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372 oktober 2012
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Das emanzipatorische Potential des "ästhetischen Blicks"

Kunst und Politik zwischen Bourdieu und Rancière

Jens Kastner: Der Streit um den ästhetischen Blick. Kunst und Politik zwischen Pierre Bourdieu und Jacques Rancière, Turia + Kant, Wien 2012, 140 Seiten

Was muss geschehen, damit das Alltägliche aufhört, alltäglich zu sein? Wie verändert man die Wahrnehmung des Sozialen, um Emanzipation zu ermöglichen?

Und welche Rolle spielt die Wissenschaft dabei? Oder die Kunst?

Um diese Fragen tobt in Frankreich ein Streit, der aus mehreren Gründen bemerkenswert ist.

Zum einen ist da das schiere Niveau der Antagonisten: Jacques Rancière, der aufsteigende Stern am Himmel der französischen Philosophie, polemisiert gegen Pierre Bourdieu.

Zum anderen wäre da die Tatsache, dass die Polemik einseitig daherkommt: Denn Jacques Rancière streitet mit einem Toten - nicht eben ein Ausweis intellektueller Courage, zumal Bourdieu zu Lebzeiten selbst ein gefürchteter Polemiker war.

Und schließlich bleibt der Umstand, dass sich die Positionen der Kontrahenten politisch kaum unterscheiden.

Beide haben sich im Widerstand gegen die Verwüstungen des Neoliberalismus einen Namen gemacht, und beiden geht es um die Frage, welche Möglichkeiten Kunst, Wahrnehmung und Ästhetik besitzen, politische Veränderungen zu bewirken bzw. mitzubewirken.

Der Wiener Soziologe und preisgekrönte Kunstkritiker Jens Kastner hat nun eine Studie vorgelegt, die die in Deutschland bislang noch weitgehend unbekannte Kontroverse kompetent nachzeichnet. Sein Buch ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und politisch-kunsttheoretischem Essay.

Im Wandern zwischen den Gattungen liegt sein Reiz. Denn einerseits stellt Kastner die Positionen von Rancière und Bourdieu sachlich, systematisch und gut verständlich dar.

Andererseits geht er im letzten Drittel seines Buches über sie hinaus und ergänzt die Diskussion um eine bewegungsanalytische Perspektive, die sehr vielversprechend ist. Durch produktives Mitdenken wird Der Streit um den ästhetischen Blick zu einer innovativen kultursoziologischen Leistung, in der man sich eigentlich noch mehr Kastner zwischen Bourdieu und Rancière gewünscht hätte.

Einen Gutteil seiner ebenso fundierten wie differenzierten Kritik verbannt Kastner in die Fußnoten. Das ist zwar akademisch wohlerzogen, aber eigentlich unnötig. Kastner versteht seine Studie als Einladung, die Bourdieu-Rancière-Kontroverse aus dem rein akademischen Feld zu lösen und an anderen Orten weiterzuführen.

Die geistige und sprachliche Klarheit seines Buches ist angesichts des extrem hohen Abstraktionsniveaus und der holprigen terminologischen Eigenheiten der Beteiligten besonders wohltuend. Sie könnte tatsächlich helfen, den Inhalt der Debatte einem größeren Publikum verständlich zu machen.

Kastner macht deutlich, dass bei aller Schärfe der Ausgangspunkt der Kontroverse für Bourdieu und Rancière eigentlich gleich ist: Beide verstehen Ästhetik als etwas, das über den spezifischen Raum der Kunst hinaus mit "allgemeinen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten" (S. 7) verknüpft und daher politisch bedeutsam ist. Sowohl Rancière als auch Bourdieu geht es um das "Problem der Politik der Ästhetik" (S. 12).

In ihrem Verständnis dieser Politik allerdings könnten ihre Positionen kaum gegensätzlicher sein. In seinem Werk "Die feinen Unterschiede" hat Bourdieu ästhetische Formen und die gesellschaftliche Art ihres Genusses als ordnungs- und letztlich herrschaftsstabilisierende Dispositionen identifiziert.

Die Behauptung, die Wirkung der Kunst stehe über den sozialen Realitäten, ist für ihn eine Verschleierung eben dieser Realitäten durch das zur Herrschaft strebenden Bürgertum. Für ihn gibt es konsequenterweise keine "Gleichgültigkeit des Schönen". Rancière sieht das anders. Für ihn ist Bourdieus Orientierung an sozialen Schichten und Klassen und seine entsprechende Zuordnung kultureller Praktiken kein Be- sondern im eigentlichen Wortsinn ein Festschreiben sozialer Ungleichheiten.

Die von Bourdieu analysierten sozialen Differenzen sieht Rancière als Ergebnis eines performativen Sprechakts der Soziologie. Ein statisches Modell verhindere die Wahrnehmung gelebter Regelbrüche - und damit soziale Emanzipation.

Die Feststellung, dass der "ästhetische Blick" zu einem sozialen Distinktions- und Differenzkriterium geworden sei, hält Rancière für banal.

Viel wichtiger ist ihm dessen Fähigkeit, Menschen aus gesellschaftlichen (Zu)Ordnungen ausbrechen zu lassen: "Die Ordnung wird überall dort bedroht, wo ein Schuster etwas anderes als Schuhe macht" (S. 44).

Kastner: "Während der ästhetische Blick für Rancière [...] einen Dissens definiert, ist er in der Analyse Bourdieus Ausdruck und Instrument einer Disposition der Herrschenden" (S. 83).

Jacques Rancière macht in seinem posthumen Disput mit Bourdieu freilich nicht immer eine gute Figur. Das liegt aber weniger an einer unzulässigen Parteilichkeit des hervorragenden Bourdieukenners Kastner als daran, dass Rancières nie geleugneter philosophischer Idealismus seine Argumente oft zu unumstößlichen Behauptungen verkommen lässt.

Er will den Einzelnen und seine Fähigkeit zu kategorial ungehörigem Verhalten zurück in die Wissenschaft bringen. Das ist ebenso nötig wie lobenswert.

Nur hat man das Gefühl, dass er sich für dieses Unterfangen den falschen Gegner ausgesucht hat. Das emanzipatorische Potential der Soziologie Bourdieus unterschlägt er. Kastner kritisiert zu recht Rancières "maximal missgünstige Lektüre" Bourdieus (S. 67).

Kastner selbst bestreitet keineswegs ein emanzipatorisches Potential des "ästhetischen Blicks" - nur müsse es durch soziale Kämpfe erst durchgesetzt werden und sei diesen keineswegs vorgängig. Die Möglichkeiten sozialer Bewegungen, den "ästhetischen Blick" von einem Privileg zu einem Mittel sozialer Emanzipation zu machen, hält er für wesentlich. Kastner favorisiert eine anti-essentialistische Differenzposition, die ungeregelte Formen gesellschaftlichen Handelns ausdrücklich einschließt. Ein Ende der Debatte ist somit nicht abzusehen.

Martin Baxmeyer
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