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371 september 2012
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"Ehrenmorde"

Honor Killing Awareness Campaign im Irak/Kurdistan

Sogenannte "Ehrenmorde", genauso wie die Zwangsverheiratung junger Frauen, stellen europäische Aktivist_innen häufig vor eine Gewissensfrage: Müssen, sollen, können, dürfen wir uns dagegen lautstark engagieren oder reden wir damit denen das Wort, die von "deutscher Leitkultur" reden und von "mangelnder Integration", die Islam gleichsetzen mit Terror und Unterdrückung der Frauen, die die Abschiebung dieser "frauenunterdrückenden ausländischen Monster" (und ihrer Frauen gleich mit) fordern und Kriege damit rechtfertigen, dass sie angeblich die Frauen in den mit Kriegen überzogenen Ländern befreien wollen?

Wie viele dieser Frauenbefreier legen zuhause die Füße auf den Tisch, lassen sich von "ihrer" Frau das Bier bringen und die Wäsche waschen und wie viele von ihnen werden handgreiflich gegenüber "ihren" so freien deutschen Frauen?

Der populistische Missbrauch dieser Themen, wie er vor allem in Wahlkampfzeiten - und wann ist gerade mal nicht Wahlkampf? - von Politiker_innen betrieben wird, macht die Arbeit mit und für Migrant_innen, den Kampf für Menschen- und Frauenrechte und zugleich gegen Ausländerfeindlichkeit zu einer fortwährenden Gratwanderung. Dennoch kann und darf diese Thematik nicht ausgespart und auch nicht nur hinter vorgehaltener Hand angeprangert werden.

Zwangsverheiratungen sind ein existentes und existenzielles Problem für viele junge Frauen (und Männer), nicht nur irgendwo in der Welt, sondern auch hier bei uns. Viele kommen aus einem Urlaub im Land ihrer Eltern nicht mehr zurück, weil dort eine arrangierte Ehe vollzogen wurden, nicht wenige suchen den Ausweg im Selbstmord, andere werden getötet wenn sie sich weigern, offiziell im Namen der Ehre, in Wirklichkeit aber, weil sie sich dem Willen der Eltern nicht beugen wollen, weil "Was denken die Nachbarn über uns?" mehr zählt als Elternliebe, oder aus Eifersucht.

Wird ein islamisches Mädchen oder eine erwachsene Muslima aus diesen Gründen umgebracht, so ist es ein "Ehrenmord", der von "guten Deutschen" schnell und gerne als Abschiebegrund herangezogen wird. Ist es ein deutsches Mädchen, eine deutsche Frau, so hat der Mann im Affekt gehandelt und sie hat seine Eifersucht herausgefordert.

Häufig vergessen wird auch, dass Zwangsverheiratung und "Ehrenmord" nicht allein Frauen betreffen. Nicht immer sind es die klischeehaften "alten Säcke", die sich eine junge Frau suchen, sondern Eltern verheiraten ihre Kinder nach sozialen oder finanziellen Vorteilen sichernden Kriterien.

Auch schwule Söhne werden so manches Mal zur Heirat gezwungen, um dem Elternhaus die Schande und dem Sohn die Strafe wegen verbotener Homosexualität zu ersparen.

Die Gründe sind allen patriarchalischen Kulturen gemein, auch in europäischen Fürstenhäusern wird oft nach Vernunft und Geld verheiratet und wie oft werden Beziehungen zwischen Jugendlichen von den Eltern kaputt geredet oder torpediert, weil auch bei uns gilt: ‚Was denken die Nachbarn, wenn meine Tochter mit einem Hartz IV-Empfänger oder einem Ausländer ankommt, oder mein Sohn mit einem Mann?'

Religiöse Instrumente?

"Ehrenmorde" und andere, ähnliche Unterdrückungsmechanismen sind kein religiöses Instrument, oft stehen sie auch in islamischen Staaten ausdrücklich unter Strafe, sondern sie entspringen der Geschichte und sind im Zusammenhang mit patriarchalen Verhältnissen, sozialem Gefälle und städtisch/ländlicher Entwicklung und Prägung zu sehen.

Es ist noch nicht lange her, dass in deutschen fundamentalistisch katholischen oder pietistischen Familien, verstärkt in ländlichen Gebieten, Frauen und Männer sich erst nach der Verlobung oder gar der Eheschließung allein ohne Anstandswauwau treffen durften.

Und noch heute besitzen ausländische Frauen, die mit ihren Ehemännern in Deutschland leben, kein unabhängiges Bleiberecht. Wird der Mann abgeschoben, weil er die Frau schlägt, so geht die Frau automatisch mit. (Finde den Unterschied zwischen den Kulturen!)

So schwierig es ist, sich der Problematik zu stellen, dass diejenigen, für die wir uns engagieren, Dinge tun, die wir ablehnen und gegen die wir kämpfen müssen, so dürfen wir auch vor diesem Themenbereich nicht die Augen verschließen und dazu schweigen, nur um uns unseren Kampf gegen die Ausländerfeindlichkeit nicht selbst zu erschweren. Es kann nicht sein, dass das eine auf Kosten des anderen präferiert wird und es wird auf Dauer so auch nicht funktionieren.

Ein guter Ansatzpunkt ist die Zusammenarbeit mit Menschen aus den betroffenen Kulturkreisen, Gruppen, Gesellschaftsschichten, Ethnien. Wichtig ist auch die Unterstützung bereits bestehender und funktionierender Einrichtungen, auf die auch in der öffentlichen Diskussion Bezug genommen werden kann, um somit das Hier und Dort, das "Die mittelalterlichen Ausländer - Wir modernen Deutschen" aufzubrechen.

Ein gutes Beispiel

Ein unterstützenswertes Beispiel ist die Arbeit zweier junger Frauen, die in der P.D.A. im Irak/Kurdistan (1) vor allem in der Beratung von jungen Mädchen und Frauen arbeiten, die von Zwangsverheiratung und "Ehrenmorden" bedroht sind und diese durch praktische Arbeit dabei unterstützen, Auswege zu finden.

Johanna L. Rivera und Bahar Munzir bieten sich auch für in Europa aufgewachsene Frauen und Mädchen als Ansprechpartnerinnen an, falls diese dazu gezwungen werden sollten, im Irak zu heiraten und/oder zu leben. Die beiden haben einen aktuellen Bericht über "Ehrenmorde" und Selbstmorde von von Zwangsverheiratung Betroffenen und über ihre Arbeit verfasst.

So wurden 2011 3766 Gewaltakte gegen Frauen in der Region offiziell registriert, etwa 400 Frauen wurden laut diesen Aufzeichnungen ermordet oder begingen Selbstmord, um einem unerträglichen Leben zu entgehen. Die Autorinnen des Berichtes gehen aber von einer großen, nicht in die Statistik aufgenommenen Dunkelziffer aus.

Die beiden führen die Entwicklung von "Women and Honor Killings" in der kurdischen Gesellschaft vor allem auf den Beginn der 90er Jahre zurück, als in der Region kein wirkliches Gesetz Bestand hatte, sondern nur einige wenige Einzelpersonen Macht besaßen.

Es gab weder Gerichte noch Polizei und allgemeiner Waffenbesitz war üblich, es war also sehr einfach, (Frauen) zu töten. Das Gesetz stand auf der Seite derer, die Frauen im Namen der Ehre töteten. Heute gibt es diese Institutionen, aber sie arbeiten nicht wirklich erfolgreich zum Schutz von Frauen.

Dieser Missstand wird von vielen Menschen, so sagen die Autorinnen, auf Kultur und Tradition zurückgeführt. Doch wer kann diese brutale Tradition und Kultur ändern, fragen sie.

In den letzten 20 Jahren wurde zwar von den politischen Führern viel über Gewalt gegen Frauen und die Ermordung von Frauen gesprochen, aber niemand ging an die Wurzeln des Problems.

Rivera und Munzir beziehen sich auf eine Untersuchung von Dr. Nazand Begikhani aus dem Jahr 2010 (Honor Based Violence and Honor-based Killing in Iraqi Kurdistan and in the Kurdish Diaspora in the UK. Begikhani, Gill and Hague, 2010), die zu dem Ergebnis kommt, dass sehr viele Aspekte wie Tradition, Patriarchat, Stammessitten, Religion, usw. zusammenspielen und eine allgemeine Unterdrückung der Frauen im täglichen Leben zur Folge haben. "Ehrenmorde" sieht Dr. Nazand Begikhani als einen Ausdruck der allgemeinen männlichen Vorherrschaft.

Auswege

Der Ausweg aus dieser Situation, so Bahar Munzir, führt über die Gesetzgebung. Die Gesetze existieren bereits, aber sie werden nicht umgesetzt, da die weibliche Partizipation an Politik und Gesellschaft zu gering ist (gerade einmal 36 von 111 Abgeordneten sind Frauen): "Kurdistan is a man dominated culture and women do not have the same opportunities as men to participate in political life. In Kurdish political parties, the women don't have a place".

In ihrem Bericht schildern Johanna L. Rivera und Bahar Munzir viele schreckliche Einzelschicksale und berichten dann über die von ihnen durchgeführte Kampagne zur Aufklärung über die Problematik der "Ehrenmorde" (Honor Killing Awareness Campaign).

Ihre Organisation P.D.A. People's Development Association, die seit 2006 mit Frauen in der Region arbeitet, betreibt ein Frauenzentrum in Kalar und eines in Rania. Gemeinsam mit lokalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen arbeiten sie am Aufbau eines Netzes psychologischer und sozialer Dienste und juristischer Vertretungen betroffener Frauen und sie gehen mit dem Thema wo immer möglich in die Öffentlichkeit, mit dem Ziel, ein kritisches Bewusstsein über die Morde an Frauen im Namen der Ehre zu schaffen.

Gemeinsam mit anderen lokalen und überregionalen Menschenrechtsorganisationen wurde Mitte Februar die Kampagne Not for Honor Killing under the Name of Tradition and Culture, Mamosta Sakar Campaign, gestartet, die Petitionen, Demonstrationen, ein Treffen mit dem Justizminister durchgeführt und eine Emailkampagne durchgeführt und eine TV-Show gedreht, die am 19. April gesendet wurde. (2)

Das Gesetz ist ein wichtiges Instrument, um soziale Veränderungen zu bringen, schreiben die beiden. Aber es lässt sich nicht wirklich nutzen, wenn diejenigen. die es umsetzen müssen, und auch diejenigen, um die es geht und die durch das Gesetz geschützt werden sollen, noch die traditionelle Sichtweise von Ehre und Moral verinnerlicht haben. Und deshalb sehen sie noch viel Arbeit vor sich: Kurzfristig müssen die betroffenen Frauen unterstützt werden, langfristig wollen Rivera und Munzir aber auch an die Wurzeln gehen und das Problem Gewalt gegen Frauen grundsätzlich über die Veränderung sozialer und kultureller Gewohnheiten aufbrechen und bekämpfen.

Geplant sind ein Film, weitere TV- und Radiosendungen, Aktivitäten in Gemeinden, vor allem in solchen, wo es in der Vergangenheit zu Fällen von Honor Killings gekommen ist, und vieles mehr.

Wichtig ist den Aktivistinnen internationale Unterstützung und Vernetzung. Dazu gehört ihre Partizipation in Weltforen und die Vernetzung mit internationalen Menschenrechtsorganisationen im Großen und zugleich die Vernetzung auf einer basisnäheren Ebene. Deshalb wünschen sich Bahar Munzir und Johanna L. Rivera auch Kontakte zu deutschen Feministinnen, Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen.

Ebenfalls bitten sie darum, sie als Ansprechpartnerinnen vor Ort für junge Frauen aus Europa bekannt zu machen, die gezwungen werden sollen, im Irak/Kurdistan zu leben und/oder zu heiraten.

Maria Braig
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