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372 oktober 2012
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Konstruktiver Rundumschlag

Philippe Kellermanns Gesprächsband über Marxismus und Anarchismus gibt Einblick in linke Denkwerkstätten heute, und in den Keller der Geschichte

Philippe Kellermann (Hg.): Anarchismus, Marxismus, Emanzipation. Gespräche über die Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen. Die Buchmacherei, Berlin 2012. 165 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-00-037820-1.

Alle kriegen ihr Fett weg: Die Marxisten mit dem Hinweis des Staatstheoretikers Hirsch, "dass es unmöglich ist, die gesellschaftlichen Verhältnisse mittels des Staates grundlegend zu verändern." (S. 117) Die Anarchisten, denen der Politikwissenschaftler Wallat bescheinigt, ihre "Kritik von Staat und Herrschaft [sei] in vielerlei Hinsicht defizitär" (S. 146). Die radikale Linke, die der Gewerkschafter Gester mahnt: "Die Nützlichkeit von Theorien misst sich daran, ob sie diesen Prozess [sozialer Veränderung durch gemeinsames Handeln] fördern oder nicht." (S. 48) Und sogar der Herausgeber selbst: Dessen Veröffentlichungen attestiert Adamczak ein unausgewogenes "Geschlechterverhältnis" (S. 37).

Erfrischend streitfreudig und offen, doch keineswegs aggressiv oder rechthaberisch. So präsentieren sich Bini Adamczak, Jochen Gester, Gerhard Hanloser, Joachim Hirsch und Hendrik Wallat - allesamt studierte Leute - in den Unterhaltungen mit Philippe Kellermann. Dessen erklärtes Ziel ist es, gegenwärtiges Denken und Handeln mit Blick auf die Vergangenheit zu verorten und zu entwickeln.

Die gewählte Form, nicht eines Frage-Antwort-Spiels, sondern des Gesprächs, ist dafür genau die richtige. Zumal sie allen Beteiligten Gelegenheit gibt, schwungvoll verschiedenste Querverweise zu ziehen. So bieten sie einen Einblick in ihre Denkwerkstatt: die Fußnoten eine Fundgrube.

Kellermann nimmt die Nichtbeachtung anarchistischen Denkens im linken Diskurs beharrlich, fast schon penetrant zum Anlass, eben diese Denktradition ernsthaft auszubreiten und mit der marxistischen auf eine Stufe zu stellen. Dies ist aber durchaus fruchtbar. So kommen die Gegenüber immer wieder auf das Verhältnis von Theorie und Wirklichkeit im Hier und Jetzt zu sprechen. Dies ist umso wichtiger angesichts eines verbreiteten "Revolutionsfetisch", also der "Verkehrung der Revolution von einem Mittel ... zu einem Zweck an sich selbst" (Adamczak, S. 21). Denn letztlich, da sind sich alle einig, gilt es, "gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zu verändern ... ein Prozess, der mit erheblichen Konflikten mit dem Staatsapparat, den Parteien und mit den bestehenden zivilgesellschaftlichen Organisationen einhergeht" (Hirsch, S. 120).

Dieser Wandlungsdruck der Gegenwart betrifft indes auch anarchistische Vorstellungen, sei es das historische "Produktivitätsparadigma" (Hanloser, S. 88) oder den zeitgenössischen "Rechtsnihilismus" (Wallat, S. 157). Die Überwindung des Kapitalismus, so meint u. a. Gester, erfordert eine Bewegung, "die den Staat nicht ignoriert oder lediglich bekämpft, sondern ihn als politischen Raum begreift" (S. 61).

Das Büchlein bietet eine gewichtige, aber nicht allzu schwere Lektüre. Obwohl ihm stellenweise mehr Zurückhaltung beim akademischen Slang gut getan hätte.

Selbst wenn Einigen die Gegenüberstellung von Anarchismus und Marxismus als alter Hut erscheint, tragen diese Gespräche vielleicht doch dazu bei, die linksradikale "Identitätsbildung entlang historischer Bruchlinien" endlich zu überwinden, die Ralf Hoffrogge im November 2011 auf einer Diskussionsveranstaltung benannte. Und am Ende ist eines klar (Adamczak, S. 41): "Es lässt sich leider nie wieder so unschuldig von einer besseren Welt träumen wie im 19. Jahrhundert."

Andreas Förster
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