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365 januar 2012
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For ever black

Nachruf auf Georg Kreisler (18.7.1922 - 22.11.2011)

"Gelegentlich boykottierte mich eine Stadt. Im Paderborner Stadtrat wurde sogar ein Gesetz verabschiedet, das den Theatern dort verbot, mich zu beschäftigen" (1), schrieb Georg Kreisler in seiner Autobiographie über die Zustände in den 60er Jahren. Gleich in der Nachbarschaft dieser bedauernswerten Stadt saßen 40 Jahre später in Hamm etliche hundert mehrheitlich sozialdemokratisch-grüne Schlechtmenschen (die gut über sich selbst dachten) in einem Kaufhauskeller auf Klappstühlen und warteten auf den Auftritt des damals 87jährigen Anarchisten, um sich von ihm die wohlverdiente Abreibung verpassen zu lassen und anschließend dafür auch noch begeistert zu applaudieren: "Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen niederzumachen."

Denn mit zunehmendem Alter trat Kreisler nicht mehr am Klavier mit seinen sarkastischen Liedern, Balladen, Chansons und Sketchen auf, sondern veranstaltete Lesungen, auf denen er immer radikaler und scharfzüngiger die herrschenden Verhältnisse kritisierte.

Georg Kreisler wurde 1922 in Wien als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren und begann ein Musikstudium.

Hier machte er Bekanntschaft mit dem Wiener Antisemitismus und dem Ressentiment, das er in den folgenden Jahrzehnten in seinen Liedern und Büchern zum Thema gemacht hat.

Im Alter von 16 Jahren flüchtete er gerade noch rechtzeitig vor den Hitlerbarbaren in die USA, wo er sich als Musiker in ärmlichen Verhältnissen durchschlagen musste, bevor er dann als amerikanischer Staatsbürger von 1942 bis 1945 in der US-Armee diente. Nach der Grundausbildung arbeitete er als Unterhaltungskünstler in England für die gegen den Faschismus kämpfenden Soldaten.

Später verhörte er als Dolmetscher deutsche Soldaten und einige Nazigrößen.

Antisemitismus überall

Zurück in den USA arbeitete er als Filmmusiker auch mit Charlie Chaplin und dem Komponisten Hans Eisler zusammen.

Schon damals wurde Kreisler zensiert, seine in englischer Sprache verfassten schwarzhumorigen Lieder wurden als "unamerikanisch" aufgefasst und nicht veröffentlicht.

"Lieder sollten komisch, aber harmlos sein." (2)

Judenfeindschaft, dies bekam er während seiner beruflichen Laufbahn als Chansonnier in New Yorker Nachtlokalen zu spüren, war nicht auf Europa begrenzt: "Auch in Amerika wurde der öffentliche Antisemitismus erst in den Fünfzigerjahren gesetzwidrig, bis dahin konnten Hotels und Gaststätten mit den Worten 'Nur für Arier' Werbung machen." (3)

Kreisler hielt es in den USA nicht mehr aus und ging 1955 zurück nach Wien (und Jahre später nach München, Hamburg, Berlin, Basel, Salzburg). Überall, wo er war, hatte er mit Schwierigkeiten zu kämpfen, fühlte sich mit der Zeit unwohl und zog weiter, immer wieder auch zurück nach Wien, mit dem ihn eine Art Hassliebe verband.

"Dann pendelt er lange zwischen Wien und der Bundesrepublik, mit der Haltung jenes Juden, der aus der Sowjetunion nach Israel auswandert, von dort wieder nach Rußland zurückkehrt, mehrmals hin- und herfährt und auf die Frage, wo es ihm denn nun am besten gefalle, antwortet: 'Sie werden lachen: auf dem Schiff.'" (4)

"Der Tod muss ein Wiener sein"

Wieder zurück in Wien, war zwar der Faschismus besiegt, aber das Duckmäusertum, Opportunismus und der mittlerweile etwas getarnte Antisemitismus bestanden weiterhin fort.

Georg Kreisler feierte Erfolge mit seinen zahllosen Spitzen gegen die Spießigkeit, aber auch hier boykottierte das österreichische Fernsehen oft.

Und dann gab es da noch sein böses Lied vom Taubenvergiften im Park, was ihm in den ersten Jahren teilweise sogar übelgenommen wurde. Ursprünglich war es nur ein flott dahingeschriebenes Liedchen gegen die Taubenplage, "mit Konzessionen an den Publikumsgeschmack gespickte Kommerzkunst" (5).

"Ich versteh nicht, wie man ein Lied über das Taubenvergiften im Kopf behalten kann und mich noch nach fünfzig Jahren damit identifiziert" (6), schrieb Kreisler rückblickend.

Schon 1958, als Umweltschutz noch ein Fremdwort war, legte er sich mit der Schalke-Stadt Gelsenkirchen an: "Immer wieder wurden Lieder Kreislers zensiert. Auftragsarbeiten etwa für den Norddeutschen Rundfunk (man leistete sich zur Gewissensberuhigung immer schon gerne auch kabarettistische Elemente) versteckte der im Nachtprogramm. Als 1958 aufgrund eines Fehlers das Stück 'Gelsenkirchen' an einem Samstag um 20 Uhr erklang, kam es zu schweren Protesten: Am Lied von der Heimatstadt - 'Lieblich schweben durch die Luft die schwarzen Dämpfe/Und mit heiterem Gesang, nimmt man Kohlen in Empfang/Wer zu lang dort lebt, bekommt beim Atmen leichte Krämpfe/Aber wer lebt dort schon lang?' - störte sich der Oberstadtdirektor ebenso wie der einfache Arbeiter." (7)

Mit jiddischen Liedern gegen ehemalige Nazis

Weit über zwanzig Jahre vor der Renaissance der Klezmer-Musik in den USA und Deutschland veröffentlichte Kreisler jiddische Lieder auf dem Album "'Nichtarische' Arien" und machte mit seinem bekannten "Onkel Joschi" bewusst, dass in Wien vor der Hitlerbarbarei in einigen Stadtteilen auch jiddisch gesprochen wurde.

Als Reaktion auf diese Lieder entfaltete sich 1963 das grausige Sittenbild einer immer noch rückwärtsgewandten Gesellschaft: "Als ich im Westdeutschen Rundfunk von den Liedern erzählte, fragte der Interviewer erstaunt: 'Darf man das jetzt wieder?'" (8)

Nach 1968 war natürlich der Ärger vorprogrammiert, weil sich Kreisler mit Spott, Wortwitz und Provokationen an dem Aufbegehren beteiligte. Der Veranstalter und Künstler Gerhard Bronner, mit dem Kreisler während der Wiener Jahre eher notgedrungen zusammenarbeiten musste, warf ihm während der RAF-Hysterie der 70er Jahre vor, ein "Troubadour des Terrors" zu sein.

Georg Kreisler war es gar nicht recht, mit seinen "Everblacks" auf die Rolle eines klavierspielenden Liedermachers, Kabarettisten oder Chansonniers reduziert zu werden. Er war vielseitiger. Im Laufe seines Lebens hat er fünfzehn Theaterstücke geschrieben, zwei komische Opern, drei Romane sowie zehn weitere Bücher, dirigierte, inszenierte, arrangierte.

Theater: Klamauk oder Herrschaftskritik?

Als ätzender Kritiker des Kulturbetriebes hinterfragte er den tieferen Sinn der Subventionen des Staates für das institutionalisierte Theater.

"Die heutigen Wirtschaftsdiktatoren sind jedenfalls klüger, denn sie verbieten nicht, sondern lassen verharmlosen. Das heißt, sie bestellen Theatermacher, die ihnen zu Diensten sind, subventionieren sie, geben ihnen ein bisschen Macht, und schon sind sie korrumpierbar." (9)

Er spricht sich gegen die sogenannte Modernisierung des zeitkritischen Theaters aus, weil sich hinter dieser gerne genutzten Phrase die Demontage des herrschaftskritischen Inhalts zugunsten durchgeknallter Mätzchen schön verbergen lässt:

"Ist doch toll, alles spielt im Heute, sogar Shakespeare, Wotan mit Aktentasche, Nora erschießt ihren Mann, statt davonzulaufen, wie bei Ibsen, recht geschieht ihm, genial, Figaro ist kein Frisör, sondern spekuliert an der Börse, ach, Mozart stimmt dann nicht mehr? Who cares? Romeo ist schwul, und alle sind nackt, alle bumsen, war früher verboten, aber das Leben ist doch so, Traviata ist 'ne richtige Nutte, zeigt alles, der alte König Lear ist eine junge Frau, Faust ist debil, Othello spielt im Boxring, Zauberflöte im Zirkus, Hamlet im Brausebad, ja, das ist Kunst, das ist modernes Theater!" (10)

Sprachkunst als Provokation

Das Bemerkenswerteste an Kreisler war seine feingeschliffene Sprachkunst, mit der er Wörter und Redewendungen in völlig neue Zusammenhänge brachte. Ihnen einen neuen Sinn gab, der sich den verblüfften ZuhörerInnen manchmal erst später erschloss. Indem er den heimatlichen Sprachraum für längere Zeit in Richtung USA verließ und später wiederkam, betrachtete er die Sprache und ihre Bedeutung aus sich wechselnden Perspektiven.

Sein außergewöhnliches Sprachgefühl befähigte ihn, Wörter zu verfremden, durchzukneten und sie so anzuordnen, dass ihre Doppeldeutigkeit dem Publikum erst in der übernächsten Zeile gewahr wurde. So blieb das Lachen über einen Gag den ZuhörerInnen meist im Halse stecken.

Georg Kreisler hat sich politisch immer ganz bewusst als Anarchist bezeichnet.

In den umfangreichen Nachrufen nach seinem Tod griff die Mainstreampresse dies durchaus positiv auf und titelte, "Ein Anarchist im Frack", "Ein tieftrauriger Anarchist" usw.

Zu Lebzeiten, als es wirklich darauf ankam, druckten sie allerdings keine einzige Zeile von ihm:

"Die Zensur ist überall, und wenn sie nicht offiziell ist, so ist sie doch die Schere im Kopf. Das zeigt sich vielleicht auch darin, daß bis heute, und ich bin ja jetzt fast fünfzig Jahre wieder hier, sich noch kein einziger wirklich großer deutscher Verlag für mich interessiert, keine einzige wirklich namhafte deutsche Schallplattengesellschaft, die wesentlichen Zeitungen, die 'Zeit' oder die 'Frankfurter Allgemeine' oder der 'Spiegel' - da komme ich nicht drin vor." (11)

Lieber Georg Kreisler, wenn Du jetzt bei diesem kalten Schmuddelwetter womöglich in der schönen, warmen Hölle hockst, schick uns bitte bald ein paar forsche Zeilen rüber, dieses depperte Polit-Theater ist sonst nicht zum Aushalten hier!

Horst Blume
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Zum Tode von Georg Kreisler "Ich bin Anarchist"

"...Vorwärts: Es gibt im deutschsprachigen Raum zwei große, alte Kabarettisten. Sie und Dieter Hildebrandt.

Georg Kreisler: Ich habe wenig Verbindung zu ihm. Weil, ich gebe es zu, er ist ja SPD. Durchaus nur SPD. Damit kann ich nichts anfangen…. Ich kann mich nicht einspannen lassen. Das geht nicht. Er lässt sich einspannen. Nicht, dass wir bös' mit einander sind. Dieter Hildebrandt ist für mich ein linker, aber ein parteigebundener Kabarettist.

Vorwärts: Und was sind Sie?

Georg Kreisler: Ich bin Anarchist. Ich bin kein Sozialdemokrat. Bitte nicht verwechseln mit Gewalt-Anarchisten. Anarchismus ist keine Macht für Niemanden. Kleine Gemeinschaften und keine großen Staaten und natürlich keinen Krieg. Dieter Hildebrandt kann sicher sehr viel, das ist gar keine Frage. Aber wir beide sind auf verschiedenen Planeten..."

aus: Zum Tode von Georg Kreisler "Ich bin Anarchist", Homepage des sozialdemokratischen Vorwärts, www.vorwaerts.de/trackback/13515

Anmerkungen

(1) Georg Kreisler: "Letzte Lieder. Autobiographie", Arche, 2009, Seite 46

(2) Siehe 1, Seite 19

(3) Siehe 1, Seite 17

(4) Thomas Rotschild: "Liedermacher: 23 Porträts", Fischer Taschenbuch Verlag, Seite 107

(5) Siehe 1., S. 28

(6) Siehe 1., S. 28

(7) Focus-Online, 23. 11. 2011

(8) Georg Kreisler am 18.7.2002 in "Jüdische Allgemeine"

(9) Siehe 1., S. 70

(10) Konkret Nr. 2, 2004, Seite 43

(11) Konkret Nr. 8, 2002 (Interview)


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