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372 oktober 2012
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Anarchismus und Occupy-Bewegung in den USA

"Stop using our movement to escape reality!"

Infogruppe Bankrott (Hg.), Occupy Anarchy! Libertäre Interventionen in eine neue Bewegung, edition assemblage, Münster 2012 (Systemfehler, Band 3), 152 Seiten, 9.80 Euro, ISBN 978-3-942885-26-3

Manchmal möchte man meinen, es kämen auf einen Occupy-Aktivisten drei Occupy-Analysten. So groß scheint die Sehnsucht der akademischen Linken in Europa und den USA nach Widerstand zu sein.

Während sich aber in Deutschland die Präsenz von Occupy im öffentlichen Raum meist auf Gemüsegärten und Tauschhandelswühltische beschränkt - warum die Bewegung hierzulande so wenig Zulauf hat, steht auf einem anderen Blatt - war sie jenseits des Atlantiks (zumindest) bis zu den gewaltsamen Räumungen besetzter Plätze in wichtigen Großstädten eine ernstzunehmende Kraft, die etablierte Politik und Medien gleichermaßen in Verwirrung stürzte: Wer waren diese Leute?

Was wollten sie? Warum formulierten sie kein Programm? Und woher kam die flächenbrandähnliche Dynamik der Bewegung?

Occupy hat das politische Klima in den USA verändert.

Die seit 20 Jahren aktive Münsteraner Infogruppe Bankrott hat nun einen kleinen, aber feinen Sammelband herausgegeben, der die anarchistischen Wurzeln von Occupy freilegen soll. Er enthält Beiträge internationaler Größen der Soziologie, Bewegungsforschung, postkolonialer und neofeministischer Theorie (Mike Davis, Gayatri Chakravorty Spivak, Judith Butler) ebenso wie Wortmeldungen aus dem Inneren der Bewegung selbst.

Eine Chronik der wichtigsten Ereignisse um Occupy und ein Glossar runden das Ganze ab. Die Lektüre ist, ungewöhnlich für einen Sammelband, insgesamt flüssig und angenehm. Ein tatsächlicher Streit über die vorgestellten Positionen verliefe wohl turbulenter.

Um es vorwegzunehmen: Der Nachweis, dass ein nicht unwichtiger Teil der Bewegung sich implizit wie explizit auf anarchistisches Gedankengut bezieht und anarchistische Organisationsprinzipien ernst nimmt, ist noch der uninteressanteste Teil von Occupy Anarchy.

Auch die Süddeutsche Zeitung und sogar die FAZ hatten jüngst bemerkt, dass sich unter ihren Augen eine bemerkenswerte Renaissance des Anarchismus abspielt.

Es ist kein Zufall, dass David Graeber, Occupy-Aktivist und Analyst in einer Person, den Reigen der Stellungnahmen eröffnet. Man dürfte Schwierigkeiten haben, ein weiteres ausdrücklich anarchistisches Buch (Debt. The first 5000 years) in den Spiegel-Bestsellerlisten der letzten Jahre zu finden.

Was die Qualität der Beiträge angeht, erwartet die Leserinnen und Leser, wenig überraschend, eine Berg- und Talfahrt. Von anregenden Gedanken und fundiert vorgetragener Kritik reicht das Spektrum bis zum Geraune des libertären Märchenonkels Deric Shannon.

Aber genau dieser scheinbare Wirrwarr ist die eigentliche Stärke von Occupy Anarchy: Die Herausgeberinnen und Herausgeber versuchen erst gar nicht, ihrem Band eine einheitliche(re) politische Linie zu geben. Widersprüche werden nicht geglättet, und nichts wird gewaltsam auf anarchistisch getrimmt.

Die Infogruppe Bankrott will keine ideologischen Duftmarken versprühen. Statt dessen wird der Band zum Spiegel der Heterogenität von Occupy und zum Forum für die vielfältigen, kontroversen Diskussionen, die diese Bewegung geführt und angeregt hat.

Es wimmelt von geistigen Absonderlichkeiten, aber eben auch von guten Ideen, hoffnungsvollen Ansätze und bitter nötigen Korrekturen der bisherigen politischen Praxis.

Es gehört Mut dazu, in einem noch immer oft engstirnigen und dogmatischen politischen Umfeld Spivaks Apologie des ausgleichenden Sozialstaats (S. 72-81) in einen Band über anarchistische (!) Traditionen aufzunehmen. Die Infogruppe Bankrott tut es und schadet ihrem Projekt damit keineswegs. Denn (nicht nur) Gerhard Hanlosers Kritik am ideologischen "Relativismus" von Occupy, die er, dem weitherzigen Bauplan von Occupy Anarchy folgend, am Schluss des Bandes vorbringen darf (S. 119-128), geht in die Irre. Man fragt sich außerdem, ob dem Freiburger Soziologen wohl aufgefallen ist, dass er sich mit "Relativismus" eine Vokabel von Papst Benedikt XVI. über die "besorgniserregende Pluralität der Glaubensrichtungen" ausgeborgt hat?

Im Grunde dürfte man Occupy gar nicht "Bewegung" nennen, sondern, Gustav Landauer paraphrasierend, eine "Bewegung von Bewegungen".

Jede sprachliche oder ideologische Vereinheitlichung ist in der Tat ein Akt der Eingemeindung, und zwar in das Bestehende. Die Neuartigkeit des Ansatzes von Occupy wird verschleiert. Eine Bewegung delegitimiert grundlegende politische Strukturen nur selten. Eine Unzahl von Verweigerungen, Rechtsübertritten und Selbstorganisationen dagegen vermag dies sehr wohl.

Überaus wohltuend ist in dieser Hinsicht das Vorwort des Bandes, das abseits von pauschalen Verurteilungen oder säuselnder Überhöhung eine kritische Bilanz der Bewegung - und der Diskussion über sie - zieht.

Hier werden auch einige der Mythen korrigiert, die in einzelnen Beiträgen weitererzählt werden. Etwa über die Freuden der Konsensfindung.

Liest man die Ausführungen Graebers und anderer zu diesem Thema, möchte man meinen, einen Konsens zu finden sei in etwa so gemütlich, wie ein Stück Kuchen zu essen. Ermutigung ist gut. Zückerchen an Ahnungslose zu verteilen nicht.

Wenn ein derart idyllisches Bild gezeichnet wird, muss die Enttäuschung jener, die sich nach der Lektüre vielleicht wirklich engagieren wollen, niemanden überraschen. Konsens ist anstrengend. Und eine funktionierende Selbstorganisation ist das genaue Gegenteil von Bequemlichkeit.

Es fällt außerdem auf, dass es offenbar noch keine Sprache gibt, um die Neuartigkeit von Occupy aufzunehmen.

Man schmunzelt, von schmerzlichen Erinnerungen geplagt, wenn etwa das Bureau of Public Secrets fordert, "den ganzen traditionellen soziologischen Jargon zu umgehen" (S. 39), um sich dann Hals über Kopf in den ebenso traditionellen politradikalen Jargon zu stürzen.

Da ist dann die Occupy-Bewegung wie ein Zyklon "über das Land hinweggefegt", ist der "bedeutendste radikale Aufbruch" in der Geschichte Amerikas und so weiter und so fort (S. 37ff). Wie wichtig eine neue Sprache für neue politische Ziele und Praktiken ist, haben die Zapatistas im Süden Mexikos eindrucksvoll vorgeführt.

Allenfalls der lebens- und worterfahrene Mike Davis trifft in Occupy Anarchy einen angemessenen Ton: provozierend, selbstironisch, persönlich, verständlich und wohlgelaunt. Es wird noch lange dauern, bis Jahrzehnte der Entmenschlichung aus der politischen Sprache vertrieben sind.

"Situationistisch" (S. 40) war und ist an Occupy gar nichts! Eine Subversion der Ausdrucksmittel sucht man auch in den gesammelten Beiträgen vergebens.

Occupy Anarchy ist eine erfrischend undogmatische Einladung an die Leserinnen und Leser zur eigenständigen, kritischen Stellungnahme.

Der Band orientiert sich damit an der vielleicht wichtigste Leistung von Occupy: Einer Öffnung des politischen Feldes und der Demokratisierung der Widerstandskultur. In diesem Sinne darf, ja muss es weitergehen.

Joseph Steinbeiß
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Anmerkungen

Filmhinweis: Buchvorstellung "Occupy Anarchy!", die im Rahmen des 40 Jahre Graswurzelrevolution-Kongresses gemacht wurde: www.youtube.com/watch?v=DkmgH32OvhA

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