entwicklungsaktivitäten in den USA, dem thoriumreichen Indien und auf der EU-Ebene wird jetzt der Bau eines Kugelhaufenreaktors in Polen an der Grenze zu Tschechien und Deutschland konkret vorbereitet. Wenn auch die Zeit für einen Reaktorneubau in der BRD noch nicht reif ist, so wird es ein paar Kilometer hinter der Grenze versucht.

Als Nächstes erfolgt mit deutscher Unterstützung die Forschungsintensivierung in Südkorea, um in Asien eine nukleare "Alternative" zu den problematischen Leichtwasserreaktoren zu etablieren. In China wird als Reaktion auf die Katastrophe in Fukushima jetzt mit dem Bau eines Kugelhaufenreaktors begonnen. Und zwar auf der Halbinsel Shandong in Tsingtau (Qingdao), dem ehemaligen deutschen Kolonialstützpunkt bis zum Jahre 1914.

Wenn wir nicht aufpassen, wird das "Atomausstiegsland" BRD mittelfristig zum Retter der Atomindustrie weltweit.

Horst Blume
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