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"Die Bevölkerung lehnt in großen Teilen die Regierung ab"

Ein Gespräch mit der Feministin Shaghayegh Zafari über Frauenrechte und Homophobie im Iran und EU-Flüchtlingspolitik

Die Aurorin Shaghayegh Zafari lebte bis vor einem Jahr im Iran. Sie engagierte sich für die Rechte von Frauen und Homosexuellen in ihrem Land. Unter anderem half sie Mädchen im Waisenheim und führte Gespräche mit Frauen im Frauengefängnis von Rasht. Nachdem sie selbst ins Visier des iranischen Regimes geriet und kurze Zeit im Gefängnis saß, flüchtete sie nach Deutschland. GWR-Redakteur Bernd Drücke und GWR-Praktikantin Monika sprachen mit ihr über die Rechte von Frauen und Homosexuellen im Iran und über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland. (GWR-Red.)

Monika: Du hast am 7. März in der Stadtbücherei Münster-Coerde über Frauenrechte im Iran referiert. Das war eine Auftaktveranstaltung zum Weltfrauentag. Welche Bedeutung hat der Weltfrauentag für Dich?

Shaghayegh Zafari: Der Unterschied zwischen den Situationen von Frauen in Iran und in Europa ist sehr groß. Darum sind die Bemühungen, die man in Iran für die Rechte der Frauen macht, in den Augen der hiesigen Menschen möglicherweise sehr klein. Aber nur mit kleinen Schritten und Forderungen können wir etwas erreichen.

Bernd Drücke: Wie bist Du geflohen und warum?

Shaghayegh Zafari: Ich bin in erster Linie Schriftstellerin und Dichterin. Aber wenn man in Iran lebt, dann kann man nicht nur Dichterin sein, sondern muss sich mit den Problemen der Menschen auseinandersetzen. Ich habe durch meine Arbeit als Journalistin viel über die Schwierigkeiten von Frauen und Homosexuellen in Iran erfahren. Darüber habe ich geschrieben und mich mit anderen Aktivisten in einer Gruppe zusammengetan. Dann bekam ich Schwierigkeiten mit den Sicherheitsbehörden und wurde eingesperrt. Nach Zahlung einer Kaution kam ich aus dem Gefängnis frei und bin ich nach Deutschland geflohen.

Monika: Hast Du Dir ausgesucht nach Deutschland zu kommen, oder hättest du auch in ein anderes Land gewollt?

Shaghayegh Zafari: Da ich illegal aus Iran ausgereist bin, ohne gültigen Pass, hatte ich keine Wahl. Asylsuchende wie ich verlassen ihre Heimat in einer sehr dramatischen und schwierigen Situation. Die meisten wissen gar nicht, wohin sie fliehen und kennen ihr Zielland nicht. Deswegen kann Asyl mit Emigration nicht wirklich gleich gesetzt werden. Ich habe mein "Zielland" nicht gewählt, Deutschland wurde sozusagen für mich gewählt.

Bernd Drücke: Zur Situation im Iran: Du hast bei der Veranstaltung am 7. März auch darüber berichtet, wie die Situation von Homosexuellen im Iran konkret aussieht. Du hast erzählt, dass Schwule umgebracht werden, dass im Iran die Todesstrafe auf Homosexualität steht. Bei Frauen sieht das anders aus. Kannst Du das erläutern und auf die Gründe für die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen eingehen?

Shaghayegh Zafari: Ich glaube, das liegt daran, dass ein Mann in dieser Gesellschaft nicht weiblich sein darf. Ein homosexueller Mann verstößt gegen die Vorstellungen von einem "richtigen" Mann. Wir reden von einem Land mit patriarchalischen Gesetzen! Jeder Artikel, jede Äußerung, die diese Gesetzte kritisieren, werden von den staatlichen Autoritäten als Bedrohung für die Gesellschaft, für die Gesetzte und die Anschauungen der Leute dieser patriarchalischen Gesellschaft aufgefasst.

Monika: Hat sich die Situation von Frauen und Homosexuellen während Deines Lebens verbessert oder hat sie sich sogar verschlechtert? Wie hat sie sich verändert?

Shaghayegh Zafari: Die Gesetze dieses Landes schützen Frauen und ihre Rechte noch immer nicht. Frauen können beispielsweise die Scheidung nicht beantragen, sondern nur der Mann. Außerdem bekommt der Mann das Sorgerecht für die Kinder und kann bestimmen, ob die Frau die Kinder sehen darf oder nicht.

Das schreckt Frauen, die sich scheiden lassen wollen, natürlich ab. Dazu kommt, dass, wenn eine Frau heiraten will, sie das nicht selbst bestimmen kann, sondern der Vater entscheidet. Genauso ist es bei dem Wohnsitz der Frau oder ihrer Arbeit: Das alles wird von der Familie bestimmt. Diese Gesetzeslage forciert die Machtposition von Männern und die Rechtlosigkeit der Frauen. Man kann sich daher kaum frei fühlen, wenn die Gesetze deiner Heimat gegen deine Menschenrechte sind. In einem System wie in Iran werden Homosexuelle immer an den Rand der Gesellschaft gedrängt bleiben. Sie haben keine Gelegenheiten über ihr Leben und ihre sexuelle Orientierung zu sprechen, oder in das öffentliche Bewusstsein zu treten. Wenn die Ideen und die Lebensart dieser Menschen verheimlicht wird, werden sie nicht nur immer eine Randgruppe bleiben, sondern auch weiterhin ignoriert. Die Gesetze des Irans sind stark homosexuellenfeindlich. Das wirkliche Leben der Homosexuellen entwickelt sich weit weg von der Gesellschaft. Sie können ihr Leben nicht einmal mit ihren Familien und Freunden teilen. Das kann zu Depressionen und anderen psychischen Probleme führen.

Bernd Drücke: Wie siehst Du die Perspektiven einer feministischen Bewegung im Iran? Wie kann die persische Gesellschaft von unten verändert werden? Siehst Du da Perspektiven? Gibt es auch außerhalb des Exils Möglichkeiten Druck von unten auszuüben?

Shaghayegh Zafari: Wir haben im Iran meiner Meinung nach sehr engagierte Feministinnen, die sich für eine Verbesserung der Situation der Frauen engagieren. Viele Frauen bemühen sich selbstständig zu werden und Arbeit zu finden, also auch finanziell unabhängig zu werden. Also, da gibt es auch positive Entwicklungen.

Monika: Du bist nach Deutschland gekommen und musstest hier Asyl beantragen. Was für Mängel sind Dir im deutschen Asylrecht aufgefallen? Wie werden Flüchtlinge behandelt?

Shaghayegh Zafari: Als ich nach meiner Flucht in Deutschland angekommen bin, dachte ich, dass ich mit offenen Armen aufgenommen werde. Doch so wie man hier als Flüchtling behandelt wird, fühlt man sich nicht mehr als Mensch. Internationale Menschenrechte gelten in Deutschland nicht, wenn man Flüchtling ist. Die Unterkünfte für Asylbewerber sind verwahrlost und die Hygieneeinrichtungen in schlechtem Zustand. Die Leute können, weil sie kein Deutsch sprechen, nicht selber für sich sorgen und ihre Rechte einklagen.

So lange die Asylbewerber auf die Anerkennung warten, dürfen sie den Ort, in dem sie jetzt wohnen, nicht verlassen.

Es gibt Städte, wo die Leute keine Erlaubnis bekommen, die deutsche Sprache zu lernen.

Oft werden sie gezwungen, Ein-Euro-Jobs anzunehmen und bekommen nicht mal eine Wahl, welche Arbeit sie machen können. Sie müssen z.B. die Straßen reinigen, und wenn sie das nicht tun, dann wird ihnen das bisschen Geld, das sie zum Leben erhalten, gekürzt.

Diese Situation von Asylbewerbern sind eine Beleidigung der Menschenrechte. Man wird zu Arbeiten gezwungen, die man nicht machen möchte oder kann. Man ist lediglich ein Mensch zweiter Klasse.

Bernd Drücke: Es ist wichtig das zu thematisieren und hier auch Druck auf die Bundesregierung auszuüben, damit z.B. die Residenzpflicht abgeschafft wird. Menschenwürdige Bedingungen und ein Bleiberecht für alle sind auch Ziele unserer Zeitung. Es ist auch eine Frage der Öffentlichkeitsarbeit. Die meisten Menschen wissen ja gar nicht, wie die Situation von Flüchtlingen ist. Welche Chancen siehst Du, dass man die Residenzpflicht abschafft, dass man den Arbeitszwang abschafft? Hast Du eine Idee, wie und wo man ansetzen könnte?

Shaghayegh Zafari: Das Wichtigste ist, dass die Leute die Möglichkeit bekommen, die deutsche Sprache zu lernen.

Denn dann könnten sie unabhängiger sein. Sie könnten zum Arzt gehen, sie könnten sich eine Arbeitsstelle suchen. Sie könnten am gesellschaftlichen Leben in diesem Land teilhaben, und das würden sich die meisten Flüchtlinge wünschen. Aber das scheitert eben, wenn sie keinen Sprachkurs besuchen können, an der Sprachlosigkeit.

Bernd Drücke: Nochmal zum Iran: Wir haben relativ wenig Informationen über soziale Bewegungen im Iran. Mich interessiert zum Beispiel wie sich die Situation seit Beginn des Super-GAUs in Fukushima verändert hat. Gibt es viele Menschen im Iran, die gegen Atomkraft und gegen das Nuklearprogramm des Regimes sind?

Shaghayegh Zafari: Wenn man über Iran spricht, muss man zwischen der Bevölkerung und dem Regime unterscheiden. Die Bevölkerung lehnt in großen Teilen die Regierung und die Institutionen ab. Und ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen in Iran Atomwaffen ablehnen. Die Menschen im Iran sind Freiheit liebende Menschen, die sich gegen Ungerechtigkeiten und für Frieden einsetzen.

Monika: Eine ganz andere Frage: Du schreibst viel und machst journalistische Arbeit. Glaubst Du, dass das etwas bewirkt und Sachen verändert?

Shaghayegh Zafari: Ich hoffe natürlich, dass meine Gedichte und Artikel Einfluss auf Iran und die Menschen dort haben.

Aber sehr groß sind diese Hoffnungen nicht. Vielleicht wird es kleine Veränderungen geben, vielleicht erfahren die Menschen im Ausland, wie die Situation in Iran ist. Und es wäre schön, wenn sich diese Informationen auf die Situation in Iran und auf die Leute dort auswirken könnten.

Ich schreibe auch über die Situation von Asylanten in europäischen Ländern und möchte besonders Iraner, die glauben, wenn sie den Iran als Illegale verlassen, dann ginge es ihnen besser, über die Situation hier aufklären.

Im Iran fehlen Informationen darüber, wie schwierig es ist, wenn man als Flüchtling das Land verlässt, egal ob nach Deutschland oder in andere Länder.

Wenn ich über Homosexuelle oder Homosexualität schreibe, hoffe ich, dass die Bevölkerung und die Angehörigen von Homosexuellen verstehen, wie ein Leben von Homosexuellen in einer Gesellschaft, die sie ablehnt, ist.

Monika: Die Situation von Homosexuellen im Iran ist wesentlich dramatischer, als in Deutschland. Aber viele Menschen meinen ja, dass in Deutschland alles gut ist, dass es eine tolerante Gesellschaft ist, dass Homosexuelle respektiert werden und frei leben können. Wo siehst Du die Probleme von Homosexuellen in Deutschland?

Shaghayegh Zafari: Ich habe auch hier viele Kontakte zu Homosexuellen und bekomme einen guten Eindruck davon, wie ihr Leben in Deutschland ist. Verglichen mit Iran ist die Situation von Homosexuellen in Deutschland gut, aber sie haben trotzdem Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Leben.

Viele Homosexuelle und Transsexuelle, die ich kennen gelernt habe, haben Probleme mit ihrem sozialen Umfeld, aber z.B. auch bei der Arbeitssuche.

Bernd Drücke: Momentan wird in den Medien spekuliert, dass die israelische Regierung unter Netanjahu noch in diesem Jahr einen Militärschlag gegen die Nuklearanlagen im Iran befehlen könnte. Viele britische und US-Kriegsschiffe befinden sich im Persischen Golf. Es ist der größte Truppenaufmarsch seit Beginn des US-Kriegs gegen den Irak. Wie schätzt Du die Situation ein?

Shaghayegh Zafari: Wenn es einen Krieg gibt, dann betrifft das natürlich besonders die Menschen in Iran und Israel. Ansonsten ist das ein Spiel der Großmächte. Es gibt Sanktionen gegen den Iran, wegen des Atomprogramms. Und das bedeutet, dass die Wirtschaft dort zusammenbricht und sich viele Menschen das Leben nicht mehr leisten können. Die politischen "Spiele", die Regierungen überall betreiben, schaden vielen Menschen psychisch, physisch und wirtschaftlich.

Diese "Spiele" sind nichts Neues, sie werden weiter gehen und das Leben der Menschen beherrschen.

Bernd Drücke: Die Graswurzelrevolution ist Teil der internationalen Friedensbewegungen. Sie gehört zur Internationalen der Kriegsgegner und Kriegsgegnerinnen, der War Resisters' International (WRI), in der rund 90 Organisationen aus 45 Ländern organisiert sind. Siehst Du soziale Bewegungen im Iran, die Du als Teil der internationalen Antikriegsbewegung siehst und die man von hier aus auch unterstützen könnte?

Shaghayegh Zafari: Es gibt Dissidentengruppen im Ausland, die politisch arbeiten und Aktionen durchführen. Auch in Iran existieren viele Gruppen, die sich sozial und politisch engagieren. Oft können sie über Facebook und Internet Kontakt ins Ausland halten und deutlich machen, dass es viele Menschen in Iran gibt, die ein anderes System für ihr Land fordern, die in Freiheit leben möchten und keinen Krieg wollen.

Interview: Bernd Drücke und Monika
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Anmerkungen

Übersetzung aus dem Persischen: Maryam Berger

Das Interview wurde am 26.3.2012 im Studio des Medienforum geführt und als Radio Graswurzelrevolution-Sendung im Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz.) ausgestrahlt. Es ist auf www.freie-radios.net zu hören, wg. GEMA aber leider nur ohne Musik.

Shaghayegh Zafari wird während des 40 Jahre Graswurzelrevolution-Kongresses (7. - 9.9.2012 in der ESG, Breul 43, Münster) über die Situation im Iran referieren.


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