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371 september 2012
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>> 371 september 2012

Und was schreiben die Anderen?

Die Medienberichterstattung zum Internationalen Anarchistischen Treffen in Saint-Imier

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Das gilt besonders dann, wenn sich Tausende AnarchistInnen in einem kleinen Bergdorf in der Schweiz treffen.

Focus, Spiegel, taz und Jungle World

So berichtete Focus Online bereits am 30. Juli über das anarchistische "Gipfeltreffen" (1).

Wenn auch der Inhalt dieses Artikels überwiegend aus Zitaten und der Aufzählung historischer Fakten besteht, so ist doch eine gewisse Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema zu erkennen.

Anders gehen die KollegInnen von Spiegel Online die Sache an. Es wird sich zwar die Mühe gemacht tatsächlich zum Treffen zu erscheinen, doch Garantie für eine informative oder wenigstens sachliche Berichterstattung ist dies nicht.

Der Erfahrungsbericht (2) eines anscheinend überforderten Redakteurs, der krampfhaft mit halbwitzigen Bemerkungen aufgelockert wird, ist das Ergebnis dieses tiefgründigen Journalismus. Wer sich köstlich über Anekdoten mit "rabiaten Antifaschisten", "mal reservierten, mal herzlichen, am Ende aber immer vorsichtigen" Anarchisten oder knurrenden "schwarzgekleideten Hünen älteren Baujahrs" amüsieren möchte, kann dieses Bedürfnis mit diesem Bericht decken - aber mehr auch nicht.

Immerhin scheint ein wesentlicher Punkt sogar beim Spiegel angekommen zu sein: AnarchistInnen sind keine chaosliebenden Bombenwerfer.

Unterirdisch ist die Berichterstattung der tageszeitung (3). Im superpolemischen Artikel "Dagegensein im Heidiland" wird das internationale anarchistische Treffen als Zusammenkunft von "linken Weltverbesserern" mit einem Programmumfang "der Vollversammlung der Vereinten Nationen" beschrieben. Geradezu herablassend wird den TeilnehmerInnen des Treffens vorgeworfen immer nur dagegen zu sein und zu "komplizierte" Themen, beispielsweise Anarchafeminismus, zu behandeln.

Besonders schwer wiegt die Tatsache, dass dieser Bericht bereits vor Beginn des Treffens veröffentlicht wurde.

Vielleicht sollte sich die taz lieber an ihre eigenen anti-autoritären Wurzeln erinnern, um solche Totalausfälle zukünftig zu vermeiden.

Die Jungle World schließt sich der Niveautalfahrt der taz nahtlos an. Im umfangreichen Verriss "Anarchie ist wie Bubble Tea" (4) werden als Resümee des Treffens folgende Punkte festgehalten: Dort wo sich AnarchistInnen treffen gehe es chaotisch zu, Menschen mit Affinitäten zum Anarchismus seien hoffnungslose Utopisten und überhaupt rieche es auf dem Treffen "säuerlich-dumpf" wie "unter der Achselhöhle eines Lastwagenfahrers". Etwas mehr Respekt dem Aufwand der Organisation eines internationalen Treffens, den wegweisenden konstruktiven Ansätzen die der Anarchismus aufzeigt, sowie den Menschen gegenüber, die der Autor für seinen Artikel interviewte, würde der Jungle World gut tun.

ND und ak

Das der Linkspartei nahestehende Neue Deutschland (ND) widmete dem Treffen am 13. August einen ausführlichen Artikel. Plastisch wird die Zusammenkunft mit ihren Licht- und Schattenseiten widergegeben. Auch wenn es sich das ND mit einer Dreiteilung des Anarchismus in eine gewaltfreie, eine "destruktive" und eine anarchosyndikalistische Schule sehr einfach macht und zwischen den Zeilen immer wieder Skepsis gegenüber herrschaftsfreier Selbstorganisation durchklingt, kann es als Kompliment verstanden werden, dass eine parlamentarisch orientierte Zeitung dem Anarchismus eine größere Portion wohlwollender Aufmerksamkeit spendet.

Erfreulicherweise nimmt die analyse & kritik (ak) - deren Wurzeln streng kommunistisch geprägt waren - das anarchistische Welttreffen zum Anlass einen umfangreichen Artikel mit Rezensionen über Literatur zu veröffentlichen, die die Spannungen zwischen Anarchismus und Marxismus schildern. (5)

Der sehr informative und durch Hintergrundwissen glänzende Artikel, gelangt nicht nur zu einer kritischen Einschätzung der Personen Marx und Engels, sondern schließt mit dem Wunsch nach einer "gemeinsamen Auseinandersetzung über die linke Geschichte". Von der ak können sich die anderen Zeitungen mehr als eine Scheibe abschneiden.

Das internationale anarchistische Treffen war ein Event, auf das mit Sicherheit noch häufig zurückgeblickt wird.

Dass die Berichterstattung - aus welchen Gründen auch immer - außerhalb anarchistischer Medien größtenteils Käse ist, war zu erwarten.

Vielleicht bedeutet dies sogar, dass wir alles richtig gemacht haben: Wir haben uns gegenseitig eingeladen, intensiv miteinander diskutiert und eine schöne Zeit gehabt - ohne uns dabei zu verbiegen. Anarchismus ist und bleibt zumindest für bürgerliche Medien einfach unbequem.

Martin Schlüter
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