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362 oktober 2011
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"Mutterkorn"

Ungeschöntes Dasein zwischen Politik und Abhängigkeit

Leonhard F. Seidl: Mutterkorn, Kulturmaschinen-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-940274-37-3, ca. 162 Seiten, 14,90 Euro

Seit dem 1. August 2011 ist in der Prosa-Edition des Kulturmaschinen-Verlags der Roman "Mutterkorn" erhältlich.

Der Nürnberger Aktivist, Krankenpfleger, Sozialpädagoge, Journalist und Autor Leonhard F. Seidl beschäftigt sich in seinem Debüt mit Gewalt und Abhängigkeiten - sowie mit der Verarbeitung von Krisen. Politische Ereignisse wie die Chaostage in Hannover und der Versuch im August 1992 in Rostock die Übergriffe auf Migrant_innen zu verhindern, prägen Seidls gerade erst erwachsen gewordenen Protagonisten Albin. Der überzeugte Gandhi-Anhänger erlebt angesichts der brutalen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen und dem polizeilichen Umgang mit der linken Gegendemonstration erste Zweifel am Konzept der Gewaltlosigkeit.

Jahre später befindet sich der Altenpfleger Albin in einer Therapieeinrichtung. In fragmentarischen Rückblenden wird seine Vergangenheit geschildert. Häufig sind Politisches und Persönliches kaum zu trennen. So erleben Leser_innen hautnah mit, wie der jugendliche Punk mit roter Irokesenfrisur von Dorfnazis verprügelt wird. Auch Beziehungen und Drogenabhängigkeit spielen immer wieder eine zentrale Rolle. Der Selbstmord einer Exfreundin und die damit verbundenen Schuldgefühle beschäftigen Albin noch Jahre später. Ihm gelingt es zwar, von den Drogen loszukommen, doch ihn verfolgen weiterhin Stimmen, die ihn als "perversen Mörder" beschimpfen.

In dieser Ausgangssituation begegnet Albin in der Therapie erneut Rechtsradikalen, die ihm dort das Leben schwer machen. Neben dieser äußeren Auseinandersetzung tauchen Selbsterkenntnisse und moralische Fragen auf. Albin, der immer anders sein wollte, muss plötzlich erkennen, dass er versucht zu sein wie alle anderen. Er sieht sich als einen von vielen, der alles tut, um Erwartungen zu erfüllen. Hier bleibt der Roman nicht stehen, sondern sucht einen Ausweg in neuen Situationen und Begegnungen.

Griffige Dialoge und genaue Beobachtungen machen "Mutterkorn" zu einem authentischen und ungeschönten Buch, das sich leicht und flüssig liest. Neben menschlichen Abgründen bleibt Platz für Details. So schildert Seidl zum Beispiel ein "nutzlose[s] Buswartehäuschen", an dem die Bewohner_innen des Altenpflegeheims, in dem Albin arbeitet, in "glückseliger Vergeblichkeit" auf einen Bus warten, "der lediglich in ihrer Erinnerung" fährt.

Franziska
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